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Full text of "Bilder aus der Schillerzeit"

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Bilder aus der 
Schillerzeit 



Hugo Wittmann 



BUtor aus ter £tf|tllern>tt 



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$ rij t I t e r | e t f 

3flit ungebrudtten «Briefen an M)iü'er 



herausgegeben 
oott 

flattrig Spetöel stnn iijuga Wttmanit 




Berlin & Stuttgart 



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2rud ber §of?mann*fd)fn Suäbruderti in Stuttgart. 



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3»l)aff5-^er3eidjni5. 



sehr 

gotioort 7 

Aus btm frfjroäbiftftgn IreunbegkrafE. 

3Cnbrea3 gtteidjet 17 

3umfteefl 32 

SDannefer 53 

Sßon SKannfreim nad) geipsig (Briefe pon §uber unb 2)ora ©todt) 73 

3n %te3ben 90 

Subroig gerbinanb fcuber. ©eorg gorfter .111 

Seilage. Briefe pon Römer an gfjarlotte p. Sdjiüer . . . Ü>4 

&emricfr Betf. I. II 147 

Stnna ftöfoel 175 



Vit bänifdifit Jmmbc. 

£er SKuguftenburfler. (Mraf gdfrtmmelmann, ^enä Saggejen. 200 
^Beilage. ^Briefe oon ©raf unb ©rafin gdjimmetmann an 

geiltet unb Charlotte p. ©djittet 216 



6 SnIjaltSsSBerjeidiniS. 
JrEimbtmtgn- 

(Sfrqyfotte o. Salb. I. II. III. (Briefe oon MblerSfron) . . 251 
£uife %3rad)manu 1. (Briefe tum %f)erefe o. 9t . . . unb Farben» 

berg) II. III 312 

@iHer — (Wfeerg -- (Mille 357 

3. £>. (Sampe 370 

Hnbgftannfe 383 

üamcnrcflißcr 3i>7 



Diaitized bv GooqI( 



Vorwort. 




,eberfte!jt man ben (Sdjafc oon Briefen, bie nadj bem 
^obc Sd}ittcr8 gefammelt imD herausgegeben würben, fo 
ftaunt man billig über bie §üHe beS ^errti^en SHaterialS. 
3)ie grage, öenn möglid) geroefen, bafe Gin fur$e£ 

3Jlenf(i)enbafein fo otelfälttge grüßte trug, brennt einem auf 
ben Sippen, unb man möäjte faft behaupten, bie ^ßrobuftioitdt 
«ineS bebeutenben -äJJenfdjen überlebe ben Xob unb reiche, 
93lüt' auf SBIüte treibenb, weit über baS ®rab hinaus. 
^du'tterS 83riefroedjfel mit ©oetlje geigt uns, wie innig ber 
Sinter einer ebenbürtigen unb bod) grunboerfdjiebenen -Jtatur 
fic§ anf^miegte, roie doQ unb ganj bie fernften (Segenfäfee im 
Umfreife feinet ©eifteS ftdj paaren unb oerföf)nen fonnten. 
3m SBerfeljr mit 2BtU)elm t>. £umbolbt erfdjeint er uns in 
feinem gefääftigen ßünftlereifer, gehoben unb gefdjoben t)on 
bem fritifd) fo fräftig angelegten g-reunbe. £)aS Verhältnis 
ju Börner enthüllt oor allein ben f)ingebenben Vertrauten, 
ben mitteilfamen £>id)ter, ben jittlidj frönen 2Renf$en. 5lber 



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8 



Sortüort. 



aus allen brei Sriefroedrfeln gewinnt man ein jum ©predjeit 

äf)nlid)e8 S3ilb beS $iä)ter3, unb toaS an auSfüHenben 3ügen 

baran noä) fehlen mag, ba£ ergänjen in neuerer $eit bie 

SSeröffentttdjungen 9Jtolfcal)n3 („©.3 33rtefioeä;fel mit feiner 

©djroefter ß^riftop^ine unb feinem ©djtoager 9?eimoalb"), 

©öbefc0 („©.3 ©efdjäftäbriefe"), Waj: 2)iütter3 („©.3 33rief= 

roedrfel mit bem £er$og oon 2luguftenburg") , SBottmerS 

(„£riefn)eä)fel smifdjen ©. unb Gotta"), SBityelm gielifc 

(„©djiHer unb Sötte", britte Auflage) unb ähnliche SBüdjer. 

©o barf man roofyl fagen: ba$ ©emälbe ift bis auf ben 

legten ©trtä) ooHenbet, unb eS lebt ^ett unb f)el)r in jebem 

&erjen, baS für bie geiftige (Sntroicfelung be$ beutfdjen SBolfeS 

einen $ul3fä)lag hat: 

©r glünjt und cor, roie ein dornet entfdfjnrinbenb, 
llnenblicty Sidjt mit feinem Stdjt »etbinbenb. 

2Bir fennen ©filier, aber weniger oertraut ift uns bie 
fleine SBelt um ü)n 1)tx, beren 2fttttelpunft er war, bie er 
mit feinem ®iä)terroorte befeelte. Sir befifcen bie SBriefe 
©d)itterS unb feiner oornef)mften greunbe, aber weniger $u* 
gängliä) finb uns bie Briefe, bie ü)m ba- unb bortfyer famen, 
oon f (einen unb grofjen, berannten unb unbefannten, be= 
rühmten unb unberür)mten Seitgenoffen. 2Iu<$ biefe Briefe 
fönnten 3eugen fein oon ©d)itterS raftlofer £r)ättgfeü, ioeit= 
oerjroeigtem 33erfer)re unb fernhin jünbenbem Ginfluffe — boä), 
wo finb fie \)in ? &at fie ber SBinb oenoet)t ? Ober f djlum* 
mem fie, ein unget)obener ©djafe, im unnahbaren ©tijranfe 
eines 2tutograpt)em©ammlerS ? (SS lebte gegen bie SHeigc 
beS oorigen 3ar)rr)unbert8 fein beutfd^er SDid^ter, ber fo aus* 
gebreitete SBerbinbungen unterhielt, nrie ©filier: fein (Seift 



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Vorwort. 



ftrafjlte na$ allen Seiten fjin, feine Stimme wecfte überaß 
ein (£d)o, fein S" l 9 er Kttf* taufenb gebern in 33en)egung, 
unb man brauet nur ben oon feiner £od)ter Emilie fyerauS= 
gegebenen ßalenber aufjufd&lagen, um ftd) &u überzeugen, 
mie faft fein £ag verging, ber niajt briefliche Äunbe t>on 
außen §er gebraut f)ätte. 3)ian tröftc fid) nifyt leichtfertig 
über ben SSertuft biefer SBriefe, weit fie nia^t aus Schillers 
eigner geber flammen. Sei einem folgen Spanne ift baS, 
maS U)m von anbern gef^rieben mürbe, in mancher &inficf)t 
ebenfo wichtig unb für bie GrfenntniS feines f)of)en SBerteS 
ebenfo bebeutfam, als was er felbft ben anbern jdfuueb. 
(5in großer ©icr)tcr läßt, roo er f)inrüf)rt, ben 2Ibbrucf feines 
SBefenS ; ein Straf)! feines Sicktes ruf)t auf jebem, mit bem 
er uerfetyrte; bie 2£elt, bie ir)n umgibt, ift tuie ber Spiegel 
feines £ebenS; bie 3eitgenoffen finb Ujm ©efäße, bie er mit 
feinem ©eifte füllt, unb roaS fie fagen unb f abreiben, ift ein 
%on von feiner Stimme, ©eift von feinem ©eift, £eben uon 
feinem Seben. Sßeldje Ausbeute in geiftiger unb fünftlerifdier 
33ejtef)ung fänbe man bodj in ben Briefen, bie Stiller aus 
bem weiten Greife feiner 3*Ü9enoffen erfn'elt ! 

9hm, fie finb glütflicfierroeife ntdjt alle verloren ge= 
gangen. SSor etlichen Sauren f<f)on mar Sprofeffor Urlid)S 
im ftanbe, einen £eil biefer Briefe $u publizieren, unb ein 
anbrer großer £eit berfelben mürbe burdf) bie gürforge 
eines eifrigen ^rtoatfammlerS vom Untergang gerettet. £err 
&arl ßünjel, befannt als Herausgeber einiger ßuriofa aus 
Sdu'üerS 9iaa)laß unb vox furjem erft geftorben, t)at ja^rc= 
lang auf bie jerftreuten 33lätter gefatynbet unb bie größere 
§ätfte Davon glücflid) eingefängen. 3?on it)tn f)aben bie 



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10 



SSonvort. 



Herausgeber biefe£ Bud)e3 ba* 9ied)t jur Beröffentlidmng 
aller oon if)m erbeuteten Briefe erworben, unb e3 ift eine 
erfte 2lusitmf)l aud ber ungemein reid) faltigen (Sammlung, 
iua§ fie freute ber beutfdjen ßeferoelt barbringen. Bon met)r 
aU fmnbert ftorrefponbenten lagen und mefjr al3 ein f)albe£ 
Xaufenb bi£t)er ungebrucfter Briefe oor ; jebed Bünbel biefer 
Rapiere enthielt ein anbred Bilb aus bem Seben unfrei 
SMdjterS, unb bei ber Bearbeitung geben mir und 9Jiüf)e, 
biefen Silbern ein mögtidjft vorteilt) afte$ £id)t ju oerfdjaffen. 
2lm liebften Ratten mir jugleia; mit bem Snfjatt ber Briefe 
aud) eine 2lrt gtyotograpln'e iljred ®efidjte£ gegeben. 3)a3 
fdülbernbe 2Bort ift f)i(f(o3, reo nur bad fetyenbe 3luge ge= 
nügt. Sooiel tonnen mir aber oerfidjern, baß au<$ ba§ 
2(euf$ere einer folgen Sammlung einen eignen 9ieiä Ijat: 
man roirb nidjt mübe, bie alten Blätter r)in unb f)er ju 
wenben, in ifyrem Äniftern bie Stimmen früherer Sage oer= 
uef)mlid> rebeu 511 fyören. 2)er gebrucfte Bud)ftabe f)at etroad 
SoteS, kaltes, Sfyarafterlofed — bad ©efdjriebene lebt; e3 
fagt aud), road ftumm jroifdjen ben 3etlen ftef)t, unb er$äf)lt 
bie leifen Regungen beS §ersenä, bie ftdj nidjt in bie geber 
roagen. SDaS ®efd)uebene ift ein 3lbbilb bed Schreibers ; 
eine 2lutograpf>enfammlung f)at etroaS r»on einer ^orträt= 
galerie. Unb gleiajmie bie BUber vergangener 3af>rf)unberte 
mit fremben 3lugen und anfa^auen, fo fprtdjt audj aud ber 
verblaßten ^fjnfiognomie biefer Briefe bie Jarbe einer anbern 
3eit unb Sitte. 2>a3 biebere f)ouanbifa> Rapier mit ben 
fdmörfetyaften SBafferjeid^en, baS ungeniölmlidje, balb pe= 
bantifd) große, balb übermäßig jierlidje Briefformat, bie ge= 
wältigen Siegel (oft febr gefdnuarfuofle ©emmen), bie unbe= 



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3>orroort. 1 1 

holfenen ^ßoftfiempel — eä ftnb bieä lauter Reichen Her ;]t\t, 
toetc^c ber ^pf)anta|te bie Verjüngung alter Tage erleichtern 
unb ihr über bie Scfjranfen einer abgelebten ßulturpcriobe 
hinüberhelfen. 2lm anregenbften wirft aber ba3 3lnjd)auen 
ber Sajriftaüge felbft. 2>ie £eute be3 oorigen 3ahrf)unbert$ 
^rieben eine ganj anbre §anb, a(3 wir moberne IKcn* 
fejen; für fic gab eS feine ©ifenbahnen, feine Telegraphen, 
feine ©tahlfebern, feine SBriefmarfen, feine Slorrefponben§= 
f arten ; fie lebten nicht von gieber unb Aufregung, fic ließen 
(ich jum Seben mehr Seit, unb wie tf)r Seben einen ruhigen 
$uts, fo hatte ihre £anb einen fixeren, feften, gemächlichen 
3ug. 2lm auffaUenbften erfcheint bieS bei grauenbriefen au§ 
bem vergangenen Qahrhunbert. ^hir in wenigen begegnen 
mir ber fdjwebenben, oberflächlich rjingleiteitben (Schrift, welche 
bie moberne weibliche £anb ajarafteriftrt; faft alle finb fräftig 
unb nachbrüeflich gefchrieben, baß man fie auf ben erften 
S3licf beinahe für Sttännerbricfe halten möchte — eine 33er= 
mechfelung, ber man fich bei ben tarnen unfrer Tage höchft 
feiten fchulbig machen wirb. $)ie£ finb allerbing3 reine 
2leufeerlichfeiten, bemungeachtet haben wir, fo oft e£ fidj ber 
SHühe lohnte, auch biefe pittoreäfe 6eite ber S3rieffammlung 
heroorgehoben , was uns immerhin jweefbienlicher beuchte, 
als bie philiftröfc Slengftlichfeit in ber Sßiebergabe beS Drtho-- 
graphifchen. 2Bo eine oom allgemeinen brauche abweichenbe 
Orthographie gewollt unb für ben 33rieffd)reiber irgenbwie 
charafteriftifch war, ba haben auch wir fie refpeftiert unb mit 
photographifcher Treue abgeflatfcht. 3m übrigen aber hielten 
wir eS für feine ©ünbe, bem £'efer rerfchmeigen, ob bieg 
ober jenes Söort fo ober fo, mit lateinifchen ober beutfeheu 



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12 



ißorroort. 



Settern gefdjrieben ftanb, mäfjrenb e£ und in geroiffen gäüen 
nüfclid) fd)ien, if)m §u fagen, ob ber ober jener ©rief in 
Saftiger SBeile Eingeworfen ober bebädjtig in mehreren 2ln= 
laufen gefdjrteben rourbe, ob bie £anb beä ©Treibers plö> 
Udt)c Slufmaflungen ober einr)eitüd& ruhige Stimmungen, ein 
jagf)afte$ Düngen nad) bem 2lu3brucf ober ben fidleren ©ang 
ber ©ebanfen oerriet. 

lieber ben Sn^alt ber Briefe r)at fidj baä Vorwort nidfjt 
nä&er au3jufpred)en. SBenn er und anö) nid)t immer auf 
ben <göf)en ber Qbee oerroeilen lägt, fonbern mand&mal in 
bie 91ieberung bes 2lfltag3leben3 fyinabäief)t, fo befürchten 
mir bocf) nid)t, baß biefeä Stöbern in Äleinigfeiten ben 
%iü)ttx oerfleinere, benn mir erinnern uns be3 tröftlidfjen 
SBorteS, ba<S ein berühmter Sanbsmann Sd)ifler§, ®aoib 
Strauß, au£gefpro<f)en : e3 fei gut, „bie SSottrommenfjeiten 
beS 2)iä)ter3 bisweilen burd) ba3 bunte ÜHebium feiner 
s IRenf^lia)feiten anjuf^auen". Sd)iHer, ber -iUfenfd), wirb 
unä $eutfd)en immer teurer, roädrft und immer näfyer an£ 
§erj; fojufagen mußten mir erft ben Siebter überroinben, 
um ben 9)?enfd)en in feiner erfrif^enben SReine unb fittlid^cn 
©röße ju erfennen, unb baß bteö gefcf)ef)en, fagt uns bie 
manne ©rregung für Stiller, bie nrieber in neuerer Qtit 
burdf) baä beutfdje SBolf jiel)t unb e£ für bie fleinften $)inge 
feines Sebent begeiftert. Wcf)t3 ift ja fleht, mag ba3 ©e= 
bäd)tniS eines Sd)iüer3 feiert — ba3 bürfen mir feinem 
greunbe ©octt)e aufs 29ort glauben, ©oetfje t)at oon 
Stiller ba$ ©rößte gejagt, roaS ber £id)ter oom $)id)ter 
Jagen fann, inbem er ü)tn am 6. Januar 1798 fdn*ieb: 
„Sie Ijaben mir eine jroeite Sugenb t>erfa;afft unb mtd) 



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I 



93 o rui ort. 



13 



roieber jum 25idjter gemalt, meldfjeS \\\ fein idf) fo gut als 
aufgehört rjatte." ®oetf>e nm&te aber aua) bie üertraulia>n 
güge, bie bläfferen garben im erhabenen Silbe beS greunbeS 
\m roürbigen, unb bedt)alb meinte er, ba& Stiller am £f)ee; 
tifetye fo groß mar, als er im Staatsrate geroefen märe, unb 
bafj er, „wenn er audfj nur bie 9cägel befdfjnitt, immerhin 
größer mar, als alle biefe §erren." ©erabe bie fd&einbar 
bebeutungSlofen &lltägli<f)fetten im Seben Sdu'UerS jeigen am 
beften, mie verträglich ber gewaltige Sinter unb ber gute 
9ttenf<f> in feiner Seele nebeneinanber mofjnten, unb baß 
unfer 39u<$ jur Verbreitung biefer ©rfenntniS fein befdjeiben 
£eil beitragen möge, baS ift ber ©lüdtounfä), roomtt mir 
es auf bie SReife fenben. 



Pic Berausgeber. 



JIub bein 



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1 



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®cr fdjmäbifdje £onfünftter 2lnbrea3 ©treibet, ber, 
nad)mal£ in 2Bien lebenb, feinem unb feiner gamilie D2amen 
JUang unb ©lanj oerliel), gehörte ju jenen prooibentieHen 
greunben ©djillerS, bie i^m jebeämal fjilfrcid) beifprangen, 
fo oft feinbfelige 9Rä$te feinen fiebenSroeg freujten unb bem 
$id)ter an ßeib unb ©eele wollten. ©treidjer beginnt if)re 
9teif)e, bann folgt grau o. 2ßol§ogen, ber unoergleidjlidje 
Börner, ber &er$og oon Sluguftenburg, unb mit ©oetfje unb 
Raxl Stuguft fdjlie&t ber erlaubte Zeigen f)elfenber töenten 
ab. ©d&iller, oon 9iatur unb ©efdjid fo tjart gebettet, war 
in ber Styat nie ofyne §ilfe. ©o arm unb oerlaffen er uns 
aud) oftmals erfdjeinen mag, baS ©rfjitffat fonnte bem 
SRanne bod) n\6)t an, benn es roofynte ifmt etwas £)ämo= 
nifdjeS inne, weldjeS ©eifter unb fielen ber SHenföen um . 
wiberftefjlid) bejwang. @r wirfte gleid) ftar! in ber 9täfce 
wie aus ber gerne, unb wen feine EHdjtung ifjm nid)t 
unterwarf, ber gab fidt) gcroife feiner ma^to ollen $perfönlid)= 
feit gefangen. 2Bo nun beibe Äräfte, einanber fteigernb, ju= 
fammentrafen, toie es ber gaH SlnbreaS ©treidjer gegenüber, 

Silber au« ber S<$tUfrjfit. 2 



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18 



2(u$ bem fd)iüä&ifcf|en Jreunfoesfreife. 



ba war ber $aubtv unentrinnbar, unb was ber greunb bem 
greunbe aud) gewähren mod)te, ber ©ebanfe an ein ilun 
bargebrad&teS f d;mer$Ud;c^ Opfer fonnte bei einem folgen 
33erf)ättniffe nidf)t auffommen. ©d)iHer war jwei Satyre älter 
als Streiter, ba bie beiben fid; in Stuttgart perfönlidf) be* 
gegneten. ©d&tller f)atte oor furjem bie SlarlSfd&ule oer= 
laffen unb befleibete bie ©teile eines fyerjoglidjjen gelbfdfjerS; 
2lnbreaS ©treic&er, unbemittelter £eute Stinb, bod) bürgerlich 
ftrebfam unb nid)t ganj of)ne materiellen SRüdf)alt, lag 
mufifalifd&en ©tubien ob unb gebaute nad) Hamburg ju 
pilgern, um bort Gmanuel $adf)S Unterrid)t ju genießen. 
3)er £onfünftler ftanb bem 3>id)ter befd&eiben, ja wie ein 
2Berbenber gegenüber, ©treidjer fjatte für feinen tarnen 
nodf) ntdjts getfjan, wogegen ©dritter fidt) bereits burdjj ©e; 
bi<f)te unb Stbljanblungen befannt gemacht t)atte unb im 
folge ber begeifterten 2lufnaf)me feiner Räuber ju ben 
begabteften unb tyoffnungSoollften 33üf)nenbidf)tern ber 
geregnet würbe, ©treidjer faf) fd)on bamalS an ©dritter 
wie an einem f) öderen SBefen empor, oeretyrte ben ©eniuS 
in if)m unb empfanb eS als ein ©efajenf oon Oben, bajj 
ber SDiajter tyn feiner greunbfdjaft würbigte. S)er fajöpferifdf) 
begabte SDidfjter, ber wie aus bem 9Hd)tS SBelten f^lug, war 
in ben bamaligen 3 c i^ ou fen eine neue, frembe ©rfa^einung, 
weldjer fid) empfängltd()e Sahiren wie einer befeligenben 
Offenbarung auffdf)loffen unb Eingaben. $er lebenbe ©eniuS, 
ber in gletfdf) unb SBlut unter uns wanbelt, ift bod) eigene 
lidj) allein ber redjte ©eniuS, ben wir unmittelbar oerftefyen, 
ben wir uns ntajt erft fn'ftorifdj) jured^tjurüden brausen. 
$on fold&er unmittelbarer ©ewalt beS SebenS unb ber Xf)at= 



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3tnbreaö (Streiter. 



19 



fache warb aud) (Stretcher erfaßt, unb ba er ein guter 9Jienfd) 
war, wir möchten fagen ein menfchlidjer SJtenfd), wufete er 
in <Sd)ißer ben 9)?en|d)en oom 2)icf)ter nicht ju trennen. 
(Seine Grfolge roie feine 9tot gingen ihm ju §er$en. 211$ 
bafjer <Sd)tÜer, uon feinem gürften ju einem unerträglichen 
(Stißfchweigen oerbammt, ben ©ebanfen faßte, aus ber £eimat 
ju fliegen, war Streiter fein natürlicher Vertrauter. 2lud) 
Streiter war gleichfam fyalb auf bem 25>ege, unb fo bot er 
ftd) <Sd)ißer an, it)n nad) 3)knnt)eim $u begleiten. £ort 
waren feine Zauber juerft aufgeführt worben, oon bort 
au£ wollte er fid), ber oon bramatifrfjen Entwürfen glüljte, 
eine SebenSfteßung fchaffen. £ie beiben Sünglinge faßten 
bie gluckt oon Stuttgart in Jenem romantifa>n (Sinne ber 
Sugenb auf, bie fid), inbem fte ba3 ©efährlidje it)rcö Unter- 
fangend unb bie baju nötige Vorfielt übertreibt, felbft ein 
wenig Slngft machen will. 2lu3 Stuttgart hinauSsufontmen 
war nicht eben gefährlich, aber fid) orangen &u galten, war 
bie größere ßunft. $er öerjog tt)at §war feinen ©abritt, 
<Sd)ißer surücfyuforbern, aber in aßen feinen Hoffnungen 
betrogen, oon Balberg feig oerlaffen, oon ben meiften nicht 
aerftanben, hätte fich ber Flüchtling in unhaltbarer Sage 
befunben, wäre ihm Streicher nicht in ber felbftlofeften 2Beife 
entgegengefommen. @r opferte bem greunbe Hamburg, ba3 
erfehnte 5Heife= unb Sernjiel, er teilte mit ihm aßeS, waö 
er h^tte, ja er griff feine 3 u * un ft a,t / um b* e ©egenwart 
Sä)ißer3 ju beefen. 9ftan fann roof)l fagen, baß bamal§ 
ba$ Sdjicffat be§ größten beutfehen Sttamattferä unb mit 
ihm ba§ (Sdjuffal unfrer bramatifdjen Dichtung überhaupt 
an ben Schnüren oon 2lnbrea£ (Streid)er§ ©elbfafce h m 9- 



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20 



^uö bem fd;niä6ifd)eit ftreimbeäfreife. 



SebenfaßS fjat (Streiter bem greunbe in ber fdnoerfien 9iot« 
tage geholfen, fo cbe( geholfen, rote e3 nod) nie ein ge= 
frönteä §aupt einem bebeutenben Wenfd&en gegenüber getfjan 
Ijat. $a3 fott bem tätigen Xonfünftier nnb berühmten 
Liener Älaoierbauer unoergeffen bleiben, fo lange nod) ein 
Sßort Säjillerä ein beutfd)e£ &erj erquieft, nnb 2lnbrea§ 
StreidjerS Keine Säjrift über SäjillerS gludjt oon Stuttgart 
follte ein 2lnbad>t*büd)lein be£ beutfdjen 33olfe3 fein unb 
bleiben, weil eS an einem erquieflid) frönen 33etfpiele ben 
mo^loerftanbenen ßultuä beä ©eniuä begreifen unb üben 
lef)rt. 

„SdjitlerS glud)t oon Stuttgart unb Slufentljalt in 
2Jtonnf)eim oon 1782 MS 1785", fo ift befanntlidj Streiter? 
©d)rift betitelt. SBiele §aben fie gelefen, unb äße fottten fie 
gelefen f)aben. (Sie gehört gu- ben perlen ber beutfä>n 
Sitteratur, bie fo unenblid) reid) ift an SRäfonnement unb 
fo arm an 2lufreif)ung oon £f)atfaä;en unb perfönlid) ge* 
färbten SebenSbilbern. Df)ne litterarifä> 2lnfprüa)e, fa)lid)t 
oerfMnbig unb buräjauS anfdjaulid), ben edjten ßrääfjlerton, 
ben nur manchmal ein treffenbeS Urteil, eine fluge, ja roeife 
Söemerfung unterbricht, treu feftljaltenb, fteUt fie mit ifjren 
9flotioen, in ifjrem gortgange unb itjren folgen eine Sd)tcf= 
falSroenbung in Sd)iUer§ £eben bar, bie für ben 2>iä)ter 
wie für fein SSolf gleidjerroeife bebeutenb mar. SOon grofjen 
Singen wirb mit ©infalt im beften Sinne gefprodjen, olme 
bafc bie Singe i^re eingeborne Sdjroere verlieren, unb bie 
Spradje be3 ©rjäf)lerä erinnert in ifjrem trodenen ©lanje 
jugletd) an ben reinen Safc be3 9ttufifer£ unb an bie fäuber= 
lidje 2lrbeit be§ $Uaoiermaä)er$. 2öie ein echter Gpifer, ber 



Mnbreas Streiter. 



21 



mit feiner fiaterne alles beleuchtet, mir nicht ftd) felbft, er= 
hellt er bie ©eftalt feines Reiben wnb bie S5>ett, worin ftch 
biefer bewegt, nnb nur, wo es baS SBerftänbntS erheifdjt, 
bref)t er baS £id)t unb läfjt fia) felbft einen Slugenblid in« 
©efid)t fetyen. @r füt)rt uns in gelaffenem gortfdjritte r>on 
%fyat)ati)t 511 S^atfadje, von Ereignis $u (SreigniS, oon 93ilb 
gu SBitb. Sßir werben mit Den beiben Flüchtlingen am 
Stuttgarter £h ore von ben 28a<hen angehalten unb atmen 
frei auf, ba mir enbltct) bie ©tabtmauer unbehelligt hinter 
uns haben; wir fpredjen, fdjweigen unb träumen mit ihnen 
im Sßoftwagen; mir trauern unb freuen uns mit ©Ritter; 
mir forgen unb befümmem uns mit (Streiter. 2lud) ju 
gufj begleiten mir fte, benn unfre Littel erlauben uns nur 
noch biefe billige SluSfunft, unb wir trinfen mit ihnen 
Rheinwein — bod) nein, bie armen Surfdje hoben ^ufammen 
ja felbft nur einen (Stoppen dou bem eblen 9Jafj, baS ihnen 
aber bennod; bie r>orher fo müben güfje beflügelt. 2öir 
t>erf ehren ferner in ihrer ©efeüfchaft mit ©chaufpielern, 
muffigen SBirten unb bidjtertfch geftimmten ©ewürjrramern. 
einmal tjerfefcen wir fogar unfre Uhr — benn was macht 
bie beutfche £itteratur=(Sefchichte, wenn wir nicht unfre Uhr 
oerfefcen? — laffen uns ju einer galfchmelbung beftimmen 
unb tonnen aus Slutorftolj unfern wirklichen tarnen boch 
nicht uerfchweigen. SBon einem Silbe aber fönnen wir uns 
nicht abwenben, 2lug' unb ©eele sieht es immer wieber auf 
fid). Sttrifchen £)armjtabt unb granffurt wirb ©filier von 
einer 2ttübtgfeit befallen, bie ihm ein Weitergehen nicht mehr 
geftattet. 2llS bie beiben greunbe in ein Sßälbchen gelangten, 
in welchem feitwärtS eine ©teile auSgehauen war, erflärte 



22 31u3 bem fc^iuäbtfc^en ^reunbe^freife. 



©cfjiüer, bafj er f)ier raften rooüe. ©treid&er erjagt nun in 
britter *perfon: „©dritter fegte fidf) unter ein fajattigeS ©e= 
büfdf) ins ©ra§ nieber, um gu fd&lafen, unb (Streiter fefct 
fidf) auf ben abgehauenen ©tamm eines Raumes, ängftlia) 
unb bang nadj) bem armen greunbe $inf$auenb, ber nun" 
— na<§ fo meten getäufdf)ten Hoffnungen — „bopuelt un= 
glücflid) war . . . $>a£ 9iul;epläfedf)en (ag für ben ©cfylafenben 
fo günftig, bafe nur UnfS ein gu&fteig oorbeifü^rte, ber aber 
roäfjrenb jmei ©tunben oon niemanb betreten mürbe . . ." 
©treid&er fifet unb road&t, er f)ütet ben greunb unb lägt 
beffen ©efdfjicf fo tief unb grtinMidf) burdf) fein ©emüt jietjen, 
als rjanbeltc eä fidfj um feine eigne ©adjje. §ier tritt bie 
(Seele ber ©treid&erfd&en Slufeeidfmungen nacft unb blanf su 
£age, unb bie ©teüe bejeidfutet audjj äufjertid& gerabe bie 
9)Utte beä Keinen SBudjeS. ©treid&er ift eigentti^ immer in 
biefer ©tellung gegen ©Ritter geblieben, unb er fyat gemalt 
unb gehütet, unb noa? Safjr&efjnte nadj) bem Hingang be3 
£tä)terö mar c3 bie f)er$lid&fte Sorge Streiters, ben £oten 
oor Uubitben ju fd&üfcen. 

Unfre S3rieffammlung roirft auf biefen Sßunft ba§ fjeflfte 
Sia)t. S3eoor ©treidf>er ftirbt, miß er nodj ben greunb tuürbig 
begraben roiffen. ©eine HbftdEjt fpriäjt er tyerjlid) unb bereb* 
fam in bem folgenben ©djretben au3, baS an bie fiofrätin 
SReinroalb, ©Ritters ältefte ©a>efter, gerietet ift: 

So^Igeborne grau! 

©eit bem Xobe %$Tt% f)errlicf)en SBruberS finb einunbs 
jmanjig 3af)re oerfloffen, unb nodfj ift er iitcf;t begraben, 
fonbem fein ©arg ftefyt in Sßeimar in bem ©ewölbe einer 



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?(nbrectd 6treid)er. 



23 



<Sterbfaffen=©efettfd)aft unter breifeig bis trier&ig anbern oer= 
fterft, fo bag eS unmöglidf) ift, 511 if)m ju gelangen ober ifjn 
nur ju fe^en. 

9)?an fagt, bafj biefe ungeheure 23ernad)läffigung bic 
©dfjulb ber SSitwe fei. 

2113 id) im 3al;re 1820 bie erfte 9iad>rid)t hierüber in 
ber Allgemeinen 3«*w«Ö fo*/ fdjrteb id) fogletd) nad) Weimar 
unb erfunbigte miü) um bie SBaljrfyeit berfelben. Leiber 
mürbe foldje beftätigt unb bie SBermutung geäußert, bafc 
wofjl ber $ermögenS$uftanb ber <5df)itlerfdf)en gamilie einige 
(Sajulb baran fjaben fönne. 6ogleid) entfd^lofe idf) midj}, 
eine fleine oon mir oerfa&te ©djrift: „<5d)illerS ghid)t oon 
(Stuttgart unb fein Aufenthalt in 9)tonn&eim oon 1782 biö 
1785", bie erft nad) meinem £obe erfdjeinen follte, jefet 
fajon, unb groar ju bem $wdt herauszugeben, bamit für 
ben einge^enben 33etrag <Sd)iüer ein orbentlidjeS ©rabmat 
errietet werben tonnte. 

SDIanajerlei ©dmrierigfeiten, bie icf) nid»t befeitigen fonnte 
unb bereu Aufeäljlung gu weitläufig fein würbe, brauten 
biefe ©adf>e ins ©totfen, big enblidf) bei ber Austeilung beS 
neuen 5UrdjI)ofeS in SBetmar fid) grau 0. 6a)iller entf<$lo&, 
eine Familiengruft ju mahlen, unb nur noaj iljre SKüdfefjr 
von £öln erwartet würbe, um eine oottfommene Gntf Reibung 
(jerbeijufü^ren. Allem ein ©djlagfmfj überrafd)te fie in 33onn, 
mof>in fie ftdj einer AugemCperatton wegen begeben Ijatte, 
unb brachte biefe ©aaje infoferne wieber aufs neue jum 
(Stillftanbe, als man fidf) beSfjalb nun an ben älteften ©ofm 
in ßöln wenben mu&te. An biefen Ijabe id) nun getrieben, 
unb es lägt fid) erwarten, bafc er bie $f(id)t beS <5ol)neS 



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2luö bem fc§it>ä&ifcf)en greunbeälreife. 



erfüllen unb baä Durren aller SReifenben, fowie bie in fo 
melen Settfajriflen barüber erhobenen flogen ftitten wirb. 

3$ fjabe §errn o. Sdjiller aud) äugleid) um genaue 
9ladjrid)ten in betreff bcr legten £eben3jat)re feinet Sßaterö 
erfüll, TOcIdr)e in ben Schriften oon Börner, §. Döring unb 
anbern entweber ganj übergangen ober unridjtig angegeben 
finb, inbem mir baran liegt, bafj meine Sdnrift als (wenigftenS 
fleineä) ©an^eS ftd) barftelle. SDa aber bie eingaben über 
feine Altern, über feine erften Sugenbjaljre gar §u farg auf= 
geführt finb, unb foldje weber in ber Seitfolge nod) in ber 
Sad)e felbft $uf ammenpaffen, fo legt man biefe Sd)riften 
befto unbefriebigter weg, je gefpannter man auf alle 9laä> 
rieten ift, meldte biefe merf würbige gamitie betreffen. 

SBon biefer ^eriobe laffen fid) nun nur nod) oon S^nen, 
wof)lgeborne grau, bie allersuoerläffigften 9iad)ri<f)ten erwarten, 
inbem Sie ber einzige nodj lebenbe 3 cu 9 e berfelben finb. 
3d) neunte mir baf)er bie greif)eit, 3*) ncn einige gragen 
oorjulegen, welape biefen Seitraum betreffen, mit ber Sitte, 
felbige einiger Slufmerffamfeit würbigen unb mir gefäHigjt 
beantworten ju wollen. SDa i<$ meine Slbfidjt, warum idj 
afe bafjin @ef)örige $u wiffen wünfdje, beutlid; auSge^ 
fproäjen, fo barf id) nid)t fürdjten, ba& Sie biefe gragen 
al£ aus blo&er SReugierbe ober au£ einer uneblen tlrfadje 
gefteHt anfefjen werben, fonbern f)abe gegrünbete Urfadje, 
ju Ijoffen, bafc Sie bem Sugenbfreunbe unb £etben3gefäf)rten 
S^reS SBruberä fein Verlangen um fo weniger oerfagen werben, 
weit biefeS nur jur Verherrlichung be3 Verewigten gereichen 
foUc. 2)a aber bie Sdnrift fa^on in einigen 2Wonaten in 
SDrucf gegeben werben mufe — ba erft, wenn biefer fd)on 



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Slnbreaö Streiter. 



25 



im ©ange ift, bic Unterjeid)nung barauf öffentlid) ange= 
funbigt werben fann — ba aud) nur aisbann erft jur (Sr= 
bauung eines orbentlidjen, würbigen ©rabmals gefdjritten 
wirb, wenn man ber ßoflenbecfung oerfidjert ift — ba meine 
©efdjäfte mir nur fef)r wenig &e'\t SBoflenbung biefer 
Sdjrift geftatten, unb ba mein SUter, fowie meine Wefunbljeit 
es nidjt ratfam madjen, btefe Slngelegentycit noa) länger als 
bis jum 9. 3Kai 1827 ju erftrecfen, fo muß ia) ben bringen* 
ben 2Sunfd> beifügen, bafe Sie bie ©üte fjaben unb mir 
3fyre Antwort fo balb als möglidj übermalen wollen. Heine 
3§rer 9}ad)rid)ten foH für mein Eigentum ausgegeben, fon= 
Dem banfbar bem ^ublifum bie CueHe genannt werben, 
aus weldjer mir foldje jugefloffen. 

GS finb nun ooü*e breiunboier^ig 3<*$tt/ baß mir mä)t 
mefyr vergönnt warb, ©ie ju fetyen, unb nur meine lebhafte 
Erinnerung an ©ie, fowie an 3()& ÖAiijeS &auS, fann mir 
einige ©a)abloSf)altung für biefeS GHüdt gewähren. 

9Mn innigfter 2Bunfd) ift, ba& biefer 33rtef Sie, fowie 
Sljren fierrn ®emaf)l im beften 3Bot)tfein treffe, unb ba§ oon 
biefem burd) eine gefällige 2lntwort redjt balb bie lieber* 
jeugung erhalte, wof)lgeborne grau, Qljr f)od)aä)tungSooll 
ergebenfter SDiener 

SlnbreaS Streiter, £onfünftter. 
2Bien, am 30. Sluguft 1826. 

•Weue gragen in be&ug auf ©djiüer wirft ein 93rief 
com 9. gebruar 1828 auf, aus bem wir bie fotgenbe bt- 
jeiä)nenbe ©teile ausgeben: 



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26 



2(uö bcm fcfjroä&ifdjen ftreunbeofreife. 



34 weifen bflfc meine 33itte feljr grofe ift; Sie wiffen 
aber audj unb fönnen eS über&eugt fein, bafj fie nur ber 
s #erf)errlid)ung unfreS geliebten Stoten wegen gef<f)iel)t. 2US 
edjriftfteller fennt ifm bic SBelt. Ueber fein geiftigeS 2öirfen 
wirb wenig 9teueS metyr gefagt werben fönnen. 

2tber als ßinb, als folgfamen fleißigen ßnaben; als 
<2of)n, als 93ruber; als letbenben, r»on ber <S<$metd)elei 
Hintergangenen Jüngling ; als 2)id&ter, ber au$ in ben 
fcfcwerften Prüfungen feinem tjoljen Berufe tren blieb; als 
banfbaren greunb fennen iljn nur — «Sie unb id>. 

3(nt in biefen uerfdjiebenen Sagen ju fd)ilbern, ift mein 
einiger 3twcf, «ni> um fo uiele unb fo unwiberlegbare S3c* 
weife als möglidj) bafür ju befommen, bie einige SBitte 
3^reS mit ausgekitteter §o3>aä)tung ergebenften greunbeS 

SlnbreaS (Streiter. 

Slin 26. Sttärj beSfelben Saures finb bie fragen um bie 
folgenben gemäßen: 

Unb nun erlauben ©ie nur no<f) einige fragen: 

1. Sie Sufammenfunft beS 33ruberS mit 3^um unb 
SDJama fonnte nur im grüljjafyr 1784 gefd)etyen, nad^bem 
„gieSfo" unb „ftabale unb Siebe" aufgeführt waren. 3f* 
eS nid)t fo? 

2. 2Bie benahm ftd) Warna, als fic i^ren Siebling wie* 
ber faf;? 

3. 2Sie benannt fict) ber <Sof)n? konnte er oor greube 
weinen ? 

4. Unb feine grieberife, auf bie er fo aufjerorbent* 



2(nbreae ©treuer. 



27 



lidf> ütet fn'elt, wie benahm fld^ biefe, all fte ben 23ruber 
roteber faf)? 

2)a bie Beantwortung biefer fragen in bie zweite 
Abteilung von 1783 bil 1785 gehört, an ber id) bie nädjften 
£age anfangen werbe, fo wäre el mir fe^r wid^tig, bie 3lnt= 
wort balb gu ^aben. 2)enn el ift nid)t genug, bafj man 
if>n als aufjerorbentlidjen £)icf)ter barfteflt — bal weife man 
fo)on lange — fein tyerrlidjer (Sfjarafter, fein eblel ©emüt 
muß gefdjilbert werben, unb baju bieuen foldje 3"ge, um 
beren Mitteilung idj Sie f)erälidj bitte, ßafien Sie ftdj bie 
2)iül)e nid)t reuen, ©itt el bod) einem fo fyofjen 9Renfä)en, 
ber würbig befunben würbe, all ber (£rfte in einer fürft= 
Ii dien ©ruft beigefefet &u werben. 9Jiit unt>eränberlidjer 
§od)ad)tung unb SDanfbarfeit 3Jjr 

31. Streiter. 

(Snblid) gibt ein ©abreiben an Staatsrat Börner (SBien, 
29. 2lpril 1829) ber Sacfye eine SBenbung, meldte Streiters 
große ©efinnung nod) einmal aufglänjen läßt. Gr fdjreibt 
unter anberm: 

„$>al 2£erfd)en erfdjeint gegen llntcrjeidjnung, unb ber 
reine Ertrag belfelben, wenn er ftd) auf 20000 ©ulben be^ 
läuft, foll erftenl baju oerwenbet werben, um eine Stiftung 
ju grünben, bamit alle jef)n Sa^re bie Sntereffen biefel 
Kapitals bemjenigen (ober beffen (Srben) eingef)änbigt werben, 
ber wäf)renb biefer $t\t bal befte S<$aufpiel, $)rama ober 
£rauerfpiel, beffen Sntyalt <w$ ber beutfdjjen ©efdu'd;te ge= 
uommen fein muß, gebietet $at. S TOCltcn ^/ Da a & er 
10 000 ©utben 3ntereffen bei Kapitals in jefm 3af)ren wie* 



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20 



2(u* bem f(f)mäbifd)en ^reunbcofreiie. 



ber 2500 (Bulben abwerfen, fo werben biefe bemjenigen 
SchriftfteHer als SßreiS zugeteilt, ber in biefem 3eüraume 
baS befte SSerf für bie Sugenb ober baS $o!f in bem Sinne 
getrieben, raie e£ Schiller in ber ^entfern r-on SBürgerS 
©ebttt)ten in ben Korten: „2BeId)c§ Unternehmen 2c. bi£: 
mürben fic enblid) felbft oon ber Vernunft abforbern", an* 
gebeutet l)at. 3)tefe greife mürben einmal in Stuttgart, als 
ber §auptftabt von beS Süchters SBaterlanb, baS anberemal 
in SBcimar, mo er Unterftüfeung fanb unb ftarb, unb baS 
brittemal in SBien, mo feine l)oty, gemütvolle £)id)tung 
noch am meiften gemürbigt unb empfunben mirb, öffentlich 
unb feierlich erteilt roerben. S^ber ber genannten Orte 
mürbe brei Sd)iebSrichter ernennen, meiere bie beS ^reifes 
roürbigften Stüde bezeichnen mürben. 

$ieS tft baS &aupt|acf)liä}fte oon bem, rcaS id) mir ^ier= 
über ausgebaut unb auch §errn (£rnft o. Stiller mitgeteilt 
habe, tiefer aber errotbert mir, baß ich burd) Ausführung 
biefeS SBorfafeeS bem SBerfaufe ber fämtlichen SBerfe feines 
SBaterS bebeutenben Schaben jufügen unb oießeicht baS ganje 
Unternehmen gefährben mürbe. Allein id) $abt gretherrn 
d. Gotta biefen *ßlan oorigeS 3af)r münblid) mitgeteilt unb 
meber bamalS, nod) feit jener Seit irgenb einen Söiberftanb 
r»on ihm erfahren. Slud) fcheint bie abgefonberte Verausgabe 
beS 23riefmed)felS t>on ©oethe unb Stiller barauf h^S« 5 
beuten, bafc oorerft alles bisher nod) Unbefannte oon Schiller 
einzeln herausgegeben unb bann erft in fpäterer 3 e ^ cuie 
ganj oollftänbige Ausgabe feiner 2Berfe oeranftaltet merben 
foDe. 

$)a ich nun ben 3 ro ^ Der Verausgabe t»on Nachrichten 



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2(nbrea3 (ctreidjer. 



über unfern £id)ter genau unb waljr angegeben: ba alles, * 
was barauf Sejiefjung f)at, gänalid) r-on einer Sieben ab fid)t 
frei unb rein ift; ba nichts anbreS baburd) erreicht werben 
fott, als bafj feine fdjwere Sauf ba^n bie eines nidjt unwür= 
bigen StodjfolgerS erlebtem fotte; ba eS aud) nidjt gteid)= 
gältig ift, baS SBolf, für baS er lebte unb fdjrieb, nidjt nur 
ju einer bauernben Slnerfennung feines au&erorbentlidjen 
©eifteS aufjuforbern, fonbern bamit aua) jugleid) ber £ia> 
fünft einen Stang anjuweifen, ben fie fajon lange bei anbern 
Stationen, aber leiber bei ben f)aberfüd)tigen, nur nad) ©clb 
unb Titeln ftrebenban 2)eutfa)en bisher nidjt tyatte ; ba eine 
genaue Sdjilberung feines SebenS, feines tyimmlifdjen ©e= 
müteS, ber £iefe unb gülle feiner ©mpftnbung nur oon 
benen getreu bargefleflt unb erwartet werben fann, bie iljn 
im ©lücf unb Unglücf ^anbeln fa^en — fo werben <Sie biefeS 
Schreiben foroof)l als audj bie gragen mit 9tad)fid)t aufnehmen 
unb nittjt falt gurütfroeifen." 

SDiefc SBorte bebürfen ebenfowenig eines Kommentars, 
als ein £id)t ber Beleuchtung bebarf. Sebcnb unb tot f)at 
Stiller einen treueren unb f)ingebenberen greunb nid)t ge= 
Ijabt, als biefen SlnbreaS Streiter, ber nod) als ©reis, felbft 
am Staube beS ©rabeS fte^enb, ed)illerS Ueberrefte in Sdntfc 
naf>m. Seine Sdjrift über <5d)iller, baS 3*"öniS feiner tiefften 
S3eref)rung unb ^ietät, ift erft nadj ©treidjerS £obe erfd)ie= 
nen. 9Jtan ^at bie grage aufgeworfen, ob wol)l aud) Sd)iHer 
ben Söert ©treidjerS uoll empfunben f)abe. Julian <5d)mibt 
glaubte bie grage Derneinen 51t müjfen; Stiller §abe feinen 
glud)tgeno?fen nur t)on oben, nur als ©önner befmnbelt. 



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30 tew fd^nȊbif<f)cit tyreunbeSfreife. 



• „2lud) in (5d)ißerä fpäterem Seben finbet fid) nie eine (2x- 
innerung an ben guten 6treidjer; um il)m toirflidje Neigung 
einzuflößen, mußte man ifjm junädjffc imponieren/' (Siet;e 
„filier unb feine Seitgenoffen" von Sultan <5d)mibt.) 2tf3 
Slntmort auf btefe SBelmuptung fyabe id) 511m Sd)iller=3ubts 
läum (1859) einen S3rief SdjtllerS in einem SBiener Statte 
üeröffentlidjt, ber inbeS leibet gar nid)t berürffid&ttgt roorben. 
3nbem mir ilm nadtfolgenb nrieberfyolen, geben mir ifjm eine 
größere Ceffentlidtfeit. 3m ©erbfte 1795 gab Streiter einem 
feiner S3efannten ein ©mpfefjlungSfdjreiben an Sdn'Qer mit. 
<Bd)\\tex antwortet if)m umgefyenb: 

■Dfeiu teurer unb f)od)gefd)äfcter greunb! 

©eftern erhielt id) burd) &errn o. 33üf)Ier 3f)ren Srief, 
ber mid) auf eine fet)r angenehme 2Beife überrafdjte. 25af$ 
©ie mid) nad) einer jeljnjäfyrigen Trennung unb in einer fo 
weiten Entfernung nod) ntd)t »ergeffen fyaben, baß <Sie meiner 
mit Siebe gebenfen unb mir ein gleidjeä gegen <Sie jutrauen, 
rü^rt mia) innig, lieber ftreunb, unb idj fann Sfmen aud) 
von meiner ©eite mit 2Baljrf)eit geftefjen, baß mir bie $z\t 
unfrei 3 u f ammen f e ^ n ^ uno 3$** freunbfd&aftlidje £eilnaf)tne 
an mir, 3§ re gefällige 3)ulbung gegen mid) unb 3§re auf 
jeber ^robe au^arrenbe Sreue in eroig teurem 2lnbenfen 
bleiben wirb. 

SBie erfreuen Sie mid), lieber greunb, mit ber 9iad)s 
rid)t, bafe e§ %l)ntn mof)l gefjt, baß <5ie mit 3$rem Sdjntfs 
fale jufrieben finb unb nun aud) bie greuben be£ l)äu3lidjen 
£eben3 genießen. Siefe finb mir fdjon feit fed)3 Streit ju 
teil geworben, unb id) fonnte, im SBefifee eines tyoffnungSs 



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21nbrea$ Streiter. 



31 



tMen Knaben, forme in meiner unabhängigen äußeren Sage 
ein ganj glücflidjer 9J?enfd; fein, wenn id) au$ bem Sturme, 
ber mid; fo lange herumgetrieben, meine ©efunbljeit gerettet 
hätte. Snbeffen macht ein rjcitcreö ©emüt unb ber ange= 
nehme SBed^fel ber 33efchäfttgung mid) biefen SBerluft noch 
giemlict) uergeffen, unb ich finbe mid) in mein Sdridfal. 

eben biefer 3»f tanD weiner ©efunbfieit läßt mid) nidjt 
baran benfen, eine SKeife ju unternehmen, unb raubt mir 
alfo bie greube, 3h* c freunbfd)aftlict)e (Sinlabung anzunehmen. 
216er roaä mir unmöglich ift, fönnen Sie tMeUeid)t aufführen, 
unb um fo eher, ba ein £onfünftler überall ju §aufe ift 
unb felbft auf Reifen bie 3^it nidjt oerliert. £aß mir 3h^e 
(Srfdjeinung in 3ena unbefdjreiblid) Diele greube machen 
Tüürbe, bebarf feiner SBerftdjerung, unb baß audt) Sie nicht 
unjufrieben fein follen, bafür glaube ich G ut f a Ö en 3 U können. 
3$ fönnte %\)t\tn tuenigftenS bafür ftet)en, bat} Sie in Weimar, 
roo man SDhiftf ju fdjäfcen roeiß, eine fer)r ertoünfehte 2luf= 
nähme finben follten. 

3h* aufrichtig ergebener 

Stiller. 

3ena, ben 9. Oftober 95. 
„2tn £errn 2lnbrea§ «Streicher, £onfünftler in 2£ien." 

2luö biefem Briefe fpridjt ber ganje unb echte Sä)iller, 
nicht ber abftraft fonftruterte. Schiller r)at nie einen greunb; 
fdmftäbienft oergeffen unb mir werben es in ber golge an 
mehr al3 einem SBeifpiele fehen, baß er bie große $unft ber 
$)anfbarfeit als SDJeifter 51t üben mußte. Sp. 



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32 



SuS bem i^roäbifaen ftreunbeöfretfe. 



lieber ein 3a$r roat ba*)in feit jener eeptemberna*t, 
unter beten Sdmfc ber gtegimentSfelbfdjer ©Ritter au« 
Stuttgart entflog um hinter ben blau^wei&en ©ren§pfcrt)len 
ber Äurpfalj ein freunblid&eree Eafein ju fudjen. Eon feinen 
Sc&icffalen Ratten bie f$wäbif$en greunbe immer nur fpär* 
lia> Äunbe erfahren. Sine 3eitungSnotis nannte ab unb *u 
ben j$on berühmten Kamen be* 9)iannf)eimer aßeaterpoeten ; 
einige fianbMeute, bie tyn eines £age$ mit ifjrem 33efud)e 
überrafdjt Ratten, wußten Keue* au$ erfter £anb Don i$m 
$u ersten, unb bisweilen mag aud) von ber eotitube 
fjewb, wo feine eitern wohnten, eine 9iacf)rid)t über ben 
Öalbwrföoüenen unter bie Stuttgarter greunbe gebrungen 
fein. ©r felbft fdjrieb feinem oon Urnen. SBeber mit ^ßeter* 
feit nod) mit Sd&arffenftein, weber mit Saug nodj mit 
$oocn: mit feinem ber ftürmijd&en jungen Männer, bie einft 
glcid) il)tn bc$ £er&og$ Uniform getragen, ftanb er bamalS 
in brieflidjem $erfef)rc, unb e3 läfet fid) benfen, ba& fein 
Käme nie oljne woljlwollenbe &erwünfcf)ung in bem greun* 
begreife au$gefprod)en würbe, ©leidjwof)! fingen alle in 
treuer ttiebe an bem fernen Jtameraben. 2tn bem ©tamm= 
tijd)e im „Cdrfcn" — ber £ifd) f)at e3 ju fjofjen Sauren ge* 
bvadjt unb fteljt fycute nod) auf feinen Beinen — bort in 
ber lärmvoUen £afclrunbe, wo ber junge £>id)ter fo oft feine 
ftleaeifteruna. rebeu unb feinen Sßeltgrimm austoben liefe, 
bort batte feine tvludjt eine unauSfütlbare Sücfe geriffen, unb 
wenn e* aud) feiner ber ftenofjen auabrücfttd) berichtet, fo 
barf man bod) annehmen, baß ba3 allabenblidje ©efpräd) 



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Sumfteeg. 



33 



immer unb immer roteber auf ben genialen Jylüd)tling ju- 
rücffam. 

(SineS 2lbenb£ aber, e3 mar im Sanuar 1784, Ijerrfdjte 
ftcherlich bie fytüt Jreube beim Dchfenroirt in ber öaupt* 
ftätterftra&e. 3ft & boch, als fäf)e man es mit leiblichen 
9lugen, roie plöfclich bie Xfyüt aufgebt unb ein ftattlid)er 
junger 3ftann oon blüljenbem 2lu3fehen freubeftrahlenb fax-- 
eintritt. 

„(St, 3umfteeg!" rufen bie greunbe, „roaS bringft bu 
•Jteueä? 33ift etroa jum iQoffapellmeifter ernannt roorben?" 

„ s Jtein," entgegnet ber junge SWann, „fonbern er hat 
gefdjrieben . . . enblich einmal!" 

Unb triumpfjierenb f^roingt er einen Sogen Rapier in 
ber fianb. @8 ift ein ©rief aus Mannheim, ein Brief 
<5ä)üler3, ber erfte, ben er feit feiner 3luä)t an einen ber 
fchraäbifdjen greunbe gefdjrieben. Unb ber Brief roirb oor= 
gelefen unb macht bann bie SReife um ben Xtfd), um oon 
jebem einzelnen ftubiert ju werben, unb e3 geigte fid), ba& 
ein Slutograph <S<hifler3 bamate fd)on als beneibenSroerter 
Befifc galt. 3 um ft ee 9 mu 6 erjagen, roie er ju bem ©djafce 
gefommen: ©in armer 3JUtftfant, ber unter feiner ^proteftion 
in Stuttgart fonjertiert ^atte, roollte auch in Mannheim fein 
©lücf r-erfuchen unb bat Um um Empfehlungen. 3u™fteeg 
gab i^m einen Brief an Stiller mit: 

©tutgarbt, b. 26ten £ec. 1783. 

Sieber, lieber ©filier! roarum bift bu fo falt gegen 
mich geworben? fyab' idj bidj beleibigt? unmöglich! 'S roäY 
himmelfchrenenb roenn ich '« ßerl, ^er mir ehmalä mit fo 

«Uber au« b«r e<§tHer|eit. 3 



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34 



9lu3 bem fcf)n>äbifa)en greunbeSfreife. 



roarmem Serjen jugetr)an war, bctcibigcn formte! — gelt, 
bift mimtet böfe? — 2Beil bu beim £t)eater bift, fo t)aft 
bu natürlidjer weif aud) befanntfd)afft mit OrpfjeuS Söfmen. 
— $a fd)ir? iü) bir einen mu|tfalifd)en öanblanger, benn 
'S ift 'n armer Xeufel! — id) benfe bu wirft mir btefe 
greunbfdjaft ntd)t abfragen. — §aft ber 9?arrr)eiten fdunt 
fo r-iele gehört! fanft root)l biefe aud) mit anhören — er 
fpielt — bie Sftaultrommel; ift mir r-on einem guten greunb 
aus Millingen abreffirt. 3d) t)ab baS meinige gett)an — 
tlm' bu jefet baS beinige — td) fd)tf eben ben Marren 
toeiter — . 

£eb' rooty, Sieber! 

$>ein 

Sumfteeg. 

Sroei Monate früt)er fa)on, am 11. Oft. 1783, t>tte 
3umfteeg ben „ßerl", ber mittlerweile aud) ben gieSfo r)cr= 
ausgegeben r)atte, jum ©abreiben ermahnt: ,,60 lang id) 
beinen gieSfo las, mar id) ganj gut gegen bid). ßerl! ®a 
r)aft bu roieber maS 6d)öneS, roaS ©öttlid)eS gefd)rieben! aber 
um fo fa^mer^after mar mir'S mm fold) einem ßerl, roie 
bu, fo balb oergeffen $u fein." $erfelbe ©rief ersäht uns 
aud;, wie lebhaft ber Stuttgarter ßlatfd) mit bem ©d)i<ffale 
beS $$lüd)tlingS ftd) befd)äftigte : „2öitt bir'S nur fagen, man 
fdfnoajte närrifd)eS 3 eu 9 oon °i r ' einmal r)tet3 ®u fetjcft 
^rofeffor in SHarpurg; ein anbermal: bu t)abeft biet) mit einer 
©omcbiantin *) oert)euratet; ein britteSmal: bufenftrafenb 

*) <S. maä)te bamafö ber $ ae - Saumann pom 2Rannf)eimer Zutatet 
ben Jpof. 

» 



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äumfieeg. 



35 



rcorben 2c. ßurj, baä f)ieftge ^uolifum wirb immer oon 
bir in Sltljem gehalten. 2Bic oft föämt' i$ mtd) für bid) 
toenn einer ju mir fam unb fid) nad) bir ertunbtgte unb id) 
i^m fagen mufjte: bu fyabeft mir nodj fein 3Bort ge = 
f $ rieben! fiel)', ©dringet, fo gef)t'8! Sebermann badete, bu 
fenft mein greunb, unb jebermann f>at fid) betrogen."*) 

$>er „$erl" unb ber ,,©d)lingel" liefe bie ©rüße aus 
<Sdjtoaben oorberfjanb o^ne Slntroort. ftranffjeit, Sweater 
unb oerf^iebene jeitraubenbe £eraen&2lngelegenl)eiten be= 
nahmen if)m bie greube am 93ricff ^reiben. 3 u ™fteeg gab 
inbeä bie ©offnung nid^t auf, fonbern mahnte ben greunb 
in einem längeren, nod) ungeftümer brängenben (Schreiben! 

<5tuttgarbt, b. löten San. 1784. 

Sieber, lieber <Sä)iUer! <5ag' an! bift bu mein greunb 
uidjt mefjr? 2Bie immer, bin id) aud) jefet bir mit bem 
toärmften Serben jugetf)an! £)ifj fann id) bir mit äd)tem 
beutfd&en SBieberblut fagen — bie fleinfte unbebeutentfte 
<5ad)e ober ;Jtod)rid)t, bie idj oon bir Ijöre, fdjlürf id) mit 
gierigen 3 u 8*n hinunter nrie £antalu3, wenn er feinen 2)urft 
§ättc löfd)en fönnen. Sittel, mag id) fo oon ungefe^r l)abe 
oon bir erfahren können, f)ab' id) immer gleid) beinen alten 
greunben mitgeteilt. £)u glaubft nid)t, nrie gern bid) alles 
f)at! 3 U m ™ fömmt jeber, unb fragt: Ijat bir ©dritter ge^ 
fdjrieben? 2)ann antwort' id) mit einem traurigen: 9Wn. 
D greunb! e$ ift bodj toarlidj nid^t red)t! fief)e, roenn bu 
fein Älofe bift, fo mu§ bi<f) bie ßlage eines greunbeä rüljren 

*) S)er ganje »rief bei „Urliä)$ »riefe an 6." 



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36 3(u8 bem fäioä&ifäen greunbeäfreife. 

— ba3 igerj blutet^ mir, bafc bu mid) nie eines ©djreibenS 
würbigteft — 

Söill bir aud) etwas von meinem <Sd)idfal f<f)reiben. 

3d) bin oertyeuratfjet ! — oertyeurattyet tag' td) bir — 
beut' nur! oerl)euratl)et ! — an eine 2lnbraein, bie ältefie 
£od)ter beS oerftorbenen SX 2lnbrae. 2)u fennft fie fd)on, 
SBruber ! 'S ift ein fjerrtidjeS Söeib ! $en 29ten 9too. 1783 
§at ein £anblangcr beS 2lllmäd)tigen midj mit il)r oerfnüuft. 
3war mar idj fdjon oorljer fo nalje mit t^r betannt, ba& 
all bie Sdjwierigfetten, weldje ifjre SBerwanbte mir in 9Seg 
legten, gehoben werben mußten. ®u weißt, wenn man etwas 
l)inau3füf)ren will, brauet man au$ fdjled)te $erl3; id) 
wanbte mid) alfo an ben fierjog oon SBürtemberg — unb 
(te^e ba, eS gieng! SDodj, wte'S gemeiniglid) mit foldjen ßerls 
geljt, aud) itnn mu&t' idj einige gebern ausrupfen. 3<f) ließ 
if)tn nid)t efjer 9iuf)e, bifj er mir meine läufige SBefolbung 
mit 200 laufigen ©ulben oermefjrte. ftifc gefdjaf) alfo, unb 
fielje ba e£ mar gut, benn, id) miß nidjt fdjwören, aber, fyol 
mid) ber Teufel! id) ljätt'S gemalt wie weitab ©Ritter 
(entre nous soit dit), alle Slnftalten waren f<$on gemalt 
unb baS auf eine (oljne mid^ §u loben) gefdjeutere 3lrt als 
mein §offapeflan Naumann. 

$>u wirft, wie id) f)öre, aud) balb in ben ©tanb ber 
1)1. @l)e treten — bon appetit! — jwar bin id) wirflt$ 
fdjon (Sbmann, unb — oielleidjt — balb $ater — aber ein 
franjöfif<$er 2lutor fagt: C'est une sottise de se marier. 
Si vous voulez la faire, faites la le plus tard que vous 
pouvez ! — aber freilid) bu §örft jefct fdjon nidjt meljr, — 
will alfo mein ^rebigen nur fparen. 



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3umfieeg. 37 

2)er alte ©aufmnb ©d)ubart hat ein oortrefflictjeS ®e= 
bid)t über bi<h gemalt. 3 TOa * fein ©ebid)t, fonbern eine 
*Poetifd)e 2BaI)d)ett ; — bod), aud) baS Hingt mir nidt)t recht 
— (oerjeih' mir'S als dichter) eine SBahrfjeit in frönen 
Neimen gefaßt. So! fo flingt'S! — eine 2Baljrl)eit in frönen, 
füefjenben Sßerfen. SBerb' mir nur nicht ftolg, 33urf d)e ! 
&örft'S? 2BaS machft roirflid)? meine Dper? — Antwort: 
ja. SBarte nur, ßerl! lag mid) nur einmal ju bir hinab 
fommen! — ©a^reib' mir ja balb! fdjreib' mir, id) bitte 
bid)! SBiüft bu? färeib mir! fdjjreib beinern 

3umfteeg! 

23etbe Briefe fmb in mehrfacher &infid)t bemerfenSroert. 
©<hon bie 2lbreffe feffelt baS Sttuge. Sie lautet beim erften : 
„£. ®. ©filier, 33erfaffer ber Räuber unb £tyeatral=$oeten 
ju 2)iannheim" , unb beim jweiten: „£. §. 2>. ©dn'tter, 
33erfaffer ber Räuber unb Joelen beim beutfdjen ^^eater ju 
Mannheim". 3n ihrer 2lrt erjagen aud) biefe nüchternen 
SBorte von bem erfolge ber SRäuber unb ihrer ungeheuren 
SBirfong auf bie beutfdtje Nation. $aS Attribut: SBerfaffer 
ber Stäuber galt, nrie eS fcheint, noch $n>ei 3afjre nach ber 
erften SBorftetfung beS ©tücfeS als ein bürgerlicher ©hrentttel, 
mit bem man bie Sfoffdjrift eines Briefes fchmücfte, unb aus 
ber fliehten, wie für ein £>enfmal gebauten Spoft=2Ibrcffc 
fprtd&t aua) in ber %$at eine beinahe größere 93erounberung 
als auS ©chubartS noHtönigem $tmtmi£: „2ln ©exilier": 

35 an! bir, ©filier, für bie SBonne, 
3)ie beinern ®efan<j entquoll! 
HReineS $era,e8 Öeniu«, ber 3ttefe, 



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38 



3lu3 bem föioä&ifdjen greunbegfreifc. 



(lin ©d&iifeer f)ol)en ©anß«, 

Saufet' bir, bafj ber Äolbc oon ©ta§l 

(Sntfanf feiner roolfigen Siebten! 

3n bcm legten Briefe 3umfteeg8 begegnen wir jum 
erftenmal bem ©erüdjte von SdjiHerS 93erf)eiratung. (SS 
flammte tool)l aus ber gamilie 2Bot§ogen, roo Sd&iller fur§ 
juoor einen oerfdjämten &etratSantrag gemalt ^atte, ober 
roafyrfdjeinlidjer noty von ber (Solitube. 2)er alte igaupt= 
mann ©djiller fanb wenig @efatten an bem unfteten ßeben 
feines SolmeS; am liebften f)ätte er if)n burdj eine oor* 
tei^afte §eirat an einen beftimmten Ort gefeffelt, unb er 
glaubte oielleidjt an bie natye ^ertoirflidning feines SßunfdjeS. 
3n Stuttgart murmelte man audj fdjon etioaS oon einer 
„2)tariage" jnrifdjen SAH. ©dnoan, ber 3Jtannl)eimer SBuäV 
£änblerStod)ter unb bem SDidjter ber Räuber. Sdn'ller mar 
inbeS für bie @f)e nod) nia)t reif, unb es oergingen fcd^S 
Saljre, efje er bem SBeifpiele gumfteegS folgen fonnte. 3n 
anbrer ©infid)t aber fdjeint er in Stuttgart Sdjule gemalt 
ju §aben. 3Me SRomantif feiner glu$t mu& bort oerfdn'e* 
benen fieuten ju ßopf geftiegen fein ; wenn felbft ein ftmpler 
^ofmufttuS, toie Sumfteeg, baran badjte, bem Spange beS 
Stuttgarter £ebenS ju entrinnen. 

Unb nun gar ber faubere ©off aplan, oon bem mir in 
bem ^Briefe lefen unb über ben uns granjisfa o. öofjenfjeim, 
bie (Miebte unb fpätere Öemafylin beS ©erjogS Staxl, näheres 
mitteilt. „@S fam bie fd&öne ©efd)id)te beS gro&en Jgoffaplan 
Naumann mit feiner ©ntfüljrung," fagt fte in einem SBriefe. 
tiefer Naumann mar im Oftober 1783 mit einer Sängerin, 
namens Sanbmaner, entflogen. 6in ^riefter unb ein 9Käb= 



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3umfteeg. 



39 



djenraub — man benfe fid) ben ©fanbat bei §of. 3roar 
rourben bic glüdjtigen balb roieber aufgegriffen unb jur 
SBufje für einige 3 e ^ au f ÖoJjentnriel gefü)üft, allein bie 
5tunbe beS SlbenteuerS ^atte fid) bereits im Sanbe Derbreitet 
unb ben SBtfe beS SBolfeS gegen ben öerjog unb feine £of- 
Haltung entfeffelt. 2Bie in feiner näajften Umgebung oon 
bem geftrengen ßarl gefprodjen tourbe, bauon gibt uns 3 ums 
fteegS 93rief eine oottgülttge Sßrobe: „2öenn man etroaS 
hinausführen miß, brauet man auä) fa)led)te SterlS; id) 
menbete mtd) alfo an ben fierjog oon SBürttemberg." Solarer 
Uebermut ift freilief) nid)t nad) bem alltäglichen 3flaf$e ju 
f$ä|en. £5ie totten SBorte famen nicht gerabe aus ber £iefe 
beS SerjenS, fonbem mürben oon ben Sippen, bie an traft* 
männiftt)e SKuSbrücfe (tdj gewöhnt fetten, meajanifd) in bie 
ßuft gerebet. „$er alte ©auhunb ©djubart" ift fogar als 
eine 2lrt Siebfofung aufjufaffen, benn ber £)id)ter ber „gürften; 
gruft", bamals nod) ber ©efangene oon fiohenafperg, ftanb 
in ^otjen (5f)ten bei ber fc^roäbifdjen 3ugenb, jumal bei ben 
©emerittern, bie ftdj um ©dritter gruppiert h a ^ cn » ©in 
auSgelaffener Sraufeton mar unter benfelben SRegel geworben, 
unb 3umfteeg3 Briefe geben uns ein rea)t artiges ©tiU 
Tempel aus ber UmgangSfprad&e beS Stuttgarter greunbeS= 
freifeS. ©dritter felbft hönbljabte jie meißerhaft. (5S fdjeint 
aber, bafj er mit bem Uebertritte in neue SBerhältniffe audj 
ben %on feiner 9tebe oeränberte unb t>erf einer te, benn feine 
Antwort auf bie roilben ©pifteln beS ehemaligen Slfabemie* 
©enoffen Hingt jmar her^id) unb jutraulid), aber ruhig, trieb* 
fam, faft lehrhaft, unb bilbet jebenfaHS einen merftoürbigen 
ßontraft §u bem ©turmroinbe, ber aus ©chroaben ^eriücrjtc. 



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40 



Stuö bem fd>n>äbifcf)en ftreunbeSrreife. 



2)cr vom 19. 3anuar 1784 batierte Brief würbe juerft 
von 21. v. ßeffer in feinen „Beiträgen jnr ©dnUer^Sitteratur" 
mitgeteilt, ©filier entfäjulbigt fid) barin in au£füf)rltd)er 
SBeife roegen feiner 9tod;läffigfeit im ©treiben, fpricf>t bann 
fef)r erbaulid) über ba3 ©lüd ber ©Ije, über ben ©enufc ber 
gamilie nnb fpenbet bem greunbe bie beften ©egenSroünfdje 
ju feiner Ber&eiratung. ©r fennt feine grau unb fogar 
ifjren Bornamen (Suife), nrie er benn in ber gamilie biefeä 
£>. 2lnbreä red)t gut Befdjeib gu uriffen fdjeint. UnmiHfürlid; 
erinnert man fia) babei be3 BerfudjeS, ber r«or einiger $tit 
gemalt mürbe, eine genriffe 2öilf>elmine Slnbreä, of>ne Steife! 
bie ©djroefter biefer Suifc, als ben ©egenftanb ber brünftigen 
£aura-©ebia)te in ber ©d)iller=£itteratur einzubürgern. 2)er 
©ntbeder biefer neueften Saura ift ^rofeffor §aaff) in ©tutt* 
gart. @r jtüfct feine §n:potl)efe auf münblid&e Uebertiefe* 
rungen, bie am ©tranbe be$ Diefenbaajeä nodj immer nid)t 
t>erf)aHt finb, unb auf Mitteilungen r-on 2t. ®. 3umfteeg, 
bem ©of)ne be$ ßomponiften unb bem Neffen einer im $afyre 
1837 ju Stuttgart rerftorbenen grau 33., ber Sßitme eines 
fyöfyeren raürttembergifdjen Beamten. SMefe grau B. mar 
eine gebome 2lnbreä, unb gerabe fie fott ben jungen ©dritter 
ju ben Saura^Dben entflammt §aben. «ßrofcffor öaatf) be= 
fifet zwei Bilbniffe, in melden er ben ^Did^tcr unb feine 
3ugenbgeliebte erfennt unb bie r»on ber £anb be3 fdnöäbifdjen 
■äflalerS §etfa), aud) eines ßartefd&ülerä, ^errü^ren füllen, 
aufeerbem aber ein no$ ungebrudteS ®ebi$t ©djtflerS, mh 
d>e3 allerbingS in ber mntf)ifd)en Bud)bruderei §u EobolSfo 
gebrudt fein tonnte unb in einen eajten fiauraton au$= 
t lingt : 



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3»mftecg. 



41 



§a! in allen Wulfen glühet, 
mit ber fteuereffe ®Iut, 
Db ber &effre ©inn fid) mü&et, 
2>enno(f) biefeö ^ei^e ölut! 

VeibeS, @ebü$t unb SBilbniffe, f)aben mir bei bem glütf= 
ltdjen Eigentümer gefefyen. 9ta<$ 2trt ber ©rftnber unb (rut* 
beder treibt berfelbe feine <Sä)lüffe unb Vermutungen r-iel 
ju weit, inbem er alle naäjfolgenben £iebfdwften unb &erjenS: 
fdf)i<ffale beS jungen $idjterS einfach ftreid)t unb bie poctifd^en 
<5mnptome "betfelbcn auf bie ©ine Stuttgarter Siebe bejte^t. 
$)urä) ben obigen Vrief 3umfteegS („2)u fennft fie fd>on, 
SBruber!") mirb nun aber fooiel feftgeftellt, bajj <S<f)ilIer 
einft im Saufe ber Sßitroe Slnbreä oerfetyrt f)aben mufj, unb 
ganj unbenfbar ift eS roaf)rlidj nidjt, ba§ er unter ir)ren 
fieben Stottern feine Saura gefunben. 2iua) bie £auptmannS= 
Sßitroe Suife SBiföerin, bie man bis jefct für bie aut$entifd)e 
£aura gehalten tyat, mar eine geborne Slnbreä, Sante jener 
SBilfielmine, unb bie grage ftefyt jefet fo: %üx men fdjroärmte 
ber SDid)ter, für bie 9Ud)te ober für — bie £ante? $odj 
mir menben uns ju unferm ©egenftanbe jurüd. 

lieber baS ©erüd)t feiner eignen Verheiratung lächelt 
ber £)id)ter. „SBie in aller SBelt famft bu baju, mid) auf 
bem 2Bege ber (5f)e gu glauben? 9ftid)?" Sein ungeftümer 
5lopf, meint er, unb fein warmes jQerj mürben feine grau 
glücfliä) madjen; übrigens tauge fein gegenmärtigeS Seben 
uni)ergleid)lidj für feine oierunbjroanaig Sa^re. „2lber mirb 
eSmi$ im breifiigften nodj retjen?" -Halbem fd&Ue&Udj aud& 
beS SHauttrommelsSBirtuofen gebaut roorben, beffen Slunft 
©d&ifler ber befonberen ©nabe eines Mannheimer $onjert= 



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42 



2lu3 bcm fd)roäbifd&en ftroinbeSfreife. 



meifterS empfohlen ^atte, enbigt ber siemlid) lange unb ge* 
fpräcfn'ge SBrief mit einem roarmen @ru§e an alle ehemaligen 
greunbe. 

3n einem lebhaften Sktefaerfehre jmifchen ©filier unb 
3umfteeg ift eS in ber golge nie gefommen. <5rft am 
10. Sejember 1788 f abrieb ber SDidjter toieber an ben 9Jtufifer, 
bieSmal aus SBeimar. Stiller ftanb jefet auf bem ©prunge, 
ein neues Seben ju beginnen , Sßrofeflor ju werben, bem 
SunggefeHenftanbe 35alet ju fagen. ©chubart, ber ©ohn 
beS SDichterS, r)atte ifm um biefe 3eit in SBeimar be* 
fudjt unb bie fchroäbif d)en Erinnerungen in ihm mach ge= 
rufen. Unter bem ©inbrucfe berfelben fdjreibt ©d)iHer iüie= 
ber im burfd)ifofen 5tarlSfcf)ülertone, mm nun an möge 
ihn gumfteeg aus ber fiifte ber litterarifdjen SBagabunben 
ausreichen, er hoffe nun balb in ©taats= unb Stbre&falen* 
bern als etumS DeffentticheS ju prangen. ,,2lu<f) mein ßopf 
ift niö)t mehr ber ©onberling, roie ehebem, unb barum foHjt 
£>u balb oon mir oernehmen, bafj id) eS nicht mehr gut 
artete, allein %w fein." £)ann neues jahrelanges ©toefen 
im 33riefn)ed)fel ber Sugenbfreunbe. @rjt ber 9Kufen=2llma= 
nach, beffen mufifalifcf>er Mitarbeiter %\m\iti§ mürbe, braute 
wieber einige Bewegung in bie alte greunbfehaft. 3umfteeg 
hatte eS unterbeS in feiner ßunft $u etroaS gebracht unb mar 
feit üNooember 1792 herzoglicher ^on^ertmeifter in Stuttgart. 
3ugleicf) roirfte er in heroorragenber ©tellung an bem SHufik 
unb 9flimifs3nftitut, meines mit ber ßarlsfdjule in SBer* 
binbung ftanb unb bem er felbft feine SluSbilbung oerbanfte. 
GS mar gegen (Snbe beS 3ahreS 1770, baß er, ber ©ohn 
eines herzoglichen $ammerlafaien, bie 2lfabemie bejog, etwa 



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3umfteeg. 



43 



5tuei 3af)tt vox bcm (Eintritte 6d)ilIerS, mit bcm er übrigens 
in gleichem 2llter ftanb. Slnfängtitt) jur S3ilbf>auerei fom= 
manbiert, ging er bolb ins Sager ber 9Huftf=<Stubiofen über, 
(ernte Jtompofition bei ßapellmetfter ^oli, bilbete fidj neben* 
§er jum 33toloncelI=$irtuo}en unb oerliefe bie ©dmle im 
September 1781, ju welker 3^it er als §ofmufifuS im Ijers 
äoglidjen Drä;efter angefteUt rourbe. (Slf 3at)rc fpäter natym 
^oti feinen 2lbfdn'eb, unb feinen Soften, allerbtngS niä)t 
feinen tyoljen ©c^alt, erhielt ber junge 3umfteeg, feit lange 
^er mieber ber erfte beutfäje ÜNufifer, ber am Sßürttemberger 
£ofe baS muftfalifdje $tpttx in bie &anb befam. 3n biefe 
Seit fällt aud) bie SBenbe feiner funftlerifdjen ©ntroitfelung, 
wenn anberS genriffen 2)?ufiffd)riftftellern ju glauben ift, 
tt)eldt)c ben guten 3umfteea, bis jum 3af)re 1792 gennffer= 
mafjen als einen Seibeigenen ©äjillerS fd)ilbern, von ba an 
aber unter ben befreienben (Sinflufe con SWojartö ©enius 
ftellen. ©filier, Reifet eS ba unb bort, f)abe in if)m ben 
Inrif <$en Sinn erfHcft, roenn audj anberfeits fein vertrauter 
Umgang mit bem mufisierenben greunbe von bem f)öd)ften 
SBerte geioefen fei für beffen fünftlerifd&e SBärme unb 33e* 
geifterung; beim nodj nie — fagt ein 33iograpf) 3«mfteegS 
— l)abe jnrifäjen jroei tyolien ©eiftern eine fo määjtige ©ums 
pat^ie ge^errfdjt, als jnrifdjett biefen beibcn. Sieft man 
berlei ^Übertreibungen, fo möchte man glauben, ber 2>id)ter 
fjabe fidj zeitlebens oon bem SRufifer nid}t trennen tonnen 
ober fei roenigftenS jahraus jahrein in regftem 33riefoer?ef)re 
mit U)tn geftanben, roäljrenb eS bod) ausgemalt ift, bafj 
beiber greunbfdjaft ebenfo $erjli<$ als arm an gegenfeitiger 
Mitteilung blieb. 



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44 



&u$ Dem fcfiroäfcifdjen ftreunbeöfreife. 



<5d)ilIerS fdnüäbif<f)e 9ieife braute bie ehemaligen ßoms 
militonen roieber in perfönliaje 23erüf)rung, geroiß jur großen 
greube beS einen wie beS anbem. Stiller f abreibt bei biefer 
(Gelegenheit an Börner (9Hära 1794), 3umfteeg fei wohl ber 
gefd)idtefte von ben fd)roäbtfd()en £on fünftlern, beftfce aber 
mehr ©enie als SluSbilbung. Severe ju beurteilen, mar 
burd&auS niajt SdjiüerS Sadje, unb ber mufiffunbige Börner 
beeilt fidj aua), bem fajnell fertigen ßritifer über SumfteegS 
„nid)t gemeine^ Talent, über fein poetifajeS ©efühl, feine 
ßraft unb Originalität" eine fleine Seftion ju erteilen. 
Später freilid), als er ben 9Nufen=2Ilmanadj beS 3at)reS 1798 
511 @eftd)t befommt, meint berfelbe Börner, bie barin befinbs 
lid)en 2ttelobien 3uwftegS, lauter ftleinigfeiten , über beren 
nadte Einfalt man rjeutjutage erfdn*eden fönnte, feien ju 
gefugt. 2>erfelbe Sllmanad) enthält eine Äompofttion beS 
SReiterliebeS aus bem SBaflenftein , bie ju einem tleinen 
33riefroed)fel ämifa^en ©Ritter unb 3umfteeg Maß gab. ®aS 
£ieb war mit ber Qiffer 3 • ♦ • gewidmet, ba^inter ber 
Tübinger 5lanjleU2lbüofat 3<*h n oerbarg; es ift ettoaS 
ungefd>idt harmonifiert, aber tum frifdjer, melobifdjer @r* 
pnbung unb unter ben oielen ßompofitionen beSfelben STerteS*) 
bie einzige, bie am Seben blieb unb tyuii noaj, aud) 
auf ber 23ühne, gefungen wirb. ©Ritter fanb großes ©e= 
fallen baran unb tabelte nur bie l)ot)e Xonart. $)ie Glnffre 
ließ i^n auf feinen Stuttgarter greunb raten, bem er aud) 
feine 3"frtebenheit fdjriftlid) mitteilte. 3umftog, antwortete 
barauf: 

*) S)aS «Reitertteb würbe unter anberm von 3umfteeg, 3elter unb 
Äömer fomponiert. 



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3umfteeg 



45 



Stuttgart, ben 24. 9iooember 1797. 
§ier folgt ein Dicitertieb oon mir, bcnn baS in beinern 
2Umanad) gebruefte fjot jemanb 2lnberen jum 33erf affer : id) 
gebe bir alfo Ijiemit fowol beine Lobeserhebungen, als aud) 
beinen Pabel wegen ber iQö^c ber ftompofttion jurücf. Sein 
SBerfaffer ifl wahrfchemltcf) £err 3af)n in Bübingen; Gt)re, 
bem @hre gebührt! SDa bu in §infid)t beS SplbenmafjeS in 
biefem Siebe beinahe in jeber ©tropfe abweichft, fo ift eS 
auf eine unb biefelbe 9Mobie ettoaS fdjwer ju fingen. 3d> 
^abe bafjer, nur als fieitfaben, auch bie jweite Strophe ge= 
fchrteben; bie übrigen ©tropfen laffen ftch aisbann, mufifalifd^ 
befjanbelt, leid)t nach biefem Sfiaßpabc einrichten. ftompli* 
mente über beine oortreff liehen ©ebichte wirft bu oon mir 
nicht erwarten — aber ganj fHttfd)weigen fann ich aud) nicht: 
2) er Taucher ift eines ber oortrefflichften ^robufte, welche 
bein ©eift gefchaffen! gerner hoben mir oorjüglich gefallen: 
Poggenburg, 2)ie Xotenf läge, $ie ftr anid)e unb 
bie fchöne 33aÜabe: ®er ©ang nad) bem Gifen* 
ha mm er. 9Son ©oethe hot mxx oorjüglich gefallen: 3) er 
neue SßaufiaS, 2)ie 33raut oon Äorinth, 
©ott unb bie 33ajabere. Ueberhaupt ijt ber 2Uma= 
nach vortrefflich unb macht grofje Senfation. SRimm meinen 
$anf für baS Vergnügen, welches mir beine Arbeiten ge= 
wahrten! bleibe gefunb unb gebenfe jumeilen beineS ent= 
fernten greunbeS gumfteeg. 

SBeldjer Slbftanb jmifchen ber gefegten Sprache biefeS 
Schreibens unb bem wilben Pone ber erften SSriefe ! 2)ie Page 
beS UebermutS waren oorüber, ber ßarlsfchüler hotte auS= 



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46 



2(u$ bem fcfjroäbiföen greunbeefreife. 



gefchroärmt unb war ein ruhiger, befonnen urteilcnber ßünftler 
geroorben, auf beffen äfthetifchen ©efchmaä Schiller etroaS 
hielt. 9iacf> Empfang bei oorftehenben Briefes fo)rieb er an 
©oetf)e: „Bon 3 u mfte*S * n Stuttgart ^abc ich biefer Sage 
einen 33ricf erhalten, ber mich mirfltch freute. ®r fdjreibt 
barin, ma3 il;n oon unfern ©cbidjten im Sllmanach am 
meiften erfreut, unb er hat mirfltch — roaS mir lange nicht 
gewohnt finb, ju erfahren — ba« Beffere herauSgefunben." 

Sumftceg t>at audj fo giemlid) alles, mag oon ©Ritter 
fomponierbar mar, im Saufe ber Seit in SJhifif gefefct, unb 
obfdjon ber größere £eil feiner ganje Bänbe füllenben Siebet 
unb Ballaben längft oerf fangen unb oergeffen ift, fo blüht 
bod) bie eine ober anbre feiner SBeifen im füllen roeiter. 
3n Schwaben gar, unb bort namentlich in ben Heineren 
Stäbten, ift SumfteegS SWujit bis auf bie lefcte Qtit am 
ßeben geblieben, unb oft genug r)ört man noch fein „bitter, 
treue Schmefterltebe" ober fonft eine feiner Battaben jum 
Älaoier fingen, liefen Ballaben, meiere baS fogenannte 
2)urd)fomponieren ber ©ebichte in Sdmmng brauten, oer* 
banfte er einft einen guten 5Tcil feiner Beliebtheit. (SS mar 
ein jttritterhafteS ©eure, ein fä)ledjt oermtttelteS 2lneinanber= 
reiben muftfalifd)er StimmungSbilbchen , jebe Ballabe mie 
ber oerfchnittene ^laoterauSjug einer größeren Oper. 9ia<h 
Sumfteeg mußte Säubert fommen, um ber Söelt ju seigen, 
mie man ben mechfelnben Stimmungen beS 2)id)terS nachgeht 
unb bod) ein einheitliches Stunftmerf geftaltet. 

@S märe aber unbillig, bie anfprudjslofe fchmäbifche 
SWufe nach ftrengen ©efefcen &u richten. Unleugbar mar ber 
Stuttgarter Äapettmeifter oon funftlerifchem (Srnft befeclt 



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Sumfteeg. 



47 



unb von ben bamaligen SRadjatymern -äNo^artS bcr talent= 
oollfte; bod) ein SRadmljmer blieb er immerhin, ein Keffer 
fremben £ia)te§, unfähig, in roetterem Umfreife über bcn 
STugenblicf In'nauS ju tm'rfen. 2lm tuoljlften war if>m nod) 
auf bramatifdjem 33oben, mie ja aud) feine greube an ber 
Sallabe $unäd)ft nur feine ©elmfudjt na<$ bem ®rama be= 
wies, unb t)iellei$t t)ätte er nad) biefer 6eite r)in EauernbeS 
gefdmffen, wäre er r-on einem großen 5Did&ter getragen unb 
emporgejogen morben. 9Ud)t3 roünfd)te er fef)nlia>r, al$ üou 
greunb ©d)iHer einen Dperntejrt ju erhalten, uon ©du'tler, 
ber nun burd? bie gan&e SBelt berühmt war, beffen 9iame 
allein f<$on l>ingereid)t l)atte ^ einer Oper ben 93eifall ber 
©egenroart unb bie too^lrooHenbe Neugier ber 9to$n>elt §u 
cerbürgen. bereits begegneten wir biefem SBunf dje SumfteegS 
in einem feiner 3 u 9cn^ncfe: e8 mar ber crftc, aber nid)t 
ber lefcte Angriff, ber oon mufifalifdjer <Seite auf ©djiKer 
gemadjt mürbe, um if)n jum £ibretto;$)idjten %u r-erfütjren. 
2tel)nlid)e3 begegnete tym aud) in SDreSben. „ßannft bu bir 
norftellen", fdjrieb er an ßuber im 9Jtai 1786, „bag id> 
geftern jroei Strien unb ein ^erjctt ju einer Operette gemacht 
§abe, unb bajj ber £e£t fdjon in ben fiänben be$ 9Ru|ifu8 
ift? 3<§ ^offe — unb ba3 ift meine feiige S^rft^t, 
tyoffe, bafe bie SJiuftf nod) immer um ein ©ran fd)led)ter 
als meine Strien ausfallen roirb, unb biefe ftnb geroifj fd)led)t. 
Snbeä e$ wirb eine Oper unter bemgrifieren, unb id) tt)ue 
e$ mit Slbfidjt — um furnieren ju lernen." ©o mürbe er 
aud) r»on Börner ju nrieberfjottenmalen gebrängt, für 9ku= 
mann einen Dperntejt ju bieten, unb aU er nad) SBeimar 
!am, r»erfprad) er SBielanb, ben Cberon 31t r-eropern, 



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48 



2lu8 bem fdjroäMfdjen |^ reu »*> e ^ rrc iT e - 



benn e§ fei bieä ein trefflidjeS Sujet jur 9Wufif. @3 war 
alfo burd)au3 nic^tö 9Jeue3 für ifjn, wenn greunbe mit 3u* 
mutungen an if)n herantraten, nrie fie im folgenben Briefe 
be3 Stuttgarter ßapettmeifterS au§gefprod)en finb. 

Stuttgart, ben 12 gebruar 1800. 

greunb! 3n bem Sntettigengblatt für (Belehrte, 33ud> 
flänbler u. f. ro., itjcld^cö in Harburg erfdjeint, befinbet fidj 
ein an meinen Verleger abreffterter, mid) betreff enber 2tufs 
ruf: bem oortrefftidjeS ©ebid)t „91 n bie greube" ju fonts 
ponieren. Üftun ftnbet fidj aber in ber neunten muftfalif djen 
Leitung eine SRejenfion über biefeS ©ebtdjt, meldte t>on bir 
gelefen ju werben uerbient. 3$ f)abe meinem SBerleger aufs 
getragen, fie an bid) jii fenben. 

Söiuftfalifa; betrautet, finbe i$ fie gut burdjbad)t — 
foUteft bu baf)er toitten^ fein, tyie ober ba eine Slenberung 
bamit t»or$unefmten , fo bitt' idj bidj, mir aisbann fogleidj 
eine ßopie banon ju überfdn'rfen, weil id> entfdtfoffen bin, 
bem öffentlidjen gutrauen nad) Sftöglidtfeit ju entfpreajen. 
£ie ßompofitionen r-on Naumann, SReiaparbt 2c. finb mir 
befannt ; id) bin jebodj überzeugt, baß noa) etwas SBeffereS 
ju (eiften ift. 

33ei SBreitfopf erfd^eint nädjftenS ein &eft fleiner Saßaben 
unb Sieber r»on mir, in welchem bu beinen bitter Joggen* 
bürg finbeft. 3m ^weiten gefte wirft bu SHe^rmartung 
aus beinern neueften 2ltmanad> ftnben. 3$ ^ffe, biefe 
$ompofitionen f ollen bir ntdjt mi&fallen. 

2Hein fe^nüa)fter Sßunfd; ift noa; immer ber: „eine 
Cper t>on bir ju ermatten". Sollte biefer nie bef rieb igt 



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Sumftecg. 



4S) 



werben tonnen? ßrfunbige bid), roeldje 8enfation meine 
Jlompofitton ber „GJeijler=3nfel" gemalt, vielleicht entfdjlicfjeft 
bu bidj bann etyer! gälte bu ntdjt abgeneigt roärft, fo er= 
roarte id) beine 33ebingungen, inbem id) natürlia^erroetfe btd) 
bitten müfjte, mir ba3 Stfanuffript ju überlaffen. Sd>on b u 
roürbeft mid) begeiftem — fteüe bir ooflenbS meine 2ln= 
ftrengung cor: nidjt unter bem SBert be$ ®ebid)te3 ftefyen! 
Sie 2Saf)l be3 ©toffeS ift bir, foroie bie Sluefüfjrung, Ä(eimg= 
feit! — 3$ würbe bid) jebod) bitten, it)n f)eroijd):fomifd) 
5U greifen. 3tucr) müßten jroei ginaleä notroenbig babei fein. 
Ueberlege biefe meine SBitte — oieüetdjt tljuft bu efier etroaä 
für ben greunb, als für ben Äompomften. SJJeine grau 
empfiehlt fid) bir. £ebe rooljl, unb roenn bir'3 möglich ift, 
fo erfülle balb bie 33itte beineä greunbeS 

3umfteeg. 

Stiller ift, roic fein anbrer Sinter, von roelfajen 
Sibrettiften geplünbert roorben; er felbft aber füllte offen- 
bar feine Suft jum 33erufe eines beutfdjen 3Wetaftafio. £ie 
uaterlänbifdje 3Jlufif oerbanft if)tn nur (Sine unmittelbare, 
mächtige Anregung: aus feinem „Sieb an bie greube", 
beffen f)of)e glugbalm fo oiele Äomponiften oergebenS ju er= 
reichen ftrebten, ift bie Neunte ©ijmpfyonie aufgegangen. 
@leidjroof)l tfjäte man unred)t, unfern 5Cicr)ter für unmufc 
falifa) ober gar für einen SJhiftffeinb ju galten. Sd)tHer 
liebte bie 2)tufif, roenn er fie aud) nie geübt tyat. (£r er= 
fannte bie 3)iad)t ber £onfunft, er fd)äfcte fie anbern fünften 
ebenbürtig, unb als er jur &it ber 2leftf)etifd;en SBriefe bem 
begriff ber ©ü)önf)eit nad)fpürte, ba prüfte er feine Sbeen 
aud) an ber 9)?ujif unb fd)(ug fid; — ber arme £id)tcr ! — 

Silber au4 ba 2d>ilkrj?it. 4 



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50 *«* feew fcfjiüäbifc&en ftreunbeöfreife. 



}o tauge mit ßirnbergers „deinem Safe" tyerum, bis er 
baoon etraaä roirr geroorben war unb ben mufttalifdjen 
greunb in £)re£beu um etroa£ mefyr 2\ä)t unb um ein flareä 
93ud) über bie £onfunft erfud;en muftte. 

$Die £f)eorie ber ^otenföpfe mar iljm geroifj ein ©reuet, 
bod? bem ßunftroerf felbft gegenüber füllte er fidj ntd&t of)ne 
Urteil, £ie erfte ©lutffdje Cper, bie er fjörte, entjütftc itjn, 
unb er foU babei gefagt ^aben: „Wlan wirft mir oft meine 
Unempftnblid)feit für 2)iufif oor, aber id) füfjle jefct, bafj e£ 
rootyl aud) bie Sdjulb ber SEufif geroefen fein mag, ba& id) 
ungerührt blieb." So erjä^lt roenigftenS Caroline t>. 2öol= 
jogen, wobei e£ immer nod) fraglid) bleibt, ob ber SBorrourf 
ber mufifalifdjen Unempfinblidjfeit roirflid) einem Wanne 
gemalt mürbe, beffen Senforium oom Klange ber (Saiten 
rounberfam belebt mürbe. 9)?an l)at jaf)treid)e 33eroeife, bafj 
Sd)iHer für ben Sinnenreiz be3 £one3 i)ödr)ft empfänglid) 
mar; jeber SRert) oibrierte in ifjm, wenn bie Singer entcr 
Saura ober aud) beä näd)ftbeften greunbeS burd) bie Saiten 
meifterten, unb allezeit blieb ifmt bie Sttufif, jeglid^e SKufif 
ein Öenufj, „ein flingenb greub", ber fd)önfte 2Beg sur 
bidj)terifd)en Stimmung. 2SaS i^m an ben Sdjroeftern oon 
SRubolftabt befonberä gefiel, ba3 mar iljr ßtaoierfpiel , tljre 
mufifalifd^e ftertigfeit, „bie nidjt ben fleinften £eil ber 
tyolung auämadjen wirb, bie id) mir bort oerfpredje". 2113 
er einmal feinen ftörner auf ber §armonifa fpielen f)örte, 
fam er au&er fidj unb freute fid) fd)on ber „fjofjen 3nfpi= 
rationen", bie tym ber ftlang biefeS SnftrumenteS »ermitteln 
tonnte. „SDu glaubft nid)t, roie mid) baä belebte," fd)rieb 
er ein anbereSmal an &uber, unb er^ätjlte iljm, roie in ber 



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3umfteeg. 



51 



(Stube über if)tn bie lieben 2öeiberd)en in f)äu$ltd)en ®e- 
fd)äften f)erumframten unb mitunter auf bem Älauier Hirns 
perten. 35>er ben!t ba nid)t an ben fröt)lid)en 33rief , ben 
einft ber junge SHojart feiner <Sd)roefter aus SWailanb fdjrieb : 
über tf)tn roofme ein SBiolinift, unter if>m aud) einer, neben 
if)m ein 6ingmeifter, ifjm gegenüber ein Cboift? „$a§ ift 
luftig jum komponieren, baä gibt ©ebanfen!" 

Unb fdjliejjlidj fei aud) ba§ 3 eu ö n ^ Streiters nidjt 
üergeffen, ber un3 fo rüf)renb unb Reiter juglcid^ bie mufc 
falifd)e @mpfängli(f)feit feinet greunbeS 51t erjäfjlen weife. 

muffen feltfame Sjenen geroefen fein, bie fid) in bem 
f leinen ©aftfjofe ju OggerStjeim abgefpielt f)aben, roenn $oftor 
<3cf)mtbt (Schillers gIüd)tUng3name) ben guten ©treidjer jur 
2lbenb$eit an« ßlatrier nötigte, toä^renb feines Spieles 
ftunbenlang im 3immer auf unb ab ging „unb nidjt feiten 
in unr»ernefimttd)e, begeifterte Saute auäbxoiü)". 2Bir braudjen 
feine meiteren 33eroeife für Sd)iÜerS muftfalifdje ®enufe= 
fäf)igfeit; bie angeführten jeigten jur ©enüge, bafe er mit 
ber Sonfunft auf bem beften gufee fknb unb raof)l aud) ber 
9)?ann geroefen märe, biefer edjt oaterlänbifdjen Äunft gute 
Sienfte §ü erroeifen. 3lbcr ber jroeifelfyafte 9tuf)tn be§ Cperm 
btd)ter3 t)atte felbfroerftanbltd) feinen ?Keij für ben Sänger 
beS „SBallenftein". 3 um fteeg3 ÖerjenSrounfd) ift nie in (5r= 
füllung gegangen. Dfjnefym waren feit jenem legten Briefe 
an Sd^itter bie £age be§ SfleifterS gejä^lr. 3lm 27. Januar 
1802 rourbe er plöfelid) oon einem Sdjlagfluffe fjinroeggerafft, 
nad)bem er nod) £ag§ juoor in einem iionjerte baS Crdjefter 
geleitet f)atte. 

llnferm £>td)ter ging ber Sßerluft beS Sugenbgenoffen 



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52 



2lu8 bem fd)iüä&i)d)en ftreunbesf reife. 



fef)r 5U gerben. 2tn §aug fdjrieb er: „3$ fjabe ben frity* 
Seitigen Xob beä guten 3umfteeg, auf3 fdmterjüdrfte beftagt, 
bcnn er gefjörte ju ben ebelften (Gemütern, bie tdj fannte, 
unb bie SBelt foroofjl als feine greunbe fjaben uncrfe^lid^ 
tuet an ü)m oerloren." gür bie in 9iot Hinterbliebene 
Familie fud^te Stiller nad) Gräften ©ute3 &u wirren, inbem 
- er jum Seifpiel 3umfteeg3 Over „(Slbonbocani" in Sßeimar 
§ur ÜIuffüt)rung braute, unb bewahrte fo bem toten greunbe 
bie eble ©eftnnung, mit ber er it)n im £eben beglüdt t)atte. 
$a3 anmutige 35ert)ältniö jmifd;cn £)id)ter unb -äftuftfer &u 
einem romantifd)en greunbfd)aft£bunb, ju einem glanjenben 
Sßerfetjr gnrifdjen jroei ebenbürtigen ©eiftern anfdnoellen $u 
motten, märe lädjerlidj. Sdjiller unb 3 um ft e *9 liebten fidj 
alz gute ilameraben. 3D* 3Serf)ältni3 führte niä)t $u roed)fel= 
feitiger fünftlerifd&er Anregung, baju maren itjre £eben§roege 
gii oerfd)ieben y unb ifjre geiftigen ßräfte gu ungleid), fonbern 
e3 rourjette oorroiegenb im (Bemütlia>n, in ber Erinnerung 
an bie gemeinfam oerlebte Sugenbjett. ©3 ift aber fein ge= 
ringet ©lud, ber ftamerab <5d)itter3 geroefen 51t fein, mit 
ir)m bie 9Zot ber afabemifdjen £age rebtid) geteilt unb bie 
©eburtsfhmben ber Räuber begeiftert mitgenoffen 311 t)aben. 
gür 3 um ft«g war bieä bie greube feine»? Sebent unb ift 
fjeute nod) ba$ £id)t feines Flamen«. W. 



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Sannefer. 



53 



Unter Sdn'tlerS fdjroäbiföen greunben, wir tonnten 
faft beifügen, unter ben Schwaben im allgemeinen, erregen 
jroei Männer befonbere 2lufmerffamfeit, weil fic auf ©eifte^ 
gebieten tfjätig waren, für bie fonft baS ©ä)roabenlanb nicht 
gar oiel probuftioe Gräfte ju pellen f)at. 2ötr meinen 
S)annefer unb 3 um ft ee 9 — i cncr c * n SMlbhauer, biefer 
ein 9Wuftfer, jener (;eute noch weltberühmt, biefer &u feiner 
3eit mm $eutf<hlanb Ijo^gee^rt. £annefer, beffen 33ilb 
junä<f)ft uns entgegentritt, ift ber Urheber ber befannten 
8d)iaer=S3üfte, bie l)eutc bie SBibliothef in SBeimar jiert unb, 
tyunbertfach nachgebilbet, fd)on (ängft bie 9ieife um bie ge= 
bilbete 2Bctt gemalt t)at ; er ift überhaupt ber erfte, ber 
es unternahm, bie 3 u 9 e oeg beutföen 3)ia)terS aus bem 
SJiarmor }u meißeln, unb eS mag gerabe in unfrer Qiit, 
bie an ©chißerbenf malern immer reifer wirb, intereffant 
fein, bie @ntftehungSgefa)ichte jenes erften Sdn'llerbenfmalS 
in beS ÄünftlerS eignen Briefen 511 lefen. 

lieber $>anneferS ^ßerfönlid)feit ^aben mir nur aüge= 
meinet t)oranjufä)icfen. Sein ßeben folgt in feinen ®runb= 
jügen ber althergebrachten ßünftlerlegenbe : bunfle Slbfunft, 
harte Qugenb, müheoolle £ef)r= unb 2Banberjaf)re, enblid) 
erroaS Sonnenfdjein unb guguterlefct Ueberflufj an Crben, 
Titeln unb lanbSmannfdjaftlidjer Verehrung — bieS finb 
im großen unb ganzen bie 3Jtarffteine feiner @ntnricfelungS= 
bahn. 3m Qahre 1758 als ber Sohn eines h^glich 
tuürttembergfdjen StaflfneäjteS geboren, fam er 1771 in baS 



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54 



2lu$ bcm fd)roä&ifd)en greunbeöfreife. 



nadf) feinem ©rünber ßarl benannte 3m$tf)au§ be3 fdfjroäbifdfien 
©eifte8, roo jroei 3a^re fpäter audf) ber $nabe Spider, auS= 
gefiattet mit einigen Slleibungäftüdfen, einem ^ßaar ©tiefe!, 
breiunboierjig ßreujern unb fünfjelin lateinifa>n 33üd)ern, 
untergebracht mürbe unb $um 2JJebifu£ ge$üd£)tet werben foflte. 
£>a man auf ber $arl3fd)u(e nidf)t m'el nadjj inbimbueHer 
Sefätyigung fragte, fo rourbe ber fleine £annefer anfangt 
jum Xänjer beftimmt unb fam erft fpäter, in feinem fünf* 
Sehnten S^e, jur 33ilbf)auerei, in ber er unter ©uibats 
Leitung rafdfje gortfd&ritte madfjte. $5a3 2tr$iö ber Slfabemie 
erjäf)lt rjeutc nodfj non ben m'elen greifen, bie er erhielt, 
nebenher audj) oon feinem „Unffeiß in ber matfyematifdfjen 
fieftion". 3m So^re 1774 tyatte ßerjog Äarl einen jonber= 
baren Einfall. £)ie Söglinge ber erften Abteilung, roorin 
©filier mar, fotlten bie grage beantworten, rcen fie unter 
fia) für ben ©eringften gelten, roä^renb bie 3ögKnge ber 
anbern Abteilung, ber 3umfteeg3 unb ©annefers, itjrc ßamera= 
ben nao) Dorgefd&rtebenen jet)n gragepunften f dt>riftlidt> fa)il= 
bern mußten, tiefer unnennbare SSerfua), ber Angeberei 
eine päbagogifdf)e ©runblage ju geben, r)at nod) lange fpäter* 
I)in feine SSerteibiger gefunben. 3 um ft cc 9 faßte bei biefem 
Einlaß von £)annefer, er fei äußertid) gotte£fürdf)ttg, f)abe 
eine gute $enfung3art gegen £)ura;lauti)t, bejeige fia) mittel* 
mäßig in ber greunbfdjwft unb niä)t aflju rein, fei aber 
forootyl mit fia) als mit feinem <5d)icffale aufrieben, fjabe 
mittelmäßige GJaben, roenbe fte jeboä) fo gut an, als er 
tonne, fei befonberä lebhaft unb ein roenig jänfifdf). $)a3 
etroaS fdfmöbe' Urteil be§ jungen SfluftfuS rourbe 511m ©lücf 
oon ben anbern 3öglingen nidjt beftätigt. 



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Sannefer. 



55 



3m 3a§re 1780 oerttefe 2)annefer bie 2tf abernte mit 
bem Xitel unb ©etyalt eine$ &ofbilbf)auer3, ging 1783 511 
gu& nad) <pari£, roo er fid& bei $ajou roeiterbilbete, 1785 
oon $ari8 ju gufj nad) 9tom, roo er mit (Sanooa fi<^ be= 
freunbete, unb fefjrte 1790 nad) Sdjroaben jurürf, roo er 
^ßrofeffor an ber ßarläafabemie unb im Saufe ber geit &of= 
rat, SHreftor ber Äunftfdmle unb ein aflerroärt* berühmter 
Äünfiler rourbe. 3« fpäteren Sauren pflegte er barüber ju 
fdjerjen, bafj e3 tfmt fo grofje 2J?üf)e gefoflet fyabe, ben 
„§errn" oor feinen tarnen ljin=, aber nodj oiel größere, 
if)n roiber roeggubrtngen. 

2113 (Stifter im 6pätfommer 1793 in bie föetmat reifte 
unb im 9flär$ 1794 (Stuttgart befugte, roar SDannefer unb 
ber Heine ÄretS oon ßünftlern unb ßunftfreunben, bie feine 
SBerfftätte belebten, fein Uebfter Umgang. 2)annefer fei ein 
roafjreä ftunftgenie, fd)rieb er an Börner, unb fein ®efd)ma<f 
burd) ben 2luf enthalt in 9tom oortreffltd) gebilbet. „34 
lerne oiet oon ifjm." SefctereS 2Bort gehört in bie ©efd)td)te 
ber äftt;etifd)en Briefe, bie ©filier um biefe 3eit begann, 
unb roirft einen fetten @traf)l in ba3 §albbunfel feiner 
bamaligen ©ebanfenarbeit. 9ftan barf roof)l behaupten, bafc 
erft in Stuttgart, im SBerfef)r mit bem fdjroäbifdjen 3)ieifter, 
aud) für bie bilbenbe Äunft ein ftarfeä S^tereffe bei unferm 
2>id)ter ermatte, unb fo manches SBort, baS in jenen Briefen 
lebt, oieleä jumal, roaS ©dritter barüber feinem SreSbener 
greunbe fdjrieb, ift ber 9tad)l)aH ber lebenbigen &ef)re, bie 
ifjm ber fdjaffenbe 5?ünftler gab. Dfyne es ju af)nen, ert)öt)tc 
$annefer bie geiftige Sßotenj bcö 2>id)ter3, inbem er fein 
äujjere» 93ilb oereroigte, unb btefer roufjte, roa3 er meinte, 



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56 2(uö bem frfjiüäbif^eu ftreunbesrreife. 

wenn er bie (Btunben, bie er 511 feiner SBüfte fafc, unter bic 
genußreichen feinet fäjroäbifdjen 2lufentl)altS regnete. 5Die 
33üfte war ein ÜNeifterftücf. £>er ßünftler felbft fdjeint jebo* 
r»on feinem SBerfe feine oolle 23efriebigung gehabt ju fjaben ; 
menigftenS ersäfjlt SdjillerS Sdnoägerin, bafj er nadfj ber 
lefcten geile ju ir)r in$ Nebenzimmer trat unb mit Xfjränen 
in ben Slugen fagte: ,,2ld), e3 ift boä) nidf)t ganj, wa3 id) 
gewollt tyabe." 3lber bie Unjufriebentyeit voiä) fr»äter bem 
glücflidfrften SBetyagen. SDieä fagt uns biefer Srief: 

Siebfter SJJann! 2Bertf)efter grcunb! Oft wirft bu ge= 
bad^t Reiben, 2)annefer fiat midf) ganj mit meinem Portrait 
oergeffen: ntemanb fönte e3 aber ärgerlicher gewefen fein 
als mir, bafe icf) foldjeS nicf)t bälber f)abe abfd)ifen fönen. 
(Stelle bir cor, lieber Schiller, fdjon eine lange 3 e ^ ^ atte 
td) baS 33ruftbilb ooHenbet, ber gormer fönte ni<f)t baju 
gebraut werben, unb als er e3 enblicf) unternahm mürbe fie 
aud) fo fdt>tedt)t, bafe id& 3)iür)e genug befam ben erften 2lb= 
gufe reparieren 511 fönnen, um oon bemfelben nur ein wenig 
Gtyre 51t erhalten (baä Reifet beinen Skofafl). 3$ ^ a & c c ^ 
fo gut mir möglid) mar naefy bem erften Original wieber 
auägebeffert unb werbe biefeS um feinen greife ^ergeben, e3 
ift unb bleibt mir fo lange icf) lebe heilig : fotlte idf) fterben, 
fo befommt'3 (mann e3 £)u anberft nid)t wünfdfjen wirft) - 
mein befter greunb. (53 ift fonberbar, al3 id&'S ooflenbet 
fjatte, ba bift bu 3 eu 9 e r 1° Ö^ficl eä mir niäjt, jejo bin icf) 
wie ein Narr oerliebt barein. 3$ muß bir aber audf) fagen, 
bafj bein SBilb einen unbegreiflichen Ginbrut in bie 2Jtenfcf)en 
macfjt: bie bid& gefefjen, finben e£ oollfommen älmlid), bie 



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Honnef er. 



5? 



vbid) nur au§ beinen Schriften fennen, finben in biefem 
SBilb me|t qU il)t 3&eal ftd) fÄaficn fönte. - 3* 
geftefje meine Eigenliebe, mir fommt nun aud) oor, ald 
irann biefe£ meine befte Arbeit, ba£ id) gcmadjt fjabe, märe: 
id) tyabe berroegen f$on cor einem 9)?onatl) 6arrarifd)en 
Marmor baju befteüt. §aft bu Gelegenheit, baß ein guter 
greunb ber fold)e£ roünfd)te: onjubringen fo rotll id)ä fo 
balb idt) ben Üftarmor Ijabe anfangen 100 £oui$b'or§ tft ber 
^keifc: id) f)abe mid) f)in unb l)er befonnen ob e$ nid)t 
möglid) roäre 2Bor)tfciIer ju mad)en, allein bie oiele gein= 
Reiten in bem Slopf unb Arbeit in ben paaren fagen mir 
fdjon im SBorauS baß id) tricle 3^it baju brausen roerbe. 
Sollte biefeS S3ilb einer in Marmor befoen wollen fo bitte 
id) bid) mirS ju fdjreiben, ba fanft aud) einen jeben oer-- 
fidiern, baß id) md)t um ba$ S3rob arbeite. — Marmor 
f)abe id) aud) oor meinen Slmor unb Sßfwcfce*) beftellt. — 
2ld) @ott taufenb ©an! cor beinen mir fo lieben Skief ben 
Slugenblif erhalte id) if)n, als id) an bid) fdjreibe roie t)abe 
id) if)n jejo fdjon fo oft gelefen! 2Bie oiel greube mad)t 
eä mir, baß id) nun benfen fan, baß bu unb beine liebe 
grau gefunb fetjn id) r)abe oor einiger Seit gehört bu roäreft 
franf, ad) baä ift mir gar eine traurige 9tadjrtd)t roann id) 
biefeS fiören muß. SBäre er nur r)ier roar blöjlid) ber 
SBunfdj oon uns greunben er roürbe geroieß gefunb werben 

fomme bod) §u un§ laße 3ena, 3^ na f c 9"/ fomm nad) 

©d)roabin, in <5dm)abin fenn braoe ßeute unb oiele fenn 

*) SBofjl bie beiben Figuren, bie 2). für Hönig 5öilf)elm in SOJar* 
mor ausführte. §eute im ^uftföloffe SRofenftein 6ei (Stuttgart aufs 
geftettt. 



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3tuö bem ffyoäbifajen greunbeSfreife. 

beine greunbe ba$ ift ja and) etmafe SSertf). — §öre e3 
fallt mir nod) etmafj roegen beinern 33ruftbilb ein, id) Jjabe 
eä mit einem Def)l getränft, bamit mann ungejiefer eS oer= 
fdjmujen foflte man eä leidet mit einem naffen ginger ab* 
roafd)en fan. (53 wirb oermuttylid) flefenb anfommen ftelle 
e3 aber nur in bie Sonne es wirb geroiefe einen gleiten 
Xon betommen, im 2Iu§gu6 fonnte man e8 nid)t rieten, 
bafe man garbe barein mifdjte, weil fo balb e3 reparirt 
werben mufe ber blofe ©ip£ f)ie unb ba ftd) geigt: id) fyabe 
atle3 propirt: genug oor biefjmal mit meinem gefd)tnier 
unb tjabe bir aud) nidjtä anberä ju fagen als mit gef)or= 
famftem ©mpfe^l an beine mir unoergefjlidje (iebe grau, 
bleibe idj) fo lang id) lebe bein bid) liebenber 

Sannefer. 

ßü&e mir I)er$lid) ben lieben (Sari*), u)ad)£t er brao? 
(Stuttgarb b. 22ten <5ept. 1794. 
9tapp**) empfiehlt ftdt) bir aufs befte. 

Sdnller antwortete barauf am 5. Cftober: „$ie SBüfte 
ift glüdlid) unb o^ne ben geringften geiler angelangt, unb 
id) fann bir nid)t genug für bie greube banfen, lieber 
greunb, bie bu mir bamit gemacht t)aft. öanje Stunben 
fönnte id) baoor fte^en unb mürbe immer neue Sdjonfjetten 
an biefer 3lrbeit entbeden. . . ©emifj ift biefe 3lrbeit e§ wert, 

*) ©cf)iHer8 crfter ©oljn, mäfirenb ber fa^roiibifajen Steife geboren. 

**) ©in Stuttgarter Kaufmann, Sanbfdjaftgmaler unb Äunftfenner, 
mit bem fid) fpäter aua) ©oet&e befreunbete. £>er alte Gotta bcjeiajnete 
it>n als ben geeigneten 9Jiann, eine Siograpljie ©dfillerS }U fdjreiben. 
(@. öriefroea)fel jroifcfjen edjiüer unb Cotta <3. 21.) 



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Honnef er. 



59 



bajj bu fie in SJiarmor auSfüf)rft, unb ein Häufer wirb ftd) 
geroifc baju fmben, wenn eS nötig ift. Sßenn meine ©cfunb; 
fyeit mid) nid)t l)inbert, eine Slrbeit auszuführen, mit ber idj 
jefct umgebe, fo gönne idf) bie Sflarmorbüfte niemanb anberS, 

als mir felbft." 3 u 9^ e ^ & at er ^ n um c * ncn 2l&gu& für 
feinen greunb Horner. SDannefer, roof)l oon ©efd)äften über* 
Ijäuft, antwortete erfl nad) einigen Monaten: 

©tnttgarb, b. 3ten 3)ecb. 1794. 

ßiebfter greunb! SBann idt> fdjon bir nidjt gleicf) auf 
bein bittiges öege^ren geantwortet fmbe: fo f)abe id) eS bod) 
nic^t jur $8ergeffenf)ett gruppirt. ©in SluSgufe oon beinern. 
Portrait oor beinen tfjeureften greunb ift gemadjt, unb roerbe 
jejo fud)en Qtit l n gewinnen um tfjn fo balb als möglid) 
511 repariren unb abjufdnfen. (SS tt)ut mir red)t roof)l, ba& 
bu fo fet)r bamit aufrieben bift unb greube baran ^aft. 3n 
Üftarmor wirb er (baS Reifet mein ©dritter) nod) roeit beffer 
ausfegen, bie geinljeiten burd) baS SEranfperente *) beS 
3)iarmorS geben genriefj bem Hopf nod) me^r grofeS; fie 
laffen fidt) aud) leidster unb beffer ausführen. 3$ roitt mi* 
aud) fo t)iel Sflülje geben erroafe heraus ju bringen ba& jebeS 
fagen mufe: eS ift gut! unb eS ift nid)t eines jeben Sadje 
fo ein 33itb ju madjjen. — ja lieber ©Ritter lad)e nur — 
lieber will id) fterben, unb baS fterben ift fo meine ©ad)e 
ni(f)t — als ber Sßelt nidjt gezeigt ju §aben, ba& id) oers 
biente bein S3ilb gemalt ju l>aben. lieber ©dritter, id) bin 
fo glücflid) feit bem id) beinen Horner befind id) fjabe ein 



*) StanSparenie. 



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2lu8 bem fajroä&ifäen ^cunbesfreife. 



©ujet barauä. genomen, e£ ift tote Jgector feinem SBruber 
23ornntrfe madjt. id) fteHe U)u ctnjel cor unb mad)e §ttm 
^entent*) $ari3 wie er feine Staffen Hättet unb bekämt 
auf feinen Sruber l)ord)t. bem §ector tjabe id), (wie bir 
befant femt tmrb, bafc jebe gigur einen §alt fyaben mttfj 
j. 33. einen ©tarn von einem 33aum u. b. g.) einen bret)= 
ef igten föaufjaltar gegeben worauf id) einen §au6 Worte 
fteüe, id) frage bid) aber um 9tatr) ! fönte ia) nia)t bie juno 
als bie S3efa)üjerin tum £roojon ober bie SSenuS ober aua) 
9)Hneroa barauf ftellen? — unb bann roünfd)te id) eine 
grtd)ifa)e 3nf$rift ju f)aben, bie mit ein paar Sorten fagte, 
bafe biefeS 33ilb im 3iwroe* mm ^aris ftefjet, ba glaube 
id) mann id) bie oenuö mad)te, fo märe leidster etroafe f)er= 
oor^ubringen befonberS roegen bem greife ben fie bura) ^ßari£ 
erhalten — bod) fällt bir etroa ein (Sebanfe §eute ober 
9)?orgen ein fo (aß mia) tt)n boa) in Stein oereroigen. — 
Seine liebe gr(au) ©dnoägerin unb §crr Sd)ro(ager)**) be* 
ftnben fid) red)t roofyl e£ freut mtd) t^erjlidE), baf? 6ie in 
(Stuttg. fet)n. Söann nun aud) 2)u mit beiner lieben grau 
unb (Sari l)ier roäreft! — 2ld), roenn fid) ba$ madj)en liefe! 

meine liebe grau empfiehlt fid) bir aufs &öflid)fte, 

ttmnfd£)t bir mit mir oolle (Befunbfjeit, empfehle bodj aua) 
mid) beiner mir unoergefelid^en lieben grau unb füffe in 
meinem 9ial)men beuten lieben Garl, ad) ia) glaube it)n 



*) ^enbant. 

**) Caroline t>. 23eulroi$, anfang« 1794 oon ifjrem erftcn Planne 
gerieben, f>atte ft$ im §erbft beS ^afjreS mit 2£ilf)elm o. S&oljogen 
oermäljlt, bemfelben, in beffen Begleitung ©Ritter ba$ Sengefelbjdie 
6auö jum erftenmal betrat. 



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61 



tuirgiid)*) cor mir 51t läuten fefyen, feine Slugen glätten fo 
fdjön! er wirb jejo red)t lebhaft feim unb oiel »laubern. 
Sebe toof)l, unb benfe 511 weilen an beinen bid) eroig t)er- 
e^renben $annefer. 

9?el)me bodf) nid)t übel bemu jufamenlegen finbe id), 
bajj id) oerfefjrt biefe Seite gefcf)rieben l)abe, aber id) war 
fo im (Sifer bafe — 

£er Srief nimmt jroei Cuartfeiten ein. SBetm Um= 
roenben Ijatte S)annefer baä oberfte juunterft geteert, bal)cr 
fein feltfameä Sßoflffrtptum. Gr Ijanbljabte eben ben 9)ieifjel 
gefdjiäter als bie geber; feine ©d^riftjüge f)aben ettoaS ftinb^ 
lidjeä wie fein ©eplauber, nnb bafe er auf ber ÄarlSfdjule 
beffer jeidjnen als ortf)ograpf)ifd) fdjreiben lernte, wirb iljm 
gewifc niemanb oerargen, wenn aud) jeber feiner 6$reib= 
fehler einen fleinen ^Beitrag jur ©efdf)icf)te biefer 8d)ule 
bilbet. @in warmer fünftlerifdjer ©inn fpriäjt au3 feinen 
Briefen, baä ifl bie gauptfa^e. 2>er oorftefjenbe 23rief 
fdfjeint uns übrigens befonberS lefenSmert, weil mir bariu 
unfern Stfdjter auf einem gan$ neuen SSege betreffen unb 
ifm jum erftenmal als unmittelbaren Sflat unb SBeiftanb ber 
bilbenben $unft fennen lernen. 3118 er in Stuttgart bem 
Sugenbfreunbe eine greube madjen wollte, fdjenfte er it)m 
bebeutfam ben „&omer", bie Söibel beS 23ilbl)auerS, au« ber 
fd)on fo oft baS befeelenbe SBort für ben Marmor flog, unb 
an biefem Ctuett, welkem S)annefer, fo fdjeint eS, bis bal)in 
ferne ftaub, erfrif^te ber ßünftler ben fd)öp ferif d>en ©ebanfen. 



*) 2öirfli(f>, b. f). in biefem 2lugenbltcfe. 



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62 



2lu3 bem f<$roä6ifd)en ftreunbeafretje. 



SBotyer roäre if)m audj Anregung gefommen, wenn nid)t au§ 
ber Sßoefte? fierjog Slarl, bem feine $unft gu bienen f^tte, 
entbehrte be3 toasten ©d)önt)eit3finne8 unb ermübete ttyn mit 
bem eroigen einerlei ber ©enien, Amoretten unb ßarnatiben, 
bie er für bie prunffjaften geftinfäle ber f)erjogltd)en Suft= 
fd)löffer oerfertigen mußte. 2lu^ ©oet^e finbet an biefen 
nid)t3 ju berounbern, außer etroa eine geroiffe oornehme 
*prad)trid)tung olme ©efdjmacf. ©egen bie rüdfid&tStofe ^ed^ 
Ijaberei beS &er&og3, ber baä SBefte wollte, aber faft immer 
fein 2BoUen für baä SBefte $iclt, müffen bie Stuttgarter 
ßünftler einen fdjroeren <5tanb gehabt fcaben. 9ftan hört 
iJ)rc klagen in biefem (Schreiben unfrei 2)anne!er: 

SBerehrungSroürbigfter greunb ! 2)er Ueberbringer biefeS, 
9k§meng SBujen ©eiger fam biefen 2lbenb in mein Ülttelier 
um 2lbfd^ieb oon mir gu nehmen, er fagt mir er gehe nach 
Sena, unb gleich fuljr mir§ burd) §erj unb ßopf bid) liebfter 
Wann fa)riftlid) unb herzlich gu grüßen. id> beneibe biefen 
guten Sttann baß er bid) fielet, ta) roünfctye gern an feiner ©teile 
^u fegn, bu roarmer 2J?ann roürbeft mich geroiß roieber auf= 
gefrühren *) , geht eä bei) un£ fo fort roo ©irlanben unb 
£f)atralifcf)er ©d)muä bie §aupt Sollen fbielten fo brauet 
bie Jhmft Prüfen, fleißig bin id) baä ift wahr, aber an 
©dm)img unb 2ln (Sifer fefjltä ich mang machen roa$ ich 
null, fo oerftehts feiten jemanb, gefährlicher aber ift3, roann 
bie ©rofen glauben, ba fte in ihrer 3ugenb geichnen gelernt 
haben, fie oerfteljen bie ftunfit, unb roeil fte grofe fenn bann 
auch beftimmen MefeS ift ©d)ön. — 9lber roaS fdjretbe id) 

*) 2Iufaefrieren, auftauen. 



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Sannefer. 



63 



cor unnötiges Dcrjei^c mir, mein erfter roärmfter 

28imfd) ift ju roiffcn nrie bu lieber lieber 9)?ann, beine mir 
unoergefelidje ÜcbcnSroürbigftc grau unb lieber (Earl fid) be= 
finben ! fdjreib mir'« bo<$ einmal, jebeS SBort r>on bir bleibt 
mir ein &eiligtf)um. 9Mn liebes SBeibdjen bie mirgltdj 
neben mir figt unb in beinern mir doppelt faßbaren 9)iufen 
attmanad) liefet empfiehlt fid) bir unb beiner SSortrefflidjen 
grau aufs freunbfdjäftlidtfte fie tüünföt aud) beinen lieben 
(Sari l)er$tid> ju fügen. 2ld) ber mufe jejo fefjr lieb feint! 
— 3Wein ©rofer ©djtuager Stopp, ber mit mir, offt fo manu 
oon bir f bricht empfiehlt fid) aud) aufs befte, fjeute Wittag 
bat bie grofe ©djmägertn mieber ein aufferorbentlid) fd)öne§ 
2Räb$en jur Söelt gebraut, fie ift ©ottlob mit bcm tötnb 
redjt gefunb. 

granf fott nun balb bein Portrait 51t Gopiren anfangen 
er gittert nodj ju fefjr um im Keinen e3 orbentlid) madjen 
ju fönnen. 2Hein Marmor oor bein 33ruftbilb ift nod) nidjt 
angef ommen td) bin fefjr mifeoergnügt barüber bie Garrariner 
wollen wegen ben gran^ofen ntd)t trauen ertrag abjufd)ifen. 
eS f erlagt 2tdt>t Utn*, unb jejo gefjt eS 511 unferem ßränjte, 
ba§ i;etj3t jum 9tod)teffen. £ebe ©efunb mit SDeiner lieben 
grau unb ßtnb, ba§ münfdjt geroieg oon Serjen bein bid) 
mit SSoÜfommenfter £od)ad)tung unb Siebe ergebender 

©tuttgarb b. 6t. april 1796. t ftannefer. 

Sroifdjen biefem unb bem üorf)ergef)enben Schreiben 
waren 9lbgüffe ber SBüfte an Börner unb 6d)itlerS S3ater 
gefenbet roorben. 3lud& in Bresben erregte fie baS größte 
2luffef)en, unb Börner war baoon fo begetftert, bafj er bem 



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64 



2luö bem fc^n?ä6ifc^en ftreunbeSfreife. 



ßünftler einen 9htf nadj 6ad)fen oerfdjaffen roottte, oon bem 
fid) aber <5d)iHer feinen ©rfolg rerfprid^t: 2IuS ®anf barfeit 
gegen ben &er$og roerbe S)annefer (Stuttgart nie oerlaffen. 
$on einer befonberen £ebf)aftigfeit beS 33riefr>erfer)rS jroif^en 
ben beibcn Sugenbfreunben ift nidjts ju oerfpüren. (Stiller 
pflegte jur pertobifdjen 2tuffrifct)»ng feines 9lnbenfenS ein 
©jremplar ber „§oren" burd) Cotta 51t fenben, unb von 
£annefer beftfcen mir nodj (Sinen auf bie 93üfte besüglidjen 
©rief, auf ben (eiber bie Antwort fef)lt: 

Sieber, mir fdjäjbarfter greunb, ©nblia) fjabe id) meinen 
fd)on längft beftellten (Sarrarifdjen SJtarmor erhalten, er ift 
oon ber fdjönften 2lrt unb fdjetnt mir aucf) ol)ne glefen ju 
fetm. id) bin fo fren bie grage an bia) &u mad)en, ob bu 
nid)t auf beiue Sfedjnung bein S3ruftbilb in SHarmor auS= 
geführt fjaben roiHft? id) mad)e bir jugleid) wegen ber 33e= 
5af)lung einen 93orfd)lag ju roeldjem bu bequem bid) oer* 
ftetjen fönnteft: ba ift, 2 3af)re Swings Seit, nefymlid) jebeS 
l)albe 3>af)r 25 LouiscVors, follteft bu aber feinen Suft baju 
fjaben, fo fei; fo gut unb fdjreibe mir einen beiner 3>erel)rer, 
bamit id) mia) an ifjn roenben fann. id) geftetye eS, bafe id) 
gar 51t gerne bein ©ruft SBilb in Marmor auszuführen 
tuünfdjte, aud) follte id) glauben, baß eS bir leid)t wäre einen 
Siebfjaber ju beinern 93ruft 23ilb in Marmor ju befomen, 
in bem beine $erftd)erung baß es gut gemacht toirb, — 
mefjr geroidjt r)at als beS ßünftlerS eigenes ©eftänbniß in 
bem man eS leidjt oor Eigenliebe aufnehmen fönte, id) 
würbe mir bie gröfte 3)iür)e geben, baß meine 5lunft aud) 
nod) ben 25*ertf) beS ^ortraitS err)ör)te. Sei) fo gut lieber 



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Eannefer. 



65 



©d)iüer unb gebe mir halb -i)tod)rid)t deiner ©eftnung, 
benn jeber £ag ift mir SBertuft unb meine 93egürbe 
gefeffelt. — 

(£S fürd)tet fid) f)ier jebermann nor ben granjofen, nor 
3 £agen fenn fte ben ßefjt über ben Dttjein, haben bie 23rüfe 
hergeftellt, unb bie ©d)roaibifd)e rei)f Gruppen nad) grofem 
SBieberftanb 2 ©tunbin weit jurüf gebrängt, $ie Sinien 
ben $ef)l ^aben unfere ©olbaten 3mal nerloren unb niele 
fenn jufamen genauen §auptm. geioolin ift gefangen faft 
alle Stabs officir fenn Slejftrt, unb nun erwarten fte §Ufe 
von ben $anferlidjen. 

3d) f)öre $u meinem gröften Vergnügen bafj beine ©e= 
funb^eit fid) beffert, beine liebe grau au( h * n einem glüf- 
lidjen Umftanb ftd; befinbet unb ber liebe (Earl herbenroadjft. 
3flein liebes 2Beib<$en unb bie grofe 9Rappifd>e empfehlen 
ftdj> mit mir aufs freunbfd)äftlid)fte mit bem roärmften SBunfd) 
bid) immer gefunb ju roiffen. 

£>ein bid) eroig oerefjrenber greunb 

©tuttgarb, b. 25ten Sunt) 1796. $)annefer. 

3m £erbft 1797 reifte Öoettje nad) ©dnnaben, non 
©d)ifler mit Empfehlungen an feine greunbe r»erfef)en, bar= 
unter aud) an ©annefer, ber fd)on non 9iom l;er mit ifjm 
befannt roar. 3n feinem Sltelier faf) er einen „£eftor, ber 
ben SßariS fd)ilt", ju bem ber $ünftter ben ©ebanfen aus 
©djillerS £omer geholt unb atterfjanb praftifd> ä$infe non 
bem $iä)ter erbeten hatte. £>ie ©ruppe, fcheint eS, ift nie 
in Marmor ausgeführt roorben. „5BaS mid) aber befonberS 
frappierte/' fdjrieb ©oetfje an ©dritter , „roar ber Original« 

©Uber ou8 b«r S<btU«r}eit. 5 



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66 



SluS bcm fc^wöbifc^en ^reunbeef reife. 



Sluägufe oon Sfjrer 33üfte, ber eine foldje 2öaf)rl?eit unb 
2luSfül)rlid)fett fyat, bafj er tütrflic^ (Srftaunen erregt." 2Bie 
einft Spider, fo oerbrad)te auc^ ©oet^e manche roeä)felfeitig 
anregenbe Stunbe mit 2)annefer unb feinem (Sdnoager Stopp, 
unb e3 mürbe ifnn julefet fo roofjl bei ben tüdjtigen Sdnuaben, 
bafe er fiä) entfä;lo6, ifmen ben iQermann xjorjulefen — 
ein fd()meiä)ell)afte3 3 e *<$ en feiner Stdjtung. $>annefer felbft 
fdjrieb über feinen SBerfeljr mit ©oetfje an SBiljelm t>. 2Bol= 
jogen (Siefje 9iaä)lafj ber Caroline o. SS.): „0, id> bin 
äufeerft glücfliäj, einige fä)öne Meinungen, bie mir nun (Se* 
fefee bleiben, oon iljm gelernt ju f)aben . . . Xäglid) raaren 
mir beifammen, unb er mad)te mir ein Kompliment, ba3 i<$ 
für grofj t)altc, inbem er mir fagte, nun fyabe icf) Xage t)ier 
t>erlebt, nrie id) (ie in Rom lebte." 2lber nad) bem rafd) 
oerbunfelnben ©lanje, womit baS (nrfdjeinen eines ©oetye, 
eines <Sd)iHer bie ©riften^ beS SMfterS erhellte, fam roieber 
bie fd)Umme Seit merftäglidjer 3roang8arbeit , unb jahraus 
jahrein roieberfjolt ftd) feine fd)üd)terne Klage über bie ©eift= 
lofigfeit unb bie unfünftlerifdjen 2lnfprüd)e ber fdjroäbifdjen 
9Jtebicäer. 1798 l)ätte er beinahe einen Ruf nad) ^eterS* 
bürg angenommen, benn er feinte ftd) nad) einer „größeren 
Künftterroelt" unb roottte „mistigere 6ad)en ausführen, aU 
©npäföpfe reparieren", ©r flebte aber &u feft an ber ©djolle, 
bulbete lieber unb begnügte fid) bamit, feinem Kummer mand)= 
mal ßuft ju geben in Klagen über „geftgefdmiier unb 33üften= 
Reparationen otyne <5nbe". 3n feinen fpäteren Briefen an 
bie gamilie Sßoljogen begegnet man ba unb bort Rad)ridjten 
über bie Sd)tller=93üfte, bie immer nod) it)rer Sßoßenbung in 
9J?armor tmrrte. „®ann muß id) 6d)iller3 93üfte enbigen," 



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£<mnefer. 



67 



Reifet e§ in einem 93riefe oon 3 anuar 1801 • 3 m gebruar 
1805 fdjretbt ©filier an Gotta, er möge Sannefer bitten, 
ba§ ©efid)t oon feiner 93üfte abgießen ju laffen nnb bireft 
an £ifcf)beiu (3of). griebr. Stngnft) nad) Seipjig &u fchtden. 
„Siefer hat mid) gejeidmet, weil er aber feine 3*it ju einem 
aufgeführten 33ilb hatte (ba ich franf mar), fo nrimfd)t er 
feine 3ei<h nun 9 <mi ber 93üfte ju berichtigen." ©ierauf be; 
$iel)t ftd) nadjfolgenber S3rief be§ SMlbhauerS: 

©tuttgarbt, b. 6. 2lpril 1805. 

Ser Ueberbringer biefcr paar Stiltn, ift ©crr (5d)toar$ 
oon 23ruchfal ßhurbabifdjer 2Jrd)iteft. (£r h<*t mid) gebetten 
ein empfef)(ung§fd)reiben auf feine DJeife nad) SBeimar an 
Sich lieber, lieber ©Ritter mit ju geben. 3$ roeife nicht, 
ob Sir e<8 angenehm fetm roirb wenn Su burdj einen 33e* 
fudj unterbrochen wirft. — S3erjeu()e. — (£3 ift ein fehr 
artiger -äJcann, t;abc ©ebult, er fann Sir bafür ettoaß oon 
Seinem SBatterlanb erzählen. Sie SBeforgung für einen 
SluSgufe oon ber 2Rafque deiner 33üftc habe ich gemacht, 
§err £ifd)bein foüe es nidjt übel nehmen baß er fie fo 
fpäth erhält, benn ich mußte fie befonberS formen laffen. 
Sie ältere gorm ift mir abljanben gefommen, fie geht mir 
oom Serben roenn ich 9^<h oa§ Original unb ben Üftarmor 
be^e. 

2J?ein liebes SBeibchen empfiehlt fich S>ir unb Seiner 
unö unoergeßUchen grau auf* freunbfdjaftlichfte : ja mir 
haben eine ©ehnfudn" Sich imo bie liebe Seinige roieber ju 
fehen. 



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68 



2Cu3 bem föroäbiföen greunbestreife. 



25Mr fjaben Hoffnung bafe £u $id) biefeS 3af)r jeigen 
roerbeft, fei) nid)t f)art, ba$ roünfd)t 

£>ein $id) eroig oerefjrenber 

Sannefer. 

£er grofe 9iapp freut ftd) ebenfalls auf £>ein ^Bieber* 
fef)en. — 

SBci ber ßunbe oon beut £obe be3 S)td)terS erroad)t bem 
Äünftler jum erftenmal ber ©ebanfe, fein 23ilb foloffal au3= 
5ufüf)ren, uub er fd)reibt barüber, ntebergebrticft burd) bie 
Trauerpoft, bie er anfänglitt) niä)t glauben wollte: „ . . . 3l;r 
93rief erfd)re(ite mid) nun ganj, unb id) fürd)tete mid), ir)n 
ju lefen, fing an unb warf i^n bei ber erften 3cUc roeg . . . 
id) wollte roeiterlefen unb fonnte nidjt . . . id) glaubte, bie 
SBruft mü&te mir jerfpringen, unb fo plagte mtd)'3 ben ganzen 
£ag. SDen anbern borgen beim <5rroad)en roar ber gött* 
lid)e SKann oor meinen Slugen, ba fam mir'3 in ben ©inn, 
id) roitt ©d)iHer lebenbig mad)en, aber ber fann nid)t anberä 
lebenbig fein al£ foloffal. 6d)iller mufj foloffal in ber 
Söilbfjauerei leben, id) roitt eine 2lpotf)eofe." 2lu8 feinem 
anbern 9Nunbe l;at bie Trauer über ben SSerluft be8 beutfd)en 
£id)ter§ fo roaf)r, fo Deftig unb fo fd)ön gefprod)en, unb 
be3f>alb möge e8 und aud) geftattet fein, ben ßünftler auf 
eine ©efunbe bei ber 2lu3füf)rung feiner au£ Sd)merj unb 
Söegeifterung gebornen 51t überrafd)en unb ju geigen, 
mit rocld)em (Sifer er biefel6e gegen bie allerf>öd)fte 93egriffS= 
ftüfcigfeit &u fd)üfeen roufete. 3n feiner lebhaften, anfd)au= 
lid)en Söeife fd)reibt Sannefer im Januar 1806: „$or fed)$ 
28od)en roar mein ßöntg bei mir im Sltelier. SBie er 



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Sannefer. 



l>9 



©Ritter faf), fagte er: ^pofctaufenb roie groß! — Stber warum 
fo groß? — 3$: 3^r £urd)laud)t, <Bd&iöcr muß fo groß 
fein. — Slber toaS wollen Sie bamit maa>n? - 3$: 3*)* 
®urdjlaua)t, ber ©dnoab muß bem ©c^roaben ein Wlomu 
ment matten." 3 roe i 2lntioorten, bie man in 9Jfarmor 
f treiben möd&te, fo einfad) unb ebet [inb fre, fo ganj «ncä 
StteifterS wert, beffen Äunft nid&t lange nad) 93eftettung 
fragte, fonbern bem SRufe beS fierjen^ ge^ordjte, nur um baS 
©ine beforgt: ber greunbfajaft ein toürbigeS Sotenopfer ju 
bringen. 

2BaS bie 2Jtormorbüfte in lebensgroße betrifft, fo er* 
galten mir im SJJärj beSfelben 3*f)re3 bie 9taa)rid)t itjrcr 
enblidjen Sßollenbung: „£>en 8. 3Kärj $abe ia) bie S3üfte 
oon ©d)iller über Dürnberg gefdn'ät. 9JHd> foU'S freuen, 
wenn man in SBeimar bamit jufrteben ift, id) glaube, baß 
biefe SBüfte für bie gamilie am intereffanteften fein mirb, 
toeil fte fo ftreng nad) ber 9totur gefertigt ift. üfteine Stoloffal= 
büfte werbe id) freier bearbeiten, of)ne bem (Sfjarafter 511 
fdmben." $iefelbe fd&mücfte fpätcrl)in StanneferS 2lntifen- 
faal, roofelbft fie, irren mir nidjt, bis ju bem Xobe beS 
•iReifterS oerblieb. (Sotta fd^reibt barüber an Charlotte 
0. ©dn'Uer am 7. 3uni 1808: „3n Stuttgart, 100 id) meine 
gamilie abholte, oerlebte id) einen rütyrenben 2lbenb. ftannefer 
meiste feinen 2lntifenfal ein, in bem bie SBüfte unfreS oer= 
etoigten greunbeS eine fdjöne ©teile einnimmt. @r mar ber 
£aupt»unft unfrer Unterhaltung, unb als jtoei ber gefdjmads 
üollften £onfünftler „greube, fdjöner ©ötterfunfen" uns oor= 
fangen, toer fonnte ba bie Sfjränen ber SBeljmut, SSereljrung, 
©el)nfud)t, $urü<ff)alten? 2ld), er lebt ewig unter imS!" 



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70 2lu$ bem fd)roä6ifdjen ftreunbeäfretfe. 



Sanneter fctbft ftarb 1841, oierunbadjt&ig 3af)re alt. 

Sßir fdjlie&en f)ter unfre Mitteilungen über ben erften 
carrarifäen Sftarmorblocf , roelc&em bie Sfyt Sdn'tterS für 
bie ßroigfeit eingegraben würben. SBtelletdjt §aben unfre 
SBriefe baju beigetragen, 2)annefer3 Anteil an ber geiftigen 
ßntroiäelung feines großen SanbSmanneS in etroaS fdjjärferem 
Staate ju jeigen. SDurä; il)n erhielt Sdjiller ben erften fetten 
(Sinbluf in eine ümt bi^er frembe Sßelt. £er Sinn für 
bilbenbe Slunft, ben er bann in <3oet$e$ Umgang fo oielfad) 
befru<$tete, berührte ifm, jum erftenmal tiefer f)inabgretfenb, 
in ber Söerfftatt be3 Stuttgarter 33ilb^auer§. ©dritter 
jaulte bie neue Anregung mit poctifajen &\n)tn, mit bem 
Söunber feiner alles belebenben, nad) allen Seiten l)in 2\ö)t 
fpenbenben greunbfäjaft. So entfhnb jimföen SDt^ter unb 
Äünftter eine golbene SBrücfe, auf ber bie §öd)ften Gräfte 
be£ 9ttenfd)engeifte3 ju tued)felfeitiger fiilfe unb (Srleudjtung 
fid) begegneten. W. 



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Die Itöpiiger Jvmnüt. 



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3 wirb einem ba§ §erj wann, fo oft man ben SBrief 
lieft, ben einft ber junge Stiller mitten in ben Stürmen 
unb Birten feines legten Sonnleitner SlufentljalteS oon oier 
unbefannten $erel)rero aus Seipjig erhielt. SDie SBegeifterung 
für ben 2)idjter ber üiäuber, be3 gieäfo unb ber fiuife 
SJiißerin fpridtf in biefen 3e\Un fo ganj o^ne Lebensart, 
in fo juoerfi(f)tli(^en, tief heraufgeholten £önen, bafj man 
fi$ üerfu<$t fü^lt, baS ©^reiben für eine prooibentieüe 
SNotroenbigfeit ju galten unb mit SajiHer ju fagen: biefe 
■äJtenfdjen gehörten i^m, er gehörte biefen 9)fenftf>en *). £em 

*) 3)er SBrief begann fotgenbermajjen : „3u einer Seit, ba bie 
Äunft fitt) immer meljr $ur feilen ©flaoin reifer unb mäßiger ©ol= 
lüftlinge §erabroürbigt, tl)ut e« rooljl, wenn ein grofjer 3Hann auftritt 
unb jeigt, roaS ber SDtenfa) aua) jefct noa) oermag. 2)er beffere Seil ber 
9flenfajf)eit, ben feineö ßeitalterS efefte, ber im ©eroüf)t auggearteter (Se* 
fd&Öpfe nad) ©röfje fdjmadjtete , Iöfü)t feinen $urft, füljtt in fia) einen 
©cfynmng, ber il)n über feine 3^itgenoffen ergebt, unb ©tärfung auf ber 
mtttjeoollften Saufbafjn naa) einem rottrbigen QieU. 2)ann möajte er 
gern feinem HBofyttfyäter bie .§anb brütfen, iljn in feinen 3lugen bie 
Xljränen ber 3=reube unb ber SJegeifterung fefjen laffen — bafj er aud) 
ü)n ftärfte, wenn U)n etwa ber 3 TDC *f c ^ mübe madjte: ob feine 3*it* 
genoffen wert mären, bafj er für fie arbeitete. — 2)ie§ ift bie SSeran; 
laffung, bafj ia) mia) mit brei ^Jerfoneit, bie inSgefamt roett fmb 3f>re 
SBerfe ju Iefen, »ereinigte, Sfjnen ju banfen unb au ^ulbigen." 




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74 



35ie fieipjiger ftreunbe. 



33riefe waren finnige ®ef($enfe beigelegt : eine f<$ön geftidte 
$kieftafdje, bie Äompofition eines Siebet au£ ben SRäubem 
nnb bie 33i(bniffc ber imbefannten greunbe unb greunbinnen. 
<Sd)itter, ein flennet aller <Sdj)önl)ett, mag roof)l feinen erften 
39tid ben beiben grauenprofilen gefd&enft t)aben. Santer 
Seelengüte unb ruhige £eben3freube blidten if)tn aus bent 
einen ©eftdfjte entgegen. Ungemein fanfte, regelmäßige 3 ü 9 e / 
ber 3ttunb gutn £ad;en ober jutn Hüffen halbgeöffnet, meines 
blonbeS §aar, hinten tum einem (Seibenbanbe burdtifd&lungen, 
in jroanglofen Soden über ben Staden falleub, ein mäba>n= 
f)after ©lang in ben Reiter blidenben Slugen — fo roar 
9)?inna 6tod, bie £od)ter beS befannten Seipjiger Tupfers 
fted&erS, bie ©penberin ber fdjöngeftidten 33rieftafdf)e. 3!?re 
etwas ältere ©d&roefter 2)ora, eine ed)te flünftlerin, beren 
(Stift bie oier Porträte gejeid&net f)atte, mar bei aller Siebend 
roürbigfeit oon härterer Slrt ; il;r ©efidf)t fyatte einen fdfjärferen 
Umriß, unb in feinem 2lu3brude fdf)ien (Srnft mit 3 ron t e 5 U 
ftreiten; ber Üflunb mar ooll SBebeutung, beftimmt unb feft 
gefdjjloffen, roie ein 9Kunb, ber viel ju fagen l)at unb otel 
oerfd&roeigt. 

2lu$ bie männlitijen Porträte oerbienten bie banfbaren 
33lide be$ $idj)ter3. ^rioatbojent Börner, ber ©Treiber be£ 
Briefes unb flomponift beS Siebes, roar bamalS adf)tunbs 
Sroanjig Sa^re alt ; in feinen ftarf markierten gügen las man 
oiel 9?ul)e, SBillenSfraft unb ^enfdfjenfreunblidftfett, über* 
(jaupt einen fertigen (Sfjarafter; er roar, ins 9ftännlid£)e über= 
tragen, baS ©benbilb ber frönen 3)ora, unb übereilte -ölenfd&en 
I;ätten rooljl aus ben beiben ein ^Baar gemalt, roenn nid^t 
ber roeifere $u\aü feit Sauren fdjjon ben Seipjiger $riuat= 



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9Jon 2)icmnf>eim nad) Seidig. 



75 



bo&enten an ba§ Sdjtdfal bcr jüngeren Sdjroefter gefettet 
Ijätte. Börner unb 3)iinna waren Söraut unb SBräutigam, 
roäfjrenb ba3 &erj SDoraä bem werten im SBunbe gehörte, 
einem faum jroanjig jährigen Knaben mit einem offenen, jiem= 
lid) f)übfd)en, roenn aud) jtemlid) unbebeutenben ®efid}te. Gr 
fjiefj Subroig gerbinanb §uber, mar um oier $al)xz 
jünger als feine Verlobte, t)atte nod) feine f(ar bezeichneten 
Sebenäsiele unb fuc^te feinen SBeruf oorber^anb in ber Siebe 
unb im (5ntl>ufta3mu3. £>urd) feine Slbern flofj gemifd)te3 
33lut. ©in fd)lid)ter banrifdtjer S8auernburfd)e, mar fein 23ater, 
man roei& nidjt mann, nad) ^ariS gegangen, geriet bort, 
man roeifc nidjt wie, unter bie ©a^riftfteüer, oerfetjrte mit 
SMberot unb Xurgot, heiratete eine granjöfm unb fam eine« 
£age3 mit Söeib unb Äinb nad) Setp&ig, wo er jum Uniocr= 
fitätSprofeffor ber franjöfifdjen (Sprache ernannt mürbe. SMefe 
fdjeint bie UmgangSfprad&e im §aufe be3 öerrn ^ßrofefforö 
gewefen ju fein, mie benn aud) ber junge gerbinanb geber 
unb $\mQe frü^eitig an bie welfdjen Saute gewöhnte. (£r 
mürbe fpäterfjin fiel in ber SBelt untergetrieben unb ift 
fd)on wegen feiner oerroorrenen ©dndfale ein merfroürbiger 
3Wann. $>odj lebt er im ©ebäd)tniffe ber 9iad)welt oor allem 
als 93ufenfreunb SdjillerS, al3 einer jener eblen s Jttenfd)en, 
beren Siebe ben 2Md)ter in einer $eit, ba er ftdt) oom ©lüd 
oerraten glaubte, erroärmte unb aufrichtete. 2lu3 biefer %t\t 
flammen unfre Briefe £uber3. <Sie liegen in einem oer= 
gilbten, jerfnitterten Umfrage, auf meldten ©Ritter mit 
eigner £anb ben SRamen be3 greunbeä gefd^rieben l)at — 
ein Semete, wie forglidf) er feine brieflichen ©dt)äfec in Drb= 
nung f)ielt, wie teuer unb mert Ujm ade Saugen jener un= 



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76 



£ie Setpjiger ftreunbe. 



ruhigen, oielfad) getrübte«, im ©runbe boä) glütffeligen Sage 
big an fein SebenSenbe geblieben finb. 

(53 mar im Suni 1784, bafe ber Seip&iger Brief nadj 
3J?onn^eim fam. ©eine erfte greube barüber f^rieb ©djiüer 
an Balberg unb grau r>. SBoljogen, unb geroif3 feinte er 
fi<3t), ben fremben Bereitern feinen 2)anf funbjugeben, allein 
er nutfete ni<$t wo noä) nrie. Brief unb ©efdjenfe waren 
anonmn. Salb fam auch mancherlei Ungemach, ba$ fein 
Öeq oerftunmte. %tyatxal\\$t Slergerniffe, finanzielle SRot, 
aHerhanb SiebeSfummer bebrängten ihn oon allen Seiten, 
unb e3 vergingen über fedjS Monate, ehe er Suft unb 2ln= 
la& füllte, ben frönen ©rüg au3 ©achfen ju erroibem. 
2Baf)rfcheinlich ^atte mittlerweile ein Brief $uber8 ben 
©ä)leier be§ ©eheimniffeS gelüftet, benn unter feiner Slbreffe 
erging bie Antwort an bie oier Jreunbe in Seidig. SDte 
feurigften 2>anfe8worte übertönten barin bie ©ntfdmlbigung 
ber „unerhörten SRachlä'ffigfeit" unb bie klagen über ba$ 
wiberwärtige ©djicffal: in ber ganzen 3ett feiner ©<hrift= 
ftellerei fei ihm nichts Angenehmere« wiberfahren, unb bem 
Briefe aus £eipjig bürfe er eS jufd;reiben, bafc er bie Ber* 
wünfäjung feines 2>ichterberufe3 jurücf genommen höbe. 3 lls 
gleich überfdjicfte ber dichter ben ^rofpeftuS ber „SR^cinifd^cn 
tyalia", bie er herausgeben im Begriffe ftanb, machte 
Hoffnung auf feinen balbigen Befuch in Seipjig unb wieber* 
holte fchliefjlidj feine Bitte um Berjeifjung unb um ftrenge 
Prüfung feinet banfbaren fierjenS. „grauenjimmer ftnb fonft 
unoerf ähnlicher alä mir, alfo mufc ich ben ^arbon von folgen 
§änben unterfdjrieben lefen." Börner antwortete am 11. 
(Schillers Briefmechfel mit Börner), £uber fä;on am 7. Sanuar. 



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SBon SRannfjeim narf) Öeipjig. 



77 



©ein SBrief trägt bie 3af)reS$af)l 1784, toaS aber offen* 
bar 1785 fjeifjen fotl ; er mad)t einem 3üngling feines SllterS 
alle Gf>re. 

Seip&ig, ben 7. ganuar 1784. 

©mpfinbliajfeit toegen 3^)te§ langen ©tiflfajroeigenS wäre 
ein SBeioeiS, bafj toir ben Stritt, ben nur traten, met)r ge= 
t^an hätten, um eine Antwort oon 3f)nen &u erhalten, als 
unferm fierjen unb ber 33eiounberung, oon ber eS oott roar, 
£uft ju machen. Unb bie§ mar boa) ber gall niajt, unge* 
ad)tet mir uns aud) feiner fo unplatonif djen S)enfungSart 
rühmen fönnen, bafj uns nidjt oon ber erften ,3cit an irgenb 
eine ©noiberung, felbft bie fleinfte, oon öftrer ©eite äugerft 
miUfommen geioefen wäre. 2lber alle flehten unb roirflid) 
fetyr feltenen SKmoanblungen beS SBerbruffeS, bie bei uns 
unter ber &t\t aufgeftiegen fein fönnen, finb burd) 3f)ren 
»rief, burd) einen 33rief, beffen 2Bärme unb £er§üd)feit fo 
belof)nenb ift, oollfommen getilgt unb laffen aud) feine ©pur 
jurücf. SBorjüglid) erfreulid) ift eS uns, ben wir als 2)id)ter, 
als glücfltdjen 3Mer ber Statur, als S3el;errfa^er beS unge= 
teuren (SebieteS ber ^tyantafte betounbert f)aben, ftc^ uns 
als 3)?enf<§ anfd)lief3en unb baburdj nun befto teurer mad)en 
ju fe^en. 2)ie (Smpftnbungen, bie jefct 3f>ren tarnen unb 
ben ©ebanfen an ©ie in unfern ©eelen begleiten, f)aben 
oor benen, bie uns belebten, als nur juerft an ©ie fdjrieben, 
ben SSorjug, ben ©enufj oor 2lf>nung, ben Realität oor 
SDarfteUung §at. 

Unenblid) toety f)at uns ber fdnoermütige £on unb bie 
@rroäf)nung brücfenber Seiben in Syrern Briefe getrau ; aber 



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78 



Sie Seipatger greunbe. 



eine feltge unb mit wahrem Stolj oerfnüpfte 2lfjnung ber 
3ufunft ftcigt in uns auf, wenn wir Sie in unferm Sirfel, 
oertraut unb innig in bcmfelbcn aufgenommen benfen, wie 
Sie uns mürbigen, £etlf)aber 3$rer ©efü^te &u fein, unb 
an unferm SRttgefü^l (meljr motten mir für jefct menigftenä 
nid)t fagen) otettetdjt einen Dröper finben. Uebertyaupt möchte 
bie ftrengfte $robe, auf bie mir, 3()ter Slufforberung gemäß, 
3^r §erj fefcen foHen, Vertrauen fein; anma&en motten 
unb tonnen mir uns bieg aber nid)t ef)er, als bis Sie uns 
beSfelben für roürbig erfannt Ijaben. 

$ie Stnfünbigung ber £f)alia Ijat uns mafyreS unb grofce* 
Vergnügen gemad&t, obfcfyon biefeS bei uns atten burd) bie 
Grmä^nung ber Verfolgungen, bie if)r Sßerfaffer auSgefianben 
tjat, ©erbittert rourbe. SRityrenb, mtrflid) rüljrenb ift bie ®e* 
laffen^eit, bie männliche SBürbe unb bie befdjeibene Wä^u 
gung, mit melier Sie baS tnrannifdje 33el)anbeln 3$re8 gürften 
berühren. £>ie ©rroartung aber, mit melier mir bem 9ln= 
fang biefer £f)alia entgegenfe^en, toirb bei mir burd) eine 
2lrt oon getäufajter Hoffnung oerminbert. 3$ fjatte oon 
einem „(SarloS" gehört unb mid) über bie 2öaf)l biefeS auf$er= 
orbentüd} intereffanten GJegenflanbeS gefreut; idj erroartete 
feine (Srfajeinung mit Sef)nfud)t; ber büftere, ftnftere ^J)iUpp 
fdnoebte fd>n, ton 3^rer &anb gejeia^net, oor meinem ©eiftc ; 
icb fpradj f<$on mit meinen greunben oon 3^er fräftigen, 
ergrünbeten Sdjilberung beS 2>ämon3 im Süben. 2leufjetft 
gefpannt mar id) auf einen Xorannen neuer 2trt, auf einen 
magren Zuraunen, ber niajt, mie bie gemöf)nlid)en S^eater^ 
Styrannen, fidj oon feiten beS Scf)aufpieler£ blof? burd) bie 
ellenlangen Schritte unb bie brüttenbe Safjftimme unb oon 



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SJon 3Jiann§etm nacf> fietpjig. 



79 



feiten beä $id)terä burd) bie @$rentitel, bie ber bebrängte 
«Prinj ober bie leibenbe ^rinjeffin itjm oon $txt 511 3eit 
erteilen, für ba$, roaS er ift, befannt mad)t. SSon 3fmcn 
inäbefonbere, ber ©ie teiber bie graniten beffer beim nur 
t>om §örenfagen fenuen, mar er mir um fo merfroürbiger. 
Unb nun mö$te i<$ beinahe fürchten, baß bie „9il)cmifd)c 
£f)alia" ben fpanifdjcn (Sarloä oerbrängen, ober baß e$ bloß 
bei gragmenten bleiben wirb. SBerjetyen ©ie, baß id) mir 
ben SEBunfd) nad) 2lu3füf)rung biefeS ©ujetä fo gerabe5it 
merfen (äffe. 2$ re ©$mei<$elet, bie größte, bie ©ie uns 
fagen formten, bie uns am ftoljeften mad>cn fann, bie und 
bitter fränfen mürbe, menn fie ßanj nur ©$meid)elei märe, 
3f)re ©d)tneid)elei, baß mir bie beinahe unterbrüdte Neigung 
jur SMdjthmft in Sfyrtm Serben roieber angefaßt f)aben, 
matyt uns feder, als mir fonft fein, mürben. . . . 

9JHt ber fel>nlid)ften ßrmartung einer Slnttoort unb ber 
lebfmfteften ©eljnfudjt nad) 3l;rer perfönlidjen 33efanntfdf)aft 

$er ädrige oon ganzem föergen 2. $y. ©über. 

Um biefer frönen ©pifobe au§ ©djillerS Seben ifjr oofleS 
£idjt ju geben, müßten mir nun im ftanbe fein, aud) bie 
Briefe ber beiben 9fläbd)en bem £efer oorjulegen. finita 
fd;rieb toofjl jugleid) mit Äörnet; il;r 33rief fajeint fid) oer* 
loren ju tyaben. Slber ®ord)en§ 23rief liegt oor unfern 
9lugen: ein nieblidjeS Dftaoblättdjen, fauber befdjrieben, bie 
SBudrftaben beutltc^, fräftig unb bodf) jierlid; geformt, ©ine 
9toa)fä)rift oon &uber£ fcanb läßt oermuten, baß ber 33rief 
in feiner ©egeniuart, ja jur gleiten ©tunbe mit bem feinigen 
gefdjrieben mürbe. 2öir belauften ba ein liebenbe* $aar 



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80 



Sie Setpatger <yreunbe. 



in feiner gemeinfamen 33egeifterung für einen beutfdjen 2)idjter. 
Sie gefunb aber biefe SSegeifterung mar unb wie fem von 
franffjafter Ueberfpannung, baS hört man am beften aus ben 
Sßorten beS Seidiger 9flabdjenS. 

Seidig, ben 7. Januar 1785. 

2Betd)e greube höben ©ie uns mit Syrern lieben ^err= 
Udjen SBrief gemalt; nid^tS !ann fie übertreffen, als bie, Sie 
felber ju fehen unb 511 fpred^en. Sttadjen ©ie unfre £offs 
nungen wahr, (äffen ©ie fie nid)t gleich einem frönen 
Staunte nerfdmrinben, ber beim (Srwachen nichts als eine 
uergebene ©ehnfucf)t jurücflä&t. SBenn unfre Briefe 3h nen 
eine ©tunbe angenehm aufgehellt haben, bann f ollen gewifj 
bie Sage S^reS Aufenthaltes burdj unfre gemeinfdf)aftli<f)en 
^Bemühungen 3hnen ntd)t unangenehm tierftreichen. — grüf)e 
SBefanntfdjaft mit bem Kummer ^at unfer §er§ fühlbar für 
Slnberer ©djmers gemalt, fyat uns gelehrt, ba& freunbfdjafts 
lidje Seilnehmung allein ihm ein Säbeln ablocfen fann. 
Unb Seilnehmung fottcn unb werben ©ie ftnben; wenn 
©ie bura) eine nähere SBefanntfchaft uns ShreS Vertrauens 
würbig finben werben, bann motten mir vereint unfre 
Gräfte aufbieten unb mit ber $tit einen 33unb machen, um 
jeben unangenehmen Ginbrucf aus 3h rer ® ee ^ c h u wrwtfchen. 

2ßir fehen ber ©rfajeinung Shrer „X^alia" mit SBer* 
langen entgegen; roie gefdjwinb wirb mir nun ein 3ahr uer= 
gehen, ba ich alle jroei -Jttonate auf eine geroiffe greube 
rennen fann! ©ie haben mu $ mit einemmal mit ben 
3ournalen auSgeföhnt, td) liebte fie nie, las feiten welche, 
unb nun werbe idj gar ihre eifrigfte Patronin werben (Der* 



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SSon aNannfjetm nad) Seipjtfl. 



81 



ftefjt fid) freilid) nur oon bem Qfjrigen; beim bie übrigen 
werben nun weiter nid)t in 2lnfd)lag fommen, als bag id> 
bem tarnen Sournal überhaupt nid)t mef)r gram bin). 

Unb nun eine grage. Sagen Sie, wie fommen Sie 
bam, ba& Sie 3f)ren fo l)errlid)en 33rief mit einer fo E>äfe- 
lid^en 2lnmerfung fa)loffen? — 2öir grauenjimmer foüten 
unoerföfmlidjer fein, all bie Sttannsperfonen; id) bin begierig 
barauf, wie Sie mir bas beweifen wollten; id) bitte Sie 
fogar, es ju tfjun, unb id) freue mid) im ooraus, Sie wiber= 
legen ju fönnen. 58ei einer 33efa>lbigung, bie bas ganje 
weibltdje ®efd)led)t betraf, fonnte id; unmöglidf) mit gutem 
©ewiffen ftiHfdjweigen. 

92un fönnen mir einer Antwort oon 3f)nen mit freubiger 
©ewif$eit entgegenfeljen, ba wir 3§r gütiges SBerfprecfjen 
tyaben, uns red)t balb 51t fdjreiben. £emungeaa)tet werben 
wir bie ^ßofttage red)t oft gäljlen, bis ein SBrief oon S^nen 
unfre froren ©rwartungen erfüllen wirb. £ora. 

©ine Sad&e, bie 3|men feiner oon uns gejagt t)at, 
weil es ein jeber oon bem anbern erwartete, ift, bag wir 
3()ten SBrief, ber ben 7. ^ejember batiert mar, erft im Januar 
erhalten fyaben, bajj einen £ag nad) beffen (Smpfang, 5iörners 
$ater ftarb, unb bafe Sie, aus biefen Urfadjen jufammen; 
genommen, unfre Antworten fo fpät erhalten. 

§uber. 

£amit wäre beim ber ^oftoerfefjr jwifc^en £eip$ig unb 
9)tannü)eim in GJang gebraut, ^ic Briefe oon bort lauten 
immer oerlodenbcr, bie $>erf)ä(tniffe fyier werben immer un= 
erträgltdjer : „©s ift meine fü&efte (Srfjoluug oon meiner 

Silb<r oiiö ber S^iBerjfit. 6 



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82 



Sie Seidiger ftreunbe. 



jefcigen freubcnlofcn ©jriftcnj, baß meine Seele um <£ie 
fdjweben barf." Gr bürftet nad) Seipjig, ber geplagte SMdjter; 
ba£ &lein=$ari§ an ber gleiße erfdfjeint feinen träumen 
unb Sllmungen wie ber roftge borgen jenfeitä ber walbigen 
£ügel. 9tur foßen bie greunbe oon feiner Slrt unb ©rfd&ei; 
nung fein attju glänjenbeS ^beal fiä) oorfpiegeln : „(Sie 
werben einen ganj erbärmlidfjen SBunbermann ftnben." (Snb= 
üti) entreißt er fia) bem ÜJJannfyeimer Werfer unb fommt 
naa; £eipjig, wo iljm öuber tngwifdjen Duartier gemalt 
tyat. Sein fiumor ifl trofe ber befdfjwerliajen Steife frifd) unb 
munter geblieben, benn faum angefommen, finnt er auf einen 
„fleinen 23etrug" gegen bie 2ftäbd(jen. SBieHeidjt toottte er i^nen 
ben nää}ftbeften ©cfenftetyer als ben leibhaftigen SDidfjter 
©djiüer auf ben §alö fänden. 2lber nad; einer Slnefbote, 
bie von ©öbefe auggegraben würbe, fa)eint er felbft ba3 
Opfer einer freunbfdjaftlid&en gopperei geworben ju fein, 
©ine frembe 3)ame wünfdjte auf ifirer £)urdjretfe burdj 
Seipjig ben $td)ter fennen ju lernen unb tyatte it)n um feinen 
SBefud) gebeten. §uber unb 3ünger (ber £§eaterbi$ter) 
ließen fid) nadjeinanber bei ber Statue anmelben, beibe al£ 
„<&err ftoftor ©filier!" Wity wenig erftaunt, mehrere 3" 5 
farnationen be3 berühmten 9ftanne§ in Seipjtg anzutreffen, 
oerlor bie grembe ooflenbs alle gaffung, als julefct ein britter, 
bieSmal ber autfjentifdje Sajiller, erfd&ien unb fte etwas oers 
legen, aber fjöfltdf) anrebete. (Sie erwtberte feine £öflid)fett 
in jtemlid) gereiftem £one. Stiller wußte md)t, was baju 
fagen, würbe oerbrießlid) unb madjte SJiiene, burd) bie gluajt 
ber unbequemen Situation ju entrinnen. S)a melbete ber 
Siener: „Sie beiben anbem Herren Stiller finb wieber 



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S3on SRanngeim nad> Seiyniß. 



83 



brausen." 3)Ht furzen SSorten würbe bcr ©cherj aufge^ 
Hart, imb bie Verlegenheit oerenbete in einem ^eiteren 
Sachen. 

Sebermann weife übrigens, bafj unfer dichter in fieipjig 
von ber gaffenben beugter auf ©abritt unb Xritt ©erfolgt 
würbe. — „fielen wollte e§ gar nicht &u ßopf, baß ein 
Sftenfdj, ber bie ,9täubet' gemalt fyat, wie anbre 9Wutter= 
föhne ausfegen folle" — unb bieS war wof)l nicht ber lefete 
(Brunb, warum er nach f urgent Aufenthalte ber ©tabt ent= 
floh, um ftch mit feinen Sieben im $)orfe ©of)li3 nieberju= 
laffen. 2Benige Monate, unb fein §er$ 50g ü)n weiter nach 
einem anbern Orte. Börner, ber bei ©<f)iller3 Slnfunft 
nicht in Seipjig war unb erft am 1. Quli in ßahnSborf mit 
ihm baä geft ber perfönlichen 93efanntfa>ft feierte, hatte 
mittlerweile geheiratet unb weilte als furfürftlicher Äonfifto* 
rialrat in Bresben. 2)em greunbe in ©ol)li£ fdjrieb er bie 
erften jener esemylarifcf) fdjönen Briefe, bie als ba3 ^ot)e 
SJenfmal eines ^armonif^en 93unbe3 jwifchen h ul 9ebenber 
SßrobuftionSfraft unb werfthätiger (Jmofänglichfeit in feiner 
Sitteratur ber @rbe ihresgleichen ftnben. ©filier füllte eine 
unbejwingbare ©ehnfudjt nach bem trefflichen 3)?anne mit 
bem füllen S3erftanbe unb bem warmen ©erjen, mit bem 
weiten 33ltcfe über baS Seben fyxn. „3$ wufj gu eud;!" 
fchrieb er ihm einmal. 2lber freilich: „Sur ©lücffeligfeit 
unfreS SBeifammenfeinS gehört eS burchauS, baß ©über nicht 
in Seipjig jurücfbleibt." ©S war ©offnung oorhanben, burch 
©reSbener Konnexionen bem jungen 9)?anne bie biolomatifche 
Karriere ju öffnen; juoor aber fofltc er im Umgange mit 
ben greunben ftdt) ausreifen, unb ©dritter rechnete eS ju 



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84 



Sie «cipsiper greunbe. 



feinen }d)önfien träumen, „bie Gpodje feines (SeifteS lenfen 
ju Ijelfen". &uber foffte alfo mit nadj Bresben. 3nbeS 
mährten bie SBerljanblungen mit feinem Sproteftor, SJftnifter 
o. (Stutterfjeim, ber Ungebulb Scf)ißerS m'el lange. Gr 
reifte bafyer eines Borgens allein ab (11. September), um 
in bie 2lrme feines Börner ju eilen. §uber nerfprad), balb 
nacf^ufommen. ®ie Trennung bauerte faum fedjs 2Bod)en. 
2luS ben SBriefen, bie uns aus biefer 3eit uorliegen, erfahren 
mir, ba& ber Diplomat in herbis mit beut Seipjiger S^eater^ 
bireftor unb fielbenfpielcr SReinefe wegen einer 2luffüf)rung 
beS „gieSfo" in Untertyanblung trat, leiber sergeblid): 

„!Reinefe wollte nidjt gern fterben, roaf)rfd()einlid; weil 
bei ber (Sntnrirfelung Sßerrina ben legten ©inbrucf mad)t 
unb bie Dberbanb behält, nicrjt gieSfo . . . id) f)abe es fel;r 
impertinent gefunben, baß ber $erl bir erft bie 9)Jüfje beS 
Umarbeitens gemalt unb beine Seit geftofjlen tyat, um als= 
bann aus ber erbärmlidtften ©itelfeit feinen Gtzbxauä) baoon 
ju mad)en." 

2lud) ein leidjteS Unroof)lfein fd>int ©filier in biefen 
Sagen geftreift gu Iwben, beim in einem unfrer Briefe 
(15. Oftober) Reifst eS: 

„tfranf, lieber, franf 511 meiner balbigen Slnfunft? 3d) 
fd^teibe bir bloß, um bi<$ ju bitten, redjt ernftlid) ju bitten, 
baß bu mir nid)t biefen ©ran oon SBitterfeit in meine greube 
mifdjeft." 

<£nblid) naf)te baS Sßieberfeljen. (Sin SBrief 00m 18. Cft., 
ber bie 3iafe beS greunbeS, „eines großen £e<ferS im £abaf= 



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SJon SJtann^eim itacf) SeipjtQ. 



85 



fd;nupfen", auf einsufdjmuggetnbe ©enüffe oorbereitet, fdjlie&t 
mit bem greubenrufe: 

„ßeb* roofjl, befter, auf jroei £age. 9iid)t alles, roaS 
nrir fo oft in feiigen ©tunben träumten, bic und Borläufe= 
Tinnen einer ferneren 3"*"«^ fdjienen, nid)t alles nrirb 
bloß Sbeal unb SCraum einer überfpannten $f)antafie 
bleiben. 3Reinft bu baS nid)t aud)?" 

Beoor wir aber ben jungen §uber nad) Bresben ent= 
(äffen, möge er uns nod) ein SBort fagen über baS Siefen 
ber greunbfdjaft, meldte bie jungen 9J?änner aneinanber 
binbet. 3$r Bunb $at etwas UeberirbifdjeS, <5oangeltfd;eS. 
©filier jumal gleicht einem oerjütften «Propheten ber greunb= 
fd&aft ; faft in jebem Briefe aus jener 3eit befingt er fie nut 
einer SBärme, einer ©litt, gegen roeldje unfer moberneS (Sm- 
pftnben eiöfalt anjufü(;len ift. ftabei fu$t er, rao er nur 
fann, bem Borrourfe ber ungefunben ©djroärmerei &uoor$u= 
fommen; fie Hingen aber eigentümlid) , feine Beteuerungen, 
unb es ift, als §örte man aus jebem SBorte Börners be= 
fonnenen 9iat. „9lur nitfjt 511 fdjraärmerifd), mein lieber 
©dritter!" ©efüf)lSroirren unb innere ©türme f feinen mefyr 
als je ben jungen Srtdjter 511 bebrängen. @S ift iljm flar 
geworben, ba& er bieS geroinnen, jenes abwerfen müffe, um 
fid; jur £öf)e ber reinen ßunft aufjufd)roingen. @r fämpft 
mit ber eignen -Jtotur, unb fo entfte()t bei if)m ein fettfamer 
Sroiefpalt jroifd^en Oebanfe unb SluSbnuf, jroifdjen SBort 
unb ©timmung; fo fommt eS, ba§ er am 5. Dftober mit 
ber ©pradje beS glütyenbften (SntfjufiaSmuS an £uber einen 
Brief fdjreibt — gegen ben (5ntl)ufiaSmuS. $er Brief be= 



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Sie Seip5tQer ft-reuufce. 



ginnt red)t bunfel, wie auä bcr Xonart fjoffnungSlofer Siebe : 
,,id) I)abe bir mel jn fagen, bod) bin id) ungeroifj, ob id) 
bifä fagen werbe; meine ©eele ift beflemmt, gib bir feine 
9)iüf)e, Sinn aus meinen SBorten 31t 5ief)en." Sann oerliert 
er ftcf) in einen §nmnu3 gegen alles S$roärmertfd)e, Uns 
männliche: „(SntfyuftaSmuS imb Sbeale, mein £euerfter, ftnb 
unglaubtid) tief in meinen Stugen gefunfen . . . wenn bu alfo 
in $re3ben=9ieuftabt rjcrcinfä^rft, fo wirf alle Sbeale über 
S3orb ... 0, iä) brüde bid) im (Seifte an mein &erj (mein 
9f obrtgo ! mödjf id) bir jurnfen) ; roenigftenS motten mir 3lrm 
in 2lrm big t>or bie galltfyüre ber ©terblid)feit bringen, roo 
bie Sinien jroifdjen Sftenfdjen unb ©eiftem gejogen finb." 
daneben Äleinmut nnb 3^eifel wegen feinet Sid)terberufe$, 
ein @efüf)t be3 6d)minbel3 beim 2lnbti<fe beä liefen ©f>afe* 
fpeare, furj bie augenblidli<$e SBerftimmnng beS edf)ten, t)ott= 
blutigen ©enieS. 9flan wirb £uber£ Antwort auf biefen 
merfwürbigen 33rief md)t of)ne Qntereffe lefen. Sem jungen 
Sftanne rourbe oon bem älteren greunbe bie D^olte beS $ofa 
aufgebrängt, unb er fpielt fie nrirflidj gar nid^t übel. 

Setpjig, ben 11. Cftober 1785. 

Sorten roirb Sir meinen Sauf für Seinen legten 
Srief ausgerichtet §aben. <5r Ijat mid) auf bie füfjefle, auf 
bie intereffantefte 2lrt befdjäftigt, unb ljunbertmat fd)on feit 
bem Samftag fjabe i<f) Sir ir)u im ©eifte beantwortet, wU 
leid)t beffer unb fräftiger beantwortet, als e§ f)ier auf bem 
Rapiere gefdjef)en roirb. Seine Jreunbfdjaft , Sieber, f)at 
gerabe bie SBärme, faft mochte iö) fagen ba3 ©ingemurjelte, 
ba$ idf) i^r wünfdje, bamit fie ber meinigen gleid)fomme, 



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aSon 39tann§eim nacf> Setpjig. 



87 



<5d)märmerifd)er Ton unb empftnbelnbe Süfjltajfexten fmb 
nie meine ©adje geroefen; id) t)abe immer männlichen Grnfi, 
männliche Xt)ätigfeit in ber grcunbfc^aft — roenigftenS geb- 
ahnt. 3efct ift bie >}t\t ba, roo bie Träumereien in 2Birf= 
licftfeit übergeben follen, unb id) befürchte nid)t, ba§ biefe 
r>or jenen ju erröten t)abeu nrirb. Unfre greunbfdjaft roirb 
uns Trieb jum ©rofjen unb ©uten, Sporn unb £ofm %w~ 
gteidt) fein, unb — „fcpner, als er uns non fid) tiefe, foH 
ber Gimmel uns roieber fyabtn unb mit SBettmnberung ein= 
geftex)en, bafj nur bie greunbfdjaft bie lefcte Jganb an bie 
(Seelen legt." 

^ein (SartoS ! 3$ glaube, bu bebarfft eines Dfobrigo, 
ber juroeiten „deinen großen ©eniuS bei feinem tarnen 
ruft". Steine ©eete öffnet fid) oft ©efpenftem unb idtjliefct 
ixe an fxd), bafj fie il)r SnnerfteS falten. £u tjaft etroaS, 
baS £>u mir fagen nriltft, triellexd)t nid)t fagen wirft. 3<h 
roerbe fetjon beobachten. (SS gibt gälte, roo man baS ©e= 
fjeimnis feines greunbeS et)ren mufj; eS gibt anbre, roo man 
it)n auf bie gotter fpannen barf, bafe er befenne. £er 
ÖeniuS meines männtidjen ©efüt)leS, ber in Bresben mid) 
in (Smpfang net)men nrirb, rotrb auch ba mir baS befte eins 
geben. 

3ft Steine geringere Sichtung beS (£ntt)ufxaSmuS unb 
jenes, waS Steine ©eete beftemmt unb SDu mir nicht nennft, 
nicht r»ietteia)t eins? 3ft nid)t mehr 3"faromenhang unter 
beibeu, als S)u £>ir einbilbeft? $u fagft, mir geben ben 
Singen um uns l)er bie garbe unfrer ©d)äferftuube ; aber 
mir geben ihnen aud) bie garbe unfrer fchroarjen, mxfc 
mutigen Stunben, unb bie ift weniger nod) it)re eigene ats 



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68 



Sie Seidiger greimbe. 



jene. 2)ein 83tlb Ijat mel 2Baf)re§, Sreffenbeä unb fo mel 
<5<J)öne3, bafc e3 midj ben (SntfjuftaSmuS lieben maajte, bcr 
e3 erfanb, um ben @ntlmfia3mu3 fjerunterjufefcen. 2lber ift 
e$ rea)t, bem freien ©eifte bie ©efefce ber ßörperwelt auf= 
jubringen, iljm, bem raft; unb enblofen, bie ©renken ju 
fefcen, welaje ber toten Materie oorgef abrieben finb? Stein, 
greunb, idj glaube nid)t, ba& bie ©eele be3 SRenfdjen an 
biefe eifernen Siegeln ber pljt)fifd)en Siotwenbigfeit gefeffelt 
ift. 2)ie Äugel, bie ber (5ntf)ufia3mu3 emporwarf, ftieg 511= 
weilen bi3 jum Gimmel Ijinan, unb reine ©eifter nahmen 
fie ba in (Smpfang. ©0 lange Stoff ba ift, bcr ben ©eift 
empfangen unb gebären mad)t, fo lange fennt er feine 
©renjen, bie feine Xfyättgfeit aufhalten; unb barum foflte 
er oon ber Materie unterjod)t werben, baß er nadj ifyren 
©efefeen fidj ridjten liege, wenn er über fie IjinauSreidjt, unb 
fortbauert, ba fie aufgehört Ijat? £rieb 5Did& je ber ©ntfuu 
fia£mu3, 9Bar)rr)cit $u fud&en, unb $)u fjatteft 2Bar)rl)eit ge= 
funben, wo blieb ba bie 9?otwenbigfeit, bajs bie Jtugel fallen 
mußte? 3$ ftnbe mid) aber läd^erlia), baß idt) ben @ntf}u= 
ftaämuS gegen $id) red)tfertigen will. ®u ganfft SMd; mit 
deiner ©eliebten, unb ct)e ber Mittelsmann bie ©rünbe 
5ufammengefud)t l;at, eucf) gu oerfbfjnen, liegt if)r einanber 
in ben Sinnen, gärtlidjer als juoor. 

£ir fdjwinbelt nod) immer, wenn £u an <5f)afefpearc 
hinauf fielet? Sein großer ©eniuS — wie fotl td) 3)ir it)n 
nennen? (Sdjwinble nid;t oor bem Griten <Sf)afefpeare — 
teutf(§er <5d)iUer! 

. . . 3d; fönnte Sir fjeute nod) oiel fagen — überhaupt 
ift'S mir, als follte biefer S3rief baS Snftrument unfreS 



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SJon 3Hanntyeim na$ Seidig. 



89 



SBunbeä fein, aber ba3 (Sieget ift ja fd)on braufgebrüdt - 
unb £ora>n wartet auf mid). 3$ &to tu^ig. £a3 $er= 
fjättnte unter un3 breien ift fo f$ön, fo füg, ba& £u fctbft 
nerüeren nriirbeft, wenn $)u e3 ftörteft . . . 

£ebe rool)l, greunb! 2BaS tonnte icf) £ir nod) fagcn, 
bas nidjt ermatten müfjte cor bem ©efüfyle unfrei fo nafjen 
SÖieberfefjenS unb eines folgen ätfieberfefyenä ? £ebe tdo^I 
unb gib Börners iljren Anteil an ber greube, bic mid) jefet 
bur djbringt. §uber. 

©egen ©nbe Dftober fam §uber nadj Bresben, um fid& 
auf bie Karriere eines ßegation3=Serretär3 oorsubereiten. 
3)ie SBofmung teilte er mit Sd)iüer. $a3 „fünfblätterige 
Kleeblatt" mar nun toieber oolljät)lig, unb bie greunbe vcx- 
lebten fjerrlidje, frud)tbare £age, §alb abgefdjlofjen gegen bie 
übrige SBelt, fern bem feigen, teife auftretenben 5lonoenien5= 
leben ber fää)ftfd)en öauptftabt, nur einer geringen Slnjat)! 
gleidjgefinnter Männer äitgänglid). Ungetrübte 9tuf)e blüt)t 
nirgenb§ {jienieben. §uber mürbe nad) einiger 3 e ^ ber 
fä)önen ©emeinfdjjaft entriffen unb in ba$ Söirrfal feinet 
Sebent fyinauSgejogen ; audj 6d)iHer l)atte 8tunben bitterer 
Aufregung gu beftet)en. 2Bir ersähen baoon im golgenben. 
(Sine Söeile aber motten mir ben 5(fforb ber reingeftimmten 
greunbfajaft im Df)re be$ £efer3 fortflingen laffen unb 
burd) feinen derberen Xon uerbüftern. ®rei eble 9)?änner 
gemeinfam nad) 2Bei^t)eit ftreben $u fefyen, ben jugenbfrifdjen 
SBanberern auf ifjrer „romantifdjen !Reife jur SBafyrljeit, jum 
Diuljme, jur ©lürffeligfeit" *) naa)5ufd>auen, baS ift ein 21m 

*) edjiaer an Jtörner. 



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90 Seidiger ftreunbe. 

bixd, ben man gerne feftfjält, ber um fo mefjr in£ ©emüt 
greift, alä im §intergrunbe garte SBcibliajfeit ben Bunb 
f)ütet unb tfjrc ftillen 3auber barüber aulgiefct. 



©3 ift ein ©ebanfe, ben man, faum gebadet, gletdj 
nrieber auSlöfd)en möäjte, bem man nur fd)üä)tern ba3 Söort 
leif)t. Smmer^in möge e3 ganj leife gefagt werben, bafj bie 
fd)öne Seit, roeldje ©dritter, Hörner unb ßuber im grü^ling 
ifjrer greunbfdjaft in Bresben oerlebten, roenigftenS ©ine 
bebauerliäje Seite l)attc. 3m Berfefyr r>on Slngeftäjt $u 21ns 
geftäjt fdjrieben fid) bie greunbe feine Briefe, unb roo biefe 
jitüerläffigften Boten be3 Sebent fdjroeigen, entfielt immer 
eine fühlbare £ücfe für bie neugierige SKadnoelt. 9iur auf 
ben Brüden ber ©inbilbungöfraft näljern mir uns bafyer 
bem freunblidjen $örners<Qaufe in $>re3ben=9Jeufkbt, treten 
in bie jebem guten 9)?enfdjen offene Stube unb feigen bort 
finita, bie grau ßonfiftorialrätin , t)äuSti<^ forgen unb 
malten, fefjen 2)orcf)en emfig mit Stift unb ^infel l;antieren, 
roäfjrenb bie brei Männer bei ^unfd) ober englifdjem Bier 
ernfteä ©efprää) pflegen, Stiller, rote immer, in allen Heroen 
aufgeregt, Börner, fein fdjöner ©egenfafc, ruf)ig überlegt in 
Sort unb (Bebärbe, §uber etroa3 oberf(äd)lid) unb jerftreut, 



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3n Ereäben. 



91 



jeben Slugenblid bei 2>ordf)en einen ßufs tyolenb. 2lHe&eit! 
jürnte ba^u grau SRinna, „mit fträflidjem ©eftd>t''*). 

2Öoüon bie brei 511 reben liebten? 93on allem unb 
jebem. 2)a3 Unioerfum breite fid) in ben engen ©tuben= 
räumen: Äörner mar bamalä mit ßant befdjäftigt; <5d)iller 
ftetfte tief im Stubium ber ©efäjtdjte, bie er mit bem Sluge 
be§ $)id)terS burajforfdjte, baS Reifet mit bem nötigen 33lide 
für ben realiftifäjen Sufammen^ang aller Gegebenheiten; 
iQuber, von beiben geifttg beoormunbet, nafdfjte oon biefem 
unb jenem unb belebte roof)l bisweilen bie ©eforädje ber 
greunbe mit ben brennenben fragen be3 XageS, bie U}tn 
von feinen biplomatif^en 2lnfang3furfen $er geläufig toaren. 
©inen SRad^oH biefer ©efpräd&e finben mir oieHeiäjt in einem 
Sluffafce §uber3 „Heber moberne ®rö&e" (jroeiteg §eft ber 
„Styalia"). Obfdjon ber junge 9ttann SdjtÖerä SRljetorif 
jiemlid) unbeholfen l)anbf)abt, fo glauben mir bod) nid)t fef)l= 
juraten, wenn mir bie Arbeit auf eine Eingebung ber reiferen 
greunbe jurüdfüljren. 3n bem Sammer über bie engen 
©djranfen beä mobernen Sebent f)ört man 6d)ilIerS ©ttmme, 
unb roenn &uber meint, e3 gebe jroar immer nod) große 
©eelen, bod). fei bie 3*** SU ffew für ©röfce, fo oerrät 
uns feine ßlage, baß aud) bie greunbe ben ©rud ber flein= 
ftaatlid)en $ert)ältniffe emppnblid) füllten unb ber Seit* 
gefc^iebte faft böfe mürben, bafj fie fo ganj of)tte 93eif)ilfe 
ber $re$bener £immeläftürmer i^ren 2>ienft oerridjtete. S>od> 
mag fonnte ein SJtann, jur ©röjje geboren, bamaU in 



*) Siefie „§umoriftifcf)e Segnungen" <2tf)iller3, l)erauggege&en oon 
Äarl Äünjel. 



92 



2>ie 2eip3iger ^reunbe. 



2)eutfd)lanb werben? „Allenfalls — ein gro&er £id)ter," 
antwortet £uber. 3)aS SBort ift föftlid) unb flingt gan$ 
nadj 6d)ilIerS ©eflamationen gegen (Sntf)ufiaSmuS unb 3beale, 
wooon wir früher gehört haben. (Sine 9Bctt t)on Uebermut 
unb ungeftümem $raftgefüf)l liegt in biefem fdjnöben „allen: 
falls", unb ba §uber, n>ie wir glauben, nur auS ©d)illerS 
£opfe fpridjt unb überhaupt nur baS @djo fetner Umgebung 
ift, fo gewinnt baS ©ine 28örtd)en fojufagen biographtfdje 
Sebeutung unb ift wie ein fleineS ©ttmmungSbilb aus bem 
(Seelenleben ber £5reSbener ©enoffen. ©dritter jumal fud)te 
bamals immer nod) feinen 33eruf, feinen bürgerlid)en 
wenigftenS; batb wollte er ftd) auf 9fed)tSwiffenf<haft werfen, 
balb wieber bie Slrjneifunbe oornehmen, unb als er nun 
ftott beffen jur 2Beltgefd)id)te griff, in bie grofje Vergangen: 
t)eit immer tiefer fich hineinarbeitete unb ihren Heroen immer 
näher fam, ba mochte eS wohl gefdjehen, bafj er bisweilen 
ben Unterfdjieb jwifdjen £)id)ten unb £anbeln etwas unbillig 
auSmag, bie Seier für ein armfeligeS 3nft™went erflärte 
unb feine SBünfdje nadj ganj anbern §öf)en fliegen liefe. 
®em Sänger träumte baoon, ein £elb $u werben. §atte 
er mö)t bei ber 2lbreife von 9J?annljeim feinem greunbe 
(Streicher bie &anb barauf gegeben, er werbe i^m fein 
SebenSjeid^en geben, beoor er nicht — -äJtinifter geworben? 

©ruft unb £umor ftnb ©efdnoifter. 3^be tiefer ange= 
legte 9iatur ift gur guten ©tunbe ber froren Saune fähig, 
unb eS wäre fürwahr traurig gewefen für ben £resbener 
greunbeSfreiS , wenn er außerhalb ber S|3l)ilofopl)ic unb 
©idjtung, ber ©efdjichte unb ^ßolitif feine anbre Unterhaltung 
gefunben hätte. <Sd)on „bie lieben 2£eiberd)en" forgten bafür, 



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3n 2re$ben. 



93 



ba& ber graue ©rnft fein ©aftred^t nid)t mifjbraudjte ; bitrd) 
tförnerä SJiufifbegeifterung angejogen, fam mit Sang unb 
Ätang bie freunblidje ©efeüigfeit tnS §au3, unb von ©dritter 
gerufen, tummelten ft<$ mandmtal Rimbert auSgelaffene 
©eifter in grau 9)ttnna3 <Stube. £er gute Börner mar 
meift bie 3ielfcf>eibe i^rer Sdjerje. ©in otet befestigter 
unb mofyt nia)t fe^r beroegti^er 3JJann, begann er oftmals 
feinen borgen mit allerlei Arbeitsplänen; aber ber Wittag 
fam, ofjne bafj irgenb roaS gefdjeljen mar. glugS bramatU 
fierte Stiller bie <5<$road)f)eit beS greunbeS. 

£ord)en. 9)Mnna. ©filier. £uber: Aber lieber 
©ott! 2Bie t)aft bu ben ganzen borgen fjingebradjt? 

Börner (in nötiger Stellung): 3d) f>abe mid) rafieren 
laffen! ($er Storfing faßt.)*) 

Unb ein anbermal gar griff ber $5icf)ter beö „£on 
(SarloS" ju £ord)en£ garbentopf, iHuftrierte, ein jnjeiter 
Öogartlj, ben ganjen Börner unb fein <Qau3, unb 2Binfelmann= 
öuber perfaf) bie groteSfcn Segnungen „mit befriebigenben 
<5r$ä()lungen". 2)a fefjen mir benn, wie ber üortrefflidje 
flonfifiorialrat über bem 5lant einfdjläft, wie er eines £age£ 
nad) Aegypten roanbert unb bie Königin Cleopatra, ,,nod) 
jefct fdjön", im ©Plummer überrafdjt; roie er ben Samen 
beim Kaffee feinen beften greunb twrftellt, nämlid; feinen - 
SRücfen ; ba erfahren mir and) roieber, baß ber wadere 3)iann, 
fo tücfytig im ©efpräd) unb Srteff abreiben , bei litterarif djen 
Arbeiten ben weiten 2Beg jum £intenfa& über alles r»erab= 



*) Gin bramatifcfjer 6d)er} von ©filier, herausgegeben von Äarl 
Äünjel. 



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94 



Sie Seidiger ftreunbe. 



freute. „(Snblidf) einmal!" ruft ber Verleger i>er „£f)alia", 
als er einen Beitrag Börners erhält, unb wirft in ber £aft 
ben ©tuf)l um; felbft ber <gunb be3 SRejenfenten ftettt fidt> 
auf bie Hinterpfoten, oor (auter ©ajred über biefe unge- 
roö^nlic^e @rfd)eimmg, roä'firenb ber £id)ter=9Mer felbft bie 
gerfen gen Gimmel ftretft unb ftd) in einer ganj bebenflidjen 
Stellung probujiert, wie tyn übrigens, fagt ber Kommentator, 
„oerfdn'ebene oernünfttge Seute gefef)en f)aben". (Sin Rärins 
lofer, finblid)er Sinn, ber ftd) einer berberen Regung nidf)t 
fd)ämt, äußert ftd) in biefen Redereien ; fie werfen ein fjeitereS 
£id;t auf ba3 £eben unfrer greunbe, leiten feinem ernften 
3nl;alt ben natürlidjen Siontraft unb ergäben unä, beffer 
als ber umftänbttd)fte SBeridjt, toie gefunb unb menfdjlid) 
feine garbe mar. 

3m 2lpril 1786 ging &uber mttftörnerS nad)£eip5ig; 
(5d)itter blieb in Bresben jurüd, unb nun beginnen bie 
Briefe roieber ju reben. Slua) in unfrer (Sammlung liegt 
ein Schreiben §uber3 com 15. 2tprit, baS fid) junäa)(i auf 
6d)iHer0 flampf mit ber furfürftlid) fädjftfdjen 3^nfur be= 
jiel)t. SHefelbe fträubte fidj gegen ba§ ©rfdjeinen be3 „3)on 
Garloä" in ber „£fjalta", unb ^rofeffor 2Benf, tf)r Vertreter 
in Seipjtg, bebrängte be^r)alb fotoot)l ben ftiajter als ben 
Verleger (©öfdjen). fcuber orbnete bie ©adje mit btplo= 
mattfd)er ©efd)irflidjfeU: 

• 

„. . . Xu nrirft in biefer 3enfurgefd)id)te meine Talente 
ju 9]ego5iationen betounbert ^aben, unb td) fange felbft an, 
$u oermitten, baß id) für meinen fünftigen Soften fetjr ge= 
fd)idt bin. ^idu" oöllig jroei Seilen oon bem SJianuffrtpte 



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3n 2>re$ben. 



95 



aufzuopfern, ba£ war bod) roa^t^aftig alles, roaS ju erwarten 
mar, unb ^ättcft bu mir burd) bie Sleufjerung in beinern 
©rief an Senf, bafc bu fd)on etroaS oeränbert f)ätteft, feinen 
IQuerftridj in meine &lugf)eit gemalt, id> glaube, e3 märe 
fein ßomma auSgeftridjen roorben. 9loä) ift fein SBogen 
fertig von bem SutuiS *), aber ©öfdjen f)at gemeffene Drbre, 
mir ben nä<f)ften jur ßorreftur $u fanden, fo fer)r eö it)n 
bauert, bafj fein fetter ©dnuabe abgefegt wirb. — 2lm oori= 
gen Sflittroodj f)ab' i<$ bie fed)3 2luSf)ängebogen oon ber 
„Sljalia" nadj 2Rann$etm gefajirft unb ein paar Seiten baju 
gefdjrieben. Sftein ©rief mar aber, glaub' i$, nid)t ber 
flügfte oon allen ©riefen, bie getrieben roorben f in b 
unb nod) gefdjrieben werben follen, beim idj war 
bamalä jerftreut unb überhaupt nid)t fef)r bei Saune, fo bafe 
id)'§ nid)t gern fjätte, wenn Charlotte **) fo triel Weroid&t auf 
einen gut gefd&riebenen ©rief legte, als SDordjen . . ." 

Dirne Vermittlung fpringt nun £uber aus bem ®efd)äft$= 
beriete in eine ©efüf)l3beid)te über. £rofc ber ©Item unb 
ber greunbe ift ü)m in Seipjig roeber n>of)l nodj wef); er 
ift ,,fid) felbft gleidjgülttg" unb fürdjtet, er fönnte audj bem 
greunbe gleid)güttig fein; er füf)lt jtd) wie in einer ©inöbe 
unb finbet ba§ fieben fd)al unb aHtäglidj) ; ja, berfelbe -äflenfch, 
ber foeben aus bem lebenbigen ©erfefjre mit einem ber größten 
©eifter feiner Seit herausgetreten, fjat ben 3tfut, bieS nieber= 
jufd)reiben : 



*) $ߧtfofop$ifd)e ©riefe jrotfdjen Julius (€d)iUer) unb 9tapf>ael 
(Äörner) im britten fcefte ber „£l)alia". 
**) 6§orIotte o. 5taIB. 



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Sie Seipjiger ^reunbe. 



£te Seerfjeit ber lefctoernrid&enen fecp Monate ftef)t 
fürd)terlid) oor mir. 

greilid), wenn er fid) felbjt mit bem greunbe oergltd) 
imb ben 2ßud)3 feinet ÖeifteS au bcn £)id)tungen (5d)iller3 
abmafj, fo mußte er mof)l ber SHutlofigfeit anheimfallen, uub 
fein oerjroetf elter SBunfd), „bafe balb einmal etroaS gef<f)äf)e, 
mag mir Sichtung für mid) felbft einflö&te", f)atte in folgern 
gatt feine ooüe SBered&tigung. 3n feiner SOerbienftltfte ftanben 
bis jefct nur einige f^aufpieterifa)e Seiftungen, einige Ueber= 
fefcungen ins granjöftfdie ober au3 bemfelben — er f)atte 
beifpielSroeife S3eaumard)ai^ „$>er tolle Xag" ber beutfcfyen 
23üljne jugefütyrt — unb ber ermähnte Sluffafc in ber „£f)aUa", 
ju meinem im vierten §efte eine 2lrt §umore£fe, ben orien= 
talifd) oermummten Satiren Voltaires naajgeafjmt, fitt) ge= 
feilte. $)a3 mar aUerbingä jiemlid) leic^teö SReifegeoäcf für 
eine ga^rt jur Unfterblicfyfeit, unb aus ben litterarifdjen &er= 
bienjlen, bie er fiä) etwa mit ber Äorreftur ber „Sljalia" 
erwarb, ernmä)3 audj fein namhafter SuroadjS. (5$ ift eben 
fein bequemer 2Beg, ben man neben ber abfoluten lieber- 
tegenfyeit einfjergetyt, unb immer roirb ber greunbfd)aft bie 
üoUftänbig reine Stimmung fehlen, roenn nid)t beiberfeitS 
bie geiftigen Gräfte annä^ernb gletdjgeroiegt finb. s J)fan be= 
greift alfo bei &uber bie Slnroanblungen finfterer Sanne, 
brauet ifjn aber barob nid)t ju bebauern, benn am @nbe 
liegte bod) immer roieber bie Sugenb mit intern grofjmut, 
unb fo fd)üef?t aud) ber büftere, fefnoermütige 33rief, ber oor 
un3 Hegt, mit einem red)t leidjtfinnigen £one: 

„SSie lebft bu in beiner Ginfamfeit? §aft bu fie ettua 



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Sn Bresben. 



97 



unterbeffen jur &wt\\)zit gemalt? Wät Süngern*) ift fjier 
roeit weniger ju ttyun als in Bresben ; er lebt wie ein Grcmit 
unb ift fyter doH ©rillen in bem fünfte; inbeffen finb bod) 
fdjon einige $läne jroifd^en un§ auSgeliedt roorben." 

Slud) biefe Seilen itluftrieren in tt)rer 2lrt bie ©efajidjte 
ber &re$bener £age. ©rnfte Arbeit, unfdjulbiger gamiliem 
fa>rs, bann unb mann ein 2hi§f(ug ins ferner ber „3roei: 
f)eit" — e3 fehlte fein menfd;lid)er 3«9 in bem anmutenben 
Ȇbe. 

2tn weitem Xage &uber nad) Bresben jurücffefyrte, läftt 
fid; beiläufig beftimmen. 5lm 23. Stpril fdjrieb er: 

„2ödf)renb bafj 9)Knna, Sordjen unb Börner bei meinen 
(Altern jur ßaffeeuiftte fifcenü ftefjl' id) einen Slugenblicf, £tr 
gefdmnnb ein paar SBorte ju fagen. . . . ©inen SBogen von 
ber „%i)al\a" fyab' id; geftern forrigiert unb bie £rudfef)ler 
ber üortgen aufgeseidjnet. 

„borgen reifen bie fort unb id) nid)t, bumm genug, 
aber id) tonnte nid)t anberä. 3" brei SBodjen fomm' id; 
ja audj! Sßenn id; fagte, bafj id) fct)r mit 2)ir aufrieben 
märe, müfet' idy§ lügen; aber raarum id) baS nid)t bin, ift 
mir ptatterbingS unmöglid), 51t erörtern. £eb' roof)l, auf 
2Bieberfef)en." 

lieber ben bunflen ©djtufj beä S8riefe$ motten mir uns 
roeiterS nid)t ben $opf jerbreetyen. Slnlag jur SUage gab 
wofjl nur 6<$iHer3 Säffigfeit im ^Beantworten ber öuberfdjen 
33rtefe. SBalb foaten ftd) bie brei greunbe rcieber in £re^ 

*) 3)er Suftipierbic^tcr. e. fjatte ifjn in Setpjig fettnen gelernt. 

Silber au« ber S^illerjcit. 7 



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98 



Sie 2eip$iger ftrcunbe. 



beu juiammenfinbeii, unb ber fd)riftlidje &erfel)r fchroeigt 
mm roieber faft bi* jum (*nbe beä 3af)re*. Sie trüben 
Stimmungen, roelaje bamalä bie Seele beS S)id)ter3 um= 
roölften unb öftere, als roünfcf)en3roert, auf feine Umgebung, 
abfärbten, Hingen nod) in ben Briefen nad), bie er im 
£ejember an Börner fdjrieb. tiefer hatte feine feit ihrer 
©ntbinbung fränfelnbe SDtinna §ur (Srfjotung roieber auf 
einige 3eit naa) £eip&ig geführt. (Spider aber befam ein 
förmliche^ ©eimroel) nad) bem abroefenben ©eifieSgenoffen, 
ber ihm ju feinem Safein unentbehrlich geworben mar, 
roährenb er oon ©über mit einemmal fagt: „3$ bin ihm 
nia)t8 unb er mir roenig." Sie beiben, Stiller unb ©über, 
roofjnten unb fdjliefen jufammen; ba fonnte e3 roohl Sage 
geben, roo einer ben anbern ju t>ernad)läfftgen fd)ien. ©filier 
hatte jebenfaCtö fel)r retjbare ■Jterüen um biefe 3ett. @in 
tiefer 3miefpa(t ging burti) fein ganjeS güf)len unb Senfen. 
3nnere (SntroitfelungSfämpfe jerftörtcn bie SHufje feinet ©eelem 
lebend; ber freunbliche Umgang in Börners gamilie feffette 
ihn an ©reiben, roäfjrenb fein gefunber Gfjrgeiä i^n aus 
biefer „Sßüfte ber ©eifter" hinwegrief; von ßalbSrieth unb 
2Beimar herüber tönte bie nerlotfenbe ©timme CS^arlottenS, 
roährenb in nächfter 9^ät)e eine blenbenbe <Sct)önl)cit feine 
Sinne gefangen hielt, fein SBlut in aufrührerifche SBaHung 
braute. ßurjum: ©leidmmt unb Seelenfrieben fdnenen unfern 
£id)ter r-erlaffen gu haben, unb roenn auch l>alb barauf, ju 
Anfang be3 Sohren 1787, ftörnerS jurücf tarnen unb ba3 
freunbfd;aftlia^e SBeifammenleben bie geroohnte Slufjenfette 
roieber annahm, fo fchien eä boch mit ber früheren roolfen^ 
lofen ©eiterfeit norbei ju fein. 



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3n Srcsben. 



99 



3)ionatelang baiiert bcr uncrquidlidje 3"ftanb. GineS 
StbenbS aber fommt &uber in ba§ gemeinfajaftlidjc Cuartier, 
in ber Hoffnung, ben greunb, rote immer, am 3d;reibtifd; 
ober f$on im SBett 511 ftnben — fein Schiller ba ! TaS 9ieft 
ift leer, ber ^ogcl ausgeflogen, ©inige Seilen tum bcr §anb 
beS glüd)tü'ng* enthalten leere 2(usfu"id)te unb rerlegenc 
Lebensarten: e3 l)anble fict) mir tun eine hirje SIbroefenljcit, 
er werbe übermorgen roieber jurücf fein, fcuber ift roütcnb, 
gönnt übrigens feinem $oxnt fed)Sunbbreifjig Stnnben jur 
Döllen Steife, greift bann jn einem ganj infamen ftefcen tyafc 
papier unb formiert in aller §aft biefe 3 C ^ CU baratif: 

„2In Tta), Sump, roerb' id) roirflid) feinen falben 93ogen 
orbentüdjeS Rapier roenben. Tein fyinterltftigeä ©ntflietyen 
ift bod) albern; ia) fjabe bie uorgeftrige 9?ad)t roenig ge= 
fd)Iafett, bentt e3 gab aufeer Tfjaranbt bod) nod) anbre 
2Jiöglid)feiten. UebrigenS mad)ft Tu mir nia)t roete, baß 
Tu f)eute abenb roieberf ommft ; roofür braudjteft Tu aisbann 
SSäfdje? S3urmann follte bie 9iadjmittag3poft abroarten, 
aber ber intereffantefte 33rief ift fa)on fjeute früt) gefommen, 
unb sroar mit ber fafyrenben; bie biefen 2lbenb fommt, ift 
eine reitenbe unb bringt alfo feine anbem Sriefe oon 
2flannljetm. 2lua) an ftörner l;at (Sljarlotte gef abrieben, bod> 
ba3 wirft Tu roofjt r-on ifjr felbft fyören. S3ct)alte mir 93ur= 
mann ja nidjt brausen; idj muß boa) einen Grfafc fyaben, 
unb id) fürdjte mid) 511 Tobe attein in ber 9?ad;t. Slbieu, 
Tu verlorener <Sofm." 

SSer ber f)ier angeführte 93urmann fein mag, roiffen 
roir niajt genau ju beftimmen; roar)rfcr)einlid; ber Tta)ter= 



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100 Sie ficipjiger ftreunbe. 

fonbcrling biefeS 9iamenS, befannt burdj feine Cben auf bcn 
£ob eines ftanarienoogete, burd) feine GJebidjte oljne ben 
S3ud)ftaben dt, überhaupt burd) feine poffierlid)en Gj;tra= 
uaganjen. <5onft in SBerlin, mar er oielleidjt gufättig in 
Bresben anroefenb unb t»erfet)rte mit ben jungen Seilten. 
SDer SBrief felbft ift ntdfjt batiert, fann aber nur am 19. 2Ipril 
1787 gef ^rieben fein; er l)at feine oielbeioegte $orgefd)id)te. 

3u ©übe be3 oorigen ober Anfang biefeS 3af)re3 war 
<5d)iHer auf einem 9)Ja$fenbalIe, fpäter im §aufe ber Sdjau* 
fpielerin Sophie 2llbred)t, bem gräulein Henriette Crlifabetl) 
v. Slrnim begegnet, einer ooUenbeteu <2d)önl;eit, ber felbft 
Gljarlotte o. fialb, tyalb unb f)alb bod) eine Diioalin, alles 
£ob fpridjt. $Die -Hiutter, eine CffoierSroittoc, f)ielt fid) um 
biefe 3«* Bresben auf, um bort if)r unb Üjrer £od)ter 
©lücf 511 oerfud)en. @3 mar eine jener abenteuerlichen 9ias 
turen, bereu Mutterliebe ntd)t viel um 9ied)t unb Unredjt 
fragt. SBenn fie aud) feine ernften 2lbfid)ten auf Sd)iUer 
fyaben fonnte, fo rooßte fie es bod) nid)t fyinbern, baß er 
Henrietten ben £of mad)te ; er mar ja ein berühmter 2>id)ter, 
beffen greunbfd)aft fd)on ehoaS ju gelten fyatte, unb ob er 
gleid) nid)t3 weniger als irbifd) begütert war, fo befam er 
bod) ab unb 511 ein Honorar, baS fid) in ein tocrtooHeS ©es 
fd)enf umfefcen ließ, ja, mie man Jagte, aud) im flingenben 
9?aturftanbe roißfommen fyieß. 5ßießeid;t, baß Henriette il)m 
bafür mit il)rer Siebe lohnte, oielleidjt aud) uid)t. ScbcnfaflS 
r-erftanb eS baS oielummorbene 9)iäbd)en, if)m ben ftopf ge= 
f)örig mann 5U madjen. ©cm armen £ia)ter roollte feine 
2lrbeit mefjr oon ber §anb gefjen ; Gifcrfudjt unb SiebeSqual 
l;emmten feine ^robuftionsfraft, unb gegen ben <£turm ber 



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3tt 2>re$ben. 101 

feinblidjen ®efüf)le wujjte er gute^t feine anbre Rettung, 
als eine %luä)t in bie länb(id)e ©infamfeit bc3 nafjeliegenben 
(stäbtdjenS Sf)aranbt. Ser Slbfdjieb von Bresben fiel ifjm 
nicf)t aflju ferner; benn um biefelbe 3eit gingen aud) 3lrnim3 
auf bie SHeife. s J)ian fennt bie Briefe, bie «SdöiÜer unb 
Börner wäf>renb biefeä uifanten Suterme^oS ber SreSbener 
^eriobe gewedjfelt f)aben, unb man wirb uns geftatten, baä 
fleine SBilb burd) einige ^Briefe üou §uber 511 üerooHftänbigen. 
Siefer fd)reibt am 22. 2tprit : 

25u wirft mir bod) ungefdjworeu glauben, Sieber, bafe 
id) in biefen ftürmifdjen Sagen wofjt f)unbertma( an Sief) 
gebaut f)abe. Seber SBtnbftojj fd)ien mir Seinen tarnen in 
meine C^ren $u braufen ober einen Seiner au* Sf)aranbt 
mitzubringen. Su Ijätteft, bädjf id), trofc beS Coib, tristia 
fdjreiben fönnen. Ueberfjaupt finb' id) fyier eine grofce 2Ina= 
logie swifdjen Sir unb bem armen Coib ; wie ifm t)at Sid) 
bie Siebe in£ (Srilium gejagt. 

Öeftem war tjoffentlid) Sein fritifdjer Sag, unb uon 
geftern an fd)eint fid) atteS vereinigt 511 Ijaben, um Sid) wieber 
aufju Reitern. 3d; gratuliere oorjügtid) ju ber Satbergfdjen 
Antwort, unb faft mödjt' id) Jagen, bafi Su mefyr ©lud f)aft, 
als — 

2lm Sonnerftag fjatten wir einen red)t f)übfdjen 5lbenb, 
Börner unb id). 3d) uerfüfjrte ifm §u ber unglaublidjen 
(rrertion, mit mir bei Sata ein paar SBoutetUen engftfd>$ 
SBier auSjuftedjcn. iKinna war erftaunlid) bagegen, er felbft 
füllte ßewiffensbiffe, aber meine Serebfamfeit fiegte über 
atteS, unb er fjat e3 nidjt 6ereut. 3a(a3 2Ue, ber mädjtige 



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102 Sie Seipjiger ftreunbe. 

SersenSf^lieBer, perfekte aud) bei ihm feine Sirfung nid)t, 
unb tüir fabelt gefd;roafct, bafj bic Gngel im Gimmel fid; 
barüber freuen mußten. 

Slber baS ganje Öeplauber hilft 51t nu$t£; id; fel;e bie 
grage auf deinen Sippen fdjroeben, ob id) mid; für etroaS 
beftimmt r)abe. — 3«' 3^) roeibe mid) feit geftern an ber 
3bee ju einem Trauerfpicl, unb id; glaube einen glüdlid;en 
Stoff geroäf)tt ju [;aben. 2öenigften3 fd;eint er mir intereffant, 
fortreifjenb, äu&erft tt)eatralifcl) unb. jiemlid; leid)t ju be= 
jnnngen, melleid)t gerabe weil er fcfjr voU ift. ©ntftanbcn 
ift ba3 SBefen burd) eine oerroidelte unb fonberbare 3 Deen= 
Slffociation, r»on ber id; aber mir unb mit ber 3eit aud; Tir 
ganj beut(id;e SRedjenfchaft geben fann. 3$ fü^tc mid) 511 
biefem *piane aufgelegter, als id; e£ je für etroaä mar, unb 
id; f)abe für bie furje 3eit, feit er ftd) in meinem $opfe au= 
gefponnen fyat, fd)on tnel beutlidje 3been barüber, bie mir 
eine 2lrt oon Unterpfanb geben, bajj mir reid)l;altige (*nt= 
bedungen beoorfte^en. Ta3 9Zät)erc baoon oerfpare id) für 
unfre 3"fammenhmft in £f)aranbt; aud) wirft Tu ba mcl;r 
erfahren, als id) §ur 3eit felbft weife, unb id; miß, bafj Tu 
Tid) auf meine Slnfunft freuen fottft. 2£enn id; nid;t ein 
(ifjrift märe, id) mürbe jum 2lpoß beten, bafc er mid) bie3= 
mal nid;t bei ber 9tafe herumführte unb finfen ließe, juft 
wenn id) mid) red)t auf juf dringen bäd£)te. 2lber Tu, ber 
Tu fein (Shrift bift, Tu fannft'3 in meinem Kamen ttjun. 
borgen t^u' id) einen mistigen 0)ang auf bie 23ibliothef, 
ber, mie id) hoffe, viel entfd;eiben foH. — 3$ freue mia) 
fd;on auf Tein ©rftaunen über bic S5üd;er, bie idf) nad) 
T^araubt mitnehmen roerbe. 



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3n Sredben. 



103 



Xen 23. 2Ipril. 

Stuf (jeute E)aft Xu un§ einen 23rief ncrfprocfjen. Xu 
Toirft alfo roaf)rfd)einlid) einen SBoten fdjicfen, ber Xir beu 
meinigen jurüdbrtngen fann. Stuf ber Sdjlofegaffe (infofern 
nämlid) nur eine ^ßerfon ba roofjnt) bin id) feit deiner 2tb-- 
reife nid^t geroefen, außer am Sonnabenb, roo afe ausge= 
flogen mar. §ier Ijaben mir Stetten gemalt, in roeldjer 
Drbnung Xu bie brei SBriefe, oon Xalberg, oon 6. unb oon 
21., gelefen t)aft. 6d)reib' un§ ba3 bod), bamit toir miffen, 
toer verloren f)at; eine SBouteitte engtifdjes 5Mer ift aud) 
babei, unb mir bürften rafenb. 

SÖalb roerb' id) roof)l oon Xir fjören, mann Xu mid) er= 
marteft. 3$ bin ooH Ungebulb auf biefc 3cit, aber efyer 
als in ad)t Sagen mag id) felbft nid)t fommen. §eute atfo 
fpann' idj ben Xafeborf an, bafe er mir r-erfd)iebene3 auf« 
treibt, roa$ mir nüfcen fott. SDtein Stücf, roie id) mtr'sS nod) 
benfe, foß einen raffen, ffi^iert fdjeinenben (Sang fjaben, 
ungefähr roie bie neue „Gmma" oon Unger, nur aber mit 
mef)r $Rüdfftdt)t auf bie ©djaufpicler unb auf ba§, roa§ i^nen 
if)re SRoßen intereffant madjen fann. £ebe roof)l für bie3= 
mal unb fdjretbe mir balb. §uber. 

Xer 93rief bebarf einiger Slnmerfungen. Xte Xalbergfdjc 
Slntioort, roaf)rfd)einltd) ber oben erroäfynte „intereffantefte 
33rief", enthielt bie Sftadjridjt, ba& „Xon SarloS" für bie 
2Hannf)eimer 33üf)ne angenommen fei. $on bem Keinen 
ßnetpabenb erjagt aud; Börner, unb er fagt un« jugleid), 
roorüber beim Xrinfen geplaubert mürbe: „©eftern roar td) 



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104 



2>ie Scipjiget greunbc. 



mit &uber bei <Sala, engüfd) 33ier 51t trinfen. 2Bir fpradjen 
anfangs oiet t)on SUuminatcn unb geheimen ©efellfdjaften, 
nnb enbigten mit unjrer eignen roerten $erfon unb mit 
ber Seinigen." greimaureroereine, ©etfterfefjerorben, 9?ofen= 
freujer, gtluminaten — hierum breite fid) bamats baS ©e= 
fdnoäfc aller ßaffeebafen unb felbft baS ©efpräd) ernfterer 
SWänner; bicS fü^rt uns audj auf bie gäfjrte beS Trauer? 
fpiels, baS §uber plant unb wofür er ben SMbliotfyefar Sa&= 
borf „anfpannen" roiH. ©3 ift „Sa£ <Qeimlidje ©erid)t", 
ein 9iitterftütf aus ben 3^^cn ber gerne, roooon fpäter 
33rud;ftüde in ber „£lmlia" erfdjienen. 6d)iüer na^m bie= 
felben mit SBiberftreben auf; er fjatte feinen ©tauben an 
ba§ <Stüd, lüä^rcnb Börner magren ©efjalt barin fanb. 33ei 
ben beutfdjen 33üf)nen erntete e£ nad) feiner SBoUenbung 
„nid)t§ als ftörbe"; um ein £aar märe e£ aber in£ gran* 
jöftföe überfefct unb in§ t)ornef)me Repertoire be£ Spätre 
grangaiS aufgenommen morben. Sie gragmente in ber 
„Sfjalta" oerarbeitete <Sd)ifaneber in SBien 51t einer niebrigen 
©rufelei: „§an3 Sallinger, ober: Sa£ f)eimlid)e 33lut* 
geriet." 

SSaS enblidj, um mit Sdjiöer §u reben, „bie uerflu<$t 
f)übfd)en Briefe" oon Salberg, uon G((;arlotte) unb 2l(rnim3) 
anbelangt, fo fennen rcir nur ben 3nf)a(t beS erfteren unb 
fabelt if>n bereits angedeutet; bie beiben anbern ftnb oer= 
uidjtet roorben. GS genüge uns, ju toiffen, bafj bie unglücf= 
feiige £iebe ben Sinter aud) nad) Xfyaranbt oerfolgte. Jpeute 
tarn ein Sörief, unb morgen fam fie felbft, bie fd)öne §en* 
riette mit ber fauberen grau 9)?ama. 

2lm 24. 2lpril, einem Sicnfiag, befugten fie ben 23er= 



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3n £reöben. 



liebten in feinem Grit. £eiber fam and; ein anbrer s ^ers 
ebrer SettchenS, „ber birfe ®raf 2B." (&>albfteim£ur), sunt 
Stetlbichein, unb bie£ fcheint bie (rtferfud)t beö £id)ter8 er= 
regt $u ^aben. GS finb uor furjem jwei Briefe ber frönen 
Arnim *) aufgefunben worben, weldje über btefe bieder &iem= 
lid) bunfle (Spifobe in Sd)tüer3 3ugenbleben mancherlei 2lnf= 
fchlufj geben. 9Jad) bem einen 51t urteilen — er ift r»om 
28. April — hat ber Sidjter feine Angebetete währenb ifjrcö 
SBefudje^ in £f)aranbt fdjarf in bie deichte genommen : er 
wollte über it)re Vergangenheit flar werben, r-erlangte gerabe- 
51t bie Briefe 51t lefen, meiere Henriette r»on ihren früheren 
Verehrern befommen fyattz, unb obgleich eS bamalä, unb 
auch im SdjiÜerfchen greunbeSfretfe , Sitte mar, „fchöne 
Briefe" uon £anb 51t §anb gehen 511 laffen, fo mochte benn 
bod; bie 9?ettgierbe biennal au£ 3™etfel unb SJiifctrauen ent= 
fprungen fein. Henriette antwortete auSweichenb ; fie lmtte 
bie meiften biefer „Erbärmlichkeiten" üerbrannt, unb bann 
mürbe man eä auch „manchem oon ben jdjönen Briefen gleich 
beim erften SÖlicf anfehen, ba& er aus einem alten SHoman 
gefchrieben ift". 3 u 9^ e ^ fdjie&t fie surücf unb jielt gut, 
inbem fie fidt) auf grau r». ßatb eiferfüchtig jeigt: „Sie tlnm 
gan& entfe&lich geheimnteboll mit ihr, unb barum roünfchte 
ich ooch biefe liebe greunbin näher fennen ju lernen." 
Uebrigenä gefteht fie ein, baß Schiller nicht il;re erfte Siebe 
ift: //3d) h atte m ™ feft vorgenommen, nie mieber 511 lieben . . . 
id) wollte leichtfinnig wie bie mehrften 3)iann£perfonen werben, 
unb mid) uor allem, was meine tfmpfinbung erregen fönnte, 



*) <5. Urlich«, 93riefe an ©. 



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Sie £eip3tgcr greunbe. 



Ritten unb bod) ein §eer von ;öeref)rerit um midj oerfammelt 
Ratten, wollte einen jeben anhören aber feinem mefjr etroaS 
glauben. 3$ Ijatte mid) aber geirrt . . . ßaum al§ td) Sie 
Stueimal gefprodjen Ijatte, fo fanb id) gar balb, bajj id) midj 
in meiner $ed)nung, mein §er§ uor aller Siebe 51t bemalen, 
geirrt fjatte." (£3 fällt einem niä)t leidet, aud biefem 2öed)fel= 
fpiete oon 23efenntniffen unb SBerfyetmlidjungen flug 51t werben. 
3ft Henriette aufria)tig? Dber rebet ba3 Junge 2ftäb<tyen 
bie fdjlaue, oorfidjtige ©pradje einer toelterfafjrenen ßofette? 
SBir meinen baä erftere. 3ettd;en mar of)ne S^eifel eine 
gefatl|üd)tige $erfon, bie gern unter bie £aube gefommen 
märe ; allein t)om gef djäftlidjen ©tanbpunfte beregnet, f onnte 
ber junge ©d)iQer benn bod) ni<f)t al3 eine glänjenbe Partie 
gelten, bei ber e3 ftc^ oerloljnt Ijätte, alle SHinen ber 5tofetterie 
fpringen $u laffen. Henriette liebte ben fa^roäbifd^en geuer* 
fopf in itjrcr 2lrt glüfyenb unb aufrichtig, liebte ifm t>ieüeid)t 
um fo inniger, je mefjr er ftd; if)r ju entfremben brotjte. 
<Sd)ifler errotberte jenen 33rief mit einem ©ebid^t „am 2. 
2Jtai 1787", bem einzigen poetifdjen SDenfmat feineö &re£bener 
Romans. (£3 ift trofc feines Sdjroungä falt unb fremb: 

(Ein treffenb 33Ub von biefem fie&en, 

(sin SWaöfenbatt f)at bid) 511t ftreunbin mir gegeben, 

9flein erfter Sfnblict — roar betrug 

unb enthält jum Sdjluffe eine förmlidje Slbfagc: 

3d) lann bir nic&tS al$ treue ftreunbfcfjaft geben . . . 

— befanntlid) ber ftänbige 9lunbretm eines jeben in 91üd)tem= 
fjeit unb (Snttäufd;ung oerlaufenben £iebe3raufd)e3. 

2luf einen ©riff freilia) liefe fta) bie Neigung ju bem 



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3n Bresben. 



107 



frönen 9)iäbd)en nid)t aus beut £er$en reißen. Gr blieb 
oorberfjanb nod) in £f)aranbt, oielfad) mit bem ttebanfen 
an fic befdjäftigt. 

3« feiner Erbauung Ratten ifnn Börners bie „Liaisons 
dangereuses'- f)inau^gefd)icft — bod) roaä ocrmod)te bic 
lef)rreid)fte Seftüre gegen bie Erinnerung an ifjr gotbblonbcs 
§aar unb il)re glänjenben 2lugen? Unb ba fic nun roieber 
in SreSben war, ging aua) Schiffer bamit um, feiner freü 
willigen Verbannung ein Enbe 511 machen. 2?>ir tefen banon 
im folgenben SBriefe jQiiberd: 

Bresben, ben 2. 2J?ai 1787. 

$u fannft nid)t glauben, roie fdjroanfenb unb uncnt= 
fajloffen id)i bin. 3eben Xag f;ab' id; mir oorgenommen, 
nad) Sfyaranbt 511 gefjcn, unb jeben £ag Ijaben fid) Urfadjen 
gefunben, bie mid) abhielten. Scfct iftä grül) um 8 Uf)r, 
biefen Sftadimittag war id; entfdjloffen, 51t gefjen, unb id) fetje 
jefet fdjon taufenb Singe oorauS, bie mid) r»ielleid)t 5urücf= 
galten werben. ES ift furdjtbar falt, 91r. 1 ; ia; befinbe mid) 
niajt rooljl, f)abe fett oter bis fünf Sagen beftänbige 2lnfäHe 
oon 5lolif unb 2)tarrf)öe, 9fr. 2; mein ©elb ift faft ganj 
311 ©übe, unb in ber Stabt bin id) weit mein: a memo, 
roeldjeS einjufaffiren, bejaht ju befommen ober 511 borgen, 
9ir. 3; biefe lefcte S3equemlid)feit ift audf) wegen beä SSedjfelS 
roidjtig, ber morgen über adjt Sage in Seipjig $af)lbar ift, 
9ir. 4; meine Slrbeit ift nod) nidjt beftimmt genug, idf) weift 
nidjt, meldje 93üdjer id) brausen fann, teils mid; ju erwärmen, 
teils ©toff ju fammeln, baf)er mir bie Entfernung oon ber 
©tabt feljr befdjwerlid) mürbe fallen fönnen, 9h\ 5. Oiegen 



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108 



£ie Seipjtger greunbe 



alle biefe ltub einige anbre ©rünbe famufte nur immer bie 
$Rürfftd)t, ba& id) gern biefe Sage mit Sit erjftieren mö<$te 
unb Su roafjrfdjeinlid) mit mir, bafj i<$ Sir oiel!eid)t uon= 
nöten fein tonnte, um bie Saft beineä Sf)aranbter Slufent; 
t;a(teS 511 oerminbern. 2lber fjeute ift fdjon Sflittroo^), unb 
wenn Su oorgefetstermafjen am (Samstag roieber fyereinjieljft, 
fo ift e3 ni$t ber 2)iüt)e roert. SBteibft Su aber länger unb 
idj) fomme ^eute nidjt Ijerauä, fo f abreibe mir'3 unb f abreibe, nrie 
lange Su nod) ju bleiben benfft, bamitid) mid) banadj beftimme 
unb enblidf) einen feften @ntfd)lu& faffe. (Sdjretbe mir aud), rote 
e§ mit einem 23ette ausfeilen mürbe, toenn icfy f)tnau3fäme, 
benn in biefem fünfte bin i$ nid)t foroofyl &art als efel geroöfmt. 

SBie Ijeijjt Sein groger ©eniuä? 3df) mödjte il)n beim 
tarnen rufen, bafc er nod) f)erfpränge, TOeü'3 3 eit rcarc / 
unb ben GarloS oor'm gaflen fd)üfcte. (Sdjüttle Sid) 511= 
fammen, jum genfer! £uHe Sid) jurüd in bie Sage deiner 
Äraft. 2lber eigentlich foflte ber Staat ^enftonen für arme 
Verliebte augfefeen, ba§ fte nid)t gejroungen mürben, fid; ju 
erilieren unb Srauerfpiele ju fd)reiben, roenn'3 iljnen im 
©runbe fe^r luftig §u SJhtte märe. 

Siefen borgen f>ab' i<$ Seinen SBrief bef ommen, SlrnimS 
fjaben mir tlm gef^idt ; aber wenn Sit in einem Briefe oon 
Singen fpridjft, bie morgen ober übermorgen gefdjefjen 
f ollen unb roonad) fidf) unfereiner ju rieten f)at, fo oergife 
in 3»^u"ft ntdjt, einen folgen 93rief 511 batieren, roeil man 
fonft mit bem morgen ober übermorgen nur einen fefjr 
bitnflen, unooHfommenen begriff oerbinben fann. Seb' taujenb= 
mal rooljl. 3d)f)ätte Sirtaufenb intereffante Singe ju fagen! 

§uber. 



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$u £re$ben. 109 

$on ben taufenb intereffanten fingen, bic &uber auf 
bem iQerjen fyatte, fonnte er bem oerliebten greunbe, als er 
it)n braußen befugte, toenigftenS eineö jagen, iua3 er mittler; 
roeile auägefunbfcfyaftet fyatte. Gr wußte, baß bie fjcimlidje 
Siebe jroifd&en SdjiHer unb Henriette ihre befonbere 3eia>n= 
fprad)e tjatte : wenn Sdjißer am &aufc ber 2lrnim£ in ber 
(3d)loßgaffe vorüberging unb in einem gewtffen 3immcr Sidjt 
erblitfte, fo fottte bie$ bebeuten, baß §ero in gamilienge= 
fellfdjaft mar, folglid) ber Siebe feine Slubtenj geben fonnte. 
SDiefeS Sid)t aber, bem guten Seanbcr jur Tarnung aujge= 
fterft, leistete in 2Bat)rf;eit bem ©lüde eines anbern, reiferen 
SiebfjaberS. §uber, ber Diplomat, Imtte ben licbenSwürbigen 
betrug auägefdjnitfrelt, unb wof)l ober übel mußte er bem 
greunbe bie bittere $iHe 511 fd)luden geben. Sie SBirfung ift 
uid)t ausgeblieben. 9Jfan fpürt fie namentlid) im ^weiten ^Briefe 
§enrietten§ (00m 5. 9)iai), meiner uns beinahe TOtleib mit 
ber oerlaffenen 2lriabne abnötigt: „9)hiß id) benn aber juft 
nur ein fublimeS ©efajöpf fein, um 3f)re Siebe 511 oerbienen? 
©tlt bei 3t)nen ba3 oor fein SBerbienft, wa£ id) mir bod) 
baju rechne, nämlid) <2ie über alles ju lieben. £od) ba$ 
benfen ©ie ift feine jhmft, aber oon $l)ntn geliebt $u werben, 
ba3 will freilid) mefjr fagen. gd) wollte, ict) märe auf einige 
3eit ber glattergeift, ober baä fdjale ©efd)öpf, wofür Sie 
mid) galten, icr) märe vielleicht rufnger. £a tjätte id) Sie 
nidjt geliebt, unb märe weniger unglüdlid; als jefet." 2lllein 
(2d)iHer fjatte nun einmal mit biefer Siebe feine 9ied)nung 
abgefdjloffen ; er wollte nid)t, wie er fid; felber äußerte, „an 
ben £rtumpf)wagen gefpannt werben", unb wenn er aud) 
für bie 9flaf)nungen Börners nur taube Cljren gefmbt, fo 



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110 



S)ic Seidiger greunbe. 



blieb ihm nad) ben gnthüflungen &uberä feine 2£af)l mel)r. 
Sod) fd)eint imfcr 2)id)tcr mel)r ftiQe <£d)am, als geregten 
3orit barüber empfunben ju ^aben, imb 511 einem offenen 
53rnd) mit ben 3lrnim3 lieg er e£ gar ntd)t fommen. SB0511 
and)? S)a3 §er$ tyattc roofjl in ber ganjen Angelegenheit 
roenig mitgerebet; c3 ^anbelte fid) faft nnr um ba§ Ungeftüm 
ber ©inne. $iefe aber lernten roeber Stolj, nod) beleibigteä 
©l;rgefüt)t unb üerftefjen e3 aud) beffer, im fßerbruffc ftd) 
51t tröften. gräuletn Henriette, ba3 Urbilb ber ©rted)in im 
„©eifterfeher", prallte in fpäteren 3a^ren mit ber Siebe 
beä SDi^terS, heiratete &uerft einen ©rafeu 0. ßunheim, bann 
beffen Onfet, fpielte aud) eine 9Me im ßönigSberger s 3Jiu<fer-- 
projefj unb fiarb enblid) (1847) 51t Bresben in ber 5Tcäf)e 
il)rer natürltdjen ßinber. 

2>er junge ©djiller hatte fid) atfo roieber einmal au3= 
getobt. 9hm fjerrfc^tc roieber SRnhe in feinem ©emüte, fein 
©eift mar für bie 2lrbeit roieber frei geworben, Sfafd) rourbe 
bie lefcte §anb an „$on GarloS" gelegt, benn Hamburg 
unb Mannheim roarteten auf ba3 9)knuffript. SBei <Sd)röber, 
bem Seiter ber Hamburger 93üf)ne, entfchulbigt er fid) roegen 
beä SBerjugS (13. 3uni 1787), „eine Abhaltung unb bie 
ftärffte fönnte td) 3h nen nennen, roeil fie fefjr — menfchlidj 
ift, aber idj braud)e mein Rapier jefct 51t notroenbigeren 
©ingen." ftie oerraud)te Seibenfcfjaft roar ihm nun fein 
Stücf Rapier mehr roert; bod) roaä er aud) fagen mochte, 
einen bitteren 93obenfafc (jatte fie gcroife jurücf gelafien : 
Bresben erfaßten ihm fortan ohne 9teij; §erj unb Vernunft 
5ogen ihn nad) SBeimar, in bie 9Mhe GharlottenS, an ba3 
^ojlager aller ©ötter unb ©öfcenbicner ber beutfehen Sitten 



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Subro. -gerb. §uber. GJeorg Jorfter. 



111 



ratur. Sie SreSbener ©turmperiobe war auägefptelt. 2ln 
einem frönen ©ommerabenb (21. 3uli 1787) erreichte 
griebria) ©Ritter, feit 1784 faa;fen=TOetmarfä)er 9iat, bie 
©tabt feiner gufunft, ben Ort, wo einft fein Stufcm fia) 
uollenben unb fein ©djicffal fiel) erfüaen fotttc. 



Xttbhit0 3terMttanfr fixtet, (ö^org 3tajtn\ 

&uber mar in SDreSben aurücfgeblteben. SieS unb baä 
feffelte tf)n an ben Ort, forcof)t bie ©orge um bie 3 u ^ un ft 
bie if)n in ben SBorsimmern ber 9J?xnifter untertrieb, als aud> 
ber 3 au & e * oer ©egenroart, ber tlm an Sorbens ©eite 
bannte, @nbli<$ öffnete fi<$ Ujm bie biplomatifäje Saufbafm. 
Öegen ©nbe beS %a\)ttä (1787) würbe er ber furfürftliä) 
fä<$jif<$en ©efanbtfa^aft in «Diain^ als SegationS=©efretär 
jugeteilt ; er foHte bort tüchtig axbtittn, bamit fein ©efanbter, 
toie Börner meint, Sttufje ju SBeiber* unb ßartengefdjäften 
befäme. Anfang SXpril 1788 ging er auf feinen Soften. 
£>ora weinte heftig, bef anfügte fi<$ aber rafäjer, als ©ajroager 
Börner geglaubt Ijätte, unb ertränfte einen Xeil iljreS 
©d^mer^eS in ber Seftüre beS 2lrbuigf)elIo, ber bamalS, nod> 
vom Srucfe na&, bie !Hunbc burd) 2)eutfd)lanb mad)te. Kein 
Sweifel, bafe &uber bie 2)ufcenber=2)iplomaten, beren 9iid)tig= 
feit an ben f leinen beutfdjen &öfen affrebttiert roar, in 
Silbimg unb ©eroanbtljeit um eines ©djettelS Sänge über- 
ragte; allein er litt an einem unüerjeifjlidjen geiler: er mar 



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112 



3)te Seidiger ftreunbe. 



bürgerlid^cr ©eburt, er Ijattc ftd), ein Unberufener, in ein 
(bebtet eingebrängt, roeldjeS ber SCbel gepachtet ^atte, unb 
roenn er baljer aud) anfangs 511 feinem ©efanbten in ein 
leibliches SSerhältniS trat unb roäfyrenb einer furjen 2lb= 
roefenheit beSfelben fogar juni Charge d'affaires ernannt 
würbe, fo ^atte er bod) balb genug über 3«rücffe^ung unb 
Langel an entfprechenber S8efd)äftigung ju flagen. Börner 
fd)reibt an Stiller *ott SBitterfeit (2. 2lpril 1790): „3n 
feinem politifchen gad) wirb ©über eroig nur ©olj= unb 
2Bafferträger bleiben, fo lange er in Sachfen ift. SRur ber 
Suftijmann fann bei uns als bürgerlicher Ginflufe auf 
(Sntfdieibungen fyabtn, roeil §ier aud) bie @ntfd)eibung 
mül)fam ift. 3" allen anbern gällen fott unfre klaffe blofe 
€£pebieren ober Materialien fammeln." 3?on ber ^ßolitif mit 
©eringfehäfeung abgeroiefen, roarf fidj ©über mit befto regerem 
(Sifcr faulitterarifd)e Arbeiten unb fctjrieb oiele SResenfionen 
in bie Slllgemcine £itteratur=3eitung unb anbre gelehrte 
3ournale. Schiller las feine 2Jrtifet md)t ohne SBeifall, 
roährenb Körner meinte: „Sein Stil hat jefet etwas ©e= 
fchraubteS unb SDeflamatortfcheS, rooburch er juroeilen all* 
tägliche ©ebanfen aufjuftufcen fucht. Sflir beudjt, gorfter 
fteeft ihn an." ©eorg gorfter mar in ber £h at fein täglicher 
Umgang, unb roie feft er bem feltenen 3)lanne ans §erj ge* 
road)fen, erfahren roir aus einem Briefe beSfelbcn an Schiller: 

2)}( a uiS)/ ben 7. Stejember 1790. 

§aben Sie h^rjlichen SDanf, mein gütiger greunb, für 
baS überfenbete §eft ber „^alia^. Sin ber (Erfüllung meinet 
f leinen SBunfcheS fonntc mir, roie bie SHatur besfelben be; 



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£ubro. £erb. §u6er. ®eorg ftorfter. 



113 



weift, nid)t otet Hegen. 5Hein &auptmotio war, baß id) 
meine 2tn(id)ten nid&t gern Briefe nennen wollte, weil fie 
leiber ju aufgearbeitet, ober bejfer, $u mutant unb fd)wer= 
fällig gearbeitet finb, um bei biefer Benennung beftetyen $u 
fönnen. 

3n fiüberS Umgang genießen mir f)ier, mein liebet 
SBeib unb id), fet)r Diel, id> möchte tagen, bie einige äftt)e= 
tifdt>e greube, ber man in fjablmft werben fann; beim 
außer unferm Greife oerftefjt uns fein SJienfdj. SSären ©ie 
nur aud) bei unS; e£ foßte un£ allen wof)t babei werben; 
ba§ Reiben gibt gunfen, unb je mein* ber oerfdjiebenen 
©eifter fmb, bie ben $md f)aben, ftdj burdjeinanber m 
erätieren, wenn fte nur fo geartet fmb, baß fic einanber 
Derlen fönnen, befto fjerrlic^cr gefyt'S. Siußer großen 
Stäbten ift e3 unmöglia), oiele 3flenfd)en §u biefem 3roedf 
irgenbwo §u oereinigen, unb aud) ba tritt bann ein aHge= 
meiner %on ein, ber auf Ginfeitigfeit hinausläuft; td) habe 
baä in Öerlin gefeiten unb tröfte midt) bamit, wenn id) benfe, 
mit SBenigem müffe man aufrieben fein, ginben Sie aber 
bort gar nichts, bann ift ber £aufd) um fo eher wünf d)t\\fr 
roert. 2Bie eigennüfeig mir fax baran arbeiten mödjten, 
fönnen ©ie fid) oorfteflen. &uber hat mir feinen Sörief oor= 
gelefen, unb fein 2Bunfd) ift ber meinige. 3>d) wage es 
ntd)t, Shnen ju fagen, wie e£ mtd) freuen mürbe, ©ie biefe 
9Beif)nad)ten r)ter ju fehen unb — was id) oon Syrern $er= 
trauen ju mir t)offen barf — ©ie in meinem £äu3djen 
währenb 3h rcg $ierfein3 $u behalten. 2Benn e§ 3hre ©ins 
rid)tungen unb glätte geftatten, werben ©te fommen! 3d) 
wünfdjte, . baß 3h re Stefanntfd&aft in Grfurt 3ljnen ^ter 

Silber au« ber Sflillerjeit. 8 



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114 



Sie Setpatger ftreunbe. 



Kanäle öffnen fönnte; allein id) glaube mit &uber, bafj bie& 
birefte nid&t gefd>el)en barf, unb auf feinen %aU fo, ba& mau 
merft, wo bie @mpfef)lung fjerfommt. 

Ob id) fünftigen §erbft eine fleine Steife jur (Srfyolung 
roerbe oorneljmen fönnen, ift nodj fc^r ungeroifc, um fo mef)r, 
ba £uber, mit bem id) in Sfyte ©egenb ju fommen roünfdf>te A 
nur gar nid&t tum feinem Soften abfommen fann, meil ber 
©efanbte nidjt roieberfommt. 33edf3 beneiben mir befto meljr. 
Saffen ©ie uns inbeffen nur balb etroaS @rfreulid>S über 
Sfjre §erfunft ^ören unb leben ©ie red)t glücflia). 3(J* 

gorfter. 

$er ©ingang beS SriefeS be$ief)t ftdj auf einen 9luffafc 
gorfterS im elften §eft ber ,£f)atta' : „Ueber bie Humanität 
beä ßünftlerS" — ein gragment feiner fpäter erfdjienenen 
berühmten „Slnfidjten r»om 9tieberrf)ein" u. f. m. TOt ber 
am <Sd)lu6 entminten „SBefanntfdwft in ©rfurt" ift ber 
ßoabjutor Balberg gemeint, ber SBruber be$ 3JJannf)eimer 
£fjeaterbaron8. ©r mar ein warmer greunb 6d)tu"er3 unb 
fwtte if)tn, fobalb er ßurfürft tum SHatnj mürbe, eine gtän* 
jenbe ©inefure an feinem ©ofe jugebadjt. Carotine v. 9&oU 
Sogen fprid)t von 4000 fl. ©e^att. ©dritter, bamats $ro= 
feffor in unb als junger (Seemann beS ©elbeS fef)r 
bebürftig, träumte gern tum ber frönen 3u?unft in SJJainj 
unb fdjeint fid) aud) gegen i&uber barüber auSgef proben ju 
f)aben. SBatb banadj warfen bie polttifd)en ©reigniffe äße 
£uftfd)löffer über ben Saufen. 2Iudj ber projeftierte SluSflug 
nad) Sflatnj rourbe burd) einen Unfall oereitelt: ber 2)id)ter 
erfältete ft<$ in Arfurt unb 50g fid) baburcf) einen jener f)ef~ 



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Subro. $erb. §ubcr. Georg ftorfter. 115 

tigen ßranfhettSanfäHe auf ben §alS, mit bencn er fid) big 
31t feinem £obe unauSgefefct herumfd)lagen mufjte. 23ed ift 
ber Mannheimer ©chaufpteter, ein £ufofretmb Schillers, um 
jene &\t ©aft am Sweater in Sßeimar. 

23ead)tung oerbient aber ber oorliegenbe 93rief oornehms 
lid) roegen eines barin enthaltenen SBinfcS über ben greunb* 
fci)aftSt>erfehr sroifchen &uber unb gorfter. SSir rühren ba 
an bebenflidje SBerfyältmffe. 2BaS ben jungen SegationS* 
fefretär in bie 9iät)c beS ^DJainjer ^rofefforS jog, mar nicht 
foroof)! Stjmpathte für beffen ItebenSroürbige ^erfönlichfeit 
unb geiftige SBebeutung, als uielmeljr eine auffeimenbe 9iei= 
gung ju feiner grau X^crefc, einer £oa)ter beS ©öttmger 
©umanijten §enne. 2)iefe ftanb bamals in bem oorteilfjaften 
2llter oon 26 Sauren, mar um wenige 9)ionate älter als 
fiuber, ^atte aber Satire ber ©rfa^rung vov ihm oorauS, fo 
bafj man bei bem leid)t beftimmbaren Naturell beS jungen 
Mannes bie erfte Urfadje ber £iebfdwft in bem aufmuntern* 
ben (Sntgegenfommen ber grau ^rofefforin ratrb fud)en bürfen. 
©in eroig ftd) erneuernbeS SRätfet beS weiblichen &erjenS 
erroad)t jum taufenbftenmal in ber leibigen ©efchidjte : gorfter 
reifte in jeber 33ejiehung über ftuber hinaus; tüchtige ©e= 
jtnnung oerbanb ftd) bei ihm mit grünblidfjer ©elef)rfamteit; 
er fannte bie 2Belt auSroenbig, hatte, ein junger Wann noch, 
eine SReife um bie ©rbe ooflbrad&t, unb ty\x\t noch ™ r b er 
als ßunftfenner, als 9faturforfd)er beS SBolfeS, als $utgari= 
fator alles äßiffenSroürbigen oon jebem billig Urteilenben in 
@fn*en gehalten. 25er um jehn 3a()re jüngere &egationS= 
fefretär unb litterarifche SonntagSreiter nahm [ich neben 
einem folgen Wanne äiemlich flein aus — nidjtsbeftoroeniger 



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\ 



116 $te Seip3t(jer greunbe. 

entrang er if)m fpiclenb bie Siebe feiner grau, bei weiter 
ein einjtaeS SBort r>on feinen fügen Sippen alle ®eifteät>or= 
§ügc beS reiferen SRanned in ben 2Binb fällig. „2Öir finb 
adjumat arme Sünbcr," fdjrieb ©Ritter, al§ er von feiner 
betäubenben Siebe §ur frönen Slrnim erwarte; wir Ijaben 
inägefamt bie $flid)t, menfdf)lid)e Sdjroädje mit 9kd)fid)t 
51t beurteilen, ^rofcbem ift e§ ferner, r»on ^uber* SBenetjmen 
ganj otjne ©alle 51t reben. 2Bir motten von ber baburc§ 
tierfdjulbeten (Störung eine§ gamilienlebenS abfegen, benn 
gorfter unb £ljercfe Ratten fid) gegenfeitig auägefoftet unb 
waren metleid^t bamals fdjon fertig miteinanber; atiein ba£ 
arme £>ordjen in SDrceben bürfen mir nicfjt üergeffen, ba3 
in treuer ©infalt bem beliebten lebte, roäljrenb biefer einer 
anbern nad) bem bergen tradjtete. £afj bie ftlatfdjfudjt unb 
■DJergelei guter greunbe fd)on früher an bem $erl)ältniffe ber 
jungen Seute 511 rütteln fud)ten, ergibt fid) au£ einem Briefe 
Börners an SdjiHer (7. September 1787), unb ba§ legerer 
nad)gerabe anfing, au ber ^auer^aftigfeit be3 23unbe3 51t 
5meifeln, beroeift fein $orfd)(ag (15. 2lpril 1790), Sorten 
mit bem Kaufmann $un§e, einem Seip5tger SJefannten, ju 
trerljetraten. „Seit id) eine grau Ijabe, fupple id) gern," 
gefteljt er bem grennbe. 2>a3 SBerfjältniS franfte eben r»or 
allem an bem gludje ber langen SBrautfdjaften, biefer ed)t 
germanifd)en Grfinbung. Seit 1784 unb länger fdjon bauerte 
bie Siebelei; erft im Sluguft 1792, nad) einer mein: al§ ad)t= 
jährigen (S'roigfeit, griff Börner jur geber, um §uber mit 
einem fogenannten (Srflärung3brtefe fjeunsufudjen : er möge 
bod), fagte er iljm möglid)ft fd)onung3r<olI, ein $erf)ältni$ 
abbred)en, baS er fatt 51t tjaben fdjeine, baS feinen unb 



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üubro. #erb. fcuber. ©eorg gorfier. 



117 



£ordjenä SebenSgenufe oergiften müffe, fobalb eS iJ»n nic^t 
meEjr roürjen fönne. Unb in feiner ©crsenägüte eröffnete er 
ifnn noa) bie übliche 2tuäfid)t anf eine „fünftige greunbfdjaft" 
mit ber ehemaligen (Miebten. ©über antwortete, er fü^lc 
ftd) aHerbingS oeränbert unb £ord)en gegenüber nid;t mef)r 
Don ber alten Siebe befeclt. 55>ic^ mar baS Signal $um 
DöOigen 33rudje. 3lm 21. (September 1792 {abreibt ba8 tief 
betrübte 2)?äbtt)en ifjrcn Sdnnerj an grau 6d)iUer. Äörner 
felbft mar empört unb beeilte fid), in einer faftigen Dieplif 
an ©über feinem 3orne Suft ju maa>n. 91od) härter flingt 
baS gelaffene Urteil SdnflerS: „©über t)at fidr) benommen, 
nrie ju erwarten mar, ofjne (Styarafter, of)ne alle 9Jfännlid)feit. 
3dj bin nia^t überrafdjt, unb er Imt aud) bei mir weiter 
nid)t3 baburd) oerloren, benn auf benjenigen 2Bert, ben 
©runbfäfce unb ©tärfe be3 ©eifteS geben, mufcte man bei 
ibm 3Serjia)t tf)un. (*r bleibt, raaS er ift, ein räfonierenber 
2Beid)iing unb ein gutmütiger Ggoift." 2Bir haben foeben 
gefefjen, unb btefe 2Borte beftätigen e$, wie rid)tig <Sd)iÜer 
bie 2ln gelegen f)eit fajon cor ber Kataflropfye beurteilte. 9>ten= 
fdjenfenntniS ift bas (Srbteil jebeö eckten 2)id)ter§. UebrigenS 
foHten bie greunbe fpäter erft über ben magren 3wf^ntcn= 
^ang ber SDinge unb über bie entfajeibenbe Urfad)e oon 
©uberS 95crr)alten Slufflärung befommen. 

3m Oftober 1792 wirb SJJain^ oon ben granjofen ein= 
genommen, gorfter, ber ©eftnmmg nad) ^Republikaner, rät 
ben rürffjaWofen 2lnfd)luf$ an granfretd) unb gef)t fpäter al$ 
Vertreter ber Stabt nad) *pari£. ©über flüd)tet fid) auf 
93efe^l feines ©ojeS nad) granffurt, ift jebodj fo unoorfid)tig, 
balb barauf naa) SDtainj jurüdsufefjren, roa£ ifjm höheren 



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118 £ie Setpjiger ftreunbe. 

£>rt§ übel ncrmerft wirb. <Sd)on wegen feines Umgangs mit 
gorfter ftanb er bort nid)t fonberlid) gut angefdjrieben. 2Wer= 
tyanb Sdjtfanen unb @cf)äfftgfeiten ausgefegt, muß er fd)tiefj= 
lid) feinen 2tbfd)ieb forbern. Börner melbet e3 an <2d)iller 
am 26. gebruar 1793 unb roürjt bie 9?ad)rid)t mit üer= 
fdE)iebenen ^}ifanterien : „(Sein 3>ert)ättniö mit gorfterä grau 
liegt jefct flar am £age . . .; fic \)at ein ßinb oon if)m, 
verlangt ifm 511m 9tf anne, forbert (Sntbetfung gegen gorfter, 
ber bi§t)er getäufdjt roorben ift. . . . 2Ba3 fagft 2)u ju 
biefem allem?" greitid), oiel GrfreuliajeS r)atte €a)itter ni<f)t 
ju fagen. 2lber wie ebel unb gut biefe SHenfdfjen waren, wie 
ferner e3 ifjnen fiel, bie Stimme ber greunbfdjaft jum 
<Sa;meigen ju bringen, ba§ beweift uns ber Umftanb, bafe 
fetbft ber im 3nnerften gefränfte Börner um §uber bangt, 
als er ii)\x auf bem 2ßege 51t einer üerf)ängni3uoIIen §eirat 
erblicft. Gr bittet Sdjiller, er möge ifm bod) oon bem albcr= 
neu Streike abgalten : „Reifen fann id) tym jefct nid&tS, fonft 
märe id) ba5ii bereit ... id) fet)c in itjm ben 3 e ^ftörer 
— nid)t aud ^orfafc, aber au§ Sdjmädje unb Unentfd)loffem 
fieit — oon Sorbens ©lücffeligfeit." Sann wieber 2Bals 
hingen be£ SorneS: „Safe ein ^tenfd) jroei greunbe auf 
einmal betrügt, mit ber grau beä einen liebelt unb ber 
Sd&mefter beä anbern ba§ Seben oergiftet, ift feiten mefleid)t, 
aber für einzig fann ia) e£ nid;t galten, gür 33ubenftreid)e 
biefer 2lrt gibt e$ nod) 3 u ^^9 un 9 en - • • •" ©Ritter 
hingegen, ber oon Anfang an feinen teidjtfinnigen ftenoffen 
richtiger beurteilte, regt fid) mefjr Sftitteib als Gntrüftung. 
Sie Sage §uberS erfdjretft ifm. 2£a3 will ber arme 9)tenfd) 
nun anfangen, ba er feinen 2lbfd)ieb geforbert? 33on ber 



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x:ubro. gerb. §uber. öeorg ftorfier. 119 

Sdjriftftellerei leben? „2)a wirb er fdjmale SBifien effen 
muffen." 3n3 £ef)rfad) übergeben? „(£r f)at ja m<§tä ge; 
lernt." $ora enblid) gibt fid) alle 3)iür)c, ü)ren Sdnnerj in 
23erad)tung urnjubre^en; fie fjat erfahren, bag eine anbre 
it)r ©lücf geftol)len unb feit brei 3af)ren fdjon §uber3 Siebe 
beftfct. „Wein, id) f)abe nidjtS oerloren" — fdjreibt fte am 
18. Sttärj 1793 on grau Stiller — „was wäre ber 9ttaun 
nidjt alleä fällig gewefen, ber brei %a\)it oorfäfetidje &eudjelet 
unb $erfteßung gegen greunb unb ©eliebte burd)füf)rte. . . . 
9ttan erwartet i^n t)ier (in Seipjig); id) werbe, wäfjrenb er 
fjier ift, eine ©efangene fein, benn fel)en mödjte id) if)n bod) 
nid)t gerne." 

Um biefe $ext 9t»9 &uber auf jwei Xage nad) 3ena, 
wo er mit bem bamalä bcftäubig fränfelnben (Stiller &u= 
fammentraf, unb von ba nad) Seipjig §u feinen (Slteru, bie 
«r für feine nunmefjr betroffene Beirat mit Xljerefen ge= 
roinnen wollte. ®er ißater ftanb fd)on l;alb unb fjalb auf 
feiner Seite, gorfter felbft, von politifd)en (Sorgen ganj 
unb gar in Slnfprud) genommen unb 3 ett fcincö Sebent ge= 
wof)nt, ba3 ©emüt mit feinen unberechenbaren 5Bünf<$en unb 
Saunen r;öt)cr ju fteüen, als bie engljerjige Sitte, f)atte fid) 
ju einer Trennung feiner ©f)e bereit erflärt. 3 U * #eftreitung 
feiner ßebenSbebürfniffe beabfidjtigte £uber, auf fdjweiäerifdjem 
Boben unb mit £ilfe bes berliner 33erleger3 SBofj eine 
politifd)e 3citfd)rift fyerau^ugeben. Sajitlcr Ijatte ben 2luf= 
trag, bie SBriefe Sporas iljm oor feiner Abreite absuoerlangen ; 
er tf)at e3 in einem Schreiben oom 15. 9)?är$, worauf er 
folgenbe Antwort erhielt: 



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120 



3>tc i'eipjtger 5 rcun & e « 



Seipjig, bcn 20. SDlärs 1793. 

3d) banfe ©ir, mein lieber, für ©eine £eilne$mung. 
Stßcö ge^t, wie e3 fott; mein Sßater bleibt fid) als baä fanf= 
tefte, befte SBefen, ba§ id) fenne, . immer gleict) ; meine Butter 
ift fo fdjmad^, ba& nur ©inbrüde be3 2lugenbli<f3 fie leiten 
unb füllen ; mein SBater mad)t mit mir bei i^r gemeine Sadje. 
2lud) in ©(reeben) wirb e£ feine <2a)wierigfeiten geben, mel= 
mefjr l)abe id) 9lad)rid)t befoinmen, baß man gefonnen ift, 
mir ju meimem 2lbf$iebe eine jährliche ^ßenfion r<on sroei= 
tyunbert Xfyakxn ju geben. 3$ erwarte ba3 (Snbe be§ £anb= 
tagS, um hinzugehen. $0(3 ift über alles einig, über ben 
angenommenen Spreiz r»on 200 Carolins, über bie Erhebung 
biefeä Sprcifeö, wenn ber ©ebit e§ geben foüte, unb über 
einen 2>orfd)uf3, wenn mir biefer notwenbig werben fotlte. 
63 fajeint alfo nid)t, als ob nod) irgenb etwas gegen meine 
Päne eintreten fönnte, unb ich ^offe, ef)er früher alä fpäter 
an itjre Ausführung gehen gu fönnen. ©ein SBunfch ift 
wohlgemeint unb freunbfd)aftlich, aber nicht auf eine innige 
6a<hfenntni$ gegrünbet. deiner wartet ein fd^öned unb 
würbigeä £oä ; ber gegenwärtige 2lugenblicf fyat triet ©rüdeiu 
be3, aber id> wäre ein Äinb, barüber ju flagen. 

©ie gorberung ift fef)r billig, aber biefe ©riefe fmb 
mit meinen meiften papieren unb SBüdjern in einem Koffer, 
ben ich in granffurt gelaffen fyabt unb ben id> nid^t eher 
fommen laffen fanu, als wenn id) am Drte meiner S3eftim= 
mung bin. Sobalb biefer 3eitpunft erreicht ift, will ich ba* 
<pafet an ©id) fd)irfen, unb ©tr fönnen aud) meine ©riefe 
gefchidt werben, bie ©u aisbann mir unter ber Slbreffe, bie 
id) ©ir geben werbe, jufenben wirft. 



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Subiu. $erb. ^ußcr. @eorg ftorfter. 



121 



roar oorauäjufefyen, baß id) ba3 3^ c i" e ^ roeib= 
Hajen SHeffentimentS werben mürbe, unb id) finbe, baß id) 
e3 mef)r geroefen bin, als id) glaubte. £er Vorteil für 
anbre ift augenfdjeinlid), benn id) fyabe fo oiel Sdmlb nnb 
fo oiel Gf)re, baß id) mid) nie unb gegen niemanben oer= 
teibigen werbe. 9iur roeiß id) nid)t, ob man nidjt roefentlid) 
mefyr geroinnen roürbe, roenn man mid) n i dt) t aufopfern 
roollte. SSon ber Meinung unb bem SBitten be§ guten 
Börner get)t biefer SBeg fefjr ab unb. muß feine Selifatejfe 
unenblid) fränfen. Slutt) bin itt) überzeugt, baß ilm ^Di(inna) 
f)auptfäd)lid) eingefd)lagen l)at, unb id) bin mir beroußt, nitt)t 
berechtigt ju fein, barüber ju Hagen. Slber roäre id) greunb 
unb ein anbrer id), id) roürbe oon allen unfeinen, unroür= 
bigen Sleußerungen beS SBeleibigtfeinö ab&ufül)ren fudjen. 
3d) $abe ben GgoiSmuS nid)t gehabt, ju fud)en, nid)t falfd) 
$u fdjeinen. £a3 ift mein größter gelter unb ben id) ju 
büßen ganj refigniert bin. &eben mir nod) lange, Börner 
unb id), fo fann e3 nidjt fehlen, baß roir uns roieberfinbett. 

Unfer 2öieberfel)en roar mir meljr, al* 25u üielletd)t mir 
angefef)en Ijaft. 3$ bin überzeugt, mein (bitter, baß Seine 
©efunbfieit nidjt unroieberbringltd) oerloren ift. Seine 
9Jiunterfeit of)ne Spannung fjat mir fet)r oiel Hoffnung für 
Sid) gegeben, ©enriß f ef)It Sir fjauptfädjlid) pf)t)fifd)e 
£eben3roei£f)eit, unb itt) roünfd)te ben 3lrjt mit bem greunbe 
in mir $u Bereinigen, bamit id) mit aller S9erebfamfeit unb 
felbft mit aller §ärte, bie Sßiffenfdjaft unb Seitneljmung 
geben fönnen, in Sid) bringen bürfte, eine ft)ftematifd)e 33er= 
änberung in deiner ScbenSorbnung 511 unternehmen. 

(Smpfe^le mid) Seiner lieben grau unb einem folgen 



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122 



Sie £eip3tger 5 reun ^ e - 



Slnbenfen in tfjr, wie ba3 ift, bas fic in mir jurürfgelaffen 
fyat. 3^) freue mid), fie näljer rennen, wenn td), rote 
idj cS nodj immer fet)r roiHenä bin, auf ein paar Sage 
roieberfomme. £ebe roor)t. ©über. 

Sie ucrlegen gcnumbene Erörterung ber „roeibltdien 
9?efientiments" ift r>oll biulomatifdjer ßafutftif unb auä) im 
biplomatifdjen ßauberroelfd) gefdjrieben. &uber§ Stil ftanb 
bainalS in feinen UcberlicJ)en Sauren. Sie „SBilbniffe", bie 
er 1792 im tjiftorifdjen Ralenber für Samen neben Sdnüerä 
„dreißigjährigem flrieg" erfdjeinen lieg, finb unglaublidj 
fa) roerfällige unb nad)(äifige Subeleien. „Sein ,$tarimilian 
non 23anern' ift nict)t ju lefen", fd)reibt (Sd)iHer an Börner. 
Um fo fomifdjer ift c3, bag gerabe biefe fläglicr)en i'ü<fen= 
büfeer üon §offmcifter unb anbem für ed)te ^robufte be§ 
<£d)iüerfd)en ©eniuS ausgefdjriecn rourben. 

Sa3 3?erl)ättniö ju Börner roar für immer abgcbrodjen. 
Sie arme Sora ift, roie einft it)rer Siebe, it)rem ©ram treu 
geblieben unb f>at fid) trotj aller 2lnftrengungen (Sd)iller3, 
beS liebenäroürbtgen Kuppler», nie r>err;eiratet*). 25>ir müffen 
l)ier von il;r 2lbfd)ieb nehmen, um itjrem ungetreuen ©e^ 
liebten nad) ber Sdjroeij 51t folgen, roorjtn er ficr) im 3uli 
1793 mit St)erefe unb it)ren Minbern begab. 

2£äf)renb gorfter al£ Agent du pouvoir executif in 
granfreid) tfjätig roar, lebte ©über in SHeudjatel von feiner 
geber, r>orberr)anb uuoerrjeiratet. 3m Cftober fdjrieb er 
„A Monsieur Schiller, conseiller aulique & Prufesseur ä 



*) Sie fiarb 1832 al$ aroeiunbftebjigjäljrige Patrone im §aufe 
SörnerS 311 »erlin. 



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£ubu>. gerb. §u&er. ©eorg gorfter. 123 



Jeaa'\ SBie bie Slbreffe bejeigt, ging ber SBrief t>on 3ena 
naä) §eilbronn in 6dm>aben, von oa uad) SubroigSburg, 
too <Sd)ilIer bamals roetlte. 

9?eu$atel, 22. Cftober 1793. 

Sieber greunb! (Sin paar Sitten. Unb id) fjoffe fid)er, 
ba& 2)u in gleichem gaffe unb in gleidjer Entfernung an mid) 
beuten nmrbeft, roie td) jefet an Xid). 

kleine litterartfdjen ©efd)äfte leiben e$ burd)au§ nid)t, 
bafe id) länger t)ier bleibe, roo fo gut rote in ber ganzen 
©djroeij bie Jtommunifation mit Xeutfd)lanb äufeevft langfam 
unb unooUftänbig ift. 2lud) ift e3 ^ier roie in ber ganzen 
Sdnoetj oiel teurer, al£ an mannen Orten in Xeutfdjlanb. 
Um bie Sßinterreife mit 2£eib unb ßinbern abjuÜirjen, Ijabe 
id) t)orberf)anb auf Bübingen gebaut, roo td) aud) fd)on 
mit Cotta in SBerbinbungen bin. Xu t^äteft mir baf)er 
einen großen ©efaQen, roenn Xu mir SBriefe baf)in unb in 
bie bortige ©egenb fd)i<fen roollteft. 

Xa3 ift eines. 3 roc i tcng bittet mid) ßotta, SRobertfonS 
„®efcJ)id)te oon (Snglanb" ju überfein unb bieS in ber 
3enaf$cn 21. 2. 3- anzeigen ju laden. 9hm ift mir aber 
baä 28erf nidjt genug befannt, um bie 2In&etge t;ier §u 
madtjen, unb id) fann mid) aud) beäfjalb nirgenbS umtfjun. 
So m'el id) roeifj, ift eS ein opus posthumum, aber auc$ 
baoon bin id) nicf)t geroif$. $ur$, Xu tfjäteft mir roieber einen 
wichtigen ©efallen, nad) ben Xaten über ba3 Original, bie 
Xu aufftnben wirft, wenn Xu fie nid)t fdjon Ijaft, eine 2lnjeige 
aufeufefeen, baß ber SBerfaffer beS „Seimlidjen ©ertd&tS" e3 
beutf$ mit Vermehrungen herausgeben, bie (Sottafdt)e 23uä> 



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124 



2>te Setpjiger 3*eunbe. 



fjanblung in Bübingen bicö oerlegen würbe, unb btefe 31m 
jeige im 3*nafd)en „3ntelIigen5=$Blatte" abbrurfen ju laffen. 
<Sei jo gut, mich bei biefer Gelegenheit <Sd)üfcen3 unb £ufe= 
lanb*) 511 empfehlen unb ihnen sugleid) ju fagen, ba& id), 
fobalb id) wteber in £eutfd)lanb wäre, ihnen nebft ber rücf= 
ftänbigen ^ejenfion com „©eniud" bie SHecenfenba jurücf= 
fdjiden würbe,, bie id) nod) ptte. 

3d) hoffe, fünftige 2Bodje im näd)ften ©renjorte mit 
S(orfter) sufammenjufommen, bann wirb bie Sdjeibung unb 
hierauf meine Beirat • foglcidt) cor ftd) gelten; bcibeö mu& 
womöglich cor meiner SRüdreife nach $5eutfd)lanb abgetan 
fein, jumat ba 5Tr)erefen§ jefctger 9tame ü)r bort 33eforgniffe 
taffen fönnte. (£3 lag bis jefet immer an §.3 unftetem 
Aufenthalte, weil er bei ber 9?orbarmee ©efd)äfte hatte; nun 
hat er aber um unfrer Steife nach £eutfd)lanb nullen einen 
Urlaub genommen, unb burd) bie gefefelid) üorgefdjriebene 
uerfönlidje 3ufammenfunft werben alle 2Beitläufigfeiten ab= 
gefchnitten fein. Uebrigenä h a * auc h ^tr^erefc burdt) bie bircftc 
Sßermittelung beS ©enerate flalfreuth**) auä bie 3ufid>e= 
rung erhalten, bafc aHe3 ihr unb ihren $inbern 3"9*hörige 
mieber in ihre §änbe fommen mürbe. 

3ch habe Ijter gewaltig gearbeitet, mehr waf)rfd)einltch 
al§ Su wirft lefen mögen. Slber id) wünfd)te, ba& S)u meine 
„Suliane" fäheft, mit welcher ich fertig geworben bin unb 
bie ^ofj wahrfcheinlich balb bruden wirb. ©3 war mir eine 
wahre Grf)olung oon ber politifdjen Sdjriftftellerci, bie ich 

*) Seiteten mit 33ertud) bie „2Wg. Öitt. 3^." 
**) 3m $uli 1793 Ratten bie }>reujjen unter Äalfreutfj SWainj 
roiebergenemmen; Jorfterä (Eigentum roar mit SBefdjfag belegt. 



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iubro. £erb. $uber. Öeorg ftorjter. 125 



l'onft treibe unb von welcher mir mit jebem £age ber Mopf 
mefyr raud^t. 3 c fet feufjc idj) nad) einer neuen äfynlicfyen Gr* 
tjolung, unb id) fyoffe fie balb feftjutjaben. 

Sonft f)at e3 etroa* 93egeifternbeä, fo oiet bürre SKtafjrr 
fjeit 31t fixieren, al3 bie Umftänbe e$ erlauben, wenn man 
nur feinen 6inn bafür nidjt oon ben Umftänben oernrirren 
läßt. 2öot)in e3 aber, fei c3 au<f) für reine ©eroalt, nod) 
mit ben jefcigen $>erf)ältniffen fommen fofl, febe id) roafyrlid) 
nid)t ein. ©(faß, fd)eint c$, bat abfallen wollen, unb in 
bem nämlid&en 2lugenblide läßt 3)iaric Slntoinette ben 5lopf 
auf bem <2d)afott! 2Ba3 motten bie 9)icnfd)cn mit bem 
Grtrem in bem üerjroeifelten 2lugenbli(fe? Unb fid)er ro ollen 
fie boa) etroaS, unb oermögen aud) triel, wa$ man aud) über 
ben großen 9}Jad)iaoclIismu3 f)of)nfpred)en mag. 

2Ba3 madjt £eine Oiefunbljeit? &affe mid) baoon ctroaä 
roiffen unb empfehle mid) deiner grau, kleine 2tbreffc ift : 
a Monsieur H. chez M. lliitendant Andrieux nie des 
moulins ä NeiicLatel. 

£ein §uber. 

2)er SBricf ftreift, teiber nur lcid)tf)in, eine interefjante 
politifdje Xfjatfacrje, bie aud) au§ franjöfifdien Duellen be= 
ftätigt roirb; mir meinen bie Sejcffionsgelüfte be§ Gljaß, 
ba3 ju jener &it im tarnen beS 9iationalitätcn^rtn5ip§ 
r»on granfreia) fia) loefagen rooüte. $on bem erroäbnten 
Suftfpiet „Juliane" fyatte fdjon bie „£fialia" einige 3rag= 
mente gebraut. £l)erefe nennt e3 in iljrer £'ebenebefd)rei= 
bung &uber3 ba£ Äinb feiner &iebe, ba$ Heiligtum, worin 
er feine 2(nfid)t be3 roeiblidjen Gfmrafterä niebcrgelegt fjabe. 



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126 



Sie Veipatger greunbe. 



§uber tonnte fid& allerbingS rühmen, in btefem fünfte einige 
(£*rfal)rungcn 51t befifcen. $)ie Begegnung mit gorfter fanb 
balb barauf in einem fleinen ©renjborfe auf ber &öf)e beS 
3ura ftatt. „£>ort," fagt £f>erefe, „umarmte er feine 
greunbe, feine &inber jum lefctenmat; bort empfingen fte 
feinen fanften, beglütfenben ©egen." SDurd) bie (Sntfagung 
be3 jum Bulben gebornen SKanneS, ber jroei Monate fpäter, 
r»on aller SBelt oergeffen, in $ari£ ftarb / mar ber @f)e 
jnufdjen §uber unb £fjerefe ber SBeg geebnet. 2Ba§ Stiller 
non ber <Saä)e badete unb roaS er bei ber Seftüre be3 cor* 
ftefjenben Briefes empfanb, fagt er feinem greunbe Börner: 
„3e me^r \d) von biefer ©efdjidjte I)öre, befto cfelt)after 
wirb fie mir." 

9laä} ber Trauung jogen fid) £uber unb feine grau 
nadf) Böte jurücf, einem 35örf d)en am 2tbf)ange beä %\ixa, 
eine Ijalbe Stunbe 00m -fteuburger See entfernt. <5ie führten 
bort ein ftilleä, arbettSoofleS Seben, fiuber meift mit jour= 
naliftifdjen Arbeiten befepftigt, £f)erefe tr)re langwierige 
6 d)rif tftellerlauf bat) n mit UeberfefcungSoerfu d)en einleitenb. 
9?ad) einem Briefe an 6rf;iHer 00m 9. 9Mr$ 1796 plante 
§uber eine Steife nad) Sparte, um prifdjen ber beutfd)en unb 
franjöftfdjen Sitteratur ßommunifationälinien tjerjufteHen, 
befonberö mit 9iü(fficf)t auf bie beutf^e $pf)ilofopt)ie; Stiller 
unb gierte roünfdjte er fid) als Mitarbeiter bei bem Unter= 
nehmen, ba§ übrigen« nie jur 2lu3füf)rung fam. ®od) roar 
er fo glüeflid), £ant3 „311m ewigen grieben" in granfreid) 
einzuführen : 

„. . . 3$ *)Abe nämlid) einen franjofttajen SluSgug biefer 
6d)rift gemacht unb anonnm mit ber *ßoft an ben Diebafteur 



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vubni. fterb. $u6er. Öeorg Jorfter. 127 



beä Boniteur gefenbet, ber wirftid) ©cbraudj baoon gemalt 
fjat — ber Sluffafe ftctpt ungefähr in bcr 9Jtttte beö legten 
nivose. . . 3$ werbe ()Öd)ft wafjrfd)einlid) im Saufe be£ 
näd^ften ©ommerä mit einem tjicfigcn greunbe eine 9ieife 
nad) $art3 machen, unb id) §abe llrfad&e, bort auf fetyr gute 
litterarifcf)e Honnejionen mir 9iecf)nung 511 machen, ja jiem- 
lid) auf bie beften unb möglid)ften oon gana granfreid) . . ." 

^ie ^arifer äonnerjouen, auf welche §uber feine §off= 
uung fefete, trugen t)oün)id)tige Tanten. 9Bir vermuten 
wenigstens, ba& fie Benjamin Gonftant unb SJiabame <Btavi 
t)ie&en. $a§ eng befreunbete unb bamals fdjon berühmte 
$aar fyielt fid) ab unb ju in ber ©djwetj auf, (ernte §uber£ 
fennen unb t>erfef)rte mit ifynen auf jiemliä) oertrautem gufse. 
£ie franfcöfifdjen 3uftänbe bilbeten ofyne 3™eifel ben &aupt* 
Inhalt tyrer ©efpräaje. fiieft man im weiteren Verlaufe 
unfreS Briefes bie feltfame Beurteilung ber (Snajflopäbiften, 
fo ift einem faft, als fyörte man Benjamin (SonftantS un- 
fidler bosierenbe Stimme. Sebenfattd ift ber ^affuS als ein 
tebenbiger 9iad)tlang aus ben polittfdjen &>ortgefe$ten jener 
bewegten Seit 51t befjerjigen. 

„. . . £)er 3afobinergeift büntt mir nid)t baS größte 
ipinberniS gegen bie ^ßropagation gefunber ©runbfäfce in 
granfreid). $iefe £eute geben fid) wenig mit SRäfomeren 
ab; fie tfcun, unb baf? fie nia;t 51t oiel ober gar nidjts 
tfyun, bafür ift eine Regierung ba. (Sin ^ßaar fanatifd) auf; 
genommener 3&een finb unter itjnen; ein politifdj)eS 9Jtar> 
mum, bem fie fief) anjunä^ern fontinuierlid) ftreben, fie 
mögen fjerrfdjen ober unterbrüdt werben, oerfolgt fein ober 



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128 



Sie Seidiger ftreunbe. 



©erfolgen. Slber idf) glaube bodj), baß S8eriü)tigungen if)re3 
Snftem3 in if)re -äHaffe übergeben würben, wenn bie anbem 
©nfteme, bic im Xfjatfampf mit ifynen begriffen finb, beridf)= 
tigt mären. 2£a3 hingegen ba$ SRäfonnement in granfreidf) 
bis an bie Söurjel uerborben fyat, ba3 ift bie Lanier ber 
fogenannten ©ncnflopäbiften unb was baoon no<$ übrig ift. 
2Ba§ fie im größeren 3ufammenf)ange ber gortfdjritte beä 
menfajlid&en ©eifteS bewirft f)aben, laffe iti) barum unan= 
gefod)ten; aber ber ©erabfjeit, bcm ©ruft, ber bonne foi 
im 9?äfonieren fjaben fie unter ben granjofen eine fd&limme 
SBunbe beigebracht; ja man brauet faft nur bie meifterfyafte 
<Sd)ilberung biefer <5efte in (SonborcetS Esquisse, ob fie 
gleid) lobrebnerifa) gemeint fdjeint, ju lefen, um fetjr beutlid) 
511 erfennen, wie ba3 juging. 2lud& f)aben fia? bie Birtlingen 
baoon bei ben legten Bewegungen ber ^3arifer <Seftionen 
übel genug erwiefen, wo bie 3urüdfgebltebenen au§ ber encn? 
tlopäbifd^en Sefte gan$ befonberS tl;ätig waren, eine öffent* 
lid)e Meinung ju fdjjaffen, meldte bie Nation gerabeju unb mit 
fd^netten Stritten in ben unüberfeljlid&ften Slbgrunb führte. 

Jjftre 9JJeü)obe mar f)auptfäd)lid), na<$ Voltaires 9tot, 
frapper fort et sotiTent, sans s'embarrasser de f rapper 
juste. 35aä erfte: frapper fort et souvent, muf; man if)nen, 
um in granfreidf) Sbeen ju propagieren, notwenbig naa> 
madfjen, unb babei immer frapper juste, auf bafj bie $er= 
wirrung, bie llnreblid^feit , bie fie in baä SHäfonnement ge= 
bradfjt fyaben, nadf) unb nadf) oerfd&winben möge. 

5E)ie eigentlichen ^Republikaner in granfreidf Marren, 
motzte idt) fagen, ber 2£at)rl)ett, unb finb, unter ben inbiois 
-bueflen S9ebingungen be3 9Jationala>rafter3, it)rer im t)ödt)ften 



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#ubro. gerb, .öuber. ©corg ftorfter. 



129 



©reibe empfänglid). gür biefe ift eS benn ber 3J?ü^c wert, 
bie 9Jtetf)obe aufjufinben, bic fie am leid)teften unb ridjttgften 
f äffen ; unb fie finb eS am (Snbe boa), bie wefentlid) baS 
politifd)e Uebergewid)t behalten, fo wenig eS aud) manchmal 
banao) ausfegen mag. 

. . . 2Bir fjier, in einem f)öd)ft unbefannten Sorfe iReuen-- 
burger ©ebietS, über jroeitjunbert Stunben oon Sir, banfen 
Sir bod) oom fierjen für unfre greube an Seinen „3 b e a l e n" 
unb Seiner „grauenroürbe", bie mir oor furjem lafen. 

3d) f)abe mi$, mein Steber, mit SBergnügen einem 
Sdnoä&en mit Sir überlaffen, baS nad) ben alten Seiten 
fd)tnecfte. 3$ freue inid), baft Börner einige Seit bei Sir 
jubringen wirb. 9tid)tig fyat er mid) ganj gereift niefit be= 
urteilt, unb er fonnte eS auf feine Söeife; überbieS fyabe id) 
in ber ©ad)e, bie uns entjroeitc, unleugbares Unrecht gehabt, 
baS er als fot<$eS füllen mufttc, baS id) gereift mir felbft 
nid)t vergebe, wenn id) aud) beffer unb anberS, als er, reeift, 
reie eS bamit jugmg. Steffen ift unb bleibt er einer oon 
ben mir teuer ften 3)?enfd)en, unb ber 5lugenblicf, reo fidj, fei 
eS früt) ober fpät, unfre 23erbmbung roieber anfnüpfen tonnte, 
würbe unter bie fcfjönften meines SebenS gehören, (SS ift 
mir aud), als ob roir uns auf unfre alten Sage wieber= 
finben füllten; baft eS efjer gefd>ef)en fann, glaube id) benn 
faum. gür midi aber bleibt eS unterbeffen ein angenehmes 
©efüf)l, il)n ju lieben unb eines gleiten UnredjtS, reie jenes, 
baS mir feine Siebe raubte, je länger je unfähiger ju werben ; 
furj, bie ©rfafjrung alles Unred)tS, baS id) tf)at, in meine 
23ilbung als 2)tann übergetragen ju f)abeu. 

£ebe wol)l, Sein &uber." 

»Uber auö btr ©d;iUfrjfit. 9 



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130 



2ie l'eipjig« greunbe. 



(*S war bieö bet lefcte Srief, ben §uber an Sduller 
fd^ricb, unb biefer t>at ifm, roic aus feinem Äalenber erficht; 
lid) ift, nie beantwortet. 3n bemfelben 3afjre bietete er 
oielmehr $wei Xenien gegen ben ehemaligen greunb, bie ilm 
an feiner empfinblichften 6teUe treffen mu&ten. 

Sie Hoffnung auf eine ShMeberoereinigung ber ©enoffen, 
auf eine SBiebergeburt be* frönen SreSbener greunbf<haft$= 
oerfehrS t)at ftd^ nid)t oerwirflicht. ©über ging im gebruar 
1798 nad> Bübingen, wo er „Sie neuefte Söeltfunbe" — fo 
tjiejj bie Butter ber Allgemeinen Seüunö — a ^ Mitarbeiter 
$offelt£ rebigierte. 9tad) furjem Aufenthalt in ber freunb= 
liehen 9tecfarftabt überfiebelte er in ber @igenfd)aft eines 
(Sf)efrebafteur$ beS Gottafchen SBlatteS nad) (Stuttgart. Sag 
feine Webaftion einen frifrf)en 3ug r)atte, erraten mir aus 
ben ewigen 23efd)werben ber auswärtigen ©efanbten *). Sie 
herjoglidje, fpäterf)in furjürftliche Regierung fargte nicht mit 
Verwarnungen, ©elbftrafen unb jeitweifem Verbote; allein 
bie 33efd)werben wollten nicht oerftummen, unb im Dftober 
1803 machte ein autofratifd)er geberftrid) ber Seitung ben 
(SJarauS. Surcf) htrfürftltd) württembergifdjen SBefehl aufge; 
hoben, erfd)ien fie wenige 2Bod)en foäter mit furfürftlid) 
bayrifchem ^rioilegium in Ulm. §uber warb jugletd), wie 
cS fdjeint auf GottaS SSerwenbung **), als £anbeSbireftion3= 
rat ber banrifd)en ^Sror-inj Schwaben (Seftion beS <5ü)uU 
wefenS) angefteflt, mit taufenb Bulben ©ehalt, $enfion für 
SBeib unb ftinb unb ber auSbrüälichen Erlaubnis, bie SRc= 
baftion ber Allgemeinen 3cititnß fortführen ju bürfen. 

*) ©icl)c ben SSriefroedtfel jioifc^en ©filier unb (Sotta, 2(n^ang. 
•*) ©ic^c $öriefroea)fel aroifc^en ©cQiUer unb Cotta, ©. 50. 



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Subro. fterb. fcu&er. ©eorg gorfter. 



131 



$er oielgeprüfte, rocit umfjergetyefete 2J?ann fanb enblid; 
eine tninbftiHc 2Itmofpl)äre für fein 2)afein. (Seine SHatur 
tyatte längft bie Feuerprobe beftonben; unter ben ©flögen 
beS ©djidfatS mar er härteren ©toffeS, im gerben Kampfe 
umS tägliche SBrot fdu'er ein G&arafter geroorben, unb er, 
beffen güfjlen unb Kenten lange &\t mir baS 3eia>n beS 
SlugenblitfS trug, auf beffen ©ecle jeber 3ufaß feinen 2lbbru<f 
juriicflie6; er, ber bis bar)in nur ein ©dnoärmer bcr l'iebe, 
«in Virtuos ber greunbfdjaft gerocfen unb mit feinem ©eifte 
nie in bie £iefe reichte, er tyatte enblid; in einem finber= 
reiben, nic^t forgenfreien erleben ben feften §alt gefunben, 
an bem er felbftoerftänblid) fi$ aufrichtete; er fjatte fidr> &u 
einer eblen 2Kenfd)lid)feit f)inburd)gerungen, unb bie geroiffen= 
Jjafte (Erfüllung aller menfd)ltd)en ^pflia)ten mar if)m nunmehr 
ein gemütlid&eS 33ebürfniS. ©eine litterartfdje ^t)ätiQfeit blieb, 
roaS fie oon jefjer geroefen : mef)r gieber als ruhiges ©Raffen, 
©ein belienbeS 3Befen, fein gleife, feine rafdje SluffaffungSs 
gäbe befähigten iljn oornetymlid) jum journalifiifdjen Berufe, 
unb mir tyaben in if)tn einen ber SSegrünber beS mobernen 
Journalismus ju oeref)ren. Cb er mit biefen ©igenfdjaften 
ftaatSmännifdjen SBlicf unb nnrflidje greube am polittfd)en 
£eben perbanb, motten mir bezweifeln. £l)erefe fagt jum 
33eifpiel, bie franjöfifdje Solution f)abe für if)n nur bra* 
matifa)eS Jntereffe gehabt. (Sin Sßort, baS ein ganjeS (Sfja; 
rafterbilb enthält. 2Baf)rfd)einlid) l)at er ben Diplomaten 
nie ganj übermunben, bie ©efcf)id)te beS £ageS me§r ober 
weniger afabemifd) befyanbelt, bafür aber burdj anjiefjenbe 
SDarfteHung unb litterartfdje gorm bie polüifd)e Materie er* 
frifd)t unb belebt. 3n Ulm mar er ungemein beliebt unb 



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132 



2)te fieipgiger greunbe. 



geartet. £eiber währte fein Wlücf nur furje $e\t. ^ubroig 
gerbinanb &uber ftarb am 2Beif)uad)t3abenb 1804, unb bcr 
9ftann, beffen Söiege in ^ariS geftanben, ber fid) auf feinem 
fiebenSroege mit fo mausern ©eifte$f)elben feiner &\t gefreujt 
I)atte, rourbe in Söflingen, einem fleinen $orfe bei Ulm, 
jur SRuf)e getragen. 2J?an l;at fpäter uiet über it)n gefdjrieben, 
jumal über bie roed)felr>oElen S$idfate feinet §erjen§, unb 
bie 9)?ef)r5al)l feiner Beurteiler ift t)art mit ifym ins ©eridjjt 
gegangen. 2>ie 2lrt unb SBeife, wie feine Gf)e mit £f>erefe 
gorfter juftanbefam, l)at aOerbingS fo r»iel Ungeroö!)nltd)e3 
unb 33erroorrene£, bafj man, befangen n>ie man ift in ben 
©eroo^nfjeiten unb £eud)eleien ber beftefjenben Orbnung, 
einige Regungen be$ UnnuKeng faum unterbrüden fann. (£3 
ift ja unfer untilgbarer geiler, ben einseinen SJienfdjen an= 
juflagen, roo mir nur mit feiner 3«it regten foßten. £>a3 
oorige 3a^r|»iinbert fyatte in feiner SlufflärungSpertobe jiem= 
(idj elaftifa^e Begriffe oon ber Gf)e unb ityrer Unlöebarfeit ; 
ein ©efefe, basS einem menfdjltdjen Berfyältniffe bie ©roigfeit 
aufjroang, roiberftrebte allen feinen 2lnfd)auungen. ^t)erefe 
felbft, unter ben £)id)tern beä §ainbunbe§ aufgeroad^fen, von 
ben ÜJiainjer greigeiftcrn beeinflußt, mar in biefem fünfte 
ganj unb gar ba3 ßinb iljrer 3^tt, ma3 fte nid)t f)inberte, 
fpätert)in an §uber$ Seite ein reinem, mütjecolIeS, f)äu8lid) 
füllet £eben ju führen unb fid) als 3)iutter unb ©attin bie 
üoHe Sichtung il;rer Umgebung ju erroerben. 9?ad) bem £obe 
&uber$ ergriff fie bie geber, bie feiner öanb entfallen mar, 
unb fdjriftfteüerte unermüblicf) weiter, mefjr unb ausgiebiger, 
als \\)X lieb war. Ginem greunbc fdjrieb fte ba3 bead)ten*= 
werte ©eftänbniS: „TOr ift baS ©ebrudtfetn immer ein be= 



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fiubro. g er K £uber. (Meorg (yorfter. 



133 



tmruljtgeubeS, fdjmer^lic^e^, bemütigenbeS ®efüf)l. (SS jicmt 
bem SBeibe nid)t." 3m 3 a () re l^ 19 übertrug it>r Gotta bie 
9?ebaftion beS „3)(0rgeublattes", bie fte 5et)tt 3a()re laug bis 
SU i&rem Sobe ©um 1829) in täuben Ijielt. 5Me pfjiliftröfe 
£ugf)er$igfeit r)at ifjr oiel UeblcS nadfjgerebet, ganj rote iljrem 
vorangegangeneu ©attcu. Üi>ir fragen aber biefe tittenria)ter; 
lid)en ©trafengel, ob e£ beim notweubig tft, ftrenger &u ur= 
teilen all felbft Stiller, ber fid) bem ^ugenbfreunbe gegen: 
über bura^auS all SHenfd) unb 9Renfdjenfcnner bewährte. 
2113 9)ienfdf>, roeil aua) er bem 3lugenblicfe unterbau mar unb 
feinen 2lergcr nidjt oerfdhwetgeu fonnte; als 9)feufdjeufeuuer, 
roeü er ba§ unbcftiinmte, unfelbftanbige Söefen guberd oon 
2lnfang an erfannte. So roar fein Urteil, im einzelnen gur 
©d)ärfe geneigt, im ganzen ooll 4)iilbe unb 9iacfyftd)t, ber 
SBafjrfprud) eines guten SJienfdjen. ^n\, ©djiüer, roollen 
roir c3 überlaffen, bie Erinnerung au bie Sresbcner £age 
rjarmonifd) abjufdjließeu. Sei ber 9iad)rid)t oon ftuberS 
£ob fctyreibt er an Börner: „§uber£ Xob roirb (£ud), fo roie 
aa$ midf), fet)r betroffen fyaben, unb i$ mag jefet nod) nt^t 
gern baran benfen. 2£er t)ätte baS erwartet, baß er uns 
Sucrft oerlafftfh müßte! Senn ob roir gleid) außer SBerbim 
bung mit i&m roaren, fo lebte -er bod) nur für uns unb 
roar an gu fdjöue $ti\tn unfreS SebenS gebuuben, um uns 
je gteidjgültig 511 fein. Qd) bin gewiß, baß 3!)* K&t fludfj fein 
großes Unred&t gegen (Sud) geliuber beurteilt ; er l)at eS gewiß 
tief emyfunben unb tjart gebüßt." Unb Börner antwortet 
barauf: „31 der föroü gegen &uber oerfdjwanb aud£) bei mir 
bei ber 9tod)ridj)t oon feinem £obe. @r t)atte fo maudje 
2lnforüd)e auf eine fdjönere Grifteuj, uud nadf) bem, was er 



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134 



$ie Setpjiger §reunbe. 



un§ etyemala getoefen war, f>at e3 mir immer ®eroalt gefoftet, 
f)art unb unfreunbltd) gegen tf)n 511 fein." 

S)er £ob f)at eine rounberbare 2Raä)t ber SBerföfmung; 
er jeigt bem Urteil ben 2Beg rücfft<3f)t3r.olIer 3Henfd)lid)feit, 
unb alle §ärte unb SHifegunft beS SebenS Bertlingen bei feinem 
9tufe in lauter Siebe unb ©ereä)tigfeit. W. 



Börner. 

3Jian geftatte un$, biefer Sajilberimg be3 Seipjiger unb 
, 2)re3bener greunbeäfreifeS einige klänge aus fpäterer 3eit 
naä^jufenben. SBie felfenfeft ber 33unb jroifd^en S^itter unb 
Börner beftetjen blieb, ift für jebermann in bem 23riefroed)fel 
ber beiben greunbe §u lefen. §in unb nrieber ergriff aud) 
©djillerS grau bie geber, um ben $erfef)r jroifdicn Bresben 
unb Sßeimar lebenbig ju erfjalten, unb e3 ift bie Antwort 
Börners auf einige i^rer SBriefe, ma$ mir im golgenben 
geben. 

SDreSben, ben 20. 2lpril 1801. 

3^ren lieben SBrief mürbe idj nid)t jefct erft beantworten, 
roenn icf) nid)t oorfier geroünfcfyt fjätte, §errn £artmann*) 
fennen ju lernen, um 3$nen juglei^ etwa« über it)n f^reiben 



*) 2>er 3SlaUv §artmann, geb. 1777, geft. 1842, ^rofeffor unb 
$ireftor ber Slfabemie ber fünfte in $re$ben. 



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Börner. 



135 



ju fönnen. 3ur 3 e ^ a & er ^ a ^ e id) ty n nt)c f) nu $t gefel;en, 
unb tdj f)öre fogar, bafj er nid)t lange mefjr J)icr bleiben 
werbe, weil e3 tf>m in Bresben nicf)t gefalle. Sßiettei^t 
würbe e3 itjm aud) bei und nid)t gefallen f)aben, fo fef)r idj 
nad) bem, waö ©ie tnir von itjm fdjreiben, feine 93efannt= 
fd)aft ju mad)en gewünfajt l^ätte, unb fo gutmütig wir ifjn 
audj> aufgenommen fjaben mürben. 

SBon Stillere jefeigem gleiße Ijoffe itt) nun balb bic 
grüajte &u fef)en. SDa er mit uoller ©efunbf)eit unb £uft 
an biefe Arbeit*) gegangen ift, fo finb meine Erwartungen 
fefjr gefpannt. 3l)nen muß es fc^roer werben, ityn fo lange 
$u entbehren. Slber eine 9Jiutter finbet fid) immer glüdlid) 
unter tfyren ßinbern, befonberS wenn fie mm folcfyer 2lrt finb, 
wie ©ie 3l)re kleinen befdjreiben. (£3 würbe mid) fe^r freuen, 
fie jefct einmal alle ju fef)en. 2ln meiner (Smma würben «Sie 
aud) manage greube tyaben. Sie ift ganj fo wie id) fie 
wünjäje, unb wirb ein braoeS beutfdjeä SBeib werben, t)er^ 
lid) unb ooll innigen ©efüfjlä, aud) gefdjidt in allem wa§ 
fie unternimmt, aber natürlid), Reiter unb of)ne alle 3ln= 
mafmng. $art fann jefet wenig 3tfenfd)en auger feinen Gltern 
angenehme ©mpfinbungen madjen. @r ift in ber ^ßeriobe, 
ba bie Änaben feljr ungrajiöS finb. 33ö3artig ift er nidjt, 
unb mitten unter feinen leid)tfinmgen unb ungezogenen 
©treiben treffen wir auf 3 ü 9 e > °ie fc^r für fein ^erj be= 
weifen. 2ludt) faßt er fdjnell, unb fteHt fidt> 511 allem jient; 
lief) gefdjidt an, fobalb er feine 2lufmerffamfeit fammelt. 



*) 2>ie Jungfrau oon OrfeanS, nad) bem Äatenbcr am 16. Slpril 
»ottenbet. 



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136 2)ie Seipjiger $™unb*- 



©raf Otefjfer*) ift f)ier unb banft Seiten t>erbinbtid)ft 
für 3l;r freunbfdjajtlidjeä Slnbcnfen. Seine ftefunbfyeit ift 
beffer, aber auf wahren ^ebenSgcnufj nerftef)t er fid) nod) 
immer nid)t. @3 fef)lt if)tn an 9iuf)e unb ©letdjmut, um 
feine Unabt)ängigfeit 311 ertragen. 

Stetf, ber SMdjter, ift jefct f)ier, unb für mid) eine mol){- 
tptige ©rfdjeinung in bem fetjr unpoettfdjen Bresben. ®urd) 
einen £eil feiner &>erfe, befonberä burd) bie ®enooeoa, ift 
er mir intereffant, unb jur $t\t ift mir aud) fein Umgang 
angenefjm geroefen. (Stroaä SdjnetbenbeS r)at er in feinen 
Urteilen, unb fonft aud) einige«, worin id) ben Sd)legelfd)eu 
Hinflug a!)nte. $od) bin id; für foldje SDinge fet)r tolerant, 
luo id) maljreS Xalent finbe. @r t>at grau unb ilinb f)er= 
gebraut unb fdjeint eine 3 eit ^ ari Ö ^ er bleiben ju motten. 

■äWtnna unb 2)ora fmb mol)t unb laffen Sfjnen t>iet 
£er&lid)e3 fagen. 2lucl) 3f)rer grau Sdnoefter, ber id) mid) 
ebenfalls ju empfehlen bitte. 

2Ba3 mad)t beim ©oetfyc jefet? 3ft er beim ganj roiebers 
f)ergeftellt ? Unb werben mir nid)t einmal roieber etroaä t-on 
it)m feljen? Suaden Sie bod) unfer Stnbenfen bei ifpn 511 
erhalten. 

i'cben Sie redjt mofjl Börner. 

Sdjiller felbft beantwortete ben 33rief am 27. Slprit 
(Briefroed)fel mit Äörner). £>a3 ^ntereffe für Sied fud)te 
er ftarf ju bämpfen : ,,9Rid) mad)t ba3 o£)nmäd)ttge Streben 

*) £er otelfaö) genannte §auefreunb ftörnerö. ©raf ©efjler f|t!iter= 
liefe bem Jreunbe eine Leibrente, bie natf) beffen 2obe auf bie SBitioe 
überging. (<5. £ttt. 9iad)l. von IS. 0. SBoljogen.) 



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Börner. 137 

biefer Herren nad) bem &öd)ften nut t)erbrie§Iid&, unb ifyre 
^rätenfionen efeln mia) an. föenoocoa ift als baS SBerf 
eines ftd) bilbenben ©enieS fa)äfcbar, aber nur als Stufe; 
benn es ift niä)t3 (BebtlbeteS unb ooH ©efdjwäfeeS, wie alle 
feine Sßrobufte . . . £iecf befifet übrigens oiel Utterarifdjc 
ßenntntffe, unb fein ©eift fd)eütt mir wtrfltd) genährter 51t 
fein, als feine äßerfe jetgcn." — 2Bef)mütig berührt in bem 
Briefe Börner bie SluSbrücfe feiner oäterlidjen Siebe unb 
Sorge, benn unwtllfürlid) benft man an aH ben Sammer, 
welchen baS Sd)idfat biefem 33ater{)er5en auffparte. 3 una( i)ft 
würbe ber greunb getroffen. 9iad) föuber mürbe Stiller 
oom £obe aus bem greunbesf reife weggerafft, unb oon bem 
fieipjiger £riumoirate blieb nur noa) Börner übrig. $n 
meinem Seelenjuftanbe, läßt ftd) benfen. S)aju famen bie 
poltttfd)en Stürme. £rofe aliebem atmet ber folgenbe 33rtef, 
• ben er etliche 9Konate naa? beS 2)td)terS £ob an beffen 
SÖitwe fdjrieb, eine gefaßte, wenn aud) trübe Stimmung. 

Bresben, ben 10. ÜHooember 1805. 

2lud) Ijier, teure greunbin, mürben Sie jefct bie Spuren 
banger Sorgen für bie 3 uf ""f t au f weten ©eftd)tern be= 
merfen, aber gewiß am menigften in bem &aufe 3f)rer 
greunbe. Solange bie politifdjen Stürme unb ©rbbeben oon 
unS entfernt bleiben, f ollen fie meine 9hil>e ni$t ftören. 
9Mf)crn fie ftd) uns, fo werbe id) meinen ßntfdjluß ju faffen 
wiffen. SDer 2Renf<$ ift niäjt beftimmt, über bem (Slenb 
anbrer, baS er nicf)t minbcrn fann unb nidjt 511 oerantworten 
fjat, fd)wermütig ju brüten. 3eber fott wirren unb leben 
im r)öf)eren Sinne be* SBorteS, innerhalb feiner Sphäre. 



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138 Sic Seipatger ftreunbe. 

4 

«Sie, teure greunbin, leben in Sfjren ftinbern unb in 
ber Erinnerung. 2Ber 3h rcn ©chmerj ju ehren toeifj, wirb 
btefe Erinnerung nid;t ftören, fonbern mit 3^nen teilen. 

3u bem Sehrer, ben 6te für bie steinen gefunben haben, 
roünfche io) 3hnen ©tücf. ©inen folgen 3Wonn mürbe id) 
für meinen 5larl auf ben &änben getragen haben, aber jur 
3eit habe id; mich oergebenS banad) umgefehen. 3$ fd)tcfe 
Marlen jefct J)ier auf eine öffentliche <Sd)ule, wooon id) manage 
gute golgen fpüre. 3'" Sinsen bin ich mit ilmt jufrieben, 
unb manches, roaS ich an ihm ungern fat>, gibt fiaj oon 
felbft. 9ln gät)igfciten fehlt eS if)tn nicht, aber er ift unftät 
unb leichtfmnig. Steffen l)at er ein gutes ©efüf)l unb eS 
lofet fid) leidet auf it)n roirfen. 

SKMe gern mottete id) (Sie einmal in 3^em häuslichen 
Greife fe^en! %\)xt kleinen finb i^fet fdjon in bem 2llter, 
ba fie 3^n^n manche 39efd)äfttgung unb Diele mütterliche * 
greuben gewähren fönnen. 2ludj bie (Sorgen werben nicht 
ausbleiben, gürd)ten (Sie jeboer) nicht ju oiel oon ber 9teU 
gung jum Militär. 2llle muntere Änaben haben fie in ber 
Siegel, deiner hatte fie mehr als anbre, unb fie ijl fchon 
feit ein paar 3ah«n oerfdmmnben. 

SDafj (Sie mir (SdjitterS (Schreibtifdj jubachten, weife ich 
ju fchäfoen. Soffen ©ie uns bie Entfernung nicht abhalten, 
ben ©ebanfen auSjuführen. 33on Sßeimar gehen oft %\i^x- 
leute nach £eip&ig, Durch bie er wof)loerwahrt an Wilhelm 
Äunje gefchiett werben fönnte, ber für mich ben Transport 
befahlen unb ben Schreibtifd) fobann hierher fehiefen mürbe. 
2lud) will ich mich ö^rn oerpflichten, btefe Reliquie, bie mir 
heilig fein roirb, einem feiner (Söhne mieber überlaffen, 



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Börner. 



139 



fobalb er bavon ©ebraudfj machen fann. 3$ fetbft werbe 
nid)t$ baran fd&reiben, roa$ \d) mir ni<f)t getrauen bürfte, 
Stillem trorjulegen, roenn er cor ifjm ftünbe. 

3$ beftfee nodf) jroei SDJanuffripte oon SdjnHerS Ueber= 
fefcungen ber beiben franjöftfc^en l'uftfpiele. <Sie fommen 
niajt au§ meinen fiänben; unb roenn ©te üietleic^t feine 2lb- 
fünften baoon tyaben foHten, fo überfdjicfe id) fie 3&nen 
fogleid&. 

©oet^eö SBorlefungen roünfd)te ia) ju frören*). Seine 
2Cnftd;t ber Statur muß aHerbingä intereffant fein, unb c3 
freut midf), bafc %1)nzn biefe $eifte3befd)äftigung ju teit roirb. 
$)ie gortfefcung ber ©ugenie erfd&eint nid&t, unb bieS Sßerf 
füllte am roenigften ungeenbigt bleiben, weil man ifjm fonft 
f^roerlid^ roirb ©ereajtigfeit roiberfa^ren Iaffen. 

3n meinem Saufe ift alles rooljl. ©8 roirb xriel üHufif 
- gemad)t, rooju bie Jtunjin oorjüglia^eg Talent f)at. -üJteine 
Smma oerbirbt roentgftenS nia^tS babei unb fjat oiel ©ifer. 
Studj) malt fie fleißig unb madfjt barin gute gortfd&ritte. 
ßarl jeigt jefct audj) fiuft unb Talent jur -SDtufif. 

Serjlia^e ©rüge oon ben Peinigen. (Spalten 6ie 
mein 2lnbenfen bei 3^er grau (Sd&roefter unb ^xtm <Qerm 
©djmmger. Börner. 

35ie beiben folgenben Briefe bepefjen fia) auf bie ®e= 
famtauSgabe üon 6df)iu*erS SBerfen, roeld^e, üon Äörncr 
rebigiert, mitten in $eutfd)lanb3 t)öa)fter 23ebrängni3 erfd&ien. 

*) ,,©oetf)e§ Umgang ift mir roofjItl>uenb , et [priest über roiffen: 
fajaftlidje $inge mit unS unb iRaturgefdHttjtt?." (£f)arl. ^c^iQer an 
Cotta, 6ept. 1805.) 



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140 



S)ie Seidiger §wunbe. 



£er junge Horner war injrotf^en prangen) adjfen, aud) eine 
Sammlung feiner 3ugenbgebi(f)te bereits neroff entließt worben 
(1816). £fjeobor, wie er fta) nun ^eg, rourbe im 9)Jai 1811 
tuä^renb feines berliner 2tufentf)alte3 oon einer fdjtoercn 
flrantyett befallen, gegen bie er Teilung in Äartöbab fudjen 
mußte. $ie ganje gamUie begleitete ifjn bat)in. 

ßarlsbab, ben 3. 3uli 1811. 

Seit geftem finb mir f)ier, teuerfte greunbin, nad) einer 
fel)r befdnoertidjen Dieife. 9)?ein Sofm t)atte jroeimal ben 
gieberanfall, am 1. unb 3. £age ber 9ieife, unb am 2. £age 
trafen mir auf oier ©eroitter unterroegS. 

©oetr)e ift nid)t met)r l)ier. 3a) mufj Sie atfo bitten, 
il)m mein ßonjept ber £ebensbefd)reibung*), menn Sie unb 
3f)re grau Sdjroefter e3 gelefen fjaben, mitjuteiteu. £a er 
fefyr oft ermähnt ift, fo nninfd)te id) fer)r, bafj er gegen bie 
2lrt, wie e3 gefdjefyen ift, niä)t§ einjuroenben l)ätte. 3$ 
tyabe mid) bemüht, toeber Sd)illern nod) ifmt etwas ju ver= 
geben, unb boa) nidjtS GfjarafteriftifdjeS Tueg&ulaffen. Sollte 
n>äf)renb beä Suli no$ jemanb aus Söeimar nad) ftartebab 
fommen, fo fjaben Sie bie ©üte, ifym ba£ 3)knujfript für 
nüd) mitzugeben, aufjerbem n>ünfd)tc id) cS in ber erften 
2öod)e beS 9luguft3 in Bresben roieber ju ermatten. 

§ofrat Beuern Ijoffe td) t)icr oft §u fpredjen. Sonft 
ift oon intereffanten ^erfonen für mid) faft gar nid)t3 ba. 



*) ©cmcint finb bie „9iacf)rid)ten oon <2cf)iüer$ Seben", toomit 
Börner bie erfte 2lu$ga&e oon ©cf)iller$ fämtlicfjen Sßerfen (ßotta, 
1812—1815) einleitete. 



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Börner. 



141 



Snbeffen bin id) aufrieben, roenn für meine grau unb meinen 
Sofin ber 2luf enthalt von guten golgen ift. 

Seben <Sie red&t roof)l. £>ie Steinigen empfehlen fidj) 
Seinen beften«. S3et 3f>rer grau ©d)roefter bitte id) mein 
Stnbenfen ju erhalten. 

Börner. 

Bresben, am 15. Sluguft 1811. 

Seit roenig Sagen ftnb mir nrieber in ftreäben, teuerfte 
greunbin, tuo id) 3^re beiben Briefe nebft meinem SRanu« 
ffripte unb bem ©oetfyifcfjen Briefe oorgefunben f)abe. (£3 
freut midf) fel)r, bafj <Sie unb (55oett)e mit meinem Sluffafce 
jufrieben finb. Söon 3^rer grau Sdjnoefter fdjreiben Sie 
ni<$t3, unb ity roünfd)te gleidnooljl fef)r ju roiffen, ob aua> 
fie gegen meinen Sßerfutt) nid)t$ ju erinnern f)ätte. 

Ueber ben 9iuf nadj Bübingen unb bie bamaligc 
fia)erung einer Silage §atte i<Jj in einem Briefe ©djiflerS 
t>om 5. 2lpril 1795 fotgenbe «Stelle gefunben: 

,,3d) tyabe in biefer &\t e * nc förmliche SSotation nad) 
Bübingen erhalten, mit einem jroar mäßigen aber in ber 
golge ju t)erbeffernben ©et)alt. 3df> ^abe fte aber, roeil ia> 
feine beftimmten Sßfltdjten übernehmen fann, auSgefdjlagen. 
Born fierjog von SBeimar f)abe id) mir bafür eine S3erboppe= 
lung meines <5Jer)aItS auggebeten, im gaH meine ©efunb^eit 
mir bie ©d)riftftellerei unterfagte. SDieö ift mir bewilligt 
loorben." 

SDer gaa, auf melden fid> ba3 ©efud) befdjränfte, trat 
bamals nidjt ein, alfo erfolgte feine 3" la Ö*> "nb t$ ™ u & 



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142 



Sie fieipjtgcr ftreunbe. 



ba^cr allerbingS bie ©teile obänbern unb blofc eine 3 Ui 
fidjerung ermähnen. 

SBegen beS ©rof3r)erjog3 von granffurt*) werbe id) nad) 
3f)rem SBunfdje nodj eine furje SNote beifügen. 3$ bin 
über bieä SBcrt)ättm« abfitt)tlid) furj geroefen, weit id) ba3 
2lnfcr)en üermeiben wollte, al£ ob ©filier nötig rjätte, mit 
fürftliäjen 33efanntfä)aften ju prangen. 

Gottaä Anerbieten**) für bie Sßerfe fdjeint mir nad) ber 
jefcigen Sage be3 S3ii(r)r)anbel§ unb nadj beut, roa§ er für 
ba§ Sweater gegeben r)at***), fefjr annef)mliä). Wafy feinem 
lefeten SBriefe an miä) miß er ben $rucf im &erb|t anfangen, 
unb fdjeint nun geneigt, baS gormat r>on ©octt)c§ SBerfen 
ju roäfjlen. 

Unfer Aufenthalt in ßarlSbab mar biennal fet)r un= 
rul)ig. 9)iein ©oljn behielt ba3 gieber in ben erften 2Bod[>en, 
unb meine £od)ter fd)ien ernftlid) franf ju werben. ®S 



*) Salberg, Äoabjutor von 3Kainj unb Statthalter von ©rfurt, 
fpätcr ftürft ^rimaS unb ©rofjfjeqog oon granffurt. Äörner Ijatte feine 
werftljätige greunbfd)aft nur mit 3roei feilen erwähnt. 

**) „SiörnerS <ßlan nacf) f ollen bie 3Ber!e 12 SBänbe füllen, bie fo 
äiemlicf) nüe ©oetljeS äßerfe ausfallen möchten, unb ba bäajte ia), mir 
festen 3imäcf)ft ben nämlia>n 9Jlafjftab roie bei @oetb,e feft, 3eb,ntaufenb 
2f)aler fäc&ftfö." (©otta an df). Stiller, 26. ^uli 1811.) 

***) ^n GottaS ^onorar^lonto lieft man (Stiller u. Cotta ©. 688 f.): 
„26. SM 1806. Honorar für fämtlidje Sweater oon ©ajiller auf Dftern 
1806 10 000 fl." ß^arlotte Sduller befam aufjerbem bei SBerlängerung 
be§ flontrafteä für bie fämtlidjen 3Berfe am 6. Sluguft 1817 neue 
10000 Vitt), unb am 4. Dftober 1825 abermals 10 000 SRU). Sü^tHerS 
(Srben erhielten laut Vertrag uom 3. Sejember 1826 für ba3 25 jährige 
3>erlag§rea}t 70 000 9W). unb für ben S3riefroed)fe[ 3toifd)en 0. unb ©. 
4000 9ttl). 



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Mörncr. 143 

ging aber oorübcr unb fd^ien bloß eine ßrife bei ber 
SSirfung be3 33runnen3 &u fein. 2Bir blieben über ad)t 
£age länger, weil bie 5tur meiner grau unterbrochen roorben 
roar. 9Hein Soljn blieb über brei 2öod)en oom gieber frei, 
erholte fid^ oöüig unb fonnte olme Sebenfen bie Dieife nad) 
9Bien unternehmen, rooju id) bie legten Monate biefcs 
Sommerhalbjahrs für tfm beftimmt ^atte. SBir übrigen finb 
g(üdflidr) t)icr roteber angelangt, befinben unä alle rool)l, unb 
ungeadjtet ber Störungen fdjeint bie Stur metner grau nüfe= 
lid) geroefen ju fein. 3$ felbft hatte in ftarlebab an beiben 
güfjen bie SRofe, aber ohne roeitere golge. gür mid) roar 
ber bortige ülufenthalt fct)r unintereffant. ©octt)e roar fd)on 
fort, unb fonft roar für mich nid)t3 SBebeutenbeä oorhanben. 

fieben Sie recht roof)l unb empfehlen Sie uns 3h rcr 
grau Schroetter beftenS. 2>ie 9Jfetnigen laffen 3§nen üiel 
£erälid)e£ j a0 en. 

Sorgen Sie ja für 3h re ©efunbheit, unb erfreuen Sie 
un$ balö burd) 9tad)richten oon 3^rer oöfligen 23efferung. 

Börner. 

3Han fennt bie weiteren Sdjicffale ber gamilie. STljeobor, 
beffen ebelmütige, fchneHfertige 2lrt fd)on in ben glegeljaljren 
oom SSater erfannt roorben roar, beteiligte fia) am 33efreiung$= 
fampfe unb fiel am 26. Sluguft 181.3 in bem öefed)t bei 
(Babebufdj. 2lm 15. 3)?ärs 1815 ftarb aud) @mma Börner. 
SBalb barauf 50g Börner oon Bresben nad) SBerlin, roo er 
al3 preu&ifdjer Staatsrat im 3JUmfterium be3 Snnern nod) 
jahrelang tfjätig roar. 9?ie roftete feine Siebe ju aWuRt unb 
£id)tung, unb roenn aud) fein SebenSabenb fein Weiterer 



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144 



Sie Setpjiger ftreunbe. 



fein tonnte, fo erhellte ifjn bod) fjin unb roieber ein milber 
(Schein, ber aus bem §immel ber ßunft auf fein fd&merjen; 
veid)e£ $)afein fiel. 6r flarb nadf) furjer $ranfl)eit am 
13. 9flai 1831, beinahe fünfunbfiebjig 3af)re alt. SDaS 3af)r 
barauf folgte tym feine ©d)tt)ägerin 2)ora. Wut feiner 
SÖitroe gönnte baS <Sd)tdfal nod) lange, unb nrie eS fd&eint, 
glüälidje £eben3jaf)re. 2lm 10. ganuat 1833 fdfjreibt fie an 
Caroline o. Sßoljogen: 

„SBiel Ijatte mir ©Ott gegeben oon feiner Siebe. £b'£ 
aud) bunfel um midf) tft, unb e§ umfangen mid) Statten 
— oergeff id) nid)t, roie mir fein ©onnenlidjt an taufenb 
borgen erfdnenen ift, Reiter unb unenblidf) glücflic^, unb 
mein toeinenbeä Sluge f)ängt an ber Vergangen f)eit in ftiHer 
3uoerfia;t — nrie lange fann e$ nod) mähren!" 

(53 tüäfjrtc nodj) 3a^r um 3a^r. (Sie erlebte ben %oo 
uon (Stt)iaerä ©of)n, <£rnft(1841) — „ber arme (Srnfi ©djißer, 
foßte er fa>n fo früf) ooßenben?" - unb erft im Stuguft 1843 
flarb fie, etnunbad)tjigjäf)rig, neununbfünfjig 3<*f>«/ nadf)bem 
jener f)errlid)e 33ricf gefdjrteben morben, ber einft gu bem 
fdfjönften unter aßen in ber beutfajen ßitteratur verewigten 
greunbfajaftsbünbniffen ben ©runb gelegt Imtte. 



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lUannfumnrc 3Treuitirc. 



Silber ou9 ber £$iHtrjeit. 10 



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I. 

ir fjaben unfern 2)id)ter üon 2)iannf)eim nadj £eipjig, 
von Seipjig nad) Bresben, r»on Bresben nad) Sßeimar be* 
gleitet unb Derliejjen Um uor ben Sporen ber beutfd)en 
3Wufentefibenj. §eute muffen wir nrieber an ben 9if>ein, um . 
uns nadj ben greunben unb greunbinnen umsufdjauen, bie 
«r in ber Spfalj jurücfgelaffen f)atte. 6« gilt junäd)ft einen 
(Sang burd) ben Tumult ber bortigen S^eaterroelt. 

fronten ju Sßeimar in ftoljer Slbgefd)iebenf)eit bie 
Chnnpier ber beutfd)en $>id)tfunft, fo Ratten in 2Jfannf)eim 
alle froren ©rbengötter if)re Verberge aufgefangen unb 
führten raftloS ben Zeigen eines mea)fetreitt)en ©enufjlebenS. 
Äurfürft Äarl Sfjeobor war ein fogenannter funftfinniger 
Souverän. Sie böfen triebe, bie er fpäter gegen bie 
Söanem walten liefe, fd)lummerten nod) unter ber Dede jenes 
autofratifd)en Dilettantismus, ber alle ftunft beoormunbete, 
auf allen ©eifteSgebieten 23orfef)ung fpielte, am liebjkn natür= 
lid) beim Sweater. Cper unb «Sdjaufpiel Ratten in 9)fann= 
Ijeim it)re eignen §äufer. 2lber aud) Slntifenfammlungen, 
33ilbergalerien, praf)lerifdje ^arf anlagen ert)öl)ten ben ditxi 




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148 



2Hann§etmer ftreunbe 



ber <Stabt imb if)rer Umgebung. £>a3 bürgerliche ©lenb be& 
3af)rf)itnbertS oerfroa) ftd) überall hinter bem fürftlid)cn * 
^ßrunfe, unb btefer, fonft nur ein Slbflatfd) beä S3crfatUer 
§ofleben3, trug biegmal ba3 gabrifyeidjen beS fteutfdjtumS. 
$arl £f)eobor roar ein beutfdjer gürft, 2flannl)eim eine 
beutfdje Stabt. 9)<an fd;rieb beutfcf>e Sdjaufptele, beutfdje 
Xragöbien, fogar beutfdje Dpern. £a§ Söort „national" 
roar am 9tyein fo gut in ber Sftobe roie an ber $onau unb 
an ber (Spree; Mannheim fyatte fo gut roie ba§ jofepfH'nifdje 
SBieu unb roie balb barauf Berlin ein 9cattonat;£f)eater, 
ju beffen £)id)ter ein Seffmg berufen roerben füllte. 3a, 
man fprad) bort ntdfjt allein oon einer beutfd)en, fonbem 
aud) oon einer pfäljifdjen ßitteratur, unb i^re fefte SBurg 
roar „bie furpfäljifd^beutfdje ®efellfd)aft", eine 2lrt 2lfabemie, 
bie, oon Balberg präfibiert, unter ber unmittelbaren 2luffiä)t 
beS SanbeäoaterS ftanb. Slber aus allen litterar ifd>fünftle; 
rifc^en 2lnftrengungen roäre für 9J?annl)eim roenig (£r)rc er= 
roadtfen, roenn fie nid)t burdj baS unoer^offte ©rf feinen 
jroeier ©eifteSfürften einen ibealen Sdjroung erhalten Ratten, 
©eute nod) leuchtet bie Sonne SflojartS unb <Sd)ilIer§ über 
ber cBtabt am SRliein, unb biefe feine großen ©öf)ne bem 
beutfd)en 33olfc nä^er gebraut ju f)aben, ba3 ift fiajerlid* 
fein geringer 9?ufmt. „So roie id) 9)iannl)eim liebe, fo liebt 
aud^ 9)iannl)eim mid)," fd)rieb SMojart feinem $ater, unb 
es roar „ein red)te3 ©ereifc" um it)n , als er jum jroeiten= 
mal (91ooember 1778) bort erfdjien. $ie «Stabt f)iefj bamalä 
baä ^arabieS ber 3)]uftf. Sdjißer nannte fie balb barauf 
ba£ ^arabteä ber bramatifd^en -äJtuK — allerbingS beoor 
er bie Söitterniffe biefeS $arabiefe§ gefoftet fjatte. 



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§einricf) iöecf. I. 



U9 



3nbe3 fcmb audj er bort neben allen 2Bibern)ärtigfeiten 
t>e$ offiziellen S^eateroerfefjrS triel greunbfdjäft nnb I;cr5= 
üdjeS Entgegenkommen. Unter ben (Sdjaufpielern mar e£ 
namentlid) Seinridj 33e<f, bem er fid; oertraulidjer anfd)lof3. 
3§m unb ber gemeinfdjaftlidjen greunbin ^rjartottc u. Stalb 
jdjidte er oon 3)re3ben aus, gleidjfam als epreuvcs d'artiste, 
bie 2lu3f)ängebogen ber „Sfjalia". 3f)m fdt)rieb er mehrere 
Briefe, bie leiber ocrloren gingen ober nod) nid)t mieber= 
gefunben würben; itjm bewahrte er fein Sebenlang ein freunb* 
fd)aftlicf)eä ©ebädjtntö. 2Bir geben t)ier einen 33rief SBccf^ 
bie Slntroort auf ©d)iUer3 erften ©rufe auä ©reiben. Bon 
ben $efm eng betriebenen Buartfeiten fjaben fict) leiber nur 
bie legten fed)3 am £eben erhalten. 25od) ift bal ©abreiben 
aucfy in feiner fragmentarifdjen ©eftalt eine rcertooHe @r= 
tnnerung an <Sd)ilIer3 2öanberjaf)re ; e3 eröffnet Sßerfpeftioen 
auf ben 3J?annl)eimer SWifrofoSmoS, roie fie feine ber lanb= 
läufigen Biographien ju geben oermag; roa§ ber junge ftidjter 
an greub unb £eib bort erfuhr, fdjeint in biefen $tik\\ naa}= 
juflingen, unb faft alle ^erfoncn, mit benen 2lmt unb 2Baf)l 
ir)n jufammenfüfyrten, fet)cn mir in buntem Söirbel an un§ 
uorübereilen. Ilm bem Briefe einen igaud) feiner ©egemoart 
jurüdjugeben, ift e3 notroenbig, bie giguren unb Berfjältniffe, 
bie er fdn'lbert, etroaä näfyer ju betradjten. ®em Brieffteller 
jiemt ber Borrang. 

Öetnridj) Betf, 1760 geboren, mar um wenige Monate 
jünger als «SdjtHer. (Sbuarb SDeorient nennt it)n eine toeidje, 
eble Sßatur, einen feinen, finnoollen ßünftler in £iebl)aber= 
unb §elbenroßen; feine lange ©eftalt, fein nafaleä Organ, 
fein bürftigeä Sftienenfpiel fajeinen fein fdjaufpielerifdjeS 



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150 



3)?ann$eimer ftreunbe. 



Talent am Ijöfjeren gluge gef)inbert ju traben. 9)fit 3ff^ an ^ 
unb $eil bilbete er bie vielgenannte $ünftlertria3 , roeldje 
bem fdjläfrigen ©ange beä 9)?annf)eimer $f)eaterleben§ ein 
bewegteres £empo ju geben fud)te. 2Bir bürfen rooljl an* 
nehmen, bag bicö erft mit &Ufe <Sd»tUer§ gelang. Seit 1781 
befanb fid) ba3 Jgoflager be3 fturfürften in 3)iünd)en; oter= 
taufenb ^ßerfonen waren ifjm bat)in gefolgt, mit Ujnen alle 
Sdjauluft unb £l)eaterf reube ; bie 9)iannl;eimer Äünftter 
fpietten oor ben leeren SBänfen. 2>a gejdmtj bie erfte 2luf= 
Körung ber Räuber (13. Sanuar 1782): mit ©inem geroal= 
tigen 9iutfe warb baä «ßublifum aus bem Sdjlafe gerüttelt, 
unb ein erfrtfcfyenber fiuftjug brang roieber in bie oben 9taume 
beä Sd)aufpielf)aufes. SBed fptelte ben $oftn$ft an jenem 
merfroürbigen Slbenb, bei fpäteren 2luffüf)rungen ben £er= 
mann, boa) mit nia^t genug „ungefitteter 2Bilbf)eit", nrie 
Balberg rügte, ©r ioar in ber golge ber erfte Süourgognino, 
ber erfte gerbtnanb unb entroeber ber erfte ^ofa ober ber 
erfte £)on Gartow. Sa ju berfelben Seit unter ben f)eroor= 
ragenben hinten be£ 3)iannl)eimer £fjeater$ aud) ein 23ocf 
fiel) befanb, fo flögt man auf beftänbige 2>enoed)felungen ber 
beiben Flamen. Ser UebenSnmrbige 3fftonb, bcfjen SWemoircn 
eine «Qauptquellc für bie ÄenntniS biefer Singe bilben, t)at 
oiel ju oiet oom (Srfolge feiner eignen Stüde ju erjagen, 
um fid) mit ber ©efd)id)te ber 8d)iHerfd)en Sramen abgeben 
ju tonnen; oon Son (SarloS fagt er fein Söort. könnte 
man Seoricnt unb bem Srucfe bee 23riefiuea)fel3 jroifdjen 
Stiller unb Börner auf ben S8ud)ftaben glauben, fo müfcte 
23ecf ben <pofa gefpielt fjaben, inbeä bie oon Slrnolb Sd)loen= 
bad; publizierten SBefefcungen ausbrüdlid) unb §u uneben 



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öeinricf) 33etf. I. 



151 



fjoltenmalen 33etf als Son Carlos unb SBöcf als ^Sofa an- 
führen, ^ebenfalls ftetjt feft, baß ber greunb Sd)ittcrS unter 
ben erften ber pfäljifäen 93ül)ne einen Gtyrenplafe einnahm: 
er tuar 2)iitglieb beS 2luSfd)uffeS, ben Balberg, offenbar nad) 
bem SBorbilb ber fogenannten SBerfammlung beS 93urgtl)eaterS, 
eingefe|t unb mit ber 2luSroaf)l ber Stüde, mit ber 9ioÜen= 
befefeung, mit ber gan&en bramaturgifdjen §auSnHrtfd)aft 
betraut J»atte ; er mar eS, ber in ber Beantwortung ber oon 
Balberg geseilten Preisfragen feinen Kollegen ben 9iang 
ablief unb bie bramatifd)e Gljren^iebaitle erhielt; er mar 
ber <2d)riftftefler ber Gruppe, beim üjm follte aud) bie %üfy 
rung beS bramaturgifdjen £agebud)S übertragen werben; er 
mar enblid), unb bieS ju allererft, ber greunb <2d)ilIerS, 
eines Cannes nämlidj, ber ben geiftigen s 3iangunterfd)ieb 
5U)ifdjen $)td)ter unb Sdmufpieler, jroifdjen Äunfl unb ftunft= 
ftücf weit fdtjarfer betonte, als man gememiglid) ju glauben 
fäjeint, ber gleidj Sejftng mit „biejer reizbaren 9ftenfd)en= 
flaffe" feine 9ied)nung beizeiten abgefdjtoffen t)alte. Ueber 
33ecf fdtjricb er an Hörner: „<Sd)abe, bafe er ein Sdjaufpieler 
ift unb eS fein mufj. 2Bie fdjön mürbe er ftd) ju unferm 
33unbe fdjitfen!" &*er aufmerffam ^infjordjt, t)ört in biefem 
33ebauern bie ©timme bitterer Grfafjrung unb reifer 2)ienfd)en= 
fenntniS unb bajroifa^en baS fdjönfte £ob für S3edS ^erföiu 
litt)feit. 

(Sine Betrachtung ber Mannheimer Xf)eater4Berl)ältniffe 
füt)rt notroenbigerroeife ben Dlamen Balberg unter bie fteber. 
3n feiner rütffjaltlofen Mitteilung an Sofiaer entwirft 93ecf 
fein fonberlid) angenehmes SBilb von bem furpfäljifdjcn 
XtjeaterjQntcnbanten; mir finb aber überjeugt, ba§ eS ber 



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9Jtannl)eimer ftreunbe. 



2Baf)rf)eit näljer fommt, als alle S<$önfärbefünfte, bie in ben 
Sd)iHers;öiograpf)ien an ben ^eidjSfrenen &od)roof)lgebornen, 
infonberS §od)$uoenerirenben igerrn öefyeime Dtotf)" t>er? 
fdjroenbet werben. 2)aS Sßerbienft, bie erfte 2luffül)rung bcr 
Diäuber ermöglidjt fabelt, bleibe iljrn ungefc&mälert, nnb 
bie etwas tfjeatraltfdje Uneigennüfcigfeit, mit weiter ber reiche 
3)iann bie 39efolbung feines 2lmteS gurücfroieS unb fogar 
feine Soge im S<$aufpiclf)aufe bejahte, möge itjm immerhin 
lux (Sljre angerechnet werben. 9iur erlaffe man uns bie 33e= 
rounberungtfeiner SBüfjnenlettung, Balberg mar ber $oftrinär 
ber Sdjaufpielfunft. 2BaS nur in biefeS gad) einfdjlug, 
rourbe r»on u)m rubriziert, fd)ematifiert, bogmatifiert. Seinen 
5£§eater=2luSfd)uj3 rerroanbelte er in ein äfil)eti}d)eS 33üreau, 
baS alles unb jebeS fauber ju ^ßrotofott bringen unb mit 
biefen ^rotofollen ber Äimft neue 33at)nen oorjeidjnen follte. 
©eroife erftrebte er baS SBefte; baß er aber feine 3«>e<fe burd) 
tl)eoretifd)e Spielereien, burd) bramatifdje Preisfragen, mit 
benen er feine ßünftler l)etmfud)te, p erregen mahnte, mar 
gerabeju einfältig. Statt il)re oolle $raft beut SRoflenftubium 
unb überhaupt ber prarjS ttyrer $unft ju roibmen, quälten 
fid) bie armen Sd>aufpieler mit gragen roie biefe: „2BaS ift 
Slnftanb auf ber SBüfme?" — „2BaS ift eine 9?attonal:Sdmu= 
bülme im eigenttid)en SBerftanbe?" - „3ft baS £änbeflatf<$en 
ober eine allgemein f)errfd)enbe Stille ber fdjmeidjeltjaftefte 
33eifall für ben Sdjaufpieler?" Um biefe 3eit entftanb ber 
2luSbru<f : ein benfenber Jtünftler. 3 um SBcnounbern mar es 
aber nidjt, bag S3aron Balberg über baS fd)led)te 9)iemo; 
rieren eroige ßlage führen mu&te. ©r entlebigte fid) bann 
feines ©rimmeS in fdjarfen „SBeifungen" unb ,,(£rlaffen" an 



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§einrid) ©cd. I. 



153 



ben £l)eater-9liiöjd;u&, roie er beim faft über jebe s £orfteflung 
eine 2trt Bulletin ^>rotofoII gab, barin er fein Urteil 
anSfprad), öfter* £abel al* 2ob. (** ift unglaubtid), wie 
bie SDiannljeimer Sdjaufpieler von ifjrem 93aron gel>ofmei)tert 
würben, unb man fann fidt) beuten, tr>a* ber junge Sdjtller 
in biefer 2ltmofpf)äre gelitten fyaben mag, er, ber al* Xt)eater- 
bidjter (Stüde fdjreiben, al* 9Nitglieb be* Xf)eater=2lu*fa>tfie* 
frember £eute Söerf begutachten, als Üflitglieb ber Seutfd&en 
©efeüfdiaft äftf>etifd)e 2luffäfce uerfertigen foüte unb nad) 
brei (Seiten f)in bent boftnnären gelbiuebel (Gelegenheit 511m 
Äritifteren unb ßatedjifteren gab. SBofyl Ijatte ber junge 
$>id)ter bisweilen ein freunblidje* SBort für ben mächtigen 
£f)eaterf)errn, aber fobalb if)m bie Hoffnung von anber*roo 
roinfte, entftot) er bem Skreidje feine* ßommanboroorte*. 

2öa* SBaron Balberg al* 3ntenbant be* 9)?annf)eimer 
Süfjnenroefen* mar, ba* mar er ofjnc 3roeijel auä) al* $or= 
ftanb ber 2)eutf^en ©efeüfdjaft. SDtefe ©efeflf^aft fd&etnt 
ber <3djöppenfhil)l geroefen ju fein, vor bem ftdj jeber felbfc 
ftä'nbige, ba* §erfömmlia)e überfdjreitenbe Sajriftftelleruerfud) 
ju redjtfertigen ^atte; aud) von f)ier au* glaubte man mit 
Preisfragen unb bergleidjen S^t^ertreib für gelehrte ßinber 
bie Söiebergeburt ber rmterlänbifdjen Sitteratur erjroingen gu 
fönnen ; aud) r)ier fud)te man jebe äftfyetifdje unb litterarif d)e 
grage ju fobifijieren unb in ben ©onntag*ro<f eine* £ogma* 
einjufleiben. Sie 2ttef)r5af)l biefer nortrcffüdjen s Dienfa)en 
mag beim (Srfdjetnen ber Räuber fidt) entfefct fjaben, al* ob 
ein ©rbbeben ben gu&boben erjittern maa)te. greifen 
v. Balberg mu&te roofjl an r>orüberger)enber ©eifteäföroädje 
leiben, baß er fo etiua* aufführen, §offammerrat Sdnuan 



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154 



ajtannfjeimer ftreunbe. 



ganj unb gar ben SSctftanb üerlorcn Ijaben, ba& er fo etroaS 
bruden fonntc! ©S mar fd)le$terbingS notroenbig, bic beiben 
verirrten 2)iitgüeber ber ©efeflfdjaft, bcren eines fogar als 
^räfeft beS getarnten furpfäljifdfien £itteratur-'2ebenS r»ene= 
riert mürbe, auf ben redeten 2£eg äurüdsufüfjren, unb §err 
^rofeffor ßleiu, ein @r=3efuit, unterzog fid) ber r>erbienft= 
sollen Stufgabe, ©r fdjrteb eine langatmige ßritif ber SRäuber, 
in ber er bem blutjungen £iä)ter normarf, ba& er nod) fein 
(SuripibeS fei, bafe er bie eblen ©rajicn in TOftfümpfen babe 
unb ftatt SlpoÜS Seier ein anftöjjigeS Sdjroeinegrunjen er= 
tönen laffe. 3 um jebod) ift bie &ritif jiemlid) fad)= 
geredet unb nidjt oljne §rifd;e gefdjrieben, felbft nid)t ofme 
SBofylmolten. ätor aüem faun eS ber §err Sßrofeffor nid)t 
leiben, baß aud) anbre mit SdjiHer fid) befaffen; Sd&iller 
gefjört iljm, <£d)iüer ift fein Opfer, baS er feinem anbern 
preisgeben roiH, unb als nun aud) im SBürttembergfdjen 
9iepertorium eine $ritif ber Räuber erfdjien, ftnbet er, bafj 
ber S8erfafjer berfelben mit bem £id)ter ungeredjt ©erfahre. 
Gr fdnifct Sd)iHer gegen (Sdjiller, beim befanntlid) mar fein 
anbrer als ber £id)ter felbft ber 2lutor jener Stuttgarter 
Beurteilung. <8old)erlet 3)?enfd)lid;feiten Ratten if)re eigne 
iiomir, aber feine erquidlidje Slomif; baf)inter nifteten 9?eib, 
3){ijsgunft, ©igenbünfel, SRänfefudit, furj äße (Srbärmtid)feiten 
eines fleinftäbtifdjen, fleinftaatltdjen, fleinfjöfifdjen CrganiS= 
muS. (Sine unfruchtbare Sef)nfud)t nad) etmaS Söefferem, 
&öl)erem 50g burd) bie 3Nannl)eimer Söelt, im übrigen aber 
mar fie nidjt anberS beftellt, als anbre Helten — bieS fagt 
uns am beften &einrid) Söed in feiner mitteilfamen Saune; 
ifjm motten mir enblid) baS ©ort laffen: 



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§einri$ »ed. I. 155 



9hm 5iir förmlichen Beantwortung £eine$ Briefe«. 

2öer fo wie £u feine 3*U ju oerroenben roeifj, ber ift 
uor ben Vorwürfen über Bernadjläffigung ber ßorrefponbens 
5iemlid) gefiebert. 3)Jeine 2Bünfd)e gel)en jn)ar roeiter, als 
id) erfüllt glauben barf — aber erfefceft Xu mir uid)t mit 
einem Briefe, toaS getäufd)te Hoffnung eine 3cit(ang mir 
entjog? 

£ein Xroft war mir wert — fo fonnte (SarloS im 
Sanbe ber Gj:-'3efuiten niä)t aufgeführt werben. 2)u oer* 
fpridjft eine tfjeatraltfdje Bearbeitung: id) rjabe oiele ©rünbe 
für unb bagegen. £ie ©rünbe bagegen finb: erftlid) müjjte 
£ir eä tuet) tfyun, von einem folgen gried)ifd)en Bilbe nur 
einen Singer, gefdjroeige benn gange &änbe U nb güfee ab* 
fdjlagen i\x müffen. (5ine &\k tt)äte mir mef). 3 ro eitenö 
wäre e3 gegen ba£ Snftem oom reinen (Srtrage Steines 
Talents, roeld)e£ immer 31t neuen <Sd)öpjungen fliegen mufj. 
GJrünbe bafür ftnb: erftlid) £ehr öfonomifdjer Vorteil — id) 
l)abe bafür eine 3bee — 2)u follteft bei ben beften Theatern 
befannt madjen, baß ®u für fo unb fo mel ben (SarloS für 
bie Büfjne einrichten roollteft. SDen «preis mödjteft bn be= 
ftimmen, entroeber eine (Summe im Öanjen ober ba£ £>ono= 
rarium t>on jeber inSbefonbere, nad) SNafjgabe it)rer inneren 
Gräfte. 34 bäd)te, bafj auf biefe 2lrt eine 3temlid)e Summe 
herauSfommen bürfte. gür einen anfef>nlid)en Tribut ber 
fn'efigen Büf)ne ftefje id). &err Balberg fann'S mir nid)t 
abf plagen, wenn id) auf bem 2lnfauf be£ GarloS befte^e.» 
£>er jtoeite Girunb bafür ift: roeil e§ 511 empfmbüd) für 
Sief) fein müßte, £ein tiebfteS $tnb roic einen üerroaf)r= 



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15G 



2Jiamtfjeimer (yreunbe. 



loften Lanfert von Stoben gefdjänbet unb oerftümmelt bem 
2>olfe »or bie klugen gebrad)t ju rotten. 25knn ©rünbe unb 
Öegengrünbe ©id) unbeftimmt galten folltcn — fo gebe bie 
greunbfdjaft ben 2luSfd)lag! 3a) erinnere ©iä) an ©eine 
^eiligen SSBünfdje für mein <3lü<f. SBeißt ©u noa), rote wir 
auf bem ^ßlafce am l)ieftgen <Sd)aufr>ielhaufe herumgingen 
unb ^läne fd)miebeten für meinen ftünftlerruf? ©er 
punft ift ba. GarloS ift eine Dtoüe, wie noa) feine mar 
unb feine mehr fein wirb! 9)?öa)te bieS ©id) beftimmen! 

©u nimmft bie Steigerungen meiner innigen ©dmfcung 
beiner bortigen (©reSbener) greunbe mit SBärme auf unb 
roiüft inid) ftolj machen burd) Sltergleid). 3dj bin nicht fo 
unbefdjeiben, bieS fo bar mie SJfünje einjuftreid^en. 3<h 
fenne bie ©renjtinien &roifd)en ihnen unb mir jefjr roof)t. 
©ie finb baS für ©id), roaS id) gern fein möd)te. Bit 
begießen unb erfrifd)en baS in ©ir, mooon id) nur bie grüa)te 
genieße. 2öie oiel bleibt ihnen an $erbienft juoor! SßoHte 
®ott, id) fönnte eS mir erwerben, in ihren QixM hineinges 
laffen ju werben; wollte @ott, id) fäme einft ber ©egenb 
na^c — id) wollte r>erfud)cn, mia) beS ^eiligen SBunbeS ber 
greunbfa)aft, 2BeiSf)eit unb Shä'tigfeit würbig mad)en &u 
lernen. 

Gjjarlotte v. ßalb ift glüdlia) mit einem 9)iäba)en ent= 
bunben. 33eibe finb fo gefunb, fo glüdlia), als fie oerbienen. 
3d) mar geftern an ifjrem Söette, id) las il)r ©einen Sörief, 
id) fügte il)re §anb unb mar fo glüdlia) in ihrer Öefelk 
fa)aft! ©afj mir boa) nie fo ganj roiffen, was wir befa&en, 
als bis mir auf bem «fünfte finb, eS 5U oerlieren. 3d) flud)e 
jejjt ber ftonoenienj, bafe fie mir oeriagte, öfter bei il;r §u 



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§einrtd) 33ecf. I. 



157 



fein! Wiit tf)r fdjeibet äße*, was id) fd)äfce unb liebe! 3$ 
fann, id) fann e§ in 3)iannt)eim nidjt aushalten! 

£ies füf)rt &ur Antwort auf deinen 33orfd)lag. £u Ijaft 
meine ganje Sage auf 9ioten gefegt. 3eber ©riff traf ©aiten, 
bie oorf)er nur leife in mir Hangen. 3a) gefye oon ^ icr, 
baS ift befdjloffen; wofjin, ba£ toeife id) nod) nid)t. 3$ 
fjabe überaß 5tu8fia)t, aber etwas ftef)t mir im Sßege; weiter 
unten fottft bu es erfahren. Sttetn §erj jietjt mid) ju 3>ir 
Inn, aber alles Uebrige entfernt mtd) oom £reSbener Sweater. 
Unter einem SBonbini fielen, ben ßaprijen unb ßabalen 
eines SHeinefe ju unterliegen, unftet (jerummanbern 51t muffen 
— unb bann an einem Crte, wo ber Wefä)maä gar nid)t 
51t §aufe ift, roo ber §of bigott, ber 2lbel fteif, ber Bürger 
arm unb feig ift — alles bieS finb Snfonoenienjen, bie ia> 
ftt)roer(id) roerbe ertragen lernen. ^Beantworte mir f)ieoon, 
was 2>ir gut bünft. 2Bir muffen biefeS Kapitel fortfefcen, eS 
ift ju widjtig für midj. 

®ein Urteil, bie 2)eutfd)e ©efeßfdjaft betreffend ift gletd) 
wafjr. ftewäf)lt bin id), beftätigt oom &ofe — nid)t, burd) 
©igenftnn beS TOnifterS unb Kabale ber 5llein unb <5tengel= 
fd)en Partei. S)ie Sitten fjaben erflärt, ba& fxc feine weitere 
2Baf)l oorne^men wollten unb tonnten, bis biefe 2Baf)l be= 
ftätigt fei; alfo wirb unb mufj fie beffenungeaa^tet beftätigt 
werben. SBann? 3)aS weife ber Gimmel. Balbergs eigner 
33ruber wirb fo lange nidjt oorgefdjlagen, bis wir 3Kitglieber 
finb. gehalten fann midj bieS nid)t. (SS ift ein Sdjrüt 
mefjr für bie (leiber barf man nod) fo fagen) allgemeine 
Sole rang ber Sdjaufpielfunft; als foldjen betrad)tet, liege 
fic^ etwas bafür tljun. 3a) aua ) D ^ e f e Ernennung nid)t 



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158 



9)lann$eimer grcunbe, 



als eine Stelle im SBorf)ofe beS SlpottotempelS an — bie 
©efellfdjaft ift 31t roenig mit ben SWiufcn greunb — t<f) fet>e 
jic an als eine Sruberfd&aft von £)ifafteriiften, 2lbel, 2>id;tern, 
Pfaffen unb anbern Stänben, roobura) nur ber Sdjanfpiel- 
ftanb flafjtfi$tert mirb. <5S gehört alle« für bie Jttaffe ber 
SDummföpfe — aber bie Reiften Segion, benn i^rer finb mel. 

2BaS meinen SBorfd)lag jur $eoand)e betrifft? Sßergife, 
bafj iä) ifyn tfyat! <Sd)urfen unb £)ummföpfe gibt'S ja überall; 
roaS fönnen bie fyiefigen bafür, bafj fic nid)t beffer finb! 

@S freut mid) fefjr, ba& baS SreSbener $ubütum $ir 
einen Seroeis feiner §o<$f3)äfeung ablegte*); eS mar Ijin* 
länglia)e (Sntfajäbigung für £ein uerljnn&teS 2ßerf. $>enn 
Ijier erlebteft £u ja autf> öfters baS ledere, oljne je baS 
erftere §u erfahren. 

Sä) mar bei ©djroan, f)abe ityrn baS Stütfdjen üon 
Teinem SBrief gezeigt; er ift üerföfjnt unb roirb £idj nun 
befugen**). Ülm 3J?ittrooa) reift er mit feinen £öd)tern ab, 
befugt bie Seipjiger 9Heffe, unb von ba getyt er auf wenige 
£age naa) Bresben, um Sid) ju feljen. @r ift jefet fef)r mein 
greunb ; eine Stleinigfeit §at ben falten üflann mann gemadjt. 
3a) mufj £>ir eS erjä^len. 

93or ein paar Monaten brannte ein &auS, meines an 

*) 8cjic|t fta) wa§rfä)einliä) auf eine 2foffü§rung beS gieSco in 
2)reöben. 

**) ©filier Ijatte ftäj über feine SJiannfjeitner IBerleger ©djroan 
unb ©öfc, bie hinter feinem dürfen eine jmeite Auflage be$ ^iedco ver- 
anstaltet Rotten, fe^r unfanft geäußert. 25er ^ter ermähnte SJefud) f)at 
roirflicf) ftatigefunben. ©d&iUer traf mit ber ftamtfie in 9Reijjen jufoms 
men unb fpielte bann bei ben fd)önen X'6a)tetn, beren eine bie befannie 
SRargarete mar, bie Stolle eines galanten $rembenfül)rer3 bura) $reäben. 



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£einri$ »crf. I. 



159 



bie §intergebäube oon Säjroanä 2Sof)nung füeß. mar 
fel)r triet ©efaljr. 3$ war faft bcr erftc in feinem Saufe, 
ba iä) jufäHig madjte (es war in ber SRaä)t). 34 löfäjen, 
retten, unb tt)at, roaS 9)?enfd)enr»flid)t forberte. Siefen Meinen 
Sienft fjat er mir fyoä) angeredjnet. 

34 freue mid) außerorbentlid) auf bie 9ieidjt)altigfeit 
be£ neueren §efte§ beiner „Sljatia". Sie ,,$()iloiopf)if4cn 
93riefe" erregen begierige (hroartungen. Ser britte ift t>on 
Börner — oon roem aber bie anbern? 33on Sir felbft. 

Sein ©eift ift fo gebieten, baß jeber Sptan, ben Su mit 
SBätme umfaffeft, t>on nun an für ein ^robuft ber $ortreff= 
ltd)feit t>orau«jufaufen ift. bleibe ja Seinem $orfafce getreu, 
fie unter fremben 9iainen IjerauSjugeben — toie ^crrlid; märe 
ber Sriumpf) über Seine Leiber unb geinbe, wenn fie Seine 
eignen Serfe Sir jum dufter empfehlen müßten! $>or 
anbertfyalb 3aljren fjätteft Sit bieS mit befferem erfolge au3= 
führen fönnen — jefct aber tüd)t mefjr fo leicht. Sein (SarloS 
wirb Sein Verräter. SBon 2lft ju 2Ift, oon Sjene 51t ©jene 
fteigft Su über Sid) felbft hinaus — ber Sprung oom (Sarlo£ 
&u nod) etmaö Größerem fann faum ftattfinben. 

Sünger ift ein jroetter Diogenes cynicus — nur fdjabe, 
baß feine Arbeiten aud) oft nadj feiner Sonne fdnnecfen. 
©eine SKorrebe fagt, baß er roof)t benfen fann, aber fein 
£uftfpiet jeigt atitt), baß er'S fet)r balb mieber aufgibt. 3" 1 
(*rnft — alä (roentgftenä fogenannter guter) greunb — Ijätteft 
Su iljm raten foHen, biefe beiben ©tücfe oon einanber ju 
trennen. ©r forbert ben £efer f)erau§, um fiä) — mit einem 
©eigenbogen ju oerteibigen. Ser 9Wann fdjretbt mirflid) 51t 
oieleS. Sa§ fofl Slufftetlung fein oon ©emälben au« ber 



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160 



SHannfjeimer 5 ieun ^ e - 



gegenwärtigen SBelt? SBo ftubicrt er feine 28elt? (SS gibt 
roof)l (Sfjemänner, roeldje mit bem Seidjtfinn ifyrer SBeiber 
md)t aufrieben finb ; aud) SBeiber, bie bei i^rem £eid)t|inn 
gutes £erj befifcen — aber fie borgen nid)t ben öanbroerfS-- 
teilten auf bieje 2Irt ab 2c. SßaS für ein unleiblidjeS ©e-- 
fd)öpf ift nia)t ber Sloenturier. SDer £err ©ouoerneur unb 
Dnfel, ber ftd) wie ein fjoflänbifdjer SootSmann anfünbigt? 
(Sr appelliert an bie <Sd)aufpieler? greilid) müffen fie f)ier 
oerebetn — aber roer nerebelt bem £efer ? £>er $lan ift 
uralt. „SDer all&u gefällige Gfjemann" unb „2>er <5d)ein 
betrügt" *) enthalten fd;on baSfelbe. Sie (fogenannten neuen) 
ifjm eignen Gtjaraftere finb unmobifd) unb unroafyr. 2>effen= 
ungeadjtet wirb e£ auf ber 33üf)ne gefallen. Senn roa£ ge= 
fällt jefct auf ber SBütyne nidjt alles, roenn'S nur platt unb 
beutlid) ift? 3d) f)abe eS ju beurteilen; e§ ift nod) nid)t, 
aber es roirb ganj geroig aufgeführt werben. 

©in äfjnlittjer ©d^riftfteHer mit weniger SBeruf, aber meljr 
©tücf ift Srejner. SaS ift ein fdjreibfetiger Kaufmann! 
Seine ©rüde gefallen ber feineren ©rgie^ung jum £rofee. 
(Sr lägt bie grauenjiinmer vom ©tanbe fpredjen — Siebet 
antrage madjen, roie bie 2Iepfelmäbd)en. Sefct Ijaben roir 
roieber ein Suftfpiel von if)m in ber Arbeit, „£>a3 9täufa> 
d;en" genannt. To. ift ein §f)arafter<$en , ein geroiffeS 
<5d)lingeld)en, Sranbdjen mit bem tarnen, baS man gleid) 
peitfdjen mödjte, fobalb e3 nur erfdjeint. 2Öa£ (jaben bie 
Seute niajt für eine, leidjte luftige (SinbilbungSfraft, fold)e 
9)iaifäfer für 9flenfd)cn ausgeben ! Unb bann bie <5prad)e 



*) Suftfpief von »ranbeS. 



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.öeinrid) 5)erf. I. 161 

— gerechter Gimmel, roeldie 6prad)e! £aS foll populär 
fein — KonoerfationSton. 3a roofjl — aber aus bcn Ra- 
fernen unb oom gifdmtarft. (Sin Wlücf für uns, baß bic 
benachbarten Nationen fold)erlei $robufte nicht 31t fcl)en be= 
fommen; roaS für einen erfd)redlid;en S3ctjriff müßte man 
(id; von unfrer Sitteratur mad;en. 

Sßieber auf 3ünger ju fommen — fein öebicfyt auf bic 
3acquet gefällt mir red;t n)ol;l. SBenn £u £id; für il;n als 
guter, froher 9ttenfd) intereffierft, fo tl;ut mirS (eib, baß id; 
fein £id)tertalent herunterfefcte. 3nbeffen, es ift meine &cr= 
jenSmeinung, unb bie möd;te id; £ir nie oerleugnen. £ier 
ift baS -üJiuftcr eines faftigen Briefes jutrüd. 

§errn 0. Balberg habe id; nichts gefagt unb nichts ge= 
geigt. (Sl;(artotte) roar mit mir gleicher Meinung. Gr über? 
fefet jefct ein engltfd;eS ©tücf in beutfehe Samben, unb ba 
möchte er £eine $erfe gemeffen unb bie Sdjönfjeiten beS 
(SarloS überfein t;aben. 3d; fönntc mit feinem 3)fenfdjen 
aushalten, ber deinem (SarloS — befonberS biefem £eil — 
uid;t 00 He ©ered)tigfeü roiberfaf;ren ließe, £>arum ioetd;e 
id) lieber aus, 100 id; bieS ju befürchten l;abe, unb bieS ift 
ber galt mit Balberg. (Sr müßte ungered;t fein, roeil er 
fdjtoad; unb eiferfüd;tig ift. 3a, lad;c immer. (Sr ift 2lutor, 
überfefct tyäuftg unb läßt fid; erftaunlid;e Komplimente 0011 
feinen £ifa)gen offen u. f. to. machen; lieft babei feine 9ie= 
jenfionen, roeil er feinen Xabel oertragen fann, fnrj, er hält 
fid; für fct)r fajioer in ber 2lutorenioagfd;ale, ba er feine 
Xitel mit hineinlegt. 

£ie 93erl;ältuiffe meiner gamilie erforberu, baß meine 
6d;roefter fidt) ber Sdjaufpielfunft lüibmet. &ier ift, roaS id; 

mbtx aii'3 brr S^iffcrjrit. 11 



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§einri$ SJecf. I. 



163 



fommen, wenn id) betreiben roollte, nrie fef)r id) ben 2£ert 
-füf)le, $ein greunb ju fein. Becf. 
SDen Brief, ben Brief — ! 

5)a3 Saturn be£ Briefes fann nid)t gerabe auf ben £ag, 
<iber bod) annä^ernb feftgefefct merben. ©S fällt jebenfaü* 
in ben 2lnfang beS SlprilmonatS 1786. 2lm 16. 2lpril 
metbet Sd&iller an Börner : „Becf l;at mir gefajrieben ; burd) 
if)n erfahre itf> bie Beseitigung von Gf)arlottenS betroffener 
2Ibreife . . . jefet ljat aud) er Suft, aus 9}?annf)eim gu gef)en." 
SefetereS beftätigt 3fffanb. 2)ie brei greunbe Ratten im 
grüf)jat)r 1786 „eine red)t angenehme <Sommerroof)nimg auf 
einem ehemaligen furfürftlidjen 3agbl;aufc ju ßäffertfjal" 
belogen unb führten bort ein fünftlerlmfteS SBalbleben. 3" 
33eil unb Becf regte fiel) baburd) ber 35>anbertrieb ; fte wollten 
tf)r ©lücf auf anbem Sühnen oerfudjen. Sfflanb gelang 
eS, bie greunbe jum Bleiben ju bewegen. £aS wufjte er 
freiließ nicf)t, bafj Becf feine befonberen ©rünbe ^atte, eine 
Suftoeränbernng ju wünfd)en. ©in Mannheim oljne ßf)ar= 
lotte o. $alb galt ilnn eben nid)tS mehr, unb eS fd>etnt 
bemnad), bafj aud) er, wie 6d)iller, wie jeber, ber in ben 
Bann f reis ber feltfamen Same trat, beljert mar. 3^ei 3a^re 
uorfjer hatte er feine erfte grau verloren, bie fdjöne Caroline 
3iegler, bie ben folgen eines unglütflidjen galleS in „Gmilta 
(Salotti" erlag; fein §erj mar alfo frei unb bem Sauber 
€horlottenS wehrlos ausgefegt. 2)od) raupte er über il;rc 
Slbreife fid) ju tröften: er heiratete balb barauf eine £e= 
moifelle (Schäfer, «Spulerin ber berühmten Sängerin £oro= 
Ü)ca äöenbling. 



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164 



üHamtfjeimer ^reimbe. 



£te tarnen ber übrigen ^erfonen, wetd)e ber 33rtef in 
bunter golge an und oorübcrfüfjrt, finb und jum Xeil au§ 
früheren ©riefen l)er geläufig. Sßon bem unau3ftef)lid)en 
SReinefe, ber mit ber 33onbinifd)en £f)eatergefellfd)aft in £eip* 
jtg, Bresben unb ^rag §aufieren ging, §at fd)on gerbinanb 
&uber*) erjagt. Sünger, fpäter f. f. £oftf)eaterbid)ter in 
Sßien, ift ein SBefannter aus fietp&ig. 3ur Cftcrmeffc be£ 
3af)re§ erfdnen r>on if)m ein ncucS £uftfpiel: „SBerftanb unb 
Setdjtjum", mit einem rebfetigen Vorwort, ba§ für baS feine 
realiftifdje ßuftfpiel gegen bie Xragöbie eintrat, bie 5hmft 
be3 fomifd)en (Sfjarafterfpteler!? über ber beä £ragöben prieä 
unb im allgemeinen gegen „bie <2ud)t, ju tragerieren" ftdj 
aueliefe, £rotjbem befang Qüngcr in bemfelben 3 a *) r e ben 
£ob ber SBiener Xragöbin ftatfjarina 3acquet. (S*r felbft, 
ber „gute, frofje 3)?enfdj", ftarb fdjon 1797 an SebenSüber; 
brufj unb ©eifteSjerrüttung. 

£er Kaufmann 93rejner, ber neben Sünger genannt 
wirb, märe glcicf) biefem längft uergeffen unb üerjdjöllen, 
f)ätte fid) nidjt bie 9)htfifgefd)ia)te feinet SRamenS erbarmt; 
mir üerbanfen iljm ben erften Xej:t ber „@ntfüf)rung aus 
bem Serail". Sefanntlia) t)at ©teptjanie ber Süngere unter 
Üttojartä meifterljafter Anleitung baä Singfpiel beS Seipjiger 
£anblung*bud)f)alter3 roefenttid) uerbeffert ; SSrejner aber t>er= 
mafyrte fid; in öffentlidjer ©rflärung gegen bie Uubill, bie 
feinem S^erfe gefdjeljen fei, unb gegen „bie l)erjbred)enben 
unb erbaulichen Versieht", bie man l)ineingef$muggelt t)abe. 
£od) mar er fo fjerablaffenb, feinen Tanten neben bem 3)Jo= 



*) 2. Seite ^4. 



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§einri$ »ed. II. 



165 



3<xrt§ auf bem ^^calerjcttel §u belafjen. 3» 1 ftagebudjc ber 
Mannheimer (Schaubühne hei&t es: „Gntf ührung au* 
bcm Seraxt, Operette oon Srejner, mit Mufif oon 9)Jo= 
§arb." Sie Orthographie ber tarnen war bem ^aßcbuct)e 
jtemlich gleichgültig; eS regiftriert beifpieteiueife oier 3aljre 
nad) ©a)ifler§ erftem Aufenthalt am Dreine: „ßabala unb 
Siebe oon §errn Schüller." SBejonbers neugierigen XüpfeU 
malern biene jur Söiffenfchaft, bafj nad) bem erwähnten £age= 
bud)e, oon bem wir leiber nur bie 3&h r 9 a nfl e 1785 nnb 1786 
auftreiben tonnten, bie erfte SBorfteHung oon „SSerftanb unb 
Setchtfmn" am 1. Oftober 1786 unb oon „$a3 9Mu}d)chen" 
am 2. Mai 1786 ftattfanb, bie lefetere „mit allgemeinem 
iBeifaü", jumeift für Semoifelle Sitthöft, ber fünftigen ©boli: 
„§äufige3 unb allgemeines Slpplaufum war nur ein £eil 
be3 Sanfeä bes* ganzen ^ublifumS, ber oor$ügüd)fte aber 
blieb tief in aller Serben gepräget". Man mödjte glauben, 
ber oerliebte Salberg fyabt bie geber be§ Memoiriften ge= 
führt. Sod) h at berfelbe auch für bie neu erfteljenbe dlx- 
oalin ber 2Bitthöft, für bie fctjöne SemoifeHe 33ecf, bie im 
9tooember btefeä 3at)re§ als (Slifabetk) auftrat, nur £ob unb 
93ewunberung. AV. 



II. 

Sßerfolgt man nun bie <5d)icffale ber Mannheimer Sühne 
in ihrem weiteren Verlaufe, fo ftöfjt man auf eine wnnber= 
(idt>e ^hatfad)e. 2Sa§ in unfern £agen alle (Scrjauluft cr= 
fticfen unb jebcS %f)tatex eine (Sinfiebelei umroanbeln würbe, 



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166 



9Rann$etmer ftreunbe. 



oerboppelte bie Sebenäfreube ber pfäljifd&en 33üf)ne. £>ie 
poütffc§e G>lutf)ifee, fonft ber £ob jebe§ friebfamen ©enuffe8, 
raufte erfrifdjenb unb belebenb auf ifjr SBefinben. 2113 im 
naljen granfrci<$ ber SBulfan auSbrad) unb ber entfeffelte 
©türm £aufenbe von Emigranten über bie ©renje raef)te, 
begann in ber füllen *Reftben$ am !Hl)cin ein ungeroöf)ultd>> 
lärmüotteS, gefdjäftigeS treiben. 9)?annf)eim roarb eine £teb- 
lingsfyerberge be3 tanbe§flüd)tigen SHonaltömuS, unb ber teb= 
fyafte Gfjarafter ber granjofcn, erjär)lt 3fflanb, madjte fid) 
aud) im Sd)aufpiel()aufe fet)r balb bemerfbar. 9JHt ben 
neuen ©äften jog bie aufregenbe ^ßolitif in<S Sweater unb 
fefcte ftd) mit breiter SBequemltdtfett ins parterre. 33ei i^rem 
©rfdjeinen auf ber S3üt)ne mürben bie Sd^aufpieler, je nadj> 
it)tcr politifdjen Meinung, mit lautem S3eifaH ober mit ei3= 
faltem Stillfd)roeigen empfangen; man lauerte mit gefpifcten 
Cljren auf Stetten, bie fid) ju politifdjen Slnfpielungen oer* 
jerren ließen, unb t;atte man err)afd^t , raaS man brauste, 
fo entftanb ein 6turm ber greube unb ber (Sntrüftung, mitten 
im Efjeater ein 3roeifampf jraifd)en alter unb neuer 3*ü- 
(Eine SßorfteHung r»on ©retruä „9iid)arb Söroenljerj" würbe 
uon ben SRoijaliften raie ein Stegeäfeft gefeiert. Strände, 33crfc A 
©olbftüde regneten auf bie 93ül)iie nieber; bie 3ufd)auer um- 
armten fia) unb begoffen einanber mit i^ren freuten ; lau- 
tet Sajludföen unb railbeä 05efd)rei begleiteten ben ©efang 
ber £arfteHer. £er ariftofratifcfye ©migrantenpöbel gebärbete 
fidj aud) in ÜDiannfjeim roie bafyeim; bie ganje Sßelt l)ielt 
er für fein (Eigentum, unb rao er ben gufc ()tnfefete, roud)£ 
if)m ein 23erfatHe3 au3 bem SBoben. £a£ pfät$ifd)e Sweater 
lebte babei in §errlid)feit. 



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.v*etnrid5 8**- 11. 



167 



£te Sdmnluft war mm einmal nid)t tot 51t matten in 
ber Stabt am 9i£)ein. 2>er SUieg brad) au*; granfreid) ftanb 
gegen ^reujjen unb Cefterreia) im gelbe ; bie $pfal$ war ber 
Sajauplafc eines SBölferfampfeS. $efto beffer für ba3 9Jtann= 
Jjeimer ^{jeater. „£ie Sdjaufpiele mürben ju jener 3eit, wie 
überhaupt wäfjrenb be£ Krieges, tuet befugt; bie Stabt war 
mit Ü)?enfti)en angefüllt, unb baS ipin-- unb £erreifen 511 ben 
3lrmeen bilbete ein eigenes 93erfeljr." Ginen SlugenblicE 
backte man baran, ber ernften &\t ifir s Jied)t ju laffen. 2)ie 
furfürftttdje Regierung ging bamit um, baS ganje ^(jeater 
ju „fiftieren" unb alle „Yoluptaria $u befeitigen"; fogar 
ba£ Semmelbaden follte wegen ber Neuerung ber 3)Uld> 
oerboten unb ftatt ber bisherigen ßuftbarfeiten füllten oierjig* 
ftünbige ©ebete unternommen werben. 9?ad; wenigen SBodjeu 
roar ber Grnft oerbunftet, ftanb bie ilomöbie bem alten 2txd)U 
ftnn roieber offen. (SineS £age£ oollenbS (ftejember 1794) 
lagern ft<$ bie granjofen r>or ber Stabt unb rüften fiel) jur 
93efd)ie6ung — baS Repertoire erbulbet feine Störung. 9)ian 
fpielt juft eine auSgelaffene ^offe, als bie erften Sd)üffe 
fragen, unb faum ift ber 23or£)ang gefallen, fo fd)lagen §au= 
bifeen ins £a<$ be£ Slomöbienf)aufe3. günf £age fyxnaty 
nimmt man bie SBorfteÜungen roieber auf. (Sin Safjr fpäter 
foll Mannheim ben gran5ofen roieber abgerungen werben; 
bie $aiferlid)en befd)ie(sen bie Stabt, unb was bort surüd- 
geblieben, muft unter bie Grbe oerfried)en. Baron Balberg 
bejiel)t ben Steuer beS SdmufpielljaufeS, unb bict)t baneben 
häuft unfer S3ed mit SSeib unb Äinb. £>aä waren bange 
£age, Xljeaterfreuben nid)t fonberlict) güuftig. ©nblid) wirb 
bie Stabt oon ben granjofen übergeben, unb alebalb friert 



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168 



9){cmnl)eimer ft-reunbe. 



bie Sd)auluft, bleid) unb abgehärmt, aus it)rem SBerftecf t)er= 
oor, unb auf bcn Krümmern ber serfdjoffenen Stabt wirb 
roieber Äomöbtc gefpiclt, „benn bie meiften faiferlid)en 23oms 
barbiere finb leibenfdiaftlidje Sd)aufr)iel=£iebr)aber". 

2öaS immer ba fommen mochte, baS 9)?annl)eimer %f)ta-. 
ter trotte aflem 2)f if3gefcr)irf ; es roiberftanb bem Sturme ber 
^olitif, überlebte ßrieg unb ^crroüftung, unb wenn aud) 
fein fünftlerifd)c3 9ltifer)cn babei met)r oerlor als geroann, 
fo fräftigte fidt> bod) feine materielle 2$or)lfar)rt unb mit it)r 
bie £eben3ftellung feiner SJfitglieber. gab bort ^enfion$= 
betrete unb lebenelänglittje SBeftaHunasbriefe für bie I;cr= 
oorragenben ftünftler, unb fo laut biefelben gegen ben 9Jieber= 
gang ber „$)?annr)eimer <5d)ule" eiferten, fo feft flammerten 
fie fid; im füllen an bie 9ftannt)eimer Äontrafte. Sßir 
l)aben gehört, roie fid) SBecf t)inroegfer)nte unb nadj einem 
anbern Klima feuere. SDurd) ©agitier erfahren mir, bafj er 
im Januar 1787 aufs neue feinen 2lbfd)ieb forberte. Gr 
erhielt ifm niajt unb fdjeint ir)n aud) nia)t ernftltd) gewollt 
ju t)aben. 2l?annr)eim roar nid)t mefjr baS ^arabieS ber 
bramatifcr)en -DJufe, nod) weniger baS ?parabte8 ber ÜDtufif, 
aber bei allem Ungemad) blieb eS baS ^arabieS beS Scr)aus 
fpielerS: ifjn braudjte man für ben r>ergnügung3füd)ügen 
grembenfd&roarm, für bie $eutfd)tümelei beS furpfälsifcrjen 
§ofeS, für bie bramaüfdjen (hperimente beS SBaronS o. $al= 
berg. §einrid; 23ecf blieb alfo an 9)?annr)eim gebunben. £er 
brieflidje 5ßerfel>r mit (Sdjiller, nebenbei aud) mit Jpuber, roar 
md&t fet)r ausgiebig. Sie mir bereits bei 2lnlafj eines 23rie= 
feS oon gorfter*) gefagt t)aben, trafen fid) bie greunbe im 

*) eiefje e. 114 f. 



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§etnrid) »etf. II. 



169 



3<muar 1791 ju SSetmar, reo 33ecf für ein ©aftfpiel „auf 
ad)t £age gemietet" war (S. an Börner), ©rft nad) einer 
langen ^aufe oon 5el)n Safjreu erneuert ftd) baS Webäd)tni3 
iljrer greunbfdjaft burcf) einen 23ricf 33erf3, ber mittlerweile 
(feit 1800) oon 3)iann^eim nad) 3)iüna)en berufen roorben, 
um unter SBaboä litterarifdjem Ginfhiffe bie prafttfdje #efc 
tung beö £f)eater£ ju übernehmen. (Bdjiüer mar fäjou feit 
einiger ßtit oon %ena nad) SBeimar übergefiebelt. 

9)iünd>en, ben 31. 9)iärj 1801. 

IDiöge biefer SBrief mein Slnbenfen erneuern! £u lebft 
immer, mein unübertrefflid)er greunb, in deinen Herfen unb 
in meinem ©erjen! >$e\)\\ 3 a () re f a ^ en wir un£ nidjt mefyr, 
balb finb e£ ^roanjig %a\)xt, roo ba3 Söanb ber greunbfd)aft 
gefnüpjt tourbe! Groig unoerge&tid) ift mir jene 3eit! ©3 
mar bie fd)önfte meines Sebent. 

§err ©ern*), ber biefen SBrief überbringt, bittet, deinen 
ßinflufj bort ju feinen gunften anjutuenben! 2Ug fet)r bes 
beutenber ßünftler l)Qt er fdjon 2lnfprüd>e auf be3 ftennerä 
unb <2d)üfeer§ 9iat unb Unterftüfeung ; ber greunb fügt eine 
Sitte tiinju! 

2>a3 (£d;icffal Ijat midj oon allem, roa£ mir auger meiner 
gamilie toert mar, loägeriffen unb in biefe moralifdje ©in« 
öbe gefd)leubert ! roo id) Gfjrenftelle unb (Selb — aber feine 
frofje (Stunbe — erhielt. 3n roenigen 2Bod)en benfe id; 
roieber in SHannfyeim 511 fein; $uf)e, ©enufj ber frönen 
Statur, baä ift% roonad) iöt) jefct ringe. 



*) SJaffift ber SRannfyeimer 93iu)ne. 



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170 



3Hannf) et mer greunbe. 



$ie&unft — meine Äunft — ift $um ni<f)t3würbigen &anbs 
werf Ijerobgef unten. Saä ^ublitum ift fo oerberbt, bafj e3 
fia) gar nidjt metyr ju bem erhabenen ^infdjwingen fann. 
3e trioialer ober abenteuernder bie ©djaufpiele unb Cperm 
terte finb, je metyr 3«^»f- 9Mt ©$am betenne iay$, idj 
treibe meine 5lunft Jelbft wie §anbwerf unb erwerbe burd) 
ba£ ^abritdtoefen ber bramatifdjen S^riftfteHerei*) neben» 
bei. 9)ieine ©Öffnungen mürben ju frül) unb gewaltfam 
niebergefajlagen ; barauf f)afd)te ia) nad) ber füfe buftenben 
SBlume „©enufc". 

Salb(erg) ift jum ßlofc ausgeartet; id) werbe in 3)?ann= 
fjeim roie t)icr — £ireftor tjeifeen ; id) roill oerfuajen, ob id> 
ben ftlofc werbe bewegen tonnen. 3a) benfe, „ßarloä", „gieSco" 
unb — womögüd) — „Sie Räuber" — bort wieber in ©ang 
51t bringen — um un£ fo fhifenweife jum „SBallenftein" ju 
ergeben, jur „Waxia Stuart" 2c. üb id) ben Stampf gegen 
£ummf)eit, geigtjeit unb Vorurteile gtüdflid) beftefjen werbe, 
wirb ber ©rfotg jeigen. 

29a3 madjt ßljarl. o. ft(alb)? ©ine »on Sir, 
Gbler! würbe mid) feljr glüdlid) madjen! (Sine 3 eu *! Oblate 
unb Ueberfdjrift — wenig Minuten — um oiel ju geben! 

©einrid) 33ecf. 

£er SBrief erinnert un3 wieber an ben SWannljeimer 
£f)eater=93aron, über ben fonft nur fef)r fpärlidje £unbe 51t 
finben ift. „Balberg ift jum üllofc auggeartet", baS Ijei&t: 
fd)on bamate geigten ftd) bei ifjrn bie Vorboten einer ®eifteS= 

*) ©eine „6d)ad)mafa}ine" unb feine „iuuälgeifter" fjaben fid) 
lange auf ber beutfeljen 33üfjne erhalten. 



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§einrid) $ecf. IT. 



171 



franfljett, bie if)tt mit ber 3t\t 5 U i coe * Arbeit unfähig 
machte. 3 m 3 a h*e 1803 mußte er feinem 2lmtc entfagen, 
unb 1806 ftarb er, etroa 57 3al)re alt. Seinria) SBcd fefjrte, 
wie er an Sd&iller gemelbet, oon SJlünd&en nad) 9)tannf)eim 
jurücf unb warb fortan bie Seele beä bortigeu 33üf)nen= 
n>efen§. ©in früher Xob tmtte 33öef unb 93eil weggerafft; 
3fflanb mar in Berlin, fammelte 9tciä)tum unb oergafj über 
ber einträglichen ©egenroart £uft unb äummer ber 9flann= 
Reimer £age. £er einzige S3ecf mar bem Crte treu geblie= 
ben. Oft genug befugten it)n bie (Statten ber Vergangen* 
fjeit unb erjagten ifjm oon bem genialifdjen ©etümmel in 
feiner 3 u 9enb : oon ben eignen ßünfller^Pfyantafien , oon 
ben fd)önen grauen, bie feinen 2Beg gefreujt, von bem brau= 
fenben Sa)roabenjüngling jumal, ber eines Borgens nad> 
SDiann^eim ^ereingeftürmt mar, ein unbefannter Anfänger 
ber 2)id)tfunft, unb nun tum ganj £eutfd)lanb berounbert 
würbe. 3" feinen Briefen an Spider vermengte fiä) bie 
Erinnerung an jene golbene $tit mit ben gefd)äftlid)en gra= 
gen, unb bie Sitte um ba£ 2luffül)rungöred;t ber „3»»9 S 
frau oon Orleans" ober ber „Suranbot" pflegte in einen 
Seufjer um bie entfdjrounbene 3ugenb ober um bie frönen 
Slugen Sf)ar(ottenS ausfallen. <Bo fdjrieb er ein %a\)t 
nad) bem obigen Briefe: 

^ann^eim, ben 8. gebruar 1802. 

©eftern mar, nadf) otersef)njäl)rigcm Sdjlummer, „$on 
(SarloS" ! Um brei Uf)r mar ba§ §auä ooU. Bon bem $e= 
ftridjenen war oieleS roieber beibehalten, oieleä nad) ber jroeU 
ten 2luSgabe oerbeffert. £te ganje oerroilberte 2)ienfd)en= 



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172 



ÜHanntyeimer fyreunbe. 



maffe blieb Vit ©tunben öcfeffc£t ! SllleS nmrbe ucrftanben 
unb gefüllt. Taä ©tücf ging of>ne gef)ter; unb — n>a3 
war mir ^Sofaü 

3$ jdjreibc bicfeö all Einleitung, um Tir &u jeigen, 
ba& Tu Teine ucuen foflbarcn perlen bod) nid)t gerabegu für 
bie Säue ttrirfft. &>ie oielcn Tanf ift Tir bie ßunft fdrnl* 
big! Tu jroingft bic ©djauer — &ugleid) jum öören, 
Tente n unb (Smpfinben; Tu nötigft bic Tageroerfer, fid) 
wieber ju ftünftlern Ijeraufjufyeben. 

gür Teine freunbfäaftlidje 3ufage, für bie überfdnueng= 
tid)e ©üte nimm meinen innigften Tauf! in meiner jefcigeu 
©teile ift mir Tein ©efdjenf *) von unau3fpred)lid)em Söert! 
(5$ gibt eine neue ©d&öpfung. Tu 3*u3 - unb id) Teu= 
falion. §ätteft Tu baS Eifere felbft gefeiten, Tu nmrbeft 
Tief) mit freuen. 

Ter Heine $rei§, ben Tu auf Teine grofje ©abe fefceft, 
ift ganj auger 33erf)ältni3. Ta3 Ijätteft Tu aud) mof)l vom 
greunbe forbem mögen; bie eble 2Ibfi$t, bie reine Cluelle 
waren fdjon r)inrct<^enb ; mie frof) mär' id;! wenn td) Tir 
burd) irgenb etwas beroeifen fönnte, roie fef)r id? — von 
ganzer ©eele — an Tir Ijänge! 

2Ber balb tfjut, tt)ut boppelt. günf Minuten nad; ©m* 
pfang TeineS SBriefeS fdjrieb tdj ben Antrag; eine ©tunbe 
nadjljer erhielt idj bie Stimmung; jefjn Minuten nad) biefer 
lag ber junge $ölfeel**) an meinem &alfe. Tie glüdlid>en 

*) SBejie^t ftä) oljne groeifer auf irgenb toeldje 33eoor jugung , bie 
iljm ©d)iller §tnftcf}tlid> ber 2(uffü§rung eines feiner ©tücfe 311 teil wer* 
ben lieft. 

**) ©ie^e fpäter 6. 16b f. «. <Z 191. 



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§einrid) S3ecf. II. 



173 



Altern werben Sir moty getrieben fjaben? 3d> t>erl;er)ttc 
tfjnen nidjt, bajj alles 2) ein S&erf ift. <Sie finb in grofie 
Sirmut geraten; ber Sof)n ifl roeber ungefdjirft nod) faul. 

9Htt ber 3eit würbe audj roof)l etroaS für it)u gefd)ef)en 
fein, aber nod) lange nidjt — unb — fo nicfjt. Qx ift ans 
geftellt als jroeiter Seforateur (eine ©teile, bie id) für if>n 
fdjuf), befam — gleiä) 25 fl., oierjeljn Sage nadjfjer nod) 
einmal fo fiel; nädtfte Dftern 50 fl., SJUdjaelte ebenfo. Bo-- 
batb ber ftebjigjäfjrige alte Stira^öfer fid) in !Rur)e fcfct, be-- 
fommt er 300 fl. unb nad) beffen Sob 500 fl. auf Sebent 
^eit ; ofjne baS, roa£ er burd) (5£tra=2lrbeiten bei ber 3)?a= 
fa^inerie 2C. fid) oerbienen fann. 

Ser glüdlid)e junge -tDienfa) — bie in Sanf jerfliefjen: 
ben eitern feien alfo baä SBanb unfrer 2öieberoereinigung ! 
2Baf)rIid) ein f$öne<S SBanb! 

Stuf Seine „Suranbot" freue id) mtd) finbifd; ! 3$ bitte 
Std) bringenb! fd)ide mir bod), fobalb e3 nur immer fein 
fann, ein @£emplar ! ! ! alle Stillagen mußt bu anrennen — 
wie Su meinft — unb alle SBebtngungen merbe id) treu be= 
folgen. <2oH ia; aud) Jägern mit ber SBorfteHung — roofjt 
— ungern — aber wenn Su e3 oerlangft?? — Sod) brenne 
ia) üor 6efmfud)t, eä §u lefen ! SBeifjt Su nod), roie id) auf 
Seiner Stube einft jeitenroeife ben erften 3lft be£ Garloä t>er= 
fd)lang? 3 n deinem ©eifte btür;t erotge Qugenb! Unb meine 
©mpfinbung ift com Sd)lamm ber £eid)tfertigfeit gereinigt. 
3d) banfe Sir für ba§ Söeruf)igenbe, \vaä> Xu mir über 3ff= 
lanb fagft ! aber gang ift er nidjt §u entfd)ulbigen. (Sr mujjte 
in (iJefdjäften t)ierr)er fdjreiben — an 2)?enfd)en, bie id) genau 
(enne — wie leid)t waren einige Ijerslidje Seiten einzulegen? 



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174 



2Hannf>eimer ftreunbe. 



<Sie Ratten mir greube gemacht! Seit trielen ÜRonaten auf 
oietc Briefe nid)t ©ine %t\k 9lntroort ! ? -Kein, baä ift nidjt 
gut! (Sr roiH @elb fammeln — roie triel? — roo§u? — 
für wen? (Sr roirb nie barben; Slinber wirb er nie tyaben; 
alfo — ! wie gern tf)ät' id) Abbitte 2c. — absit — 

Gfiarlotte roirb von if)rer ganjen gamilie oerfannt; unb 
roie piel ift fie mefyr! SBefen f)at freilid) etroaS 2Bilb= 
3bealiftifd)e§ — 2tbgeriffene3 von fo Dielen orbinären Be= 
griffen unb ßonoentionen — fonnft Su glauben, bajj bie 
S^rigen fie fogar für fjalb nerrüät angaben? 2ll<S id) fie 
gefprod)en tyatte — beroieä id) fo fräfttg ba3 ©egenteil, bafj 
man nun nie mefyr ifjren tarnen nennt. 3n SÖ(eimar) roirb 
fie fid) nid)t gefallen. 2)u roirft fie begreifen — unb 
— nid)t alles billigen. 

Srütfe bie Peinigen an S>ein §erj ! unb liebe mid) ! fefje 
id) 2)id) roieber! roerbc id) — , 33 ed. 

©eroifj ein fa^öner Brief, doH roarmer Berounberung für 
ben berühmten greunb. 3nbeä roollen roir nid)t leugnen, 
bafe un£ ber übermütige, jugenblidj abfpredjerifdje unb $u= 
gleid) f)ingebung3üofle %on ber roeitläufigen ©piftel, bie roir 
©. 153 ff. mitgeteilt fjaben, beffer gefaßt , als bie trotte 
flingenbe ^ßljrafe, ber roir in biefem unb bem oorigen Briefe 
begegnen. $te geber beS Sd^retberS fd&eint Don bem tfjeater= 
üblichen ÜMenpatljos angeftecft gu fein; man f)ört ben ©<f)au= 
fpieter beflamieren, man fief)t feine treffenben ©eften, feine 
vorteilhaften 3lttitüben. SBäre nid)t bie fidjere, mit ben 
3af)ren gefräftigte &anbfd)rift, man möd)te ben Brief für 
ben Brief einer £ame Imlten, fo ooHgefpidt ift er mit ®e= 



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Slnna &öljel. 



175 



banfenftridjen, hoppelten gragejeidjen, breifadjen 9hi$rufung$s 
jeidjen, mit all bem Snterpunftionsflitter, ber ben armen 
©ebanfen aufputjen foü. Seber Sdmufpieler Imt etwas r»om 
grauenjimmer, ba§ liegt in ber 9fatur feines 33erufee*). W. 



Inna ^öl\tU 

längere Stunben, aU er etroa um bie Glitte be3 3ar)re^ 
1784 in 9)?annf)eim erlebte, flehen in Sd)iIIer3 £eben3ge= 
fd)id)tc an feiner anbern Stelle oerjeidjnet. £ie 2lrmut, eine 
treue geinbin feiner 3 u &cnb, war roieber einmal mit iljrent 
(befolge oon dualen unb Sorgen über feine Sdnoelle ge= 
brungen unb ftaf)l il)m alle greube unb fiebensluft. Unb 
bteämal mar ber aufbrtnglidje G5aft uid)t fjimoegsufpotten, 
bieSmal fyalf fein fcfyroärmerifdjer l'eiajtfinn, fein geniatifdjeä 
Erofcen, fein übermütiges 23erad)ten be£ fdjnöben @elbe3, 
benn bieämal ging e3 bem armen £)id;ter an bie Gt)re. S mi 
3af)re vorder mar er mit Streidjerä §tlfe auä Stuttgart 
entflogen. Unter ben Sduilben, bie er äurücfliefj, befanb fid) 
ein Soften oon jroeiljunbert (Bulben, für bie ein greunb fid; 
oerbürgt fjatte. £ie $tit uerftridj, ofme bafc Sdjiller im ftanbe 
getoefen märe, bie fleine Summe aufzutreiben. £er SNann-- 
Ijeimer £ljeaterbid)ter mit feinem jäfjrlidjen <Qungerlof)n oon 
breitjunbert (Bulben mar ja um nid)tS reidjer, als ber toürts 
tembergtfdje SHegimentSmebifuS mit feinen ad;tjel)n ©ulben 
monatlichen ©efjaltä. $ein 2Bunber aber, bafj er bamalS, 

*) 2>a8 oorftefjenbe ©cfjrciben roar ba§ lefcte £e&en§3ei(f>en , ba$ 
SJed feinem greunbe «SdhJUer gab. 2)er Äünftter ftarb ein %af)x bar* 
auf, oon ber „füjjbuftenben »lume Öenufc" oergiftet. 



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176 SJiannfjeimer greunbe. 

in ben mageren Stuttgarter 3 a *> ren / S ur 23eftreitung ber 
einfadjften SebenSnotburft einen 3 u f$ u & oon einigen hunbert 
©ulben braud;te. $)od) nein, nid)t gegen bie 2lrmut oer* 
wenbete er biefeS ©elb, er l)atte e£ üielmetjr geborgt, um 
eine erfte Ausgabe ber Räuber uerauftalten, um ba3 Sinters 
jenSfinb feiner 3wflcnb bem großen Sjßublifum nähern ju 
fönuen. 2)ie reidje ©abe, bie er bem beutfdjcn SBolfe fpenbete, 
büfete Sdjifler mit einer brücfenben Sdjulbenlaft. 9)Ut gieSco, 
mit Kabale unb Siebe Jjoffte er fid) lofyufaufen — bod) je 
mefjr er r-on feinem ©eifte gab, befto peinlicher fteigerte fid) 
bie leibliche 9iot. &uki$t verlor ber Stuttgarter ©laubiger 
bie ©ebulb unb bebrängte ben Bürgen, ber nun aud; feiner= 
feitS na$ 9Nannf)eim entfloh, bort aber eingeholt unb in£ 
©efä'ngnte geworfen würbe. Sitte Dualen, bie Sdjiller fpäter= 
l;in in ber „SBürgfdjaft" fdjilberte, er erlebte fie jefct in ihrem 
ga^en Umfange. Unb weit unb breit feine £tlfe aus ber 
9tot! Schon tängft l)at er feineu Jammer bem reichen, 
mädjtigen Balberg mitgeteilt, auf feinen herjserrei&enben SBrief 
aber nid)t einmal eine Antwort befommen; ber Verleger 
Schwan gibt fid; nidjt mit $8orfd)üffen ab ; ber gute Streicher, 
ber aße3 mit bem Sidjter reblid; teilte, ift felbft olme ©elb ; 
wo er fid) Ijiinr-enbet, finbet er Ungtüdlid)e, taube D^ren 
ober leere £afd)eu. SSer in aller 9Mt wirb iljm £ilfe 
bringen? 2Ber borgt lumpige ^weihunbert ©ulben bem Sid) j 
ter ber Räuber, be3 giesco, ber £outfe Müllerin, be3 £on 
(Sarloä? 

£a war in Mannheim ein efjrfamer 23aumeifter, Ramend 
2tnton §öljel, bei weldjem «Streiter unb, wie eS fd)cint, aud) 
Sdjiller wohnte. Gr hatte bie beiben Sd)waben liebgewonnen,. 



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Stnna §öl3el. 



177 



itnb e3 rourmte i^n, bag fie feit einiger mit flimmere 
ooüen 9Wienen einfyergütgen. 2lu3 bem jüngeren Streiter 
umfjte er e3 fierauäjubringen, roaS bic Urfadje ifyreS ÄummciS 
war, unb er fprac^ föfort mit feinem $Beibe, nnb beibe 
mürben ofyne langes Gierebe barüber einig, bafj Ijicr fdjledjters 
bingS geholfen werben müffe. Sie guten l'eutc waren uid^t 
retdj, mußten audj nid)t, ma* ein beutfdjer SMdjter mar, unb 
fjatten ebenforoetiig eine Slljnung baoon, bafj 8d)ü(er juft am 
£on (SartoS arbeitete unb feiner Nation eine neue, foftbare 
greube jubad)te — fie fafjen eben einen traurigen SRenfdjcn 
uor fict), bem bie (Sorge ben ftopf uernriiftete, unb bicS ge= 
nügte, iljrem menfdjenfreunblidjen Sinne ben redeten 2öeg 51t 
$etgen. £>er SBaumeifter Qöltfl fdmffte baä Weib Ijerbei unb 
rettete ben von aller Söelt oerlaffenen ^Dtd&tcr aud feiner 
oerjroeifelten £age. 2lud) feiner Sdjroefter (St)riftopl;ine, bie 
if)n balb barauf mit ifjrem ^Bräutigam SMnroalb befudjte, 
erraiefen bie trefflidjen Sürgerelcute oiel Siebes unb ©uteS, 
fo bafj biefetbe gar txic^t mußte, wie fie eine biefer greunb= 
fdjaft roürbige (&fennttid)feit betätigen foUtc. (3. ©Ritter» 
Sehlingen 6. 217.) 

£>ie Sa^re oergtngen. Unfer 2)id)ter mar enblid) auf 
einen ebenen £eben3pfab geraten unb fonnte mit ruljiger &off= 
nung in bie 3 u ^ un ft bliden. ülber bem Sftannljeimer Baiu 
meifter mar e3 mittlerroeile fd)led;t gegangen, £er itrieg 
fjatte if)n um feinen 2öot)tftanb gebradjt, unb bic 2(rmut, 
gegen bie er früher anbre fdmfcen fonnte, tag ü;m felbft nun 
vox ber £f)üre. £te gamilie befanb fid) in ber bitterften 
9iot. £er alte ßölgel würbe fdjlatf unb ftumpf, bod), mie 
e* oft 511 geljen pflegt, fteigerte fid; im Unglücf ber SWut 

SHbfr au3 ber Sc$iU«rjcit. 12 



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178 



s JÜ{ann^euncr gieunbe. 



feinet SöeibeS. grau £öl;>el roenbete fid) bal)in unb borten 
um Unterftütjung. 3" 0C 3 fanb auch fie überaß taube Dfjren 
unb leere SLafdtjen. £a erinnerte fie fid; beS langhaarigen 
jungen Cannes, ben fie ror vierzehn Sauren beherbergt, 
beffen „nernmifteS SBeifeeug" fie mütterlich beforgt, bcm fie 
eines £age£ aus fdjlimmer SBebrängntS geholfen ()attc. 2>ie 
Seute vom %fytattx fagten il)r, Schiller fei nun ein berüfjnu 
ter SRann, ein &ofrat, ein $rofe[for gar; fdjon früher hatte 
er i^r einmal feine £tenfte angetragen, unb fo griff benn 
bie arme grau jur geber unb fäjrieb bem greunbe in 3ena 
ihren Jammer: „£er roei&e $opf §015", fehltest ber oon 
^aHeefe angeführte Sörief, „legt fid) nahe an ihr wo 1)1= 
thätigcS £er$ unb 3d)." Sdjiller erhielt baS Schreiben 
am 18. gebruar 1799. ©leid; am anbern Sage fdjrieb er 
an Cotta*) unb liefe bem SBaumetfter eine Summe uon jehn 
Carolin in jmei 3oh^ u »9^ n anmeifen: bie unglücf liehe gamilie 
braudje ,§ilfe, fdjnetle £>ilfe. (5r toufste au§ Erfahrung, ruie 
in ber 9?ot jebe Minute eine (Siüigfeit bauert. 3 u 9leidj 
fdjrieb er nach Mannheim, baß Diettung naf;e. $a$ war 
ein Qubel, als enblid) baS ©elb eintraf unb auf eine SBeilc 
bie Sorge aus bem &aufe beS SaumeifterS vertrieb! 5>odj 
baoon möge uns grau ftölsel felber erjählen. 3h r ©anf« 
f abreiben an Schiller, baS mir hier mitteilen, ift freitid) nid)t 
ber 33rief einer Salonbamc; bie ungefchlachten Schriftjüge 
nerraten feine jierlid^e £>anb, unb bie Spradje ihres &erjenS 
hat ihre befonbere Orthographie, bie t>on ber fa)riftgelehrten 
roeit abmeicht. SIber jebeS ihrer Sporte fommt tief aus ber 



*) ©ielje 33riefroed)[el sroifdjen ©filier unb Cotta. <3. 332. 



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2lnna J^öljel. 



179 



Seele Ijerauf, unb ber Stil ift flicfjcnb, im beften Sinuc 
fliefjenb, ein Uebcrqucttcn bcs ©efüf)l3, ein ^erjenSergufe, ber 
in einem Strome bal;tnflie&t , obne GJebanfenftrtdie, oljnc 
^uärufungäjeidjen, faft oljne jegliche 3nterpunftion, fo bafe 
mir un3 genötigt fallen, jur (rrleidjterung be§ £eferä ba unb 
bort mit leifer &anb einen geberftrid) anzubringen. 3nt 
übrigen lafjen mir bem Schreiben feine unoerfälfdjte 9iatur. 
lautet: 

9flannf)eim, 22. Werfe 1799. 

2Öof)ltf)ätiger greunbl 

2Bof)ltun an feinen greunben tragt ferneren &m\§, baß 
bemeifen Sie lieber fdnller an mir, man id) im Stanb rcere 
3^nen ju fd&retben rote fonberbar Sie mid) in biefer 9?of)t 
mitt biefem gelbe geräbet Ratten, td; meine in biefem klugem 
blitf unb Sie roirten mitt mir in meinem elenb meinen, man 

td} 3$ nen f a Ö e Da fe ity üon 3f) rßm ^ e ^ D roieber bafe erfte 
maf)l roieber abenbs ein lidjt brennen fonnte, o mie banfe 
tdj ber S8ol)rfef)ung unb Sonett für biefe roofjltljabt, biefeS 
(Selb f)ilft mir meine einige %oä)tex fletben gu bem erften 
nad)tmaf)l — roäldie forge id) oür biefem fjatte, Sie nahmen 
Sie mir ab! So fönte id) 3^nen SBülleS fdjrciben ben 2 
Werfe ftnb bie grancofe eingerudt*) unb ber gerinft SBurger 
J^att 6 Wann, mir müfjen tljnen bie erfte 6 Xäg affeö §u 
if)rem unterhalt geben, bänfen Sie über biefe läge nadj, fein 
Weinfaß f)tr ftef)t nod) ein @nb oon biefem frigrifdjen (Slenb, 



*) 9tad) bem 2l6juge ber Defterretcf>er würbe SRannfyeim roieber 
oon ben ^ranjofen fcefefct. 



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180 2Ncmnf>eimer ftreunbe. 

unfer neuer (Sljiirfürft*) fjatt nod) nid)t3 mir unfre ftatt 
ttyun fönen, aber mir tyaben gutt)c §ofnung; fyeute tjatt £err 
S3ärf**) oom Gtjurfürft orber betonten auf mündjgen***) ju 
fönten ut)m bafe £f)eater ein Juristen, bie Beuern catrobief) 
Ü)ut aud) SBüll an mir, fo im Stillen famelt Sie mir öfter 
roaä, mir ftnb nod; im füllen arm, roeiU mir nod; ein auS-- 
fid)t fjaben, bie ift ein gigelf)itt mitt einem fdjöfynen garten 
eine gürtelftunb über bem Dörfer ff) ein fpajirgang auf 
einem Sam, rco id; fol;rige3 Safjr eine ttrirtf)}d)aft mitt einer 
of)m bir angefangen. Sie 2>ornel;mften ber Statt befugten 
mid) fo bafe idj öftere Imnbert 3)iänfa)en ^atte, i# unb bem 
Softor 3adobn oon Studartf-j-f) feine Sdnuäfter bie bei) mir 
3 jafyr ift unb rebltdf) mitt mir Jeibet, beforgten bie 
SBüUe 3Jiänfd;en mit klaffe unb ©fjroar, idj quelte mid) bajj 
mir non mütigfeit baß blub beS abenbs ju l)als rauöfd&icfet. 
Sie 2Mufd)en l)tr fänen mia) alte fo roie Sie unb betf)aurten 
midj, lobten mid) meiner arbeit unb erftnbung, ade jungen 
leiben fdjrouren fidf) fd)on ben rointer nirgend als bei ber 
gute &Öljel i^r gelb ju oerjefyren, unb mir au^jul^elfen. Sie 
grauenjimmer finb bie auäcrlefene unb uof)rnel)mfte geroeffen, 
eä erfträdte fid) fo weit baß alle nol)blc Samen fid) unter 
bie Gerrit unb junge grauenjimmer matten, Sie f)aben 
eine grofe &Meffe §u iljrem gebraud; ba foilten igerrn unfc 

*) 3)iartmÜian, nad)J)eriger Äöntg oon Bayern. Äarl £t»eobot 
roar im fte&ruar b. % gestorben. 

**) fteinrid) Süecf, ber ©djaufpieler. 
***) 9Rüncf)en. 

t) ©arberoötev 2)iet;er. 
ft) «eefar. 
tft) Stuttgart. 



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181 



tarnen alerfjant fpitt, unb banden, jeber beimeljte*) fidj 
ein neueä aufzubringen. 2£an Sie bannten fo geigt öftere 
4?err u. (Stengel ober ein anber fcine£gleid)en, in biefe fleine 
tmrtfdjaft märe mir mitt wänidjgem ju t)ät|en unb id) fönte 
e3 in furjer 3eit a6 &af)Ien, man id) Sftr gütiges ©eföändt 
jej empfangen bürfe, baß rootlte id) gleid) ba $u oerroenten, 
oür bir unb mein, id) t)ab an jebem bie Ijelft brofit unb 
fönte mittejfen. lieber fdjitter Sie fyaben mir in jfyrem fd)reiben 
ertaubt mid) jtynen an su oerttyrauen ia) bin ba burd> ganj 
auf gemuntert unb werbe nie metjr fo ju rid fjattent in ber 
aeuferften Wofyt fein, ade meine freinbe benen idj geholfen 
(jaben mid) oerlaffen, Sie fein ber einzig ber mir geholfen 
o^ne SBornmrf; bie roo midj oertaffeu f)aben, machte mir 
bitte SBorroirf bajj idj fo gutf) unb mein fadj oerfdjänft pttc, 
unb ftaben) nid)t§ gegeben, ©Ott oerjeie e3 ifjnen. *Söie 
fefjr freibe mitt) iljr Sörif ba id) roete roie utyngern Sie 
fdjreiben, unb mir fo Sßütt gefdjrieben ba& über geigte mid) 
if)rer ganjen freinbfdjaft. 2öan Sie mid) fefyen tfjäten, roie 
e8 einer frau, ber alles $u OJrunb gegangen ift, roere! idj 
Oabe ben SBerftanb ganj fdjroad) unb bie f^märjen fjaben 
mein §erj eingenomen mitt beftänbigen bangen ßlagen unb 
feinen Sdjlaf me§r; bie faulten wo mir tyaben muß id) arm 
%$kx**) nodj mitt meinem Seben bejahen, meinen muß id) 
beftäntig fogar man idj mitt frembe leutfye fpräd)e, tdj oer= 
tiet)r mid) roieter ganj, mufj fdjliefjen unb bitten, 1000 maf)l 
bitte id) uf)tn ben SBrief red)t ju lejjen, 1000 banf oür ifjre 
gütte unb forgfalt, fd&reibeu Sie biefe mir erroießene 2Bot)l- 

*) Seimige. 
**) Ober: tf)eter. 



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182 



SHannfjeimer ftreunbe. 



tfjab ju benen u^n^c^lidjett xoo Sie fd;on beurijjen §aben.. 
fcfjreiben ©ie bcm Streicher meine lag unb er tfyut mir 
t»ieletdt)t burd) jßnen mir aud) roa§ fdjiden, nufe nid)t3, fo 
fdjabet e3 nierjö. 3<i) modf)t gern roa ^ üon ^ rer famitten 
urifien roie triill 5tinber unb ifjrer ©dmmfter roo (Sie ift, man 
©ie mitt bem ©otta*) e3 rangajiren fönen fo wer mir 
leid)t. 

3d) oerbleibe jl)re fdmltnerin 

2lnna ©ötjcl. 

ift in ber ©tatt nid)t$ ju tt)un mit bem 3Jcauerroefjen mir 
meinen fofjn ©org, ber abolf ift meine gan§ Pflege, bie 
Caroline ift fer)r faubeS unb guteä $inb, ftirft für gelb fd)uf> 
mir midf), biefe man Sie aße3 fan roiH id) jf)rer 93eref)rung§= 
mirtigen frau jur Setinnung fd)iden. 

3n einem bercafjrt aud) bie el)rlidf)e ^öljel bie epifto= 
laren ©eroof)nl)eiten if)re3 @efd)led)te3: ba£ 2Bitt)tigfte oer= 
traut fte einem ^oftferiptum. 3>er liebe ©djtller — ben 
greunb anberä an5itreben bringt fie nia)t über3 &erj; oor 
U)rem Sinn ftefjt ja immer noa) ber junge 3)^enfd), ber in 
greub' unb £eib einer mütterlichen 3utraulid)feit bebürftig 
mar — ber liebe Stiller alfo fott nun gleicf) für bie ganje 
gamilie Jorgen, bie £od)ter in £ienft nehmen, bem ©ofjne 
in 3ena 9Jiaurerarbeit üerfdjaffen. 5>er £id)tcr be3 „SBattens 
ftein" als 33efcf)üteer unb Arbeitgeber eines 9)taurergefellen, 

*) Gotta. Gr fjatte am 5. 9Här3 13 fl. 42. an £öljel auöjafjlen 
raffen unb am 22., alfo unmittelbar nad) Slbgang biefeä SBriefeä, 41 fl. 15. 
(Sine $n>eite ^aljlung oon 55 fl. erfolgte am 14. 2Hai 1800. ©. Briefe 
roedjfel sroifdjen SdjiUcr unb Gotta 3. 6t>(> f. 



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2(nna £öljel. 



183 



bieö wäre in ber 2 hat fein übles Geurebilb. Sir werben 
aber gleid) feheu, bafe SdnHer einem ähnlichen Slnfinnen 
feineSwegS wiberftrebte. Qx hatte nun einmal, wie er felbft 
fachen burjte, gauj unb gar fein Talent jur Unbanfbarfeit. 
SnbeS würbe ber junge Georg bura) feine militärifdje £ienft= 
pflid)t oon ber fleHe abberufen, beun ber Mriegefturm braufte 
wieber mit 9Jtad)t über bie beutfeben £anbe hin unb jerftörte 
aud) in ber $falj ben 95>ot)lftanb bc» bürgere. 5Dic gamilie 
&öl$el, bie fi <3t) mit unfäglidjer 2Kül)e emporgeholfen hatte, 
{auf abermals in* (£lenb hinab; aflerfjanb r)äu^lid;eö Wxfc 
gefd)icf gefeilte fid; §u ber Öelbnot, unb nad) &wei fahren 
waren bie armen teilte wieber auf bem fünfte angelangt, 
wo fte nur oon itjrer 2>orief)uug, bem lieben Schiller, &Ufe 
eft)offen fonnten. lieber fdnrieb grau ^öljel bem nunmehr 
in Seimar weilenben greunbe it)ren Sammer. 2lud) in 
biefem ©riefe rebet ein efjrlidjeS ©cmüt feine geläufige, reid)= 
ltd) forubelnbe, burd) feinerlei überflüfftge 3d;rift$eid)en auf- 
gehaltene Sprache. 9iur an feltenen Stellen, wo bem mütter= 
liefen fierjen baS jd)lid;te Söort gar ju fdjwaa) erfdjeint, 
wirb mit einem tüchtigen Unterftrid) bem SluSbrucfe nad;ge= 
holfen. Üiührenb ift e£, wie bie treffliche grau bei jebem 
ihrer 5linber, wooon fte Sdjiller erzählt, eine befonbere 3iffer 
oor bie 3^fe fefct unb il)rc 9fiutterforgen forglid) numeriert; 
rührenb, wie fie bie ^erfonen ihrer Umgebung ohne weiteres 
rebenb einführt unb baburd) bem ©riefe fojufageu brama= 
tifcheS £eben gibt ; rührenb oor allem unb edjt weiblich, wie 
fie ihr ganzes &erj bis auf bie lefcte gälte bem greunbe 
offenbart, fein ärmliches 3Siffen anruft, feine 23eranntfd)aften 
ausnüfcen, feiner Weisheit Sdjlauljeit lehren will. Sie &anb= 



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i^annfieimer Jreunte. 



fd)rift ift feit bem lefcten 23riefe größer, gröber, unbeholfener 
geroorben. ^ie plumnen Settern erjagen oon sroei Söhren 
harter 2)iüf)e unb Arbeit. 

Mannheim, ben 8. gebr.*) 1802. 

25*of)Itf)ätiger greunb! 

£te gebeigte famiöien &ölfcel ttnmfd)t unfrem alten greunb 
ba§ neue jaf)r an, unb unter Sßorlefcung feine* läuten 2kif 
ber fo tt)ätige SBeroeif uns gab, bitten mir unfren dßer Gatter 
if)m feine unb feiner gangen famißien gefunbt^eit (&u er= 
galten). 2>ifer 23rif muntert mid) auf bajj §erj ju faffen 
an il)nen ju fd)reiben, e3 ftätf)t auftf)ridlid) brin oom Sie 
fid; erinnern tmffen, („)liebe greunbe roantet Gud) färner im 
uljnglücf an mia), id; roärte mit 9?at unb £f)roft an hauten 
gehen man e£ nuljr möglid) ift(")/ bi e befdjeibentyett fobert, 
einen greunb roie Sie ber mir allein in ber ganzen roelt 
übrrid) geblieben, 51t fdjofynen fo lang id) fonnte id) fing 
n)ot)t öftere an ju fd)reiben nein bad)te id) miß ihm mitt 
meinen fa)idfaüen auf ein mal;l betaut madjen, oieleia)t \)ab 
id) eS x>ertt)int bod) ofme ju rotfeen, Sic fönen mid) ja, ba§ 
gutfjeit mein erftcr (geiler) ift, id) bin e3 nid)t mehr, aber 
man Sie roüften mag e§ mid) foftet einen geij eine grobe 
lebenlart in mein &erj 511 legen, faum fönte id) leben unb 



*) 3ft offenbar ein Schreibfehler unb fott Ijeifjen Januar", 1D03U 
bann aua) ber SReujafjrerounfd) beffer pafjt. e^itterS Äafenber notiert 
am 16. Januar 1802 einen Sörtef von „§öI}Un au§ 9tfannl)eim"; eö 
fann nur biefer fein. 93gl. übrigens ben oon un§ ©eite 171 mitgeteilten 
SBrief 83ecfö oom 8. fyebruar 1802, auä roelajem bie falfüje Datierung 
be$ oorliegenben SBriefeS fid) oon felbft ergibt. 



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2Inna §öljel. 1Ö5 

* 

bod) nüfct eS mir. &ir meine gcfäl)d)aften fagten %i)x $ätl;et 
fparen follen, id) fud)te igülf bei antren benen idj folit ge= 
Rolfen: „3$ bin ntdjt bei ßaffen" — „9)?abam Sie fint 
fälbft fdmlt <Bk roaren ju gutljt". ^erjroeiflung ligt in allen 
Hefen Sßorroürf, id) »erlifj äße SJtänfdjen unb fo^ricb an ü)nen 
(Sie ftnb ber einzige greunb bcr mid) roof)l tljätig bemäntelt 
ofme 23orroürf, biefeS muntert mi$ auf jur arbeit, mitt biefem 
gelt t)on Gotta faufte td) eine $uf) unb bir (unb) brante* 
mein, jog auf meine jigelfntt bie idf) fünften alf ein nebenfad) 
an faf) jefe als ein reidjtfyum faf), abgeföntert »on meinen 
»ermeinten fretnb, unb jabte*) bcn foltaben mein bir, madjte 
&afe unb mein armer guter etyrliajer SJfann fdjämte fia) unb 
glaubte id) roürte iljm flaute mad)en, mir blieben of)ne uns 
ju fpräa^en 6 mod)en meil bie ftatt »on benen francof3en ge= 
fpert, ofyne meine famillen ju fefyen; bie Seit erfparte id) 
mir »on meiner nrirtf)f<$aft 100 fl, mein 2Rann füfte mid) 
unb bis ba f)er ging es fo gimlia) gutf)t, bis ben 10 ü)ie» 
»origeS jar ba befugt mid) ber francbc generali 2)iren(?) 
mitt 600 SKann t»äld)e mid) ganj rein bis auf bie fdju »on 
ben ftfccn auSblintren, 2Me flein roirtljfd£)aft »erfä)lungen, 
alles »erfd)lagen, mär mar unglüdlid)er unb armer als id)? 
3dj »erlirte nt<$t ben ßopf unb »ergoß feine £fjräncn unb 
bis ba l)er t)ab id) nod) feine »ergifjen fönnen, bie fdjraden 
unb £obeSangft benahmen mir blut unb Xfyxämn id) bin 
als roie ein fdjatten aber gefunt — idj tljröfte meine ßinber, 
unb ging §u f)offameraf)ten §elmid> ber bei; Balberg alles 
ift, ber leimte mir 50 fl unb in 3 £äg mar id) mieter auf 



*) 3«Pfte. 



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SJlannljeimer 5r eun ^ c » 



ber 3^Ö e l (litt bic fyalbe Statt befudjte mid) unb berountren 
meinen 2)iutl)t ben idj allein bcroißen unb ben fleiß meiner 
arbeit im garten, idf) löfte triill cjelt imb glaubte micter roaS 
511 fjaben nnb baß uljnglücf roürte mid) micter ocrlaßen, 
nid)t3beftoroänid)er, bic 9)iilifcen murten gebogen. 

1 . 9)icin getfjreien Soljn gorg bem Sie baß leben mie= 
ber burd) jr)re 9ftebe§in gerebet f)aben, braf baß lof gemeiner 
folbab 511 märten, baß mar baß gröfte unglüd meines lebenS. 
2)iüterlid)eS £ärfc (jalte bid)! 9)iau fd;lug mir r<or man iä> 
300 fl gelaunt befömte fo fotte er frei; fein, („)^ein fagte 
gorg Butter ber)älft (Sud) eirer arbeit idj märte als ein brafer 
9)iann fomen unb (Sud; mieber I)älfen fönen - id; rcitt nid)t 
baß jt)r gelt meinem fürfteu nur (Suer £inb geben folt tä; 
märte meine fd;ultigfeit tfjun, aud) als gemeiner folbat(") 
meine armfälid;e freinbe famen unb moHen micJ) tröften, mir 
brausen feineu troft baß bemußtfein ift unfer trofi. 9Ncin 
Sol;u ging mit ftantfjaftigfeit r-ort mir laffen unfren gro{en 
Gunter fetneu 9J?änfd)eu märfen, er rcurte ben Jgoenlienten 
gefangen unb mitt in baß granclie *) tranjbortirt ranjionirte 
fid; unb fam in unfre arm er f)att jroei canonen erobert, 
id) f;abe bie fd;önfte abeftabe r«on feinem obren er foU bie 
gotten metalien befomen, aber er miH ntdjt mefjr fotbab fein 
er fagt id) fjab meinem SSatterlant gebint jefe roiU id) meiner 
Butter binen bie bic 3eit fo miH auSgeftanben. Gr foll 
offesir merten er miH nid;* als fein abfct)it)t ben fönte ia) 
nid)t befomen, id) folte 200 fl $al;len id) fagte nid)t 2 x 
(teurer) id) fdjrieb mie id) 3t)neu ba fd;reibe einen brif an 



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3Inna üöfjel. 



187 



ben (Surfürften auf mündjgen ftelte j(jm meine uf)mftänben 
r»or bitt ufjm SHerjeiung bafc id) feine fd>rift fjätte machen 
laffen Sie molten überall oür ein fdjrtft 51t machen 2 fl 55 \ 
baf$ fönte ia) nicf)t jaulen. 3» 3 C ^ üon 12 ^ a 9 ereilte id) 
ben abfdjitt meines fofjn of)ne ba§ er mtd) einen £äHer foftet, 
er betrauert mein fd)idfall. 9)iir futt frol; oür unfren fofjn 
bafc er roieber unfer ift. 

2. 3)ieine £f)od)ter (Sarotina bie ju jfjreä f)ir fein fet)r 
glein ober meleidjt gar ni<$t auf ber weit mar (fyat) burd> 
alle bifen Sd;rätfen fid> ein ufjmftanb ereidjgt toäldje id) nutyr 
meinem einzigen greunb anoertrauen fan metll id; meiä bafj 
(Sie bem ©org geholfen ober meiH Sie alle gefdjirfte Softer 
tarnten — feit 14 jaljr mar fie ein uoUeS gefunteS SMtgen, 
in ber nadjt 6efam fie ba fie beS XagS frifd) unb gefunb 
mar ein art Krampf alles jigt fid; jainen*) oerjerte bcn 
munb, unb bifeS ufjnglücf bauert fdjon 3 jal;r eS ift ein 
gia;tger aber feine fateute 5lranff;eit meitt fie eS alle 9M;l 
forauSfagen fan man e$ jfjr anfomt. 3$ brause Ijir alle 
£oftor unb feiner mei£ roa§ e£ ift, ber 3<iaf)t gifd;er unb 
ber junge gifdjer famen auf murin, eS befanben fid; aud; 
unb gin ein 9JJal;t ein ftid t>on grofer läng fort, aber bafe 
antre übel fönneu fie nid;t l;elfen, mein ul;nglücf ift 
grän&en C 0 6 mit biefer guten Xf;od)ter. Safj ift 
berountren baß e£ merftenteilS bej ber nadjt fomt, fteUen Sie 
fid) mid) oofjr, mälzen fd;räcfen id; if;mer f;aben mufj, unter 
füllen 3)iänfd;en leben 51t müfjen unb feinen Slugenblid ftd;ger 
mit bem Uebel. 3ej braud; id; nid;3 meljr, je mef)r als id) 



*; 3ufammen. 



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188 



2)fcmnf)eimer greunbe. 



mebijirte je öfter befam fk'3; ein junger Softor §ofmann 
fagtc, \d) folte aufhören, meine £f)od)ter roirte ein abobäd *) 
warten, unb idj fönte e£ nidjt auftreiben, oileid)t roürte ba& 
Sllter jf>r roüter Ralfen, ober id; folte fie »erheiraten, ©ie 
fönte fdjon Öfters jfyr SBartn machen, aber id) will niemanten 
bctr)rigen, baljer rcolte ia) j^neu uljm ^ilf bitten mir ein 
mittel üiir bie rourm ju Riefen, id; ^örte bafj e3 bei jljnen 
gefdjtrfte Softer gtebt. Safe 9Mtgen ift fd)öt)n roeiS, l;att 
robe baefen, ift ftarf, jum erftaunen ift'S aber ufm mänfö« 
lid), unb man bafe übel üorbeu fo fan fie mieber auf ftefjen 
unb atte3 f Raffen**). (S3 fängt aßema^I im ragten arm ju= 
erft an, ben jiefjt e3 ganj in bie &öf), ban fätt fie erft §u= 
famen, mirt gan3 aufgelaufen blau unb ber ßeib bief, ift aber 
in 10 minuten oorben, fdjlagt nie einen Saunten ein, bie 
fiänte fint gan§ falt unb oütt fdnoetfc. 3m unglücf finnt 
man nad) unb id; finn auf jfjren raf)t, eä mag fein roaS eö 
rniH xd) braudje e§, ia; bitt inftäntig fdjreiben «Sie mir grab 
roie bie faaje ift unb roie fie fid; reten fan. ®enug oon 
meinem gröften leiten. 

3. 9)?ein junger <2of)n 2lbolf ber fjatt burd; ein faul 
nerfenftroer unb bie f)irngigter 9 mocfyen angebracht, i)att feine 
Äunft im 9ttaf)len foo er fdjofm fel;r roeit mar in biefer 
Äranftyeit oerlofjren fo baf$ er feinen budjftaben mehr fönt, 
©r ift jefc 20 \a\)x unb erft feit anterhalb jähr ^ir auf bem 
Siaber***) aU 9)iafd;inift, ber alte ßirchhöfer lehrnt ftn mit 



*) 2tpot0etc. 
••) Arbeiten. 
•••) Sweater. 



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2lnna §öl}el. 



oüüer greibe, aud) im $äferacionen*) ift er aud) fdjon gutl)t, 
muf miß arbeiten. Bieter eine grofe Söitt man Sie, mein 
greinb, an ben £err 23äcf ber t>on s i)iünd)gen roieber f)ir 
nnb Styeräfter**; ift fdjreiben t^äteben***), im Srif feinen 
ftolj als Styeräfter reiben unb tmr meinen abolf bafe roort 
räben, aud) fdjjmädjglenf) bafj id) an jfjnen getrieben ba& 
£err 33äcf mein guter freinb märe unb mir in meinem ge- 
6eigtem gebeute (?) burd) befoltung meines fofmS abolf mir 
eine ftije fein null baß id) nid)t ganj jamenftirfte. Sie 
tannen jf)n aud) bafc er eigenlibift ift. $f)un Sie bafi utju- 
gem fo bänfen Sie baj? Sie mtd) gef)eifen midj an jtjnen 
ju meinten, ereid)g id) burd) 31bolf befoltung fo oertl)int bod) 
einer ma3. 2Hein lieber guter mann läft fia) jtjnen unters 
tfiänidj empfelen unb leitet düU an feinem lahmen fufe man 
e3 anter matter fo muß er öfter im ftuet>te ftefeen bleiben 
unb fann nidjt mef)r fort. Sie märten oänfen bafc id) mort 
gehalten bafj id) mein fdjidfall auf einmall treiben nein id) 
fönte (fönnte?) nid)t bafe babir auftreiben. Sej ift ber 
$am bura^gebroa^en an ber 3*Ö e Wtt Dom ö r °l" en &toffe* 
unb f)att bie roofjnung unb garten unter 2Baffer gefäfc, id) 
f)atte einen fd)öf)nen 9tad)gen, ber ftrom beS reinS ff) roo id) 
naf)e bin (f>at il)n) mittgenommen e3 ttjut mir oüU fdjaten 
bie beif)me roo gutes Dbft ()aben gefjen auc^ ju ftrunb, roaS 
id) mitt meinen beite&änte ben fomer oerbint ift aufgefjrtf ff), 

*) Eeforationen. 
**) Streftor. 
***) Späten. 

f) Schmeicheln, 
ft) 9tt)einö. 
ttt) 2luf9ejehrt? 



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190 2)lcmnf)etmer greunbe. 

wo märte td) roiter ben fd)önen garten f)erftäljlen *) fönen. 
2>en fomer f)aben mir 12 maf)l gebränt nnb mitt bem nad)en 
bie mafjr an näder**) gefahren id) l)ame ben $alg gemäßen 
nnb f)abc ben fomer 600 fl abbejaf)lt, fonft l)äten meine 
geinbe mid) ftirfcen fönen. 3eben brant 50 ff trag id) in 
bie ftatt meine greunbe fomen and) micter, aber fie miffen 
mir alles giltst galten fogar bie alte 9ttejer man ©ie &afe 
tf)rinft. 3dj Imb fein fd)laf mefjr meiH id) fo bang rȟr ben 
1 iWerj l)ab nnb feinen anfang f)ab, feine Aul) nnb fiab 
bod) fuber für 4 £üf), ad) man Sie für mid) bei jfjrem fjauf* 
freinte mär jljre arme freinbin ma§ buljn fönten, roäldjgeä 
glürf! jd) nerftdjre jljnen, fdnetler, mitt meiner Gf)re bafe jdj 
in fürfeer $t\t mitt ber 3iÖ*tyüt itynen alles roieter mit SDanf 
§uftef)len (mürbe). §ir beiligenteS blätgen ift r»on f)offam= 
raten***) grtebrid) ba fönnen Sie fefjen meine §antlung, l)ir 
ift nid)3 m befommen, fein $retttt im ^olj jum brenen §ab 
id) nid)t, idj t)ab and) nod) trodne maf)r aber fein gelt tnir 
J)otj, mann id) unter ftüjung von j^nen erhalten fo bin id) 
mit mänid)em geborgen unb fann mieber anfangen nnb rote= 
ber abjafylen. ®ott erletdjte jl)ren <5fy\\ unb erhalte jf)re 
liebe grau unb hinter id) möchte aud) gern roijjen mie t>ür)Q 
hinter Sie fyaben eine balbige antroort man id) bitten barf 
id) nerbleibe mitt allem £anf bi3 id) in ©roigfeit rädjgenf) 
(Sie jf)re mol)ltaben mo Sie mir beraten ju bänen un§ä> 
ligen mo Sie fd)ofni an fremten beroi&en abie 1000 9tfaf)l 

&ölfeltn 

9)tateriall SBerroaltrin im 9ttatterjaH &of otync befoltung. 



*) .fcerfMen. **) 9tecfar. ***) ftoffammerrat. f) Keinen. 



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2(nna ^ötyel. 



191 



Sofort nad) Empfang be3 SBriefeä fdjrieb*) Stiller an 
feinen greunb 93ed, um tf)tn baS Anliegen ber teb^lin and 
£erj &u legen. &>ie rafd) baöfelbe fid& erfüllte, I;at uns 
S8ed felbft ergä^It. £>er Slbolf würbe augenblidS ntö jtuetter 
SJeforateur angefiellt, befam etroaä ©elb unb gute SJluSfidjten 
in bie S^nft, unb fo fefjrten roieber ©tücf unb 3ufrieben= 
f)ett in ba3 &au3 be§ 9)tannfyeimer SSaumeifierS jurüd. SSie 
oft toot)t bie armen £eute be$ 2lbcnb8 bei einanber fafjen unb 
über alle«, baoon it)r £er$ oott war, fid) auSplauberten ! £ic 
^erje roarf ein trübe« £id)t, unb lange ©chatten sogen über 
bie 2Bänbe; aber mit einemmat rourbe e3 fonnentjell in 
ber Stube, beim bie Erinnerung an Sdjiller erroadjte, unb 
bie leudjtenbe ©eftalt be3 treuen greunbeS war mitten unter 
if)nen. 2>er alte &ötsel, ber Slbolf, ber öeorg unb bie ftaro= 
line wetteiferten bann im SluSbrutf be3 SDanfcä unb ber $er= 
efjrung; bie ^öljtin aber fefctc fid; an beu £ifd) unb fdjrieb 
nneber, nmä fie r>on ben irrigen Ijörte, was fie fetber tief 
emufanb : 

9)iann$eim, ben 29. Renner (1802). 
9Bol)ltt)ätiger mir (Einziger greunb! 
£affen (Sie e3 jf)rem Gbleu Serben redjt rooljn (wol)l) 
tlmn man \d) jt)nen fage ba3 mir burdj jt)ren SBrief an &err 
SBäd gleid) meinen abolf geholt unb jf)m gefügt ifjm gleid) 
50 f( geben bafj er fid) fleiben foll, („)biS öftren befomen 
Sie roieber 50 unb bis mid)eh) nneber 50 biefe3 atteä fyaben 
Sie jfjrer Butter unb meinem §ärfeen£freunb Stiller 511 

*) !Rac^ bem ßalenber am 18. Sanuar. 



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192 



aflannljeimer greunbe. 



banfen("), mein <5of)n mufjte fid) fäfeen bie freibe roirfte fo 
auf jfm baft er weinte. („) s J)iutler nid)t ba§ gelt machte 
rcürfung fonbern rote id) f)örte bafj ber grofe 6d;iler feine 
foftbare 3cit an uns nerlafjne roänte("). 3>aufenb Stanf liegt 
in biefem 2lugenblid in feinem gärfeen gegen jfjnen. ginbe 
iä) 3l)n einft ba roiU id) jfym fälbften banfen, fagt er. Slbolf 
ift roürflid) an unb oorgeftält at3 $>ecoraber unb 9Jiafd)inift, 
bic übrigen roo e3 23äd erje^tte bafe ©d)iHer fid) bei; jßm 
tmr Slbolf oerroänt unb er gfeid) gu Balberg gegangen, 
Balberg gleia) afleä t)erroülgte (oerroiötgte) ul;m &err 6df)iöer 
ju jeigen in roäldjer grofen 2ld;tung er bei jßm fttnte, SBäcE 
faßte 511 mir roie id; bei jl;m roar ufym &u bauten, SMeä 
fjaben <Sie bem grofen 6d)iHer 511 banfen, id) roärte SBatter 
über 2lbolf fein, roaS mir mein greunb anbefilt tt)ue i$ mitt 
treiben. 3d) fagte jfpn ba& <3ie mir erlaubt roan id) in 
einer 9iol;t mid) grabe an j^neu roänten folte. („)©ie tf)ärfen 
(bürfen) fid) aud) an mid) roänten id) bitte ©ie barum, 
id; roärte aüe§ tf)un um bieföölfclifd;e famillicn ju erf)alten("). 
SRÖ&mer unb 2lbolb, -SDiüftfuS, 3 imm ^ ri nann ber erfte lieb= 
(jaber roar 51t 2lbotf fomcn unb fragte ilm mitt freibe: 
fd;iHer ift jl;r greunb? <5ie beneiben uns orntlia; barum, 
jefct ging id; nad; £auf fein SNänfd; raufte bajg id) an jfjnen 
gefa^rieben, id) fing an 51t ersehen roaS id) gefd;rieben unb 
ber alte liebe (Sl;rlid;e SSatter fing an 51t roeinen („)fotgt 
eirer 9)iutter unb e3 roirt unS alle rool;l ergef)en("), roir 
Ratten anodj einen gulten unb fönten fd;on lange nid)t mer 
fd;lafen au§ Söeforgnifj roo roärten mir fjülfe fjernel)men. 
S3ou ©Ott unb gute üDiänfdjcn fagt id). 2£ar fjab id) ges 
fprodjen. 2lUe§ roünfd^t g(eid) an bafc gefd;äft mitt biefem 



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193 



gelt, mir gef>en alle £ag 3 flunb roo mir mitt 33ergnügen 
ßalgftein legen roo baS große roafcer f)interli&, unb jaulen 
oür einen nadjgen (Radien) jeben gulten roo mir fajon $roen 
Ijaben, ban roirt etngefäfc unb gebränb ba ©erlaufen mir bie 
roar, ba fönnen mir bis öftren leben, ba befömt ber 2lbolf 
feine 50 fl ba fauf idj eine Stu\) unb mir ift geholfen, ar= 
beiten motten mir bafe es eine luft ift. 

SBüleidjt nod) ein järgen unb id) fan meinem rool)ltf)äber 
treiben id) liabe meine famtlKe oür SJJangel gefdjüfc. 3d) 
f)abe fdjon oft gearbeit bafe lein 9Jtann im ftanb (roar) 
mir nadj ju fajaffen, id; bänfe id) mufc roieber guljt madjen 
roaS i<$ oüleidjt aus gutf)f)eit unb leidjfin oerfeimt, man 
fagt , bafj ber 3Hänfd) einmal in feinem Seben glüä ju er= 
märten Ijäte idj glaub baS id) in bie (Sbod) (ßpodje) fome. 
©Ott erhalte Sie gefunb in ftren grofen ©efdjäften unb bie 
ganj famillien id) bin 3f>re banlbare 

2lnna &ölfelin im 9Jiaterialu)of. 

gür ben aufmerffamen Biographen fteljt gar oiel in 
biefem Briefe*). 2luS bem 3)htnbe einer fd)lid)ten BürgerS-- 
frau, alfo unmittelbar aus bem SSolfe heraus, gibt er uns 
ein neues 3 eu 9 n ^ üon Der allgemeinen SBerefyrimg unb Po- 
pularität, bie (Sdjiller ju feinen £ebjeiten ju'teil rourbe. 
2Bir feljen ba, rote auf einen SBinf feiner £anb bie mää> 
tigen £l)eaterf)erren flcr) rotßfäf)rig erroeifen ; roie beim Saute 
feines Samens ber lefete SDiufifuS in Begeiferung gerät; 
roie berjenige, bem er feine ©unft suroenbet, für bie anbern 



*) Sdjtller empfing tfjn am ti. Jebruar. <S. rialenber. 
»Uber au« brr S^iderjtit. 13 



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194 üJiann&eiiner ^reunbe. 



ein ©egenftanb bcS Staunens unb bes Leibes wirb, ©enriß 
war Slbolf eine 3eW a "9 bet £öroe be3 £age£ in 9)tannf)eim; 
man gaffte if)n an wie eine feltene Grfdjeinung, bie Neugier 
belagerte feine 2£ege, unb hinter feinem dürfen flüfterte man 
uon feinem berühmten ©önner. £er guten ^öljlin felbfi 
fam bie£ alle» jiemlid) nntnberbar t>or. ©3 fmtte fidjctroaä 
r»eränbert in i^ren 2lnfd)auungen, als fte il)r lefcteä XanU 
fdureiben an Sajiller auffegte. S3iäf)er fannte fte nur ba$ 
SBilb be3 jungen Sdjroaben, ber in SJfannljeun wenig galt 
unb in beftanbigen 9?ötcn lebte; nun erft fagte ifyr bie Gx= 
fafyrung, baß bie Qeikn feltfam geroed)felt Ratten, baß 
au§ bem jungen Sdmmben ein 2J?ann geworben mar, beffen 
2Bort felbft einem 53arcm Balberg als ©efefc galt. Unr>cr= 
merft unterfa>b fid; bem „lieben" Sdjifler ber „große" 
Stiller. (Sine Slfjnung von ber Sebeutung it)re^ greunbeS 
bämmertc nun im Slopfe ber t)ortrefflid;en grau, unb in 
if)rem Sinn entftanben bunfle Segriffe t>on feinen „großen 
©ejd)äften". £>iefe großen ©cfajäfte gießen bamalS „9)iaria 
Stuart", „Jungfrau oon CrleanS" unb „Srautoon Sieffina". 

£eiber finb mir oljne jegliaje ßunbe über baä fernere 
Sd)irffal ber gamilie fiöljel. 2)Jöct)tc bod) einem Wißbegier 
rigen 9)?annf)eimer ber ©ebanfe fommen, barüber nadfouj 
forfdjen, bamit ba$ f)er$erfrifd)enbe 93ilb au£ Sa)itter§ Seben, 
baS in biefen ©riefen uns entgegentritt, feine lefete SWunbung 
gewinne, £er £id)ter erfd>eint unä Ijier in ber vollen 2ln= 
mut feiner 9Dienfd;lid)fett. 9ßa3 er tfjut, tfjut er in ber liebe* 
foUften SSeife, nid;t von £od) §u lieber, fonbem r-on ©leid) 
$u ©lei$, nidjt al£ Sproteftor, fonbem als greunb; tfjut er 
rafd) jumal, benn er, bem bie 9iot befreunbet mar, bei beffen 



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Änna fcöljel. 



195 



3ugenbmerfen bie Sirmut als 2Bef>mutter gewaltet, er Ijatte 
eö ni$t aergeffen, ba($ rafäje §ilfe boppelt gilt. Sie efyr- 
liä)e greube am 2Bol)ltf)un, bie er in auäfüf)rliä;en SBriefen 
an bie grau be£ SDtanntyetmer SBaumetfterä äußerte, liel) feiner 
befdjeibenen ©abe ifyren fittlidjen Söert, unb als er ber be= 
brängten gamilie von feinem 9lotroenbigen gab, mar er ber- 
felbe nod), roie in ber fd)roäbifdjen §eimat, roo er al3 5lnabe 
feine ©parfreujer, feine <£d)uf)fd)nallen unb fetbft feine 33ett= 
lafen an ben nädtftbeften Sebürftigen üerfdjenfte. (Stiller 
war immer ganj &ersen3güte; bei if>m faßt e3 uns leidet, 
bteroeilen ben berühmten SDJann über bem guten 9)ienfd)en 
^u oergejfen. W. 



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Mt iränifrfnm ateunlre. 



3zt Bugujfotfcuvgtv. <£vaf 5£rljimm*Imamu 

Jen* ^a^fett. 

er Crtentalift 9Waj; Mütter f)at in einer oom reinftett 
3beaü3mu3 getragenen Sdjrift unb mit einer poetifdjen 
SBärme, ate wallte baä 33lut feines $ater3 in if)m auf, ben 
bebeutfamen, ftetS benfroürbigen 2lbfd)nitt au£ <Sd)iIler3 fieben 
tmebererjäf)lt, in weitem jmei im bänifdjen StaatSbienft be= 
ftnblidje beutfdtje Sttänner, ber &erjog von 2luguftenburg unb 
ber 9)iinifter ©raf (Sdummelmann, bem franfen, forgenuotlen 
$id)ter unaufgeforbert i^re &ilfe boten unb tf)m in einer 
großen Sßeife, bie nur einen uncblen ©inn befdjämt $ätte, 
bie tang erfetynte Sftufje fdjenften, beren er jur 3ßieberf)er= 
ftellung feiner fdjroanfenben ©efunbfjeit wie jum SBeften feiner 
an einem bebenflidien 2öenbepunfte angelangten ©eifteäent* 
tmtfelung fo bringenb bebürftig mar. 3)Jar 9J?üHer braute 
neue $ofumente bei, jroifa^en (Stiller unb bem 2luguften= 
burger geroed)felte Briefe, bie ben Vorgang felbft unb baä 
au3 if)tn erroad)fene 2>erf)ältm3 jnrifdjen bem £>id)ter unb 
bem gürften näfjer beteua^ten. 3m Verlaufe feiner £>ar= 
ftettung bebauert 9)iüller wieber^olt, einige Ijanbfdjriftlid) nodj 




200 



Sie bäniföen ftreunbe. 



oorhanbene ©riefe, bie fid) auf bie Angelegenheit be&iehen, 
ntd)t jur Verfügung ju haben, unb brütft ben SBunfd) aus, 
fie möglid)ft balb oeröffentlicht ju fehen. Unfere ©aiiiiiu 
lung fefot uns in ben Stanb, biefem ©erlangen ju willfahren, 
ja wir überfliegen nod) ben SBunfd), inbem mir neben neuen 
©riefen beS SluguftenburgerS ungebrucfte ©riefe r»on ©agge= 
feu unb (Ed)immelmann ju oeröffentlidjen in ber Sage finb, 
bie mit bem eblen Sßerfe ber <Sd)ilIer:©egeifterung unmittels 
bar im 3ufammenljang flehen unb bie Erregung beS 3Ko= 
mentS aufs lebf)aftefte t>eranfd)aulid;en. Slußerbem ift eS 
uns oergönnt, einen ©rief beS ©erjogS an Sdn'tler, ben 
9)iüller nadj einem $on§ept t»on ber §anb beS ©rieffchreiberS 
gibt, nad) ber teilroeife abgeänberten 9*einfd)rift mitjuteilen 
unb augleid) ben non 9ttüller an jroei, brei Stellen falfd) 
gelefenen ober — bei ber Unbeutlid)feit ber ©djrtft unb ber 
Klarheit beS ©inneS — eigentlich falfct) aufgelegten Xt^t 
ju benötigen. 

SBenige Söorte finb genügenb, um ben Sefer, ben man 
fid) ja faum anberS benn als einen ©d)iller=©erehrer unb 
^alb unb halb 6d)iller=ßunbigen oorfteHen fann, auf baS 
Saufenbe ber Sad)e ju bringen. 2)er 2)äne 3enS ©aggefen, 
als $id)ter nur mittelmäßig (unb ein mittelmäßiger ift eigents 
litt) feiner), aber unenblid) empfängltd) unb im @ntf)uftaS= 
muS ein ©irtuoS, t)atte 1790 ©d)ifler in 3ena perfönltd) 
fennen gelernt unb rourbe beffen begeifterter ©erfünbiger in 
Kopenhagen. 2Bie er begeiftert fein fonnte, aber aud) wie 
fritifloS er eS mar, befagt fein SluSruf: „Unfere pfiilofophU 
fd)en SfteffiaS, bie @f)riftuS, bie Kanten, bie 6d)ifler, bie 
Dieinholbe!" Unb bod), n>aS hat fein fd)niärmerifd)er greunbs 



£er Sluguftenburger. @raf e<f)immelmcmn. Söaggefen. 201 

fdjaftebunb mit 9ieinf)olb ber beulten ßitteratur eingetra-- 
gen! ©djiHerS Rettung aus leiblicher unb geiftiger 9Jot 
Dcrbanfen wir gerabeju if)m, SHeinfyolb, bem entlaufenen 
Öfterreidjifdjen 9ttönd), ber nad) 3ena gejogen war, um fid> 
lemenb unb lefjrenb ber großen p^itofopt)ifd;en SBeroegung 
beS 3af)rl;unbert§ ansufdjlie&en. Gr regte bie roerftf)ätige 
Seilnafjme für ben armen ©dritter an, bie, eine Slette ent= 
lang laufenb, enblid; auf bem nötigen fünfte einfdjlug. 
3m %cri)Tt 1791 berichtete er au SBaggefeu von ©Ritter« 
ßrdnfltdjfeit unb materiellen -»Notlage. 33aggefcn teilte bie 
für ir)n nieberfd)lagenbe unb aufregenbe Äunbe in fpmpatt)t= 
fdjer, bie Xfyat ^erau«forbernber Söetfe bem 3luguftenburger 
mit, btefer trug feine innerfte öeioegung auf feinen greunb, 
ben ©rafen ©d)immelmann über, unb au$ fold)er fid) fort= 
pflanjenben ©rregung ber ©emüter ging ber fepne Gntfdjlufe 
f)eroor, ber ©filier ftd) felbft, feiner gamiüe unb feinem 
SBolfe rettete. 2lm 29. 9]ooember 1791 ging r«on Üopen- 
Dagen nad) Sena ba3 t)on bem &er§og griebrid^ (Sljrifttau 
üon ©chle3tmg=§olfteMuguftenburg unb bem ©taatämtmfter 
(Srnft ©rafen ©d)immelmann gemeinfam unterfertigte ©d)rei= 
ben an ©dritter ab, in meinem bem 5I)ict)ter eine jät)rtidt)e 
*Penfion »on jroölfliunbert Xljalern ^reufjifdVGourant auf 
brei 3af)re als ©efdjenf angeboten mar. £)aä ©abreiben 
beginnt mit ben feierlichen Söorten: „3roei greunbe, burd) 
SBeltbürgerfinn mit einanber »erbunben, erlaffen biefeS ©d)re= 
ben an ©ie, ebler SKann!" 3f>r lebhafte* 3ntereffe für 
©dritter möge fie bei if)m gegen ben 2lnfd)ein ber S^oring: 
lid)feit entfdjulbigen unb jebe SSerfennung ber 2lbfid)t if)re3 
©djreibenä entfernen. „keimten ©ie biefeS 3lnerbieten an, 



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202 



3Me bömföen ^reunbc. 



ebler SRann! Ser 2lnblicf unfrer Xitel bewege ©ie ni<$t, 
eS abjulelmen. 35>ir wiffen bieS $u fdjäfceu. 2Bir fennen 
feinen <2tol§, als nur ben, SJJenfdjen ju fein, SBürger in ber 
großen SRcpubüf, beren ©renken me^r als baS fieben einjel= 
ner Generationen, me^r als bie ©renken eines ©rbb.allS 
umfaffen. (Sie fyaben l)ier nur 9J?enfd)en, 3tyre 33rüber oor 
ftd), nid)t eitle ©ro&e, bie burd) einen folgen ©ebraudj iljrer 
5Reid)tümer nur einer etwas ebleren 2lrt oon ©odjmut frö^ 
nen." ftie Slnna^me beS SlnerbietenS ift an feinerlei S9e- 
bingung gefnüpft. Stiller !ann feine S^u^e genießen , wo 
eS i^m beliebt, bod; rcäre er in ftopenfwgen mtflfommen, 
unb foUte er eS wünfdjen, würbe eS nid)t fdjwer fallen, Unn 
eine ©taatSanfteHung \w fdjaffen. 

<Sd)ilIer nimmt an unb fdjreibt oorläupg an SBaggefen 
einen ©rief, ber ben työdjften 2lbet ber ©eftnnung offenbart 
unb uns jugleid) in <Sd)tßerS unglüdlidjeS £eben einen er* 
fd)ütternben ©inblicf gewährt. „3$ neunte baS 2lnerbieten 
an," fd)reibt ©dritter, „nid)t weil bie fd)öne 2lrt, womit eS 
getfyan wirb, alle 9iebenrürffid)ten bei mir überwinbet, fon= 
bern barum, weil eine SBerbinblid&feit, bie über jebe möglidje 
9Kitffid)t ergaben ift, eS mir gebietet. ^Dasjenige \\x leiften 
unb 511 fein, was id) na$ bem mir geftettten 9J?afj oon Äraf= 
ten leiften unb fein fann, ift mir bie l)ödjfte unb unerläfc 
lidrfte aller Spflidjten. 2Iber meine bisherige äußere Sage 
ma$te mir bieS fdjle<$terbingS unmögltd)." ©in ergreifenbeS 
SSort ift eS, wenn ©djjiüer an einer Steße beS SBriefeS fd&reibt: 
„93on ber SBiege meines ©eifteS an bis jefet, ba id) bieS 
fdjreibe, fjabe id) mit bem ©d)itffal gefämpft, unb feitbem 
id) bie greiljett beS öeifteS \\\ fdjäfceu weiß, war id) baju 



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$er Sluguften&urger. @raf e$imme(mann. Eaggefen. 203 

oerurteilt, ftc git entbehren." 9Nan lefe bod) bei 9Har Mütter 
(„<2d)iüer§ 33riefrocd&fct mit bem $erjog griebridj 6f)riftian 
von (2c$le$TOig-&olftein=2luguftenburg / ') ben ganjen SBriej, 
oon beffen Berber ©röfje fidj augjuggTOeife fein 33egriff ge= 
ben lägt. 

<Sd)iller§ SBricf ift oom 16. £e&ember 1791 batiert. 
SkggcfenS Antwort teilen mir im folgenben na<$ ber §anb= 
fdjrift mit: 

$openfjagen, ben 10. 3anuat 1792. 

(Sie rcerben <5id) faum oorfteflen fönnen, mein oer= 
e^runggmürbigfter greunb, mit rceldjer entjüdung ber «prinj 
oon Sluguftenburg unb ber ©raf 0. Sajimmelmann Styxtn 
fo fefjntid) erwarteten S3rief empfangen unb gelefen tyaben. 
3d) bin ein nidjt gletdjgültiger Seuge ^ r lebhaften greube 
geioefen. $ie ©räfin <Sd)immelmann, meine grau, unb 
mein befter f)iefiger greunb, ber ©raf 3Holtfe (ein 5)Iann, 
beffen &oa)ad)tung unb S3erounberung (Sie ganj befifeen unb 
beffen greunbfajaft 3ljnen einft feiige Stunben fa>nfen toirb), 
fjaben biefe greube mit uns geteilt — unb nehmen ©ie, 
ebler ©eber auf bem ©iofel beä eblen 9?ef)tnen8, in ben 
frönen, meiere bie greube über %f)xt Briefe unfern 2lugen 
ablodte, ben lüärmften, ^erjlid)ften £anf an für 3*)te freunb= 
lidje Stnnafnue. £af$ ber 3roed jener Slnerbietung, ber @r* 
folg biefer 2lnnaf)me ber oon beiben (Seiten getoünfdjte fein 
toirb, baran fönnen mir nid)t unb baran müffen (Sie nidjt 
jtoeifeln. 2öaf)rlid), roenn audj nur bie SJfufemoelt mit einer 
©rfdjeinung mefyr, wie bie 3^ cr „ßünftler", baburd) be= 
föenft werben foHte, fo märe fdjon ein S^ed erreicht, ber 



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204 



Sie bäntföen greunbe. 



jene Littel, bereu ©ewidjt gewogen werben fann, taufend 
fad) belohnte. Unb — wa3 fagc id)? 2We3 ift f$on mit 
3infen bejaht burd) bie einzige 92adr)ricl)t in bem legten 
Briefe meinet 5Hetnf)olb£: „Sduüer ift, feitbem er fidj r>on 
ber Ueberrafdjung erholt t)at, Reiter unb $ufef)enb3 gefünber." 

53ir wollen alfo biefe in* reine gebraute Sadje ju ben 
übrigen quittierten SRedmungen Einlegen unb ^infüro fein 
2£ort met)r baoon fpredjen. SSMe foll td) Sfoncn aber be= 
jdjreiben, mein innigft oereljrter greunb, rote unenbltd) über 
allem 2lu3brucf mid) bie furje Sfi^e 3f) rer ©eifte3gefd)i$te 
3f)nen t»erpftidt)tet tyat? Steine ganje Seele banft 3^nen in 
berouubernber Slnljänglidjfeit bafür, unb bürfte id> meinem 
ttopfe nur ben fjunbertften Zeil ber 2lef)nlid)feit mit bem 
Sljrigen jutrauen, bie mein £erj mit Sfyxem ©erjen emufuv 
bet, würbe idj biefen £anf lauter roerben laffen. 33) mürbe 
3f)nen bann bie G)efd)id)te be3 SBertyältniffeä meiner Seele 
51t jenem ©eifte, ben fie in $fyxtn ©Triften fogleid) mit 
(Sutjüdung erfannte, erjagen — unb Sic würben im ftanbe 
fein, ganj $u begreifen, wie tief ber 9Jame : greunb in einem 
Briefe von griebrid) Sajiüer mid) gerührt tyat, unb wie fefjr 
ba§ Slnbenfen an bie ©mpftnbung, worin er mir — fei e3 
aud) fürs lefete, wie 511m erften mal — gefdjenft würbe, im« 
mer beglüden wirb. 

3n ber ^weiten Hälfte biefeS Sd)reiben£ oerliert fia) 
SBaggefen in eine Sabotage, bie wieberjugeben peinlia) wäre. 
Stuf Sd)iHer£ $anffd)reiben an ben ^erjog unb Sd)tmmel= 
mann erfolgt oon Seite be3 £er$og$ eine Antwort, bie wir 
fjier 511111 erftenmal mitteilen: 



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£er 2(uguften&urger. ©ruf Stymmelmcmn. öaggeien. o<)5 

Urlauben Sie, eblcr imb oereljrter s 3)fann, bafj id) 3f)nen 
meine greube über 3^re Antwort unb über bie uns gegebene 
Hoffnung bezeuge, Sie ^ier in £änemarf 511 beulen. %i)x 
^Betragen in biefer Angelegenheit ift ganj 3()rer würbig, unb 
oermefjrt bie §oä)aä)tung , meiere td) fdjon bieder für Sie 
§egte. 

9iiä)t3 !ommt jefet meiner Sefjnfudjt bei, 3h re perfön= 
lidje SBefanntfdjaft $u madjen, unb td) fefje bem Slugenblitfe 
mit oerboppelter Ungebulb entgegen, in welkem iaj Sie als 
Mitbürger meines SBaterlanbes werbe begrüben fönnen. 

Sie werben wafjrfdjeinlid) fdjon burd) ben Sprofeffor 
33aggefen bie Anzeige bes &aufmannsf)aufe3 in Seipjig er= 
galten f)aben, bei welkem 3^nen ein ftrebtt oon 200 £ouis= 
borS gemalt ift. Sollte biefe Sinnige noä) nidjt gefc^efien 
fein, wirb fic unoerjüglid) erfolgen. 

m<S)te 3^re beginnen(be) ©efunbljeit bod^ balb nöllig 
wieberfjergeftettt fein, bies ift einer ber lebhaftesten SSünfdje 

(S(openfmgen) b. 17. 3<muar 1792. 3() rc * 

wa^r^aft ergebenen 

5rieb(rid)) Gf)riftian 
^(rinjj Scf)lesroig:£olfteui. 

Grft vom 3a^re 1794 fyaben wir in nnfrer Samm- 
lung wieber einen 93rief bes &er§ogs an Sdjiüer, unb es 
ift unzweifelhaft einer ber merfwürbigfien Briefe aus ber 
jweiten igälfte bes oorigen 3af)rhunberts. 2Jian mödjte glaiu 
ben, Sa)iller§ 3beale feien in pfeifet) unb S3lut umgefefct, 
beim aus bem SHunbe eines dürften, Der bem Xfyxont naf>e= 
ftefjt unb felbft mtUuregieren berufen ift, fommt bem Sinter 



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206 Sie bänif^en ftreunbe. 

ein lauten Gdjo feine« „£on Carlos" entgegen. 2lm 26. ge= 
bruar 1794 mar nämlich ba£ bänifdje äömgefd)lo& G^riftian^ 
bürg, in roeldjem aud) ber &er$og wohnte, niebergebrannt. 
Tas £anb empfanb fd^roer bie Vernichtung be3 ^iftorifc^en 
ÖebäubeS. Subffripttonen würben eröffnet jum 2Bieber= 
aufbeut beSfelben. $urd) oüe Schichten ber SBeoölferung ging 
eine tetlnahmSootte Veroegung. 2tuf biefe Vorfälle begießt 
fid) ber folgenbe SBrief, in welkem ber &erjog Stiller jum 
Vertrauten feiner inttmften Angelegenheiten macht: 

Seit bem Abgang meinet legten SriefeS an Sie, teuer- 
fter &err ©ofrat, oon beffen Slnfunft ich biä jefct feine 9iadj= 
rid)t t)öbe, hat ein aufäfligeS (rreignis in ber Sage ber £inge 
in meinem Vaterlanbe nne in ben mir perfönlid) eignen 
einige Veränberung hervorgebracht. (Sie muffen burd) bie 
öffentlichen 3eitung§blätter erfahren haben, baß unfre Äönig3= 
bürg ein 9iaub ber glammen geworben ift. (5£ fdjeint miber= 
fpredjenb, $u behaupten, bajj biefer Vranb, burd) ben fo 
oieleä oerjehrt roorben, bei welchem mehrere -Dfenfchen teils ihr 
£eben ober ihre ©efunbheit, teils ihr Eigentum oerloren haben, 
ein- glücflicheS Ereignis fei. Unb boct) ift nichts geroiffer. 
£ie gegenteilig auffprofjenben fteime beS 9)iif?trauen3 jroU 
fchen Regierung unb Volf, bie burd) Späher, Dhrenbläfer 
unb ©ejehichtenträger gepflanzt unb genährt mürben, fcheinen 
unter ben Ruinen be§ ftoljen ©ebäubeä begraben ju fein. 
£>a3 liberale 9tegierung£ft)ftem, baä in manchen 3lugenbticfen 
bemjenigen, ber in ber s Jlähe aufmerffamer Veobadjter fein 
tonnte, ju roanfen fchien, ift mehr all je bef eftigt roorben 
unb ftel;t nun, fooiel ich einferjen fann, für bie ganje SDauer 



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2er 9(uguftenbur<jer. ©raf Scfjimmelmann. SJaggefen. 207 

ber Regierung unfrei 5tronprin$en *) unerjehütterlid) feft. 
Unfcr Sironprinj erhält bie überseugenbften SBeweife allge= 
meiner Siebe tmb 2ld)tung gegen bie Siegierimg. GS Ijat 
ftd) zugleich ein ©emeingeift geäufjert, bie natürliche S'olge 
beS bisherigen 9?egterungSft)ftemS, ber itjn tel)rt, wie fel)r er 
auf bie Unterftüfcung ber Station bauen fann, folange bie 
öffentliche Meinung ihm güuftig ift, unb in ber %i)at finb 
baburef) bie politifchen Gräfte beS Staates »erboppelt, oon 
einem ©nbe beS s JteidjeS 511m anbern ftrömen freiwillige 
©aben her jum 3lltar beS s }>aterlanbeS. kleine unb ©ro&c, 
2lrme unb SReidje, alles gibt feinen Seitrag 511 ben burd) 
bie augenblicflichen Umftäube oermehrten SBebürfniffen beS 
Staates. £>ie niebrigften im Söolfe halten es für Schanbe, 
nicht auch etwas für benfelben §u U)un. 3)fan ^at &öfer; 
weiber gefef)en, bie baS Slnerbteten, bei einer nahe wrmute* 
ten aufjerorbentlichen (Steuer, bie aber nicht ftattfinben wirb, 
für fie befahlen ju wollen, mit bem 3 u f a fe abgelehnt haben, 
fie müßten baS Vergnügen höben, oon ihrem eignen Grroerb 
einige (Schillinge ju geben. 2Bie wenig ift ba für ben Syrern 
&u fürchten, wo er auf baS allgemeine Gefühl ber bürgere 
liehen ©lücffeltgfett unb auf bie 2ld)tung unb Ergebenheit 
gegen bie ^erfon beS Regenten geftüfet ift. 9)2öd)te bod) ber 
SUtblicf beS glüeflichen 2>änemarfS bie übrigen Könige unb 
dürften (SuropaS belehren, bafc fie auf weit fid)ererem SBege 
ihre %$xont befeftigen fönnen, als burd) Maßregeln unb 
©efefee, welche bem Orient ober bem barbarifdjen Littel; 
alter abgeborgt 511 fein fajeiuen. 



*) ^a^malißer Äönig griebricti IV. oon 5)änemarf. 



208 



Sie bänifdjen ftreunbe. 



9)tir f)at jener Staub meine Südjerfammlung unb ben 
größten unb für miü) intereffanteften Xeit meiner Rapiere 
gefoftet. 2ltle3 ift im geuer aufgegangen. 2lud) 3§xt lef)r= 
reiben Briefe, ebler unb verehrter 9ttann, bie id> oft unb 
mit immer roieberf)ottem Vergnügen (a£, Ijaben ba§ näm= 
lid)e ©d)idfal gehabt, können 6ie biefen SBerluft erfefcen, 
fo werben alle 3l>re Diepgen greunbe Sfynen banfbar fein, 
unb niemanb me^r als id), ba niemanb ben SBerfaffer biefer 
SÖrtefe unb beS £on GarloS f)öf>er fd)äfcen unb lieben fann, 
aU 3§r ergebenfter 

ßopenljagen, 4. Slpril 1794. 

griebrid; Gfjriftiau. 

SdjillerS „leljrreidje Söriefe", bie im geucr aufgegangen, 
finb bie Briefe: „lieber bie äftfjetifäje ©rjie^ung be§ 9tten= 
fdjen", bie, urfprünglid) an ben ^erjog gefdjrieben, erweitert 
unb jum £eil ifyreä pcrfönlidjen (SfjarafterS entfleibet, in ben 
£oreu erfd)ienen. 9htr in biefer lefeteren ©eftalt fannte fie 
bieder ba3 beutfdje ^ublifum, bi§ cor furjem 21. 2. 3- 9)üd)el= 
fen eine 3lbfd;rift ber an ben Stuguftenburger gefä)riebenen 
33riefe auffanb unb biefelben in ber „9tuubfd)au" — biefer 
mm Julius SRobenberg meifterljaft rebigierten 3eitfd)rift, bie 
and) 2War 9)?üller3 8d)iUer=2)iitteiIungen juerft braute — 
ueröffentKdjte. £ic Driginalbrtefe (5d)ifler3 atmen ein ftär= 
fereS inbimbueüe3 £eben, al$ bie fpätere 2lu3füf)rung ber= 
felben, unb fie fefyren bie 9)?otit)e von ©djiflerS Arbeit ftärfer 
(jercor. hieben bem Seftreben £d)iöer£, fidj über ba§ 2Befcn 
ber Runft, sunädrft ber 5Md)tung flar ju werben, fpielt ber 
(Sinbrud, ben bie fpätere tfntnridelung ber franjöfifdjen 9ienolu= 



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£er 2(uguften&urger. ©raf Sc^immelmaim. Eaggefen. 209 



tion auf if)n gemacht, eine fjeruorragenbe SRofle. Sie franjöftfdje 
9tet>olution würbe ifym uerfyajjt von Seite ifyrer unfdjönen (*r= 
fdjeinung. 9tid)t ifjr SBefen, nur ben 2Beg, beu fie einfdjlug, 
fanb er perbammlid). Xcn ^rinjipien ber 9?er<o[ution wirb 
er n\ä)t untreu; nur ber flünftter, ber äfttjetifd^c 3)icnfd; 
roenbet fief) t>on ifjren ungebärbigen Krämpfen entfc&t ab. 
©r t>er 5 roeifelt an ber ©tebergeburt ber Hien|d^eit burd; 
bie ^olitif, er will bie 9)icnfdjen gleidjtam auf einem neu* 
traten Boben 51t roürbtgen Bürgern eines freifjeitüdjen Staa= 
teS erft erjte$en. „^otitif^e unb bürgerlidje greifet," fdjreibt 
Sdnller an ben 2Iuguftenburger, „bleibt immer unb ewig 
ba3 f)errlid)fte aller (Mter, ba3 roürbigfte 3iet aller Slnftren-- 
gungen unb ba3 große 3 entrum a ^er Kultur — aber mau 
wirb biefen tyerrlidjen Bau nur auf bem feften ©runbe eines 
oerebelten Gf)arafter3 aufführen, man roirb bamit anfangen 
muffen, für bie Berfaffung Bürger 311 fdjaffen, el;e man ben 
Bürgern eine Berfaffung geben fann." exilier fud&t ein 
Littel, „bem Gljarafter beisutommen, of)ne ben Staat babei 
nötig &u fjaben." 2>iefeS Littel ift i&m bie äftfjetifdje RnU 
tur, bie fiel) an ben finnlidjen 9ftenf d)en roenbet, um tfjn 
über ftdjj felbft emporjuljeben. „3ebe grünblidje Staatäuers 
faffung muß mit Berebelung beä GljarafterS beginnen, biefer 
aber an bem Sdjönen unb (Srljabenen fid; aufridjten." $urj, 
ber ibeale Sinn unb ber Sinn für ba3 gbeale muß im 9Jten; 
fajen geroedt unb geübt werben, bie fdjöne Sitte ift bie 
Brüde, bie jur Sittlidjfeit Ijinüberfüfjrt. £iefe£ Steina 
fütjrt Sd)iHer in granbiofer St'eife aus, unb abgefeljen oon 
ifjrem äftl)etifd)en Sterte, gehören feine Briefe über bie äftl)e= 
tifdje Grjieljung beS 3)ienfd)en 51t ben bebeutenfcften 3)ieifter- 

©Uber au5 b<r r^iUfrjtfit. 14 



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210 



Sic büntfäen greunbe. 



werfen ber ^ublijiftif. GS ift bejeidmcnb für U)re (Snt- 
fterjungäjeit, bafj fic au§ bem SSerfeljre mit einem gürften 
tjenjorgegangen finb. SJfarquis $ofa Ijat enblid) 6el)ör ge= 
funben. 

£er £er$og mar übrigens mit ber Umarbeitung ber 
Briefe nidjt ganj cinoerftanbcn, wie man aus bem folgenben 
Sdjretben an Sdn'lier erfef)en wirb: 

SUpen (jagen, ben 19. 9)?ar$ 1795. 

£ie beiben erften Stüde ber £>oren nnb bie fic beglei- 
tenben Briefe babe id) erhalten. (5-5 bebarf in ber £f)at 
einer <5ntfd)ulbigung, bafe id) JSfmen, verehrter &crr &ofrat, 
ben Cmpfang bcrfelben nid)t cfjer angezeigt ()abe, allein ge= 
f)äuftc Wefd)äftc unb öftere* Ucbelbefinben fyaben mid) ben 
ganzen hinter fjinburd) 51t einem tragen ^rieffteöer gemadjt. 
2)iein uerfpäteter £anf ift inbefjen barum nidjt minber leb* 
Ijaft unb aufrid)tig. (rr gebührt ^i)\\m wegen ber (>)efm= 
uungen, bie Sie gegen mid) rjegen. 9)iöd)te id) biefe ©e= 
finnungen bod) einigermaßen nerbienen! 

3rjre äftf)etifd)en Briefe rmbe id) mit Vergnügen in ben 
&oren wiebergefunben. £a fic aber wegen meiner Unbefannt- 
fdmft mit ber Sprache unb wof)t audj mit bem ^ntmlt ber 
t*ritifd)en ^ßt)ilofop()ie für mid) mandje SunfeUjeiten entf)at= 
ten, bie erft bei mieberrjoltcr ruljiger Sefung ücrfdjwinbcn 
werben, fo fdjweige id) lieber gegenwärtig nod) über jene 
Briefe. 3m Sommer, auf bem l'anbe bei mehrerer 9)iuf3e 
unb wenigerer 3erftmiung gebenfe id) biefe Seftüre wieber 
r»or5iinet)men. 

(** ift mir übrigens eine nidjt geringe Jyreube, in %f)m 



SEer Sluguftenburger. 0raf 6d)immelmanii. 2Jagp;efen. 211 



3)enfart über baS, rcaä ber 9Nenfd)f)eit üftot ift, fo oiel lieber« 
einftimmung mit meinen lleberjeugungen $u finben. £ie 
SSerbefferung be£ 3 u ft anDC S bex 2)?enfd)t)cit muß com inne- 
ren 3)?enfd)en au§ger)en. ©efdjieljt btee md)t, fo wirb jebeä 
politifaje ©ebäube, fei e£ audj noa) fo fcl)ön, in furjem »er* 
fallen, unb ungejä()mten ro^en Setbenfdjaften oieHeid;t 511 
einer nod) bequemeren 33et)aufung bienen. fommt bei- 
nafje nid)t auf bie gorm, eS fommt auf ben ©eift an, burd) 
weldjen biefe gorm £eben erhält. 3ft biefer ©eift ber ©eift 
ber Humanität, bann wirb bie geroünfd)te SBerbefferung er= 
folgen, bie gorm mag befajaffen fein nrie fie will, liefen 
<?5eift ber Humanität §u roeefen, 5U erhalten, gu verbreiten, 
ift aud) in Sfyr 2o§> gefallen, ebler 9)2ann, unb id> Ijoffe unb 
erwarte, bog 3()r neuefteS Ütterarifdjeä Unternehmen eben 
fo toie einige «Sfjrer x>orf)ergef)enben Arbeiten baju $eforbe= 
rung fein wirb. 

3)iein Sntereffe unb meine ©ünfaje werben Sie ftet^ 
begleiten. 

griebrid) Gfjriftian. 

2Bir f)aben fd)on oben gefagt, baj? 9Jiar 3)tüUer einen 
teilmeife oerunftalteten 5Tert biefeä Briefes gegeben Ijabe. 
18ei ifjm Reifet e3 unter anberm: „$ie SSerbefferung be$ 3u; 
ftanbe* ber 3tfenfd$eit mufj oon einem 2)knfd)en ausgeben." 
SDaS fönnte £ljoma3 Garlule gefdjricben (mben, nid)t ber 
Sluguftenburger in Stetig auf Sd)iller3 2lnfid)ten. 2lu3 
biefen ge^t unmittelbar fyeroor, ba& bie Stelle lauten muß: 
„00m inneren Sftenfdjen", beim aus biefem will SdjiHer 
ben tüchtigen Staatsbürger l)eroorl;olen. Statt „biefe $e= 
förberung", nrie Füller ganj unoerfiänblid) fdjreibt, muß e£ 



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212 



Ete bdniidjeii ^reunbe. 



fjeifsen: „ba* ? u 93eförberung", unb oor allen fingen ftatt 
„meine 3iitereficn" ift ju fefcen „mein 3ntcteffe". 5Me3 jur 
9ttd)tigftellung be3 £erte* nadj bem Criginal. 

Unb nun, nad)bem bie ^Briefe bee 2luguftenbutger3 ju 
(rnbe finb, fefjren wir nod) einmal $u ben Genoffen feinet 
(rbelmuteä, bem ©rafen Sd)immelmann unb bem liebend 
roütbigen Gntfmiiaften 93aggefen juriicf. £cr folgenbe Srief 
djaraftermett unb erjäfjlt fta) felbft. 

3$ mufj Sie, lieber SBaggefen, bitten, ^eute sugleidj 
an SdjiHer ju fdjreiben, roenn ber r»on bem grinsen unb 
mit unterzeichnete S5rief f)cute abgebt. 3d) erfudje Sie im 
ftänbigft, t?on S du' Her in Syrern unb meinem tarnen 511 
»erlangen, er mag unter 2lnerbieten annehmen ober abfd)la= 
gen, er meinen -Hamen geheim l)ält. @3 ift mir SBefrtebi- 
gung genug, wenn er mid) genug fd)äfet, um folajeä jugleidj 
r»on mir anzunehmen. 2ll£ ^rir-atperfon l;abe id> roeber baä 
9ied)t, noa) bas Verlangen, mid) ganj an ber Seite beä 
springen ju fefcen, mid; felbft unter bie ©rojjen §u rechnen, 
unb id) gebe hierin nur ber greunbfc&aft be$ ^riujen nad). 
9)?ein 9?ame fann mit bem feinigen nidjt auf biefe SBeife 
crfd)einen, of)ne bafe oiele, roeldje nidjt ben einjigften 3 roec * 
— meld)e3 allein Stiller, allein ber grofce Wann, ift — 
fennen, eS mifjbiQigen mürben. 

3n meiner Situation mufj id) aua) (jierin bie öffentliche 
Meinung unb bie Vorurteile oon oielen fdjonen, roeldje baS= 
jenige in bem ^rinjen billigen, roeldje^ Sie in mir als 
magung tabeln mürben. 

3unt (Stempel bie genüffe Hoffnung, SdjiHer, wenn et 



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2)er 2luguften6urger. ©raf 6$imme(mann. SJag^eien. 213 



roünfd)t, in SDienfte bei ©taateS etnfefeen 5U tonnen ; brei 
3a^rc ftnb aud) für einen 9)?inifter eine lange (Spoa>. 

SBenn ©filier e$ annimmt, fo nimmt er es oon einem 
unbefannten grennbe an. tiefer mobefte (Sfjarafter mürbe 
mid) allein fdnneidjeln unb beliebigen. 

©ä)lägt er eS aus, fo gewinne id) babnrdj) baS traurige 
SReä^t, niä)t als jemanb 51t erfdjeinen, ben man abgeroiefen. 

©treiben ©ie bei biefer (Megenljeit an 9Reinf)olb, fo 
fagen ©ie if)m aud) etroaS oon mir; roaS ©ie it)m fagen, 
fann td) geroifj, olme eS 511 lefen, unterf abreiben. 

S). 29. 9?oobr. (£(rnft) ®(raf) ©Gimmel mann. 

SDaS ©cf)eimniS blieb inbeffen nia;t gewahrt, nnb ©dn'ller 
felbfl muß eS geroefen fein, ber eS in feiner oon ©lücf über* 
»ollen S3ruft nidjt oerfajlicfjen fonnte. 2115 alle SHelt baoon 
erfüllt mar, fdnüeb SBaggefen (ftopenfjagen, 30. Januar 1792) 
begütigenb an ©filier: 

„$ie 93efanntmadj)ung jener wie bie Unfdjulb fdn'tdjterncn 
greunbfa^aftöbeseugung beS ^rinjen unb beS ©rafen in ben 
granffurter, ©otljafa^en, Hamburger unb bänifa>n 3eitungen 
befrembete freilief) alle ©ieben, au&er mid) (!) ; ber id) nie, aud) 
nur im £raum, bie 3Jiöglid)feit mir Imtte einfallen laffen, 
jene %$at ganjltd) oerborgen ju galten. Homo sum, nil 
lmmani a me alienum, unb nid)tS fann id) gän$lid)er mit= 
«mpfinben, als maS ©ie oon jener gar 51t ftrengen 33ebin= 
$ung fagen. 3$ mürbe an 3f)rer ©teile ebenfo gelmnbelt 
Imben; beim roeldje dual ift unauSftef)lid)er all greube, bie 
man mit niemanb, felbft nid)t mit benen, bie mir mefjr als 
uns felbft lieben, teilen barf . . . ÜNan mu& ftd) aber bar= 



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214 



Sie bäniföen ftreunbe. 



über wegfefeen — man würbe uergebenS uerbtuten im Kampfe 
mit uotwenbigen Hebeln. 23erut;igen Sie fid) ganj über 
biefen unabwenbbaren Qa)aU, mein teuerfter greunb ! fo wie 
ber ©raf barüber fdjon lange beruhigt ift. 3$ f a () & wr* 
auS nnb mad)te if)n barauf gefajjt; bafj id) S^nen fo ans 
gelegentlich unb bringenb fd)rieb, gcfd^at) mef)r, um $\)t\tt\ 
ganj anfdjaulidj machen, wie biefer Gbelfte unter ben 
(Sbten, bie idj fenne, über fo was bcnft, unb wie unenblid), 
faft bis jur entgegengefefcten Grtremität er oon jener, ben 
fogenannten ©rofeen anfjängenben ©itelfett unb <2d)aufud£)t 
entfernt ift. 

25>aS ben fßringen betrifft, werben Sie 9)fenfdjenfenntmS 
genug fjaben, um a priori ju wiffen, bafj ber $rinj nicht 
geboren worben ift, nid)t geboren werben fann, bem ein foU 
eher 3 ll f atI fd)led)terbingS unangenehm wäre. %tnt Crigi= 
nalität ber $enfungSart wächft nid;t auf biefem 23oben — 
eS ift fdjon SBunber genug, bafe fie im gräflichen fortfom= 
men fann. 

•ikibe biefe mirflid) äufjcrft feltenen, hödjft ad)tungSs 
werten unb liebenSwürbigften 5)Jenfd)en fdjäfcen, bewunbern 
unb lieben überhaupt 3hren ©eift — unb jefet, feitbem wir 
fo glüdlid) finb, Sie etwas näher 511 fennen — 3(jre ^erfon 
ju fehr, um ^fjnen etwas übet 5U nehmen, was nidt)t gerabe 
auf 3h rcr Seite böfc gemeint unb atfo baS Unmög(ia)fte 
alles Unmöglichen wäre." 

1 

Ueber ben gleichgewogenen Anteil, ben ber 2tuguften= 
bnrger unb Sdjimmelmann an ber Unterftüfcung Schillers 
hatten, unb über Schillers unbebingte greiljeit bem ßopem 



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£er äuguftenburger. 0raf 3d)immelmaim. 33acjge|'en. 215 



Hagener ©efajenfe gegenüber gibt ein 33rief von SBaggefeu 
(Kopenhagen, 29. 9)Jär5 1 7*>2) erroünfdjte 3lufflärung. Sag- 
gefen fdjreibt an SdnÜer: 

« s ?rin$ griebrid) (Styrifttan unb ®raf Sdjimmelmann, 
ober ©raf Sd)immelmann unb Sfrinj griebrid) Gfjriftian 
(bemi es ift fd)roer ju entfdjeiben, welker von biefen f)öd&ft 
feltenen (Sblen in einem Briefe, ber fid) über bie ftleinigfeiten 
ber ßtetnigfeiten Ijinroegfefet, juerft genannt roerben müfete) 
fef)en mit fef)nfud)t*üoUem SSorgejüfjl il)res jQodigenuffes jeber 
Seile öon 3h ncn an H e entgegen, unb roenu fie nidjt brin= 
genb barum bitten, ifjnen biefen ©enufj ju geroäf;ren, ift 
fidjerlid) nur Schonung Styrer teuren &it, roa£ fie baoon 
abhält. @3 ^at fie beibe innig gefreut, ba& Sie ihnen burd) 
3hren 33rief an mid) Hoffnung geben, balb etiuaä von Shnen 
unmittelbar ju erhalten. 9t ur fehreiben Sie, ohne 9iütffiä)t 
auf einige $erbinblid)feit, fur^e ober lange ^Briefe, fetten 
ober fjäufig, wenn unb roa3 unb wie Sie wollen." 

3n bemfelben ^Briefe öffnet fid) nod; einmal 23aggefen3 
gutes $er§, inbem er fdjreibt : ,,3d) bin oon jefct an für Sic 
gar nicht mehr bange; Sie roerben ein IjobeS Sitter erreidjen. 
2Sa3 Sie gelitten, Ijat 3hren Körper ntd)t gefdmmcht, fon= 
bem abgehärtet. ©3 blüht in biefem ölauben eine meiner 
fünften 9iofen." 

$er ehrliche Söaggefen mit feinem fdjönen Diofenglauben 
roar leiber fein guter Prophet; aber junädjft geftaltete fid; 
Schillert £eben, ba U)m bie brüdenbe materielle Sorge \)'\n= 
weggenommen roar, weitaus erfreulicher. @r tonnte bie 
Höllenfahrt bura) bie äantfdje ^Pt)itofopl)ie grünblid; burdj* 



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216 



Sie bäniföen §reunbe. 



maa>n, um, nrie £ante, bie Sterne rDteber§ufct)cn unb jene 
lid)te &öf)e mieber $u erreichen, mo „bie reinen gönnen" 
wohnen. Gr fonnte mieber roerben, maä er im ©runbe inu 
mer geroefen mar: ein £)td)ter. Gr fonnte, roofn'n ifjn eine 
alte <5ef)nfua)t trieb, feine fd;iuäbifcr)e §eimat mieber befugen. 
2113 if)tn bort, ba er unter Gltcrn unb ©efdmiiftern meilte, 
feine grau Hoffnung auf 9iad)fommenfdmft gab, ba meljte 
ben (Sdjmergeprüfteu , immer nod) fieibenben, ein £üftd)en 
be£ ©lüdeS an, unb er fonnte bie SDorte nicberfcfyreiben, 
burdj bie allerbingä ein tragifd)e§ £eib gittert, bie fdjönen 
Sorte: „3$ werbe jugleidt) bie greubc be3 <2of)ne$ unb 
$ater§ genießen, unb e£ wirb mir jmifa^en biefen beiben 
Gmpfinbungen ber SRatur innig rooljl fein. ift mir, aU 
wenn iä) bie auä[bfd)enbe gatfel meines £eben3 in einer 
anbern mieber angejünbet fefye, unb id) bin auägeföljnt mit 
bem 6cf)id)al." 

Gine fotdje $aufe be^ Äummers unb ber Sorge banfte 
Sdjiller feinen ebteu greunben im Horben. Sp. 



Briefe iion ©vaf unb (öräftn Srijumnelmaim 
an $d|!Ucr unb (Cfiarloffe n, SdjiUer. 

. . . . 3d) Ijabe 3§ren Auftrag an meine grau au3ge= 
rietet; fie l;at mit uns aßen bie Hoffnung, Sie rjier 511 fefjen, 
nur ungern aufgegeben; mir füllen aber, bafi Sic niajt 



©rof unb ©räfin Sc^immelmann. 



217 



unfre norbif^c 2ltmofpl)äre ju 3fyrer SBiebertyerfteHung fuä)en 
muffen; mit bem innigften Vergnügen fmben wir bic Steffen 
rung 3^rer ©efunbf)eit gehört. 

(So intereffiert mir fclbcr babei fein mögen, fo füräjten 
mir bo<$ für ©ie jebe Slnftrengung. 

2Bir glauben, bafe eS für 6ie eine <PfIid)t ift, 3fjre Gräfte 
ju fronen, <5ie werben biefe 23erfiä;erungen nur ber ®e* 
(Innung ber aufrid)tigfien £eilnaf)me unb roa^rften &oa> 
ad)tung auftreiben. 

Äopenfwgen, ben 23. Sluguft 1793. 

6. ©. ©äjimmclmann. 

än SdjtUrr. 

Freusburg bei Hamburg, ben 1. Oftober 1795. 

£)anl fei ftfyxtx poetifcfyen 9)hi{e, bie uns roieber erfd^ie= 
nen. — 2)afj ©ie uns gletd) bie fjerrlidjen grüßte 3f)rer 
Sefudje mitteilten, Ijat miä) unaugfpreä)ltcf) gerührt. — 
hänfen min \d) nid)t — ein geroiffer 2)anf fjat feine SSorte 
— mären Sie ober babei geroefen, als mir be§ frönen 0e* 
nuffeä un3 freuten — roafjrlid) Sie Ratten jebe $anffagung 
ju falt gefunben; nun bitte idj unb ftcf)e im tarnen aüer 
9Jtufen unb ©rajien — im tarnen afleä ©Uten unb ©a)ö= 
nen — galten ©ie feft bie flief)enbe, bafj fie un§ nie mef)r 

fo lange oerfäjminbe. Siefe Sitte roill id) nia)t im 

Flamen aller SEBeiber »ortragen, e3 mürbe einen 2tnfd)ein oon 
©gotemuS ^aben. — Sie fyaben uns fo günftig befjanbelt, 
müßten mir e$ aud) einft oerbienen. ©ie felbft müffen un$ 
baju oerljelfen. SBiUig motten mir bem frönen <pfabe fol= 



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218 $ie bämfäen ftreunbe. 



gen in fyofjer 2t(mnng beä Sdjattenretd)3*). 3$ war eben 
im ^Begriff, eine 9ietfe f)ierf)er anzutreten, atS id) biefeä b crr= 
üd)e ©ebid)t erhielt ; e3 märe 2)rang meinet Joerjenä, 3b nen 
gleich ju jagen, toa§ id) babei empfanb — id) war aber un= 
fäf)ig, einen ©rief &u fdjretben, fo rote id) eS noä) bin — 
meine Sajroiegermutter, bie ©räfin Sdjimmelmann, eine 
3)?utter, eine grau, beren es wenige gibt, mar fo fa>Ied)t, 
baft mir für if)r £eben aöe3 511 fitrdjten Ratten — in biefer 
«Stimmung vertieften mir $openf)agen unb gitterten, bei ber 
9tnfunft fie fterbenb gu pnben. — 2ßie ein lädjelnber ©nget 

empfing fie un$ — unb — mir hoffen aufs neue . 

2>ie quatooEe 9ieife unb bie ©rfdjütterung be3 2Bieber= 
fe&enS — felbft bie neue Hoffnung ^at mid) fo angegriffen, 
baft id) faum bie geber galten fann. S3eqetf)en Sie alfo 
biefe Unorbnung. — 9)?ein SJiann, ber in berfetben Sage 
ift, fann 3&nen fjeute niäjtS über 3()re frönen ©ebiajte fagen. 
— Sie roiffen aber, mag er nidjt fagt, roa3 ia) nid)t ju fagen 
oermag. — 

3d) babe Safobi auf einige Slugenblide in (Sutin ge= 
feben — mir fprad)en 3bren tarnen au§, fein Sluge ftraf)lte, 
unb mir famen uns ncüjer. — — 9tod) mödjte i<$ 3^nen 
gerne Saggefen nennen, aud) ^urgftaH**), eä ift mir aber 
toeber in ber 3 e ^/ nodj im SRaume möglid). 

©ebenfen Sie unfer, mir oerbienen eS. 

Gf)arl. Sd)immelmann. 

*) 2)er fpäterc Eitel lautete: „$a§ Sbeal unb baS Seben". Sa« 
@ebicf)t ersten im 9. £eft ber §oren, roelcf)e3 e^itter ben bänifdjen 
Jveunben jugei^ieft fjatte. 

**) Sluö bem fieqrifcfjen Örafengefäfecfjte biefeä 9!amen§. 



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Öraf unb Öräfin 8(f)tmmelmann. 



219 



3n SdjiUcr. 

&ouenf)agen, ben 20. ^Tejembcr 1795. 

gür ben ad)ten Seit*) ber fcorcn, für 3f)re fjerrlidje 
Glegie, für 3^r SInbenfen, Ijabe id) Sonett fa>n lange ftill= 
fd)weigenb einen Ijer^lid^en $ant gejagt. 9hm erwarte id) 
Sfjren Sllmanadj mit Ungebulb, er wirb uns meljr als $t\U 
uertreib geben, er wirb uns in ber 3^it über ade ©renken 
ber unD De $ StouweS oerfefcen. ^iun ban!e idj 3*men 
im Boraus für bie öabe, für ben neuen Oienug im neuen 
3al>re — für biefe Erneuerung, fo managen ©enufe, ben i$ 
3*)nen fdmlbig bin — fo r>erbiuben fidt) bie tieblidjen <Stun= 
ben ber Vergangenheit mit ber 3ufunft — für biefe 3tutu 
ben fjaben mir weber Ul)ren nod) 2Umanad)S, fie laffen jtd) 
nid)t beregnen, weil fie nur empfunbeu werben. 

SBalb werben Sie einen greunb oon uns unter Sutern 
Sacfie fe&en, vielleidjt ift ©raf SßurgfitaU fd)on bei Sutten 
gewefen — id) empfehle ifjn nid)t, ebenfowenig als idt) 3f)nen 

einen 93ruber ober <Sofm empfehlen mödjte ■ unfre 

Seelenoerwanbtfdjaft ift mir bafür 23ürge, bafc aud) <Sie fict) 
balb ftnben werben, balb fid) einanber na^en unb aud) feetcn= 
oerwanbt füllen werben. SpurgftaH wünfd)te es aber, in mei= 
nem Briefe genannt ju werben, bafür mufe er aud) mid) nennen 
— unb td) beneibe it)n wirflid), es fo münbtid) t(mn 511 
fönnen. Ghrnft Sd)imme(mann wirb er 3f)"W aud) nennen; 
wenige fjaben ifm fo gans oerftanbeu, wie ^purgftaU — aud) 
(ieben fie fid) brüberlid). 



*) goll roof)l f)etf$en „ben X. Zeil", in roeldjem bie ©fegte er* 
fa)ienen war. 



220 



2)ic bämföen greunbe. 



3$ fd>rieb 3^nen auS Ahrensburg, bafe wir für unfrc 
geliebte franfe s J)iutter hofften — Sie teilten unfrc Hoffnung 
— jefet ift ftc fchon nict>t mehr, fie entschlummerte fanft unb 
läd;elte noch liebenb ihre flinber an, im legten Slugenblicf 
ber Befreiung oon ihren Seiben. — GS war eine feltene grau, 
fo geiftreicf), als liebenb — aud) war it)r Umgang belebt 
unb äufjerft intereffant — fie trug ben echten Stempel einer 
fdjönen Seele bis auf bie lefcte Stunbe — fo fanb ich waf)= 
res Sebcn in ihrem £obe. 

Sie Gegebenheiten beS Krieges befdjäftigen uns r)icr in 
^üefftcht beS gnebenS, aud) hoffen wir, bafe ber reuublifa* 
nifche ©eift noch nicht ganj auSgeftorben fei — ber innere 
3uftanb granfretd)S ift aber nod) fo rätfel^aft als je — bic 
granfen finb uns ju nahe unb ju fern — mir uerfte^en fie 
nicht, weil wir fie fehen — it)re luxe parisien ift ganj un= 
erträglich in einem folgen Slugenblicf. 

3Ketn mann läßt 3hnen oiel Schönes fagen, er ift mit 
©efd)äften geplagt, ftc töten nicht feinen ©eift, wohl aber 
feine %t\t 

33aggefen, ber jefct in ßiel bei Dieinfjotb ift, $at oiel 
gelitten unb erholt fid^ langfam, mir hoffen bod) feine 23ef= 
ferung. 

Seben Sie recr)t wof)l unb oergeffen Sie nie, bafe (Sie 
in Sänemarf wahre greuube h<*ben, bie im Öetfte in 3h rer 
s Mf)t leben unb weben. 

Gf)a*l. Schimmelmann. 



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Öraf unb ©räfin @d)immelmann. 



221 



$openl>agen, ben 26. £e$ember 1795. 

Xtö je^nte Stüd bcr &oren, oon 3^rcm 33rief begleitet, 
befam idf) in einem 2lugenbli<f, ber midf) red)t geftimmt femb, 
beibeS gang f$äfeen imb genießen. 3d; fage 3f)nen 
nidfjt, mit melier ©mpfmbung iü) 3()ren frönen S3rief las 
— unnennbare ©efüf)le, bie meine 6eele burd&brangen, laffen 
jidf) nidfjt mit SBorten auäbrücfen — 3f)ren 3 ailDer Pi n fel 
befifce idf) nidfjt, fonft fönnte idf) oieHeidjt fcfjilbern, roaä fid> 
nidjt fdfjreiben lägt — unb fo ift e§ mir oft, inbem id) 3()re 
Seele f)öre, id; lefe nidfjt, — idf) oernef)tne bie Harmonie, 
unb werbe l)ingeriffen r»om magifdfjen Xon — fo toar es 
mir beim ©mpfange, beim £efen Q^reö 93riefe3 — unb biefeS 
geft ber ©rajien*), roeläjeä fo ganj im oöüigften Ginflang 
mit meiner (Seelenlage ftimmte — e£ war un3 beibe, als 
r)ätten (Sie unfre oerflärte Butter gefannt unb gefefjen — 
iljr Qbeal mußte uns fo oorfdjrceben im ^eiligen (Gebiete ber 
2Bat)rr)eit unb 9ktur. 

3f>ren 2luffafe über baä SRaioe*) Ijaben wir gelefen unb 
oerftanben — ganj genoffen unb gefüllt — mit ©ntjüden 
f)aben mir alle biefe letfen ©puren oerfolgt, bie bi$ tn£ 
Heiligtum hereinbringen — roo ber <Sd)leier nodfj ftdjtbar, 
bodt) nidf)t mef)r in Eunfel f)üllt, was ein fterblidjeS 2luge 
faum meljr erblicft. 

$ie Teilung ber (Srbe*) ift fdf)ön, feljr fd)ön — ein 

*) „2>a$ geft ber ©rajien" oon §erber, im XI. ©tiid* ber §oren. 
©Benbafetbft waren ber nadj^er angeführte Sluffafe über ba$ v Jfatue unb 
bie Seilung" bcr Grbe, lefctereS @ebid)t anonym, erfdjienen. 



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222 



2)ic bimifdjen ^wunbe. 



lautet 53rat>o ertönte babei in ber 8tube — lafjen Sie ja 
bie &oren bed fünftigen 3 a ^^3 und }o unenrroeüjt erteilten 
unb l)inflief)en — fie werben und aldbann nid)t entfliegen. 

£ie golge ober ber 9iad)f)all ber äft^ctifd>cn Briefe 
müffen immer nod) bie &oren beleben — feien Sie im ©eifte 
red)t ^erjlid) gegrüßt. 

Cljarl. Sd)immelmann. 

^urgftall wirb 3f)nen t»ietletd)t Grnft unb Gl). Sd)im= 
melmann genannt fjaben — ed tt)nt mir leib, ba& er fo fur$ 
bei S^nen blieb. 

än SrijilUr. 

ftopenf)agen, ben 2. gebr. 96. 

3f)r freunblid)er 3 uru f ^ m ™ ü ^^ e Steube gemalt, 
lieber Sd)iller. 2>arf id) Sie aud) fo nennen? — 2>urd) 
bic (Srfdicinung unfred greunbed ^urgftaH finb mir und 
näfyer gekommen, im 9iaum aud; näljer, fo fd)eint es mir 
— unfre ©eifter Ratten fid) fd)on begegnet, bied fonnten Sie 
aber faum afynen, mir wujjten ed — nun fjaben Sie ©ruft 
Sd)im melmann gefeljen, gehört, oerftanben, bod) mürben 
Sie oteHeid)t felbft nod) mel;r finben ald ^urgftaH in fo 
furjer £eit 31; neu jeigen ober fagen tonnte. &at er mid) 
aber genannt, fo finb Sie getäufd)t, ol)ne bafj er ed wollte, 
burd) %tyx eigned S^cal waren Sic ed fd)on oiclIeid)t — er 
jeigte 3f)nen bad SBilb im 3öuberfpiegel ber $pf)antafte — 
mit ^idjterblicfen fef)en Sie Ijinem — id) oerliere in ber 
2Birflid)feit babei — ot)nc ganj profaifd) $u fein, fonnte 
bod) nod) fo mand)ed anberd unb beffer fein, ©lauben Sie 



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©raf unb ®räfin Sdjimmelmann. 



223 



bied feft, unfre 9lbenbftunben finb meifteud fo roie fie 
gefdjilbert f)at, lebenbig unb intcrcjjant — rote oft roareu 
Sie aud) mit und — rote oft belebten Sie unfern engen 
Jlreid — ber aldbann roeit über alle Sphären reichte — in 
folgen Momenten bed wahren geben« würben Sie gern aud; 
unter und fein, fo roie Sie beut ©eifte nad) mit und roaren, 
bad roeiß id) — ad) baß unfre &>of)mmgen fo getrennt fein 
muffen — ba roir nur eine §eimat fennen! 

SBad ^SurgfiaH oon %l)vtx GJefunbtjeit fagte, madjt mid) 
aber oft traurig. £od) roeiß id) aud (Srfaljrnng, baß foldje 
Stunben bed Seibend aua) iljren 2Bert f)aben — nur bie 
Sdjlaflofigfeit ift fo ermatteub unb babura) traurig. £aß 
Bit fogleid) unfern greunb ty. fo gefannt Ijaben, mad)t mid) 
reäjt glüdlid), unb id) muß ed 3l;nen gefteljen — ba er ba= 
bei fo glüdlid) fein roirb — fjabe id) iljm S^ren Sörief ge= 
fd)idt, ia) fonnte ed nid;t (äffen, £a Sie it>m fo oiel ge- 
worben roaren, mußte er aud) roiffen, baß er 3t;nen etroad 
roar — 511 furje 3^it blieb er in 3ena, id; jürntc hierüber, 
er aber flagte fein Sdjidfal an — uno id) mußte fdjroeigen. 
SBirflid) ift ed oft, ald follte ber SOienfd) nur minutenroeife 
bad xvafyxt £eben genießen, ba er ftunbenlang tjinleben muß, 
ober Eingeben muß — fein beffered Sein. £od) nur in ber 
Seit. 

3l)ren 9)?ufen;2Umanad) Ijabe td) fdjon lange, oielen 
©enuß gab er mir — ed ift feiten, eine fo glüdlidje Samm^ 
lung anzutreffen. Slud) frönen bie legten Xeile ber föoren 
ben ganzen 3af)rgang — r>ieloerfpred)enb für bie 3ufunft 
finb und bie legten lieblidjen Sone — — meine Sdjrocfter 
Sibijlla SReoentloro ppurgftaH roirb fie gijnen genannt fyaben) 



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224 



Sie bänden greunbe. 



f)at neulid) ein liebet ßinb oerloren, einen flehten breijäf)ri= 
gen ftnaben — id) weiß, Sie werben es teilen, ba Sie burdj 
3f)ren Sof)n fo triele 33aterfreuben fjaben. SWeine Sd&roefter 
meint nod) am ©rabe ifjreS flinbeS, td) tyabe mit tfjr ge= 
meint — aud) i§re 2lngft in ber ßranffieit geteilt, au« ber 
Urfadje fjabe id) Sutten nidjt gleidj nad; bem (Smpfang 3f)re£ 
SkiefeS geantwortet. 3d) litt ju fef)r baran — meine 
S($iuefter fdfjrieb fo rüljrenb: „GS mar unfer jüngfteS Stinb, 
mir hofften feine gefjler mefjr in feiner (Sr^eljung ju be= 
gefeit, bie 9tatur mar i^m burdj bie fdjönften Anlagen fo 
günftig geroefen :c." Sie Ijaben nodj fünf ßinber, bie r-iet 
oerfpredjen, audj ift bie ©rjieljung aufjerorbentlid). — 93er= 
jeifjen Sie, lieber Sdjtöer, bafj id) ju lange meinem Serben 
nachgab — audf) 3ljre liebenSroürbige 5 rau — D * e ® D * e ' 
©ute — roirb es oerftefjen. $on meinem 3Kann ben f)erj= 
tieften ©ruß 

Gfjarl. Sdjtmmelmann. 



3n SdjtUnr. 

ßopenljagen, ben 14. 2lprit 96. 

Sieber Sdjitter, bafj id) fo lange ftitte fd)ttrieg, mar nid)t 
meine 2öaf)l — teils mar id; ma)t mol)l, teils füllte id) mid) 
beS SdjreibenS unfähig — aud; bleibt es nod) bei ber Un= 
fäljigfeit, raie Sie eS finben roerben. 

Seiten $ofttag erwartete id& oergebenS unfern Jreunb 
spurgftatt, ber aber nod) nidjt f»ier ift, id; l)ätte 3f)nen fo 
gerne ein lebenbigeS Söort in feinem Tanten gefagt. 



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©raf unb QJräfin Sd)immelmann. 



225 



3§r tefeter 33ricf mit bem grocitcn ©tücf ber &oren*) 
machte mir triefe greube — roaS Sie oom Sbeatiftcren fagen, 
ift fo ganj aus meiner ©eele genommen, nur fjätte idj e$ 
faum mir felbft fo erflären tonnen, nod) weniger in foldje 
glü(flid)e 2tusbrücfe jur £arfteflung bringen, e3 ift fo — 
nur im reinen 3beal finben roir bie 2Bar)rt)cit — bie 2Birf= 
lid)feit fann e3 nur frören, nid)t aber e$ vernichten ; oft fanb 
iti) e3 ungerecht, bafj roir erft nad) bem £obe einer fdjäfc 
baren ^erfon ein befHmmteS gutes Urteil über fie f)örten 
ober felbft fällten — jefet ift e3 mir einleud)tenb geroorben, 
ba& roir alsbann erft, roo bie 2ßirfltd)feit aufhört, mit un= 
rierroanbtem SBlirfe im 9?eidje ber 3been nur bie 2öal)rl)eit 
fet)en — ba roo feine unäftf)etifd)e 2Birflid)feit unfre reine 
Silber verunftalten ; btefeö fül;rt mid) natürlich jum 2Bunfd)e 
ber 2lu3füt)rung 3t)rer reichhaltigen 3been über bie äfttje= 
tifdje (Erziehung unb 93ilbung beS 9J?enfd)en — aud) ift mir 
3f)r „©djattenreich" babei fo ganj gegenwärtig — foldt)e 
fd)öne träume fyabtn ir)rc Realität unb roerben nur ganj 
road) bei gellem listen £ag geträumt — foßte nid)t einft bie 
ect)te $^ilofopl)ie biefen Hoffnungen hutbigen? — roann roer= 
ben roir ir)n aber auftreten fet)en, biefen $erfünbiger ber 
rool)ltr)ättgcn ^3t)itofopl;ic? bleiben ©ie unermübet babei, 
guter ©a)iUer, bie fd)öne neue S3af)n mutig ju gefjen — 
laffen ©ie nidjt ab, für bie ©a<$e ber s 3)Jenfd)heit mächtig 
ju rotrfen — roir alle rennen barauf, inSbefonbere barf ich 
r)icr ©rnft ©d)immelmann nennen — mehr fann ict) 3h nen 
felbft hierüber nicht fagen — ©ie l)ören, ©ie verfielen bie 



*) 3af)rgang$ 1796. 

«Uber cm« ber S<$iH<rieit. 15 



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2)ie bänifdjen greunbe. 



Icifercn £öne bcr Seele, bie feine Sporte Ijaben — Sie 
rotten ba§ ©roigbleibenbe ju t>ernef)men, oljne 2Iuäbrucf ber 
Spraye — in 3f)rer Seele liegt bie Gntnritfefung unfrer 
Sßünfaje — leben Sie redjt roofjl nnb leben Sie unter uns. 

(Sfjarl. Sd)immelmann. 

^urgftaU ift eben angefommen. (rr lägt Seiten üiel 
Sdjöneä unb ^erjlidje« fagen. £ie ©ötttnger Gjiftenj, bie 
fc^r falt fein mujj, t;ätte tf)n am (Snbe getötet — wir finben 
ifjn mager unb blaß auSjeljenb. 



3n Sdjillcr. 

Seeluft bei $openl)ageu, ben 18. 3uni %. 

2113 id) 3()ren legten 33ricf erhielt mit bem nierten 
Stücf ber §oren, ftanb idj eben im Segriff, miä) einju: 
fdjiffen — id) rooUte nad) SRoftotf fegelit, uon ba über £re*ben 
ober Seipjig nad; Starläbab gefjen, an ber Cucße ber ©e= 
funbfjeit fd)öpfen — bie ganje SReife $u fianb ju madjen, 
baju füllte id) mid) ju fdjroaa) — eine entfernte Hoffnung, 
Sie in 3ena üielleid)t 51t fefjen, belebte mid), bod) mar bie 
Trennung fef)r traurig — unb roie betäubt bradjte id) jroei 
Sage unb jroei 9iäd)te im Skiffe gu. 9iun entftanben 
Stürme von Süben — id) warb surücf getrieben — id) falj 
ba§ freunblid)c Ufer uon Seelanb roieber, id; fd)idte ein 
33oot ans £anb. ftaum erfuhr eS mein 9)iann, als er in 
einem fleinen SBoote ju mir eilte — biefeä unerwartete 2Bie- 
bcrfcfjen mad)te e£ uns beiben unmöglid), an bte Trennung 
ju benfen, unb nun faßte i<$ fogleid; ben Gntfd&Iufe, auf ber 



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©raf unb ©räfin ©d)immelmann. 



227 



<janjen SRetfe &u renoncieren. <2o ftegte baS §er$ über bic 
Vernunft, bod) mar eS mir aua), als belebte bie Vernunft 
anein §erj in bem Slugenblicf, ba id) ben Gntfdjlug fafjte, 
jit bleiben, ©in fola)eS ®efd)enf beS 6d)trffatS f)at oicl meljr 
SBert, als ein too^l ausgebauter tyian in ber oollfoinmenfien 
2luSfüf)rung eS Ijaben fann. SDietne fdmmdje ©efunbljeit 
werbe i<$ f)ier pflegen — ein lebenbiger Umgang ift au$ 
^eilbringenb — unfre länblid)e SSofjnung, fo liebtid) unb 
freunblid), tyätte id) nirgenbS gefunben — bod) freute ta) 
mid) ber größeren Dtoturf&enen in gebirgigen Sänbern. ©oetfje 
tiättc id; t>ieHeid)t in flarlSbab gefeljen, biefeS f»ättc mir nia)t 
gleid)gültig fein lönnen — gerabe jefct l)ätte i$ in biefer 
intereffanten S8efanntfd)aft mel)r nocfy gefunben als fonft. 
*purgftall §at ®. beffer oerftanben, fo fdt)icn eS mir, als bie 
meiften, bie ifm fallen. £af$ 6ie mit il)m glücflid)e Stun* 
ben jubringen, bafj er in %1)Ttm Umgang fein beffereS 
SBefen finbet, fjatte id) fd)on oon ^urgftatl gehört unb gern 
gehört. 3n lefeten Briefe beftätigen (Sie biefeS, aud) 

nennen Sie 2Bilf)elm 3)?eifter, fo nrie id) es begreife — 
md)t ganj fo wie id) eS felbft emoftnbe — ein foldjeS ßunft; 
roerf fonnte id) im ganzen faum berounbern — mein un= 
geübtes 2tuge erblitfte nur einzelne ©jenen — bie mia) aber 
aud) Einreißen, id; geftclje eS. (Sine fo tiefe 9)?enfcbenfennt= 
niS oerbient S3en>unberung; obgleid) id; bie 3Wenfd)en nid)t 
gern bloß unter einer gereiften ©eftalt gejeid)net fel)e, fann 
id) nid)t it)rc 2Bal;rl)eit oerfennen. 9)Ht biefem 23ud)e ift eS 
mir gegangen, als fäfje icf> ein fd)öneS ©emälbe ber Ecole 
flamande — eS finb nid)t meine ßieblingSftüde — id) fyabt 
!RaffacI lieber — feine gbeale ftnb mir näljer als alle betai(= 



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228 



Sie bänifdjen ftreunbe. 



licrtc 2Birfliä)feit, bie midj umgibt — boa) fü^Ie bafe 
bicfeö in mir liegt. — 

£ie ©jenen am SRfyein unb in Statten befd)äftigen un& 
ganj — bie granfen liegen überall — e3 f^roinbet alles in 
iJjrcr mächtigen ©egenroart — it)rc geinbe fdjeinen mir eben* 
fo fteinlid) aU fie mir groß oorfommen. ®er ;Kame von 
SBuona Sp(arte) ift fd)on im Tempel beä Stuljmeä auf eroig 
eingeführt — er ift niä)t bloß ein friegerifdjer §elb, er ift 
ein großer Wann in jeber 9tucfftd)t — fotlte e3 roirflidj 
t>ielc foldfie 2)tänner, al3 er, ^i^egru, 3)toreau 2c. unter biefen 
unüberroinblidjen SRepubltfanern geben? — fteben i^nen eine 
©djar jafobinifdjer 9J?orbbrenner, bie nur %ob unb 23er* 
roüftung rooHen — roie rätfel^aft ! — roer roirb e$ untemef} 5 
men, bieS affc5 511 fajilbern — roer roirb it)n f äffen, ben 
großen ©etft unfrei 3al)rf)unbert3 ? roer bie ©eftalten orbnen, 
bie un§ fo d)aotifd) umgeben? ~ gern gäbe tdj Syrern 
©eniuä einen SQBinf, ber mir aber nid)t jufommt, it)n ju 
geben. — 

2öir erwarten balb 33aggefen in unfrer ©egenb — 
enblidj roirb er t>icÜcirf)t in feinem 23aterlanbe einen §afen 
finben, nad) langem föerumirren in ber grembe — er mußte 
meü'eidjt bie ©türme be3 D§ean3 erft rennen lernen, beoor 
er bie SRufje — bie lebenbige 9tor)e genießen fonnte. — 

Entfernen Sie fid) nidjt ju fet)r oon unferm §afen, roo 
Sbr 5lnbenfen lenktet unb lebt. 

6. ©. 

^erjeirjen ©ie ben fd)led)t gefdjriebenen S3rief — ©ie 
roiffen, baß id; eigentlich nid)t beutfa) f abreiben fann — nur 
beutfd) benfen fann ia). 



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Öraf unb (SJräftn ©Zimmermann. 229 



3n SdjiiUr. 

ftopenljagen, ben 8. September 96. 

9)tit wahrem Verlangen faf) iä) einem ©riefe von Seiten 
entgegen, ber enblid) midf) geftern erfreute; bie Segleitung 
ber fcoren mar mir audf) feljr angenehm, aud> für ben neuen 
9ttufen=2llmanad) fage id) %l)ner\ einen fjerjli^en 2)anf! 

Stafc Sie eine fo traurige Gpod)e für 3f)r SBaterlanb*) 
teforgt erlebten, f)abe id) geahnt, aber bie Sd()reden3um= 
ftänbe in Syrern gamilienjirf ei **), fjätte idt> fie bamate ge= 
raufet, Ratten mid; fct)r geängftigt. (Sin fo ftnftereS ©emälbe 
{)at midf) nodj iefct 511m Sdjaubern gebraut — etroaS rul)i: 
ger, bod^ nid)t weniger teilnef)menb, benfe id) mir bie ©e= 
fafjr, bie Slngft, bie Sie jefet überftanben f)aben. 

3um flehten 5Reugebornen roünfdfje id) Sutten unb ber 
ftebenben Butter oon ganjer Seele ©lücf unb (Segen — er 
fei 3f)nen immer, ma3 er 3§nen nun mar, ein lieblidjer 
Strahl hinter ber finftern Sßotfe — bie SBolfeu uerfd)nrin= 
fcen — ba& (Sie beibe meiner bei ber Slnfunft be$ kleinen 
fo freunbfdjaftlid) bauten, \)at mi<$ innig gerührt, einen 
2>anf bafür fann idf) fo nidjt mit Korten l)infd)reiben — 
t)erftef>en Sie aber biefen $anf, fo bin \<f) jufrieben. 

3f)ren reid) faltigen 9tfufen=2llmanadf) l)abe id) nod) 
31t flüchtig fennen gelernt — ber ganje unb roafjre ©enufj 

•) 3n SBürttemberg f)atten bie granjofen gekauft. 

••) ©djittcr« ©d)roefter Manette mar im ÜJiärs geftorben, im $erbft 
folgte iljr naä) langer Äranlfjeit ber SSater naa). (Srnft, ber SReugeöorne, 
fränfelte unb ©ajiller fefbft litt an Äränipfen unb 3af)ngefd)n>ür, „roel* 
d)e« mir ba$ £e6en orbenttia) ueileibet". ; SBrtcfro. mit Alörner). 



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230 



$ie bcmifäen ftreunbe. 



bleibt mir nod) übrig, bodfj fanb ia) fdjon fo mandjeS, 
ba3 mitf) red)t glürflid) maajte. 

•DJandjer Sefer — id) fürchte e§ — roirb ftdj an bem 
fprubetnben Sßtfce laben, niä)t tiefer unb mit @mft an ber 
Duelle köpfen, mand)er audj üieffeid^t com fd)arfen Pfeile 
getroffen ben jürnenben 2flufen 511 entfliegen fud&en*). Sie 
nannten e3 aber felbft eine ÄriegSerflärung — id) bin 
üielleiäjt fer)r tum ber Partei be3 eitrigen griebenä — 
unb bie litterarifdje Söett fotlte, fo fdjeint e3 mir, ber polU 
tifajen Sßelt ein fd£)öne3 93eifpiet geben — bei einem Kriege 
fliegen alle Sflufen unb (Skalen, fo ttrie bei biefem 2Bei3r)eit 
unb ©ereäjtigfeit fliegen — immer finb bie naljen golgen 
traurig — ad), lieber SdjiHer, Sie foßten nidjt, fo fdjeint 
e3 mir, fidf) an bie Spi£e ber £riegfüf)renben (teilen, nidjt 
im tarnen ber 9)?ufen bie ©eifcel fcrjroingen — oer^eitjen Sie 
meine 2lufriäjtigfeit, ia) t)örtc fdjon fo mandjeS Urteil, fo 
mandje giftige Slnmertung — aud) aufria)tige klagen ber 
©utgefinnten — über bie enge Sßerbinbung sttrifd)en Stiller 
unb (Soetfje. $)enfe id) mir ®. als SSerfaffer ber 3pr)tgenia 
unb £affo :c, fo oerftefje icrj für meinen £eil biefe Seelem 
oerbinbung unb roünfdfje beiben oon Sergen ©lücf jur innige 
ften Skrbinbung — t)öre id) aber oon ber ©jifienj im 9taum (?), 
bie ficr) ©. geroärjlt t)at — fo werbe iä) baran ganj irre: 
place entre la cour et la basse cour, feinen ©eniuS im 
Umgang ftetS oerleugnenb, ein unebleS SBeib an feiner Seite, 
bie ilnn meßeidjt, wie Sfjerefe einft für SRouffeau e3 t^at, 
allel fdjroarj anftreidjt, maä it)r nid)t ät)nlid) ift — fur& ein 



*) £er 3Hufen=2nmanacf> für ba^Safjr 1797 enthielt bic Senien. 



©raf unb ®räfin <2d)tmmelmann. 



231 



fold)eS ©emälbe oou ®. feiner Sage (foüte cS roafjr fein) 
erflärt mir 51t fe^r feine 33itterfeit, feine $erad)tung gegen 
baS gefamte 2Jtenfd)engeid)led)t — jroar fd;aut er mit tiefem 
33lide ins menfa;lia;e §erj herein unb finbet barum feiten 
ed)te £ugenb — bod) biefe SlUgeroalt beS 33öfen unb fiebri- 
gen im 9Henfdf)en fo aufjuftellen, ift nid)t, fo beud)t es mir, 
bie Aufgabe eines magren &?eltoerbeffererS, ber in feiner 
ganzen 2öürbe auftreten toiH unb fann. — Sie felbft lehrten 
unö 2lnmut unb SBürbe fo fyod) 511 fdjätjen, matten fie unS 
überall fo unentbef)rttdj. Sie belebten meine ©ojfming ber 
■ittöglidtfeit, eine äfttietifdje SBelt in bie mirflidje SBelt 
hinübergetragen ju fef)en — laffen Sie nid)t ab, uns baS 
fd;öne 3beal ju jeigen, unb cS wirb nid)t mef)r ein Xraum-- 
bilb bleiben — es roirb feine Realität behaupten trofe aller 
^aubf)eit unb 2lbgef$macftf)eu ber jefeigen ©eneration — 
nicf)t alle finb taub, ntd)t alle finb gef unten, weil eS otele 
ftnb — Sie felbft fagen eS ja — eS bleibt ein inneres 
Streben nad) 2Bat)rt)eit trofe aller Irrtümer — bod) id) 
mürbe nid)t aufhören, rooHte id) Sie felbft für mid) citieren, 
mir finb, id) Ijoffe eS, hierüber eigentlich fo ganj einig, glau= 
ben Sie aud) ja ntd)t, baß id) (55oett)e mi&oerftehe — nur 
feine jefcige Stimmung ift eS, bie id) münfdje, fern ju fetyen, 
* fern oon 3f) ncn — bod) ©.! — lefe id) feine 2Ue£iS unb 
£ora jum 93eifoiel, fo bin id) gleid) gewonnen — überhaupt 
ift ber 2ftufen=2llmanad) fo fd)ön — oft aud) fo originell — 
f;at uns beibe redjt glüdlid) gemalt, ia; roieberf)ole es — 
id) fagte 3^nen nur als greunbin, roaS id) l;örte — unb 
glaubte es Sfjncn fagen ju müffen — id; redjne aber bar= 
auf, bafj Sie gleid; biefen S3rief oerbrennen unb oergeffen. 



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2~z$ einen " ^ ^eni xiidj 

Iü>:n — ur.r r.un rrr i± rtir. i-ur.fi, ibn ielbit ju 
rerrTenr.en * t — c::± r: ri^ii fcuri einen 3 u ^ a ^/ Mi 
ei n:±t ce'±-b — leben 3ie rii: rctl — im roabren 
Sieben nir.lip — ziUr.Un 3:e ur/er in Der einiamen 
3:un:?, irr urrre Gei^r vi rii-d±i te-earen. 

Cbarl. 3. 

Gin cnr.'eli^ti ^i:erae ; ±enf r:r^ mit fror ^ou au* 
Hamburg fclaen. — Zie bc«ere Gube überlade tet) einer 



*> Xez Srief in, in ber Kitte ur.;e* ;£r, mit neuer *eber ge= 
^rieben. 2« Sdjreiberin Izi «rrexmal cr.:e>*e$t, de cären ib> unter 
bem € ^reiben £e&en!en cefesiinen, cb ber *crte Senseis audb nattfjaft. 
3±:Uer melbet barüber an ©oetbe tlS. Xrrember 179«5): „$n £or>en* 
fc-gm ift man aueb auf bie Senien a-n; crirnrv.j, cie mir bie 5cfyixn= 
melmann beute treibt, bie jirir eine liberalere Sentimentalität Ijat 
unb - cenn fte nur fönnte, gerne aert±: gegen im* märe . . . 5Nir 
wirb bei allen Urteilen bieder 3trt, bie td> necö gebört, bie ntiferable 
Stelle be* Serübrten ju JetI: Sie baben bei neeb ben 2xoh be* «er: 
führet*." Sciüler ift übrigen* für ben ^reunö tarier eingetreten unb 
fibeint namentlich aurf) über ben 3j»etmarer Stcbtflutfdj, ber 6t* hinauf 
in ben Horben gebrungen mar, nacb ©eb.übr fti ausgelaufen ju b,aben. 
6xann Sdjimmelmann antwortet auf feine 3lb:rebr (Cb.arL x>. ©. unb 
ib,re Jvreunbe II. S6ö): r .©a* 3ie meinen Jabel nannten, wußten Sie 
mir 3U oerjei^en; aueb, roar bie offene £>er;enefr»racf)e ein $en>ei§ meiner 
ganzen Ädjrung . . . id) brauebte feine neue Uebeneugung, bodj bin id) 
je$t über ifjre enge Serbinbung mit (?cetbe fo ruf>nj, bat i$ m id) burtb, 
fein frembeä Urteil toerbe irre fübren Ia««u SQe*, roa* Sie mhr übet 
feine Sage, fein b,äu*lirfje* 9&efen fagen, ift mir genug. 3$ glaube fo 
gern an roabre @röfje be* Seifte* unb bulbige fo gern ber ed)ten Sugenb.. . 
2>ie aütagSmenfdjen, bie um im* berumcimmeln, madjen e* un* nodj 
me^r ?um »ebürfnis ber Seele, bebere ©einer ju fuc^en ... Sie ©er= 
fannt ju fe^en, maebt traurig. $n biefer Stimmung febrieb i* $b,nen 
lett." 



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®raf unb (Gräfin e^immelmann. 



233 



fyöfjeren §anb. — &>ir erroarten mit ber gröfeteu Unge; 
butb ben brüten £eü 30«* ©eiftcrfef)er3. Solitc ber 93em 
oenuto (Seßim*) balb ein feligeS Gnbe nehmen, fo fyabe 
idjj nichts bagegen, imb iti) tanonifiere if)n gleidfj, bamit er 
nur auffjöre. 

an SöjtUfr. 

ßopenfjagen, ben 13. £e$ember 1797. 

£)a(3 i<f) immer meine Briefe mit Gnt)cf)ulbigungen am 
fangen mu&, ift eine roafyre §ärte be£ Sdf)idfal3 gegen mid), 
ba id) in SRüdfia^t ifjrer fo ganj fa)ulolo§ bin. könnte id), 
ftatt Briefe, $\)t\tn (ebenbige SBorte be$ Banfes jurufen, 
lieber SdfjiHer, fo mürben Sie bie Stimme be$ §erjen§ oer= 
nehmen unb eS ganj roiffen, mit meinem ©efü^le id) 3*)«" 
Brief unb 3^ren Ijolben 2Umanacf) empfing — jaroof)l finb 
e3 Jmrmonifd&e frteblid&e £öne ber 3)?ufc biefesmal, bie über 
jebe 3roicfrft$t fiegenb einen lieblidjen ©inbrud jurüdtaffen 

— für biefen frönen reinen ®enufj mödjte id) 3$mn meinen 
2)anf bringen, olme geber, of)ne Rapier. — 

2ßir Rotten fdjon im Cftober f)ier bie @rfd)einung oon 
©oetfjeS §ermann unb SJorotfjea — mir roaren entjütft unb 
erfannten auä) im neuen ©eroanbe ben f)of)en Greift be£ 
eä)ten föidfjterS — bod) ^at un£ (55oetr)e bieämal überragt 

— möd&te er un§ oft fo in3 Heiligtum ber 2Baf)rI)eit fjeretn* 
führen, id) mar immer geneigt, ©oett)c nierjt ju oerfennen 
unb füllte midf) befdjämt, wenn 3 ro eif c t über it)n midf) 
ftörten. $urdf) Sie unb burdt) ^urgftatt fam idf) if)m näf)er. 

•) @oet§eö Ue&erfefcung erföten in ben §oren. 



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234 



Sie bämföen ftreunbe. 



^urgftalt lernte ©. erft in 3ena fennen; fie fafjen fid) in 
ber Sdnoeij — eine große greube mar e3 für SßurgftaU. 
Sie töiffen , baß er eine Sdjottlänberin gur grau fid) ge* 
roäf)lt f)at — er fdjeint redjt (nidjt?) glütflid) fein, unb 
ift nun enblidj in feine &eimat jurücf. 

3lUe Stagen finb auf SRajtatt geheftet — für SDeutfa> 
lanb ift e3 ein mistiger Slugenbltcf. Sollte 23onaparte aud) 
fner ©efefegeber loerben? — foflte er allein gegen ben ganjen 
Kongreß nrie ein gelä im SKeer fter)en unb feinen Splafc be= 
Raupten? wo ift ©ermanien geblieben? ift ©ermanienS ©eift 
fo ganj üerfajnmnben? finb nur granfen mefyr übrig in ber 
SSelt — fott beim aöeö bem 3auber i^rer 9Had)t unter= 
liegen ? 

33er5cir)cn Sie biefe £ef(amationen — mir fjaben f)ier 
in Stopenfjagen einige 9ieu:granfen, fie befugen mid) oft; 
id) fann uict)t ben Si£ ifjrer SSorjüge ergrünben — baß fie 
oberfläajtidjer alä bie SDeutfd&en finb, fefje id) unb merfe idj 
immer — it)re ©nergie finbe id) aud) nur in iljrer ©efdf)td)te ; 
felbft in i^rem ©efd)tnacf finbe td) oft einen Langel, ber 
auffallenb ift, unb bod) I;aben fie Stalten mit 2Bat)l ge= 
plünbert unb 9iom gebrofjt, racil feine Börner mefjr finb. 

©inen t)erslid)en ©ruß 3^rer lieben grau — oergeffen 
Sie beibe un3 beibe nid)t. 

Gfjarl. Sdjtmmelmann. 

Zn ftaa v. SdjtUcr. 

$openf)agen, ben 3. £)ejember 1808. 
3Bie gern Ijörte id; mieber ein 3Bort oon ber tfnbe* 
fannten greunbin — oon ber lieben &anb fälje id) fo gern 



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öraf unb ©räftn ©ajimmelmann. 235 



eine S^e roieber. Cft fanb i$ in ber Seit: com Dftober 
Söeimar genannt — unb bobet waren (Sie mir immer fo 
gegenwärtig — etroaS mef>r als biefe fttit t)örte i'ü) fo gern 
au$ biefem ftixhl — D0 $ ber ft(atfer) 2l(leranber) blieb fo 
fürs unter 3§nen, fo Wen eä mir — unb feine geliebte 
Sd&roejter*) mar roof)t nid)t bort. 

3n Söergleittjung mit bem oorigen SBinter**) füllte id) 
biefen 2luf enthalt in einem grofjen Saufe roieber — beinahe 
glänjenb ftnben; — bod) bie Seiten finb e3 nid)t, mir ftnb 
auf unfrer Qnfet fo umringt, bafe bie <3d)tffe au3 unfern 
eignen &äfen nid)t 51t uns gelangen ofjne grofce ©efafjren 
— einige fommen bod) unb bringen £eben$mtttet, £0(5, 
#of)len 2C, bo$ ift ein magrer Langel an fo mana>m, unb 
für bie arme klaffe ift e3 ein trauriger SBinter, ber fia; an= 
fünbigt — roir anbern tonnen nia^t fo jur §ilfe roie fonft 
aus Bielen Urfadjen — mir f)aben nod) bie Ue6erbleibfel be§ 
in grofjeu fiaufed — fo otele Seute mit ityren gamilien, fo 
mannen, ber nod) auf un£ redetet — roir leben geroifj nid)t 
in Ueberftufj, unb bodj ift fo manches Unentbef)rlid)e3 fo 
teuer, bafj e§ roie SuruS ausfielt — neutid) t)örte id;, roie 
bie Königin oon ^3r(euj3en) in ß(önig3)b(er)g fid) begnügte — 
fie, bie fonft nur Säbeln be3 @$i<f fal$ fannte ! 3^re Seele 
foH fid) babei fdf)ön gezeigt fjaben, mir ift fie fo weit interef= 
fanter als jur 3ett, ^o fie burd) ben äußeren ©lanj alles 
bezauberte. 33alb roirb fie bod), roie man fagt, naa) 33er litt 
äurücf fommen fönnen. 2lber bie Erinnerungen, bie werben 

*) 3Me ©rofjfjerjogin = ©ro$fürfttn 3Jlarie Ißaulorona. 
**) 33on ben Gnglänbern belagert, war Äopenfjagen für ben Äöntg 
unb feinen $of oom 2(uguft 1807 an unbewohnbar geworben. 



236 



2>ie bänifdjen ^reunbe. 



aud) entfielen, — e3 gibt ein £anb, i<$ nenne e3 f)ier nidjt 

— too grofje unb unerhörte Auftritte ftattfanben — ba 
muffen aud) £etbenbe oorfyanben fein! — £>odj anbrer 2trt 

— es gibt aud) eine ©eelens§eimat — faft glaubte man 
nid)t mef)r an fold^e träume — aud) wollen wir nidjt mit* 
träumen — SBorte fagen bod) nidjtS, unb bie geber, bie 
oft mefjr ober weniger matt mar, ift e3 jefet bis sunt ©fei. 
3)odj gibt e3 eine ©eelenoereinigung, of)ne SBorte — bie 
tiefften ©efüfyle bleiben unauägefprodjen — oieHeid)t ift e§ 
}o befjer — fdjöne oielfagenbe SBorte f)aben fo mandjeä ge= 
fdjroädjt unb oerborben. 

(Sie muffen uns bod) über ©(octtjc) feine 3wfömmen!unft 
mit bem St 9t.*) etrcaS erjagten — nur eine Sfijje — e3 
mufe f)öd)ft intereffant geroefen fein, bie erften Elemente be$ 
©emälbes aufzufangen, unb bann bie £)arfteflung in ber 
3^äl)e 5U betrauten. <Sef)r oiel bleibt für ben ©efd)id)t3= 
fdjreiber $u fammeln, roaS uns nur färglid) jufäßt — eS ift 
baä (Signe foldjer Momente, ba& man bie Menge ber ©egem 
ftänbe, 3been, Hoffnungen nur djaotifd) in ber @rfä)eU 
nung erblidt; man oerliert fid; im Mannigfaltigen, bie 93e= 
täubung ift eine nalje golge für unfre fdjroadjen (Sinne — 
einft wirb man mit 33ewmnberung btefeä ©an&e f äffen, mo 
mir beim einzelnen ftefjen blieben — id) mufe fo oft babei 
an Stiller benfen, „aber ein großer Moment fiel auf ein 
f leinet ©efd)led)t"**). — ©3 mar propr)etifd; ma^r; fo afjnt 
ber $>iä)ter in ber ©eifterroelt oiel ridjtiger als mir in ber 

*) ©oetlje ^cttte am 2. September 1808 feine befannte Slubienj bei 
Äaifer Napoleon in (Srfurt gehabt. 

**) „Slber ber arofje Moment finbet ein fteineS ®efa)Ied)t". 



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®raf unb ©räftn ©ajimmelmann. 



237 



f leinen fogenannten wirf Ii (Jen SBelt — biefe SBirflidtfeit 
ift von leidjtem, oergänglidjem <Stoff — e§ gibt ein f)öf)ere£ 
Reelles, nid^t jebem 2luge ftd)tbar. 

Unfre geliebte Königin lebt no<$ in ßiel, ba bie lieber- 
faf)rt ber 3Keere für ein fo fleineä ßinb wie bie jüngfte 
^rinjeffin nid)t möglid) ift. Sie Jatte bie große greube, 
unfern, i^ren ßönig unb geliebten ®emaf)l enblid) auf brei 
ober oier 2Bo<$en roiebergufe^en. — @r trotte allen <5le= 
menten unb allen Kanonen ber geinbe unb mad)te fdjnell 
bie befdjtoerlidje SReife; feine SBaterfreuben, fein 2BieberfeI;en 
ber geliebten Königin waren fein ßofjn; idf) faf) fie im 2luguft, 
als id) aus &olftein fjerreifte ; nie fanb id) fie liebenSroürbu 
ger unb intereffanter, fo lebenbig, fo jartfüljlenb, fo gefaßt, 
roatyrlid) eine fdjöne ©eele ! 2113 id) fie oerließ, ging idj über 
günen (roo meine 3ofep^ine*) glütflid) lebt); in trotte- 
bürg unb überall bort waren bamatö oiele ©panier, eine 
feltene ©rfdjeinung im Horben. @3 mar juft jur $eit, voty 
fie im füllen iljrc spiäne §ur naljen ©nttoidelung führten. 
Sine feltene ©utmütigfett fanben wir kälten an biefen ©äffen, 
bie toal)rlid) jal)lreidj) auf unä brüäten — bod) ift ber 2)äne 
audj) fo, baß er ftd) felbft balb oergißt, roenn man it)n nid^t 
oerfennt. — £)ie fef)r fd)öne unb reijenbe Snfel Sangelanb, 
bie \ä) nidjt fannte, mußte id) aua) betreten, benn es mar 
im Seite nid)t möglid), unter ben Kanonen ber ©nglänber, 
ber böfen (Snglänber fortkommen. $aum roar id) auf 
ber frönen Qnfcl, im <Sd)loffe beä bieberen ©rafen o. 211)1= 
felbt, ber als erfter Militär unfre Gruppen bort lomman* 

*) 3§re Softer, mit ©raf Detlef SReoentloro »erheiratet. 



238 



2)ie bämjdjen g^eunbc. 



bierte, als roir eä atynen mufjten, bafj bic Spanier fid) ber 
3nfel bemächtigen wollten, fid) eine Srüde barauS ju machen, 
unb jur englifd^en glotte hinüber. 3$ f<*$ mitfc mit Suife*) 
al§ gefangen an auf ber Qnfcl, wegen ber oielen feinblidjen 
Sdjuffe — bodj fjatten roir ba§ ©liicf, nad) Verlauf uon jroei 
1£agen im t (einen 33oot herüber &u fdjlüpfen, üicr beutfdje 
teilen. Qroti Äammerjungfern, ein Sebienter, Sutfe unb 
tdj, roir fafjen feinbltdje Skiffe, bod) ber SBinb roar uns 
günftig, unb unfre Seefjelben fmb e§ roaljrlid) im wahren 
Sinn, fte uerlieren nie ben Kopf — fie finb fo fdmeH, fo 
gefault, fo mutig — man mufj biefe 3Wenfä)en lieben; fie 
fennen feine ©efafyr unb gefjen mit bem £obe um roie mit 
einem bekannten greunbe. Kaum roar id) am Ufer, fo roaren 
unfre Spuren mit Gnglänbern bebest, ber SSinb f)atte fie 
augenblicflitt} roeggebradtf. 2>en Sag nad) meiner 2l6reife 
von £angelanb famen bie glüdjtlinge bei £aufenben an — 
rourben nad)l;er jur See abgeholt. £a bie gr. auä ©olftein 
mit 33lifce£fd)nelle anfamen, fo enbigte bie Sjene — bod) — 
of)ne Slutoergiefien, gottlob ! — £ier auf ber 3nfel Seelanb 
l)ätte e£ aud) fefyr unrufjig roerben fonnen — e8 gefdjaf) 
bodt), gottlob! nichts für un3 fo £ragifd>8 — bod) roir 
wollen lieber com f leinen, friebliajen Seeluft**) fpredjen, roo 
id) alles nad) bem $Befud)e ber Gnglänber bod) fo jiemlid) 
fanb — roie fonft. S)a3 §au3 ift fo einfad), oieHeid)t ba* 
burd) r)at es imponiert — ein &annoo. Oberft t)atte bort 
fein Hauptquartier, roo feine tarnen melir ©erlangten als 
ir. — Unfre SBeine rourben ju fdjön gefunben, ber Keller 

*) 3^re $lbopttoto$ter. 
**) $f)re Sanbroofjnung. 



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Graf unb ©räfin <5d)tmmetmann. 



iourbc ausgeleert, bod) fonft nidjtS geraubt; au$ im ©arten 
ni<$tS jerftört. — 

9?im mu& i$ meine unooHfommene Grjätjtuug enbigen, 
von meinem 9flann fagte td) bod) gern ein 2Bort, — mie 
eS i§m ju 2Kute ift in biefer 3eit, roerben 6ie mitempfinben 
— bie Saft ber ginanjen ju tragen in einer folgen @pod>e ! 
£)o<j£> idj fcfyroeige baoon. 

®ott ()at unfer £anb insofern gefdjüfet, bafj mir bur<$ 
eine gute (Srnte gefegnet mürben. 

$)en 5. ftejember. 

©eftern feierten mir meinem 3)lann feinen ©eburtstag 
ganj im ftttten — ad) meldte (Erinnerungen! — unb mie 
roirb bie SBelt nad) Verlauf eines 3^reS ausfeilen? roer 
oermag hierüber etroaS &u af)nen? — ©ott, ber aßeS am 
(Enbe für feine grojjen gtoecfe 511m Seften lenft, mirb fidt) ber 
armen 3)tenfd)f)eit erbarmen, Sief gefunfen fmb mir — 
unb bodj) fotten uns m'elleia)t neue Unfälle treffen — oer= 
armt roerben mir, nur nid)t feelenarm roerben — id; tjoffe 
eS! fer)r befdjränft fxnb mir in unfern 3been, Weiterungen k., 
eS bleibt aber ein lebenbiger ©taube im inneren beS &er= 
jenS, unb fo Ijebt fid) bie ©eete über alles erbärmlid) ftlein* 
lid&e fyinroeg — motten <2ie mit alten 3f)rigen fo aufrieben 
unb rufjig leben, als i$ eS 3t)nen oon ^erjen aufridjtig 
roünfd&e. 

Gfjart. 8. 



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. 240 



£ie bänifd>en greunbe. 



Cljarlaitc u. SdjtlUr« 

Seeluft, ben 25. 2tuguft 1812. 

£iebe grau v. Stiller, Sie gebauten unfrer f)ier in 
einem feierlichen 3Woment unfreS Sebent. 9Wein ganjeS §erj 
faßte 3()nen bafür einen innigen 2)anf. 3uft an bem £age 
war unfre Sofep^ine mit il)rem 9ta>entlon> fjergefommen jur 
Vermittlung ber Sugenbfreunbin £uife*). mar am 
11. Sluguft — ein fajöner £ag für unfre bergen. Olinto 
bal S3orgo bi primo, ein ebler £o3faner, fam porige^ $af)r 
im 3J?ai fjer — er faf) Suife unb liebte fie, aud) fie war 
gerührt — unb faf) tyn mit meinem 33ruber (fein befter 
greunb feit fed)3 Sauren), faf) it)n ungern nadj fioUanb roeg= 

*) 3m <yebruar 1799 fdjrieb ©räfin 6d)immelmann an ©ajiUer: 
„Seit oier Safjren § a & e ein Meine« 9ftäbd>en jur (Srjieljung gu mir 
genommen; fie mar arm, elenb; ber SSater ftarb auf feinem Äranfen* 
lager, bie 3Jlutter fjabe tä) nie gefetyen. Siefe steine, Suife genannt, 
jjeigte fa)on oiele latente an unb etroaS 2lufjerorbentIta)e8 fanb td) in 
tyrem SBefen ... fie ift liebenb, gut unb gan$ fonberbar ton ber Statur 
mit Talenten auSgerüftet; ganj muftlalifd), ftngenb, tanjenb . . . ganj 
©rajie unb babei natürlia) . . . 2Bir lieben fte, als märe fte unfer 
eigen $inb . . . Eft im Anfang erinnerte fte mia) an SWignon. 
2ßir nennen fte Souifon." Unb fpäter im Sejember 1804: „2)ie Meine 
fiuife, bie ©ie oft mit ©üte nannten unb nennen Nörten, ift jefct oon 
un§ aboptiert; ber ßöntg fjat bie 2l!ten unterfdjrieben, Ijat t(jr ein abelt* 
geS SBappen jugeftanben mit einem Slang, ber ib,r niöjt läfttg roirb, ber 
ifjr angenehm fein roirb, ofme i^r ben 9?etb ber jungen 3JHtgefpieren 
jujujiefjen. §ätte fie ben Stang als roaljre Eoajter erhalten (bieö roäre 
ebenfo letajt geworben ju befommen), fo roäre fie über alle junge 2)amen 
b,ier emporgeftiegen. 25iefe SBerlegenljeit b,telt un$ lange jurütf, inbem 
mein SRann ber erfte SRinifter f)ter ift . . . nun ift alleS einfacher ge* 
roorben, unb ber 9?eib roirb fajroetgen." o. ©ajiöer unb il)re ftreunbe, 
II. SBanb.) 



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«raf unb ©räfin ©^immelmann. 



241 



reifen ; er blieb bort brei 2)f onate. 2U£ er mit meinem 93ru* 
ber $urüdfam, würbe ba$ Sßort auägefprodjen unb von bei- 
ben leiten mit banf barem Sergen, ba ©ott fie fo aus ber 
gerne oereinigte. @3 mar fdjon leife auSgefprodjen, wir 
wufjten e3. 9J?ein SJtonn madjte nur bie SBebingung, bajj 
fie ni<$t in bie grembe wegjietyen foüte. SSon meinem SBru* 
ber fidj loSjureifjen, mar itym ba§ ©d)werfte. $odj mar itym 
bie ©eliebte batb fein SltteS. 2ludj mir jtnb i§m geworben, 
waä mir Suifen finb. @8 finb jroei liebenbe §er5en. ©r ift 
ein geiftootter 3ftann unb 3)id)ter — §ier f>at er ben <Sor= 
regio t>on Deljlenfd&läger ins 3talienifd)e überfefet. 3<*> fagte 
il)m jebeS SBort aus bem ftänifdjen in« granjöftfaje, unb 
er f>at biefeS fdjöne ©tücf Stalien gefd>nft — feljr treu ift 
biefe Ueberfefcung, — es ift maf>re Sßoefie, unb Cefylenfd&läger 
ift aufrieben — id) bin e$ weniger mit ber dedicace, bie &u 
fdjön für mid&, ju bef Reiben für if>n ift, pnbe idj eine ©e= 
legenfjeit, fo foffen Sie e§ fjaben. ®urd) (Sor regio (ein ital. 
Sorf) tarn er fo ju fagen ju uns. - 2Bir lernten il)n in 
furjer 3eit fennen, unb £uife Ijat, miU'S ©Ott, eine glüd* 
lidje 2öat)l getroffen. 2lud) er betet fie an unb fmbet fie fo 
wie er eS wünfdjte. 25odj wollte er e3 oerfdjwetgen, ba er 
ofjne Vermögen ift — feinem $lan getreu wollte er nie Ijei* 
raten bei ber jefeigen Sage ber SDinge in 3talten — feine 
fef)r alte gamilte ift befannt unb geartet - in ber SReoo* 
lution oerloren bie bal 33orgoS ifire ©üter — ber alte SBater, 
ein e^rwürbiger ©reis, lebt nod) in $ifa. 2)0$ war Dlinto 
bie legten Safere ganj bei meinem Stoiber*) etabliert unb 



*) SBaron <Sd)u6art, bäniföer Diplomat. 

«über au9 ber e$taerj<ü. 16 



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242 



3)ie bimiföen greunbe. 



ma^te bie gunftionen eines ßegationSfefretärS (ber &ömg 
f)at Um jum ßegattonSrat ernannt), bamit fann er l)ier bei 
§ofe mit Suife erfdjeinen. 2)o$ beibe ma$en fid& nidjts 
barauS im gemölmlidjen ©itm. £>a Suife ober eine 3ugenb= 
freunbin ber Äronprinjeffin ift, unb ba bie Königin ein 
mütterlicher ©ngel für meine beiben Zöglinge mar, fo wäre 
eS eine Slffeftation, ftd) ganj jurücfyujteljen. gürS erfte ift 
fie mit if>rem 9Wann nodf) f)ier bei uns. — 3 n ber 3 u hwft 
werben bie beiben, roiH e£ ber Gimmel jugeben, in einem 
wahren ^arabieS In'er etabliert, eine fleine Steile oon ©ee= 
luft — e« ift eine gabrif anläge, bie mein SRann oor ad&t 
3af>ren übernahm, um einige gamitien vom Untergange gu 
retten (es waren SluSlänber); nun fyat mein9Jtann mit einer 

• 

3ntereffentfd)aft biefe gabrifen begatten. 2)ie eine 2Bof)= 
nung ift fef)r fd)ön, §at einen ©arten, jtemlid) bebeutenb, 
in ber anmutigjien ©egenb — fiügel, SBälber unb fleine 
glüffe fehlen nidjt. — 31(5, ober bie 3eiten ! SDie Segeben^ 
Reiten um uns finb oon fo neuer unb fonberbarer Slrt, bafj 
feiner fid) im &afen fidler finben fann nod) barf — es gibt 
einen befferen als ber irbifd&e. — (Sie, eble grau, leben nur 
für 3*)re geliebten $inber fn'enieben nod) ! ein ^o^er (SeniuS 
am fernen Ufer ruft 3f>nen ju! 2Bol)l 3*wen! — 2>«fe 
SBüfte*) f&fte idj gerne aud) - i$ begreife 3$re Grfdjütte* 
rung bei biefem 2lnbli<f. Def)lenfd)läger Ijat oorigen SBinter 
bänifdje SBorlefungen über ©filier feine SBerfe gehalten, idj 
barf mof)l fagen, baj$ fein £)eutfd)er nod) if>ren ©djiHer fo 
oerftanben §at — Oefjlenfdjläger gc^t erft feine 3ugenb* 



*) SDanneferS ecf)itler&üfle. 



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öraf unb Gräfin 6d)immelmann. 243 

arbeiten fritifdj bnrd;, betrautet fie als Vorboten, als einen 
fdnoadjen, bod) glänjenben ©Limmer ber Morgenröte — 
bann gel)t er weiter bie I>of)e große SBaljn mit bem unfterbs 
Ci^en $id)ter — unb ift entjüdt — jeigt i^n ganj oottenbet 
bape^en als einen Stern erper ©rö&e! $ann aber — ju 
frülje uns oerfdmmnben! — id) glaube, Sie wären jufries 
ben — c'est tout dire — ad) §ätte er bod) in 3()*er 9täf)e 
biefeS ausarbeiten fönnen ! Sie Ratten ifjm f)iPortfdj) fo oiele 
Momente bargefteHt — unb an ber e^ten Duette l)ätte er 
noä) tiefer fd&öpfen fönnen — bod) unfer 2)id)ter fjat ma$r= 
Ud) mit Siebe unb SBerftanb unb inniger ©mpftnbung über 
Stiller gefprodfjen. — 3tteine gofeplja, fonft fo glüältd), 
Imt feine Äinber ! leiber — fie ift gut, natürlidfi ebel benfenb 
unb nid)t ungebilbet, fie märe eine gute 2Jhttter geworben, 
ßuife roirb, roilTS ©ott, ifjrer greunbin m$t nad)ftef)en, fie 
ift lebenbiger, originetter, nid)t beffer, aber roärmer oietteid)t; 
i§re greunbin bei ber Sod^ett gehabt ju Ijaben, mar für 
Sie unb für miaj ein wafjreS ©lud. SRur adjt Sage blieb 
fie l)ier — ba SReoentloro feine ©üter in ber ^rooinj gnen 
(günen) finb — unb unfre 9tod)barn, bie Sd^roeben, fdjtenen 
uns beunruhigen ju motten — nirgenb ift griebe nod) 9hif)e 
mefjr, ©ott fegne Sie mit ben lieben 3f)rigen! 

Gl). S. 

SJleine ©efunbtyeü ift föroaä) unb jiemlid) traurig, bodj 
mitt id) nidjt murren, im ©egenteil ©Ott banfen für fo oiele 
3Bof)ltf)aten. 



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Sie bänifäen ^reunbe. 



3n Clfiirlatte ü. SrijtUer. 

fcotfteinburg, ben 27. gamtar 1817. 

2Hit tiefer SRüfjrung, gnäbige grau, Ijabe tä) %f)xm 
33rief erhalten, einen 33ricf, ben <5ie nur fdjretben tonnten ; 
beoor ©ie e8 ausgeflogen, war id& baoon überzeugt, ba& 
bie Erinnerung von (S^arlotte, ber tyolben, treuen ©efäf>rtin 
meines ftürmifdjen ßebenS, bie mir entriffen worben, in 
Syrern §erjen nidjt erlösen würbe. <Sie wollen, baß idj 
3^nen oon meiner greunbin, bie nun im ©rabe liegt, von 
S^rer lefcten SebenSjeit fpreajen foll; id) will ftreben, 3f)ren 
SBitten §u erfüllen. SDic mir ©ntriffene ^atte fa>n feit eim= 
gen 3a^ren einen ferneren ßampf mit Seiben unb @rmat= 
tungen ju befielen; aber ifyr ©eift, ber barüber ergaben 
fd)ien unb baS 9ßaf)e unb gerne mit ßebenbigfeit umfaßte, 
unterhielt in benen, bie fie umgaben, unb vov allen in mir 
felbft bie £äufd)ung, baß iljre SebenSfräfte nid&t fo balb 
oerfiegen fönnten. 9hir in ben lefeten 2Sod>en i^reS SebenS 
mußte biefe £äufdmng, bie ju unterhalten id) nur ju ge* 
neigt mar, aufgegeben werben. — 2lber tyt felbft f<$ien eine 
neue ©ebulb, eine neue Eingebung oerlieljen worben ju fein ; 
fie fprad) nur baoon, wie bie fä)laflofen iJlädjte ofme S3e- 
ängftigung fajnett lunfdfowänben, wie iljre fieiben weit l)*f s 
tiger unb jerftörenber fein fönnten, fie afjnte nia)t ü)r nal)eS 
@nbe ober wollte es ni<#t afmen. ©a)wer warb es ben 
Soffnunglofen, bie fie umringten, bei bem 3lnblitf iljrer 
milben 3 uocr fiä)* Xfyxäntn jurü<fjuf)alten ober ju oer= 
bergen — altes war il>r beftänbig gegenwärtig; ein ©emälbe, 
weites fie gu meinem ©eburtstag beftellt, womit fte mid) 



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Graf unb Oräfin ©$immelmann. 



245 



überraf d)en wollte, liefe fie fidjj, rote idj abroefenb war, oor= 
jetgen unb betrad&tete e3 lange; nur fc^r feiten festen ftc 
abroefenb ju fein, unb roenn biefe* geföal), fo rebete fie oon 
Ingeln, tum f)immlifd(jen ©eftalten, roeld&e ftc umfdfjmebten, 
unb in beren 3Witte fie eine nodj lebenbe abroefenbe Breuns 
bin erblicfte. @3 mu&te uns biefeä aufmettfam madjen, benn 
jebe exaltierte 2leu&erung, jeber Sdjein oon einem nidjt em« 
pfunbenen ©efityl roar if>rem SBefen Ijödftft juroiber. — SBon 
tf)rem ftranfenbette fonnte fie tyre SBlide auf ein ©emälbe, 
eine oortrefflid&e ßopie oon bem <5&rtfru3fopf von Sannibal 
Üaracci, rieten. — 91idj)t t>iele ©tunben oor if)rem £obe 
fdn'en e3 tf)r, ba& biefeS ©emälbe Straelen oon fid) roerfe. 
„21$/' fagte fie, inbem fie ifjre f<$madje Stimme ertyob, „e3 
ift ju Oerrtidf), ju f<f)ön !" — Sie gab if)ren ©etft otyne einen 
©eufjer auf, fie neigte fid), als roenn fie ermübet rufjen 
wollte, unb nad) ifjrem Xobe fdn'en fie oergnügt, oerflärt, 
fanft ju fa)lummem. — <5S Ratten i&ren Seidjenjug mehrere 
Sunberte oon allen klaffen begleiten wollen. Sd)wer roarb 
es mir, baS ju l)tnbem, was aus ber ©efinnung entfprang 
unb feinen anbern SBeweggrunb §atte, iä) mufjte mid) auf 
tyre 2)enfung3weife berufen, um biefe 2luffe§en erregenbe 
Sulbigung iljreS ©ebäd&tniffeS ab^uwe^ren. 3$ t>ermod)te 
es aber md&t oorjubeugen, bafj m#t oiele, an beren ©<$tck 
fal unb @rjief)ung fie teilgenommen, in ben £rauerfaal 
brangen, unb erfdjütternb war e$, als ßlacjen unb S^ränen 
bte begonnene ftrauerjeremonte unterbradfjen, unb ber 2luSs 
brud beS ©efüf>ls bie falte, abgemeffene gorm überwältigte; 
baSfetbe wäre beinahe gefa>f)en, nad)bem ber ©arg nad) ber 
Spetrifirdje gebradjt worben unb ber Sßrebiger oor einer iaf)U 



■ 



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246 Sie bäntfäen ftreunbe. 

reiben SHerfammlung, bie von fclbfl jugefirömt mar, bie 
SBorte- auSfprad): „(£lwrlotte ©ajimmelmann ifl nid)t mefjr 
auf bicfer (£rbe." — Cef)lenfd)läger unb einige unfrer bä* 
nifd^en fiieblingjlbid&ter §aben unvenvelfbare Slumeu ber 
2)id)tfunft auf \1)t ©rab geffreut, unb vielen (Sblen tüirb fie 
unvergeßbar fein — (Sfyarlotte ©$immelmann3 Seele mar 
mit ber von (5f)arlotte Stiller fdjivefterlidj venvanbt. 2Bie 
fie ben fd)re<flidjen Sßerluft erlitten, flofjen meiner greunbin 
tränen nid)t allein für ben grofcen SDiann, fonbern für 
ben ©Ritter, ben fie verloren, unb ber immer ber einige 
getvefen wäre, f)ätte i^n aud) md)t ber 9tul)m umglänjt. 
2Bie ftimmlen ityre unb meine ©efinnungen barin tiberein, 
6d)iller für ben anjufet)en, ber eine neue geiftige 5traft jur 
Rettung von $eutfä)lanb unb ber unterjodjten 2J?enfd)f)eit 
aufgerufen! ®ie Unterbrüder ahnten nid)t, ba& i^nen eine 
neue ©efafjr von einem ifjnen unbefannten 9ieid)e ber ©eifter 
brofje; fie tvälmten, fie fjätten nur beutfdje Safobiner unb 
SBolföaufflärer nad) ber moberneu SBeife ju färbten. 2Bie 
ein ©ä)icffal verfünbenberßomet leuchtete fd)onSd)iIler83w^9 s 
fr au von CrleanS unb £eß über ifyren 3 en ^ unb fie glaub* 
ten nur einen 9Rebelfltern ju feigen — bie £iefe be3 ©emütS, 
au8 bem bie glammemvorte gefd)övft toaren, bie unroibers 
fte^lid) jur £f)at antrieben, fonnten fie nid)t ergrünben. 

34 §abe, eble greunbin, ffixen SBricf auf ber ©rafc 
fdjaft §olfteinburg in ©eelanb erhalten; tdj Ijabe bie £aupt= 
ftabt auf einige verlaffen unb t)ier unb auf ^rotteburg 
in günen eine &\i$uä)t unb bie (Sinfamleit bei inniggeliebten 
SBenvanbten unb greunben gefugt, id) tviU 3fmen bie tarnen 
ber 33eftfeer biefer gro&en 93eft|ungen nidjt nennen, aber roo 



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Öraf unb ©räfin ©djimmelmann. 



247 



fic ttyren ©ife §aben, tyerrfdjt Eintragt unb genügfame 3 Us 
friebenljeit ; aüe§, worauf fic einen öinflufe ausüben f önnen, 
üerebelt ftdjj unb blüfjt auf, fotoeit e3 bie golgen bcr oer= 
fjängniSooIIen 9leoolution&(5poä;e, bie aua) nod) fdjroer auf 
unS liegen, e3 oerftatten; in ber 33lüte ber jugenblid>n 3a§re 
fliegen fic, mit allem begabt, roaä baju führen fönnte, jeben 
©lang, unb leben nur für bie 2Bof)lt§ättgfett, toeld^e mit 
teilne^menber Sorgfalt ber 9tot juoorfommen ober ben @e^ 
nu§ be3 ©uten erf)öf)en möa)te. — @8 mar mir ein wahrer 
Sxoft, 3§ren S3rief f)ier ju erhalten, roo 3f>r unb ©d)ilIerS 
9tame fo auSgeforoajen wirb, wie eS allein meinem öerjen 
genügen fann. 

3^ bin 3&MH/ gnäbige grau, innig bafür banfbar, 
ba& ©ie baS ©tiUfdjroeigen gebrodjen ; nod) bitterer märe . 
mein unerfe|li<$er Sßerluft als er eS f$on ift, wenn er mi<f> 
oon benen nod) me^r entfernen foUte, bie ju oereljren midj 
fo mele Erinnerungen unb <3efül>te aufforbern. 

©d)immetmann*). 

P. S. ©ie ertauben, gnäbige grau, bafj ia) einige 
3eilen oon meiner Suife bal SBorgo (jier anlege, nadj ber 
ju erfunbigen ©ie bie @üte gehabt. 

•) emft $einri$ ©raf ». @$immelmann, ftarb 311 Äopenfjagen am 
9. Januar 1831, 84 3a$re alt. 



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I 



(Horloff* fr. fialfr. 

I. 

I|^ie toar auger fidj oor 3orn unb @iferfud)t. (Sine anbre 
f>atte i^r ben ©eliebten entführt, unb mit if>m oerlor il>t 
Seben feine ©onne. ©ie filmte ficf) felbft, fte oerroünfdjte 
bie 2Belt, jie lagerte ben Gimmel, beffen falteS Sßinterge* 
fi^t burd) bie ftenfter bliäte . . . ®em 2lufruf)r ber ©efüljte 
folgte ein Moment ber Stbfpannung. 3« nebelhafte ©e= 
banfen uerfunfen fafc fie oor bem ßamin unb roeibete fi$ 
an ityrem fdjönen ©djmerj. ©in sierlidjeS, mit f^roarjem 
Maroquin überzogenem 5täftc^en lag auf bem 3Hf$e neben 
i^r. 3ögernb griff fie banadj. „3$ ^re un8, toenn idj 
biefe 33lätter uernidjte," rief fie, na$ einem @ntf$luffe ringenb. 
£a8 geuer im Äamin fnifterte leifc, als ob e$ ben @rin= 
nerungen, bie in bem ßäftajen eingefargt lagen, ein fjemu 
lia)e£ ©terbelieb fingen wollte. 9htn roarf fie bie 93riefc 
in bie glommen; langfam, SBlatt um SBlatt, bie SBofluft 
ifjreS ©rameS tropfenroeife auSfoftenb. „£)ie erfteren riefen 
ju gleidjer Opferung bie lefcten." ®aä geuer fa)lug luftig 
in bie §öf)e unb fenfte fidj ebenfo raf$. SBon ben Saugen 



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252 



greunbmnen. 



einer fünfjährigen Siebe mar balb nichts mehr übrig, als 
uerglimmenbe Junten unb graue 2lfcf)enflocfen. (Sharlotte 
v. Stoib ^atte bie SBriefe griebrich ©dn'lIerS Derbrannt. 

. . . (58 geflieht nicht ofme Slbfid^t , bafj wir einen 
romanhaften %on anjuf plagen Derfuä^en, inbem wir ben 
fiebenSfreifen biefer merfwürbigen £ame näher treten. 2Bo 
immer man ihr <Scf)icffal anfaffen mag, finbet man Vornan 
unb SRomantif, wirb man angezogen t>on bem ©eheimniffe 
einer ungewöhnlichen grauenfeele unb abgeftofjen oon ben 
naturmibrigen 2lu8fchweifungen eines fränflichen ©emüteS. 
Unter all ben zahlreichen Charlotten, für welche bie beutfehen 
dichter beS vorigen SahrfmnbertS erglühten, ift biefe Ghar* 
lotte bie unflarfte, rätfelhaftefte. £ört man bie Settgenofien 
über fie, fo möchte man in SBerounberung unb Slnbetung 
Zerfliefjen; hört man fie felber fprechen, fo eilt man, ihrer 
9ßähe ju entfommen. 3h* Seben liegt oor uns wie ein bleu* 
benbeS 3Mrchen, beffen ©lanj baS 2luge fchmerjt, unb nur 
fo oiel roirb uns erjtchtlich, bafj biefeS Seben mit entlehnten 
6trahlen leua)tet, bie Duelle feine! £icf)te8 nicht in fich felber 
trägt. Stuf ben Sßegen ber grau o. Äalb begegnen roir 
einem ©oetf)e, einem §erber, einem %tan $aut, Diele anbre 
!aum minber ^Berühmte nicht zu rechnen, faft f$eut man 
fich, fein Urteil laut werben z« laffen, roenn man fehen 
rnufc, wie ein ganzer Olump auSerlefener ©eifter um bie 
feltfame $ame ftch cerfammelt unb im Notfall für fie zeugen 
würbe. 2Ba8 wäre Gharlotte o. tfalb ohne ihre greunbe 
ohne 6chißer sumal, ber jahrelang in ihrer ©ph are l&tt 
unb ihr heute noch t>on feinem SKuhme borgt? „®ie greunbin 
<5ä)ilIerS" heifet ihr offizieller 9iame in ber beutfehen 2xU 



(SOarlotte o. Äal6. I. 



253 



tcratur. 2llS greunbin ©dn'IlerS würbe fie in Berlin, bem 
festen ©djufcorte beutfajer ©entimentalttät, bis ju ifjrem 
£obe oereljrt unb angeftaunt; als greunbin ©djillerS ift fie 
im ©ebäajtniffe ber 9?ad»t>elt lebenbig ; als greunbin ©Ritters 
fajrieb fic fjoepetagt jene fonberbaren ©elbftbefenntniffe, bic 
naä) ifjrem £obe nur in wenigen ©remplaren als 9ttanu= 
f fript gebrueft, oor wenigen Sauren erft oeröff entließt unb beren 
gefjeimniäooUer SHtel lautet: ,,©f)arlotte. gür bie greunbe 
ber SBerewigten." 2>aS fleine 33ud> ift jur Kenntnis i§reS 
SBefenS unentbehrlich, ift gerabeju einzig in feiner 2lrt, unb 
wir glauben md)t, baß irgenb eine Sitteratur ber 2Belt ein 
Jhiriofnm befifet, baS biefen SHemoiren oerglia)en werben 
fönnte. ^aHeSte nennt fie „bie wunberbarften, bic meüeidjt 
gefchrteben finb", unb ßnopfe fpric^t jid) bie 3 un 9 e l a (> m 
mit fuperlatioen Lobeserhebungen; er preifl ben „fünftlerifdjen 
Söert" beS ©djriftdjenS, ben gelungenen ©til, bie „wunber= 
bare ©ebrängt^eit beS SluSbrucfS", unb wenn ilnn auch ber 
orafetyafte $on feiner fielbin etwas bebenflicf) er}cheint, fo 
tröftet er fidj mit bem ©ebanfen, baß bieS für eine grau 
an ber ©renje beS £ebenS ber natürliche £on fei. 

9tun, wir finb fo glüeflich, einen SBrief ber fünfunbs 
Zwanzigjährigen ©harlotte mitzuteilen, wohl ben einzigen, ber 
jenem 2lutobafee entgangen, unb bie litterarifd^en Verehrer 
ber berühmten $ame werben fich überzeugen, bafe ber £on 
if)reS Briefes nicht minber wunberbar unb orafelfjaft Hingt, 
als it)r ©elbftbefenntniS. 3)iefeS, um beutlicher zu reben, 
ift baS Unnatürliche unb ©djwülftigfte, was je einer ©pradjc 
abgerungen würbe. Unfer armes 2>eutfd) liegt baS ganze 
SBucf) ^inburd^ auf ber golterbanf unb mu& bie fdjlimmften 



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254 



f^teunbittnen. 



dualen, bie fajrecf tieften SBerrenfungen erbulben. SBaS baran 
gefunb imb natürlich ift, wirb oon Charlotte amputiert ;• if)re 
Memoiren ftnb ein jroei^unbert ©eilen mafjrenber ä>ernidjs 
tungSfampf gegen SRatur unb gefunben 9ttenfa>nt>erftonb. 
2Benn eS aber roa^r ift, bafj fte im £eben einfaa>r unb an* 
mutiger mar, als fie in i^ren Slufjetdmungen ftd& barfteüt, 
fo Ratten mir eS folglich mit einer grau $u tfjun, bie ir)re 
greube baran hatte, ba$ eigne Sitb mit falfdjen Sintern 
unb garben ju entftellen unb jeben magren 3«g Sur ©ri* 
maffe &u uerjerren. Gfjaraftertftifdj bleibt e8 jebenfattd, bafe, 
wer r-on ber „greunbin ©d^iHerö" reben miU, namentlia) 
gegen Charlotte v. &alb auf ber §ut fein foß. 

Unfer £)i$ter befanb fid) in 33auerbad), auf bem ©ute 
fetner mütterltdjen greunbin Henriette t>. SBoljogen, als er 
jum erftenmal mit C£t)arlottc SRarfdjalf t>. Dftf)eim jufam= 
mentraf. 3m 3uli 1761 geboren, mar fte bamals (1782) 
ein einunbjroanjigjäl)rige3 2Räba>n unb olme groeifel aud) 
ein fdjöneS Sttäbdjen. Biographen fprea^en uon ihrer im-- 
pofanten @rfa>inung. 2>a3 Porträt in 2ßurjbad)8 6a)itter^ 
bud), baS auö ben glitterroodjen ihrer 1783 eingegangenen 
@f)e ftammen mag, jeigt uns ein liebenSroürbtgeä ©efd)öpf, 
beffen angenehmes, bura)auS mäbdjenhafteS ©efid&t burd) eine 
fonberbar aufgetürmte SRofofo=grifur einigermaßen beeim 
träd)tigt mirb; ber 2Kunb ift freunblia), nid)t ohne einen 
&autt) von 6innlia;feit; bie 2lugen finb auffaüenb, faft roie 
abfidjtli$ grojj; von bem üppigen, hellbraunen öaare heißt 
eS, baß es, aufgelöst, ben 33oben berührte; bie Ohren ftören 
ein wenig bie ©timmung ber ©efidjtSjüge ; aber bie fiänbe 
finb fpredjenb im SluSbrud, gletd&fam bie Signatur beS 



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(ifjarlotte o. Äalb. I. 



255 



SMlbeä : jte blättern in einem 33ud)e, mir vermuten in einem 
SRomane. ©<$on feit tyrem geinten 3**)«/ fetgt (S^arlotte 
in ujren Memoiren, blieb iljr bog £efen „©auptintyalt beS 
£eben3". ©& ma$t ftetS einen traurigen (Sinbrud, wenn 
eine grau tf>r Seben nur mit 33üdjerftoub ju füllen roeifj. 
Charlotte aber fäjetnt jtd) gu einem Safein aufjerffalb ber 
©egenroart, ju einem unweibli<$en, traumhaften ©d&märmen 
in entfernten ©ebanfenroelten fafl metfjobifdj) erjogen ju f)aben. 
©ie war als 3Räbd)en baä ©egenteil tf)rer ©efdjnnfter unb 
©efpielen. ©egen puppen §atte (ie immer eine au£ge= 
fprodjene Abneigung, „mit hoffen f)ab' id) nie gefpiett" — 
babei blieb Tie „unroaljrnefjmenb auf 2teu&ere3 unb anbrer 
Begegnung". 3(j*e ©d&roeftern liebten roeibli^c Arbeit unb 
^eiteren Umgang: „Sie eine ©dfnoefter feffelte nur ba$ 
©pinnrab, bie jüngere mar liebüd), gur ©d^lau^eit geneigt, 
idj aber ju beiben nidjt gefdjuft ." dagegen jetgte fxe fi<$ 
empfänglidj für „©agen unb Meinungen", grübelte in ben 
©eljeimniffen ber SRatur unb lernte bie ©pra<$e ber ©türme, 
in beren ©ebrauö fxe roeiSfagenbe ©timmen üerna^m : „Sßaren 
fie bem inneren ©inn rooljl t)erftänbli$ ? — (53 löften jtd) 
£fjränen ber ©eele." Sie ©efunbtyeit tf)re8 ©emüts mürbe 
offenbar burdj baS einfame, eintönige Seben auf SöalterSs 
Raufen, bem üäterltdjen ©d)loffe, früf^eitig angegriffen. Sie 
DftfjeimS lebten „oermeibenb jerjtreuenben Umgang". 93il- 
roeilen nur famen greunbe „ju ben brauten, fa^en gemein* 
fdjaftlid) ftdf) im 33udje be$ ©d)üffal3 unb füllten tiefer bie 
gügungen be$ ©eins". 9JHt bem £obe ber ©Item ftellten 
fidj SBermögenSforgen ein, bie e3 t>erf<$ulbeten, ba& bie jüngere 
©dmiefter Seonore mit bem Sßräftbenten v. äalb in SBeimar, 



256 



3-rcunbinnen. 



„einem mann von ernflen 3af|ren", unb Charlotte felbft 
mit beffen ©ruber öeinrtd), Offtjier in franjöftfdjen 2>ienften, 
t>erlo6t nmrbe, beibe gegen tyren SBiHen. S)en ©djmerj 
baTüber trug baS junge 3Häbdjen beim erfien Sufammem 
treffen mit ©djiUer in tyrem, ol)nef)in burd; 2Bunber* unb 
©efpenftergefd)td)ten, burdj bumpfe Atmungen unb beriet 
moftifdjeS (Sift jerftörten fierjen. 

SBeldjen (Sinbrud bie frembe <5rfd)etnung auf ben £>idjter 
ber „Räuber" fjeroorbradjte, lägt ftd) nidjt fagen. Charlotte 
behauptet, er $abe balb barouf an grau ». SBoljogen, i§re 
33erroanbte, biefen Unfinn getrieben: „D fe^e idj fte, bie 
Xrauembe — ein Trauerflor fd^mtidt f)öl>er nodj bie ©rajien. 
$ret ftnb e£ ja — unb eine nod) — toie nenne id> fte? — 
Spfi^e? oon itynen fo erfe^nt." (53 ift tnbeS roaljrfdjeinliajer, 
bafe ba£ arme 3Mbd)en mit ben großen feuchten Slugen oon 
©agitier faum bemerft würbe, ©ein §erj l)ing gerabe an 
einer anbem Sötte, an ber £o$ter feiner freunblid)en SBirtin, 
an Glmrlotte o. 2Boljogen, unb als fpäterf)tn, im 2Rai ober 
3uni 1784, grau o. ßalb oon Sanbau nadj 2Jtonnf)eim fam 
— fie roar feit September 1783 oerfjeiratet unb ©dritter 
feit %uli beSfelben S^^re^ roieber am W)tin — beburfte fie 
eines befonberen Briefes oon SReinroalb, um fid) bei iljm 
einzuführen. @r biente tyr nad) feiner ®eroofml)eit als $u= 
oorfommenber grembenfül>rer, unb $um erftatmal fjören 
nur nun ü)r £ob aus feinem SJhmbe: fie fei, fdjreibt er an 
bie SBoljogen, eine grau oon oiel ©eift unb feine gemö^m 
lidje grauenjimmerfeele. Um wie oiel ooQer bagegen Hingt 
(SfjarlottenS §nmnu8 auf ©djtfferS Sperfönlidjfeit! „3n ber 
Blüte beS ßebenS, be&eidjnete er beS SBefenS retdje 9ttannig= 



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Gfjarlotte t). üa(G. I. 



25 7 



faltigfeit, fein 2luge glänjenb oon ber 3ugenb 2)htt; feier* 
lieber galtung, gleidjfam finnenb, von unverhofftem ©rfennen 
beroegt ... im Saufe beS ©efprä<$e$ rafdje &eftigfeit, toed)= 
felnb mit faft fanfter 2Beiblia)feit, unb e8 roeilte ber fßlid 
oon Rotier Sehnfud)t befeelt." So jogcit bie brei — beim 
§err r>. JTalb mar ^eifebeQteiter feiner Gattin — oon Sel)en£= 
roürbigfeit 511 SehenSroürbigfett, „begünftigt burd) bie milbe 
greitjeit ber «Seele, roähnenb Schöpfer beS SebenS 5U fein, 
fo verborgene Duetten afmenb; baß einft teufen unb Sotten 
leiblicher, als jefct ber $egeifterung Trauer". £eS 2lbenbS 
fottte „Kabale unb Siebe" gegeben werben. Sdjtller eilte 
in£ £f) eater uno erfuchte bie Schaufpteler, ben Diamen $atb 
bod) ja nicht auSjufprechen. S)ann fetjrte er loteber su ben 
greunben surücf, „SBtttfommenheit fprad) aus feinem 93lid". 

£ie greube beS SBeifammenfeinS mar übrigens bicSmal 
nur oon furjer £auer. 33alb fam ber £ag beS 2lbfd)iebS. 
„Seid)' ein £ag! — 0 ßälte be* 9forbS, trübet ©eroölf, 
oom Sturme getrieben! — $)er Süfte fdjueibenbe Sdjärfe, 
t)ab' ich eud) nur allein gefühlt?" Surd) ben roirren $l)rafen= 
lärm Ijinburd) t)ört man beutlich baS ©eftänbniS einer auf= 
feimenben Siebe. 2>er junge £id)ter mit feinem begeifterten 
Ungeftüm unb feiner ehrlichen 2lrt, jeber gemütlichen @r= 
regung ungeteilt fidt) hinzugeben, hatte ber liebebürfiigen grau 
anö ^erj gerührt. £ieS fprad) am Gmbe nur ju ihren 
gunften, unb eS mar aud) &u begreifen, bafj fie nad) bem 
Mannheimer 2luSflug Sanbau, bie ©arnifonSftobt ihres ©e= 
mahlS, büfter unb unroohnlia) fanb unb balb barauf nad) 
Wannheim überfiebelte. Schiller oerfehrte als ftetS roitt= 
fommener ®aft in ihrem igaufe — aud) Streiter übte bort 

»Uber 011« ber @4ttienett. 17 



258 



tfreunbinnen. 



fein mufifaliföcS Talent — aHein eS ift fd;lcd^terbing^ nid)t 
anjunefjmen, bafc unfer 21d)ter um biefe &e\t irgenbroic 
finnlid) füllte für feine fdjroärmertfdie greunbin, nod) bafe 
ber $8erfef)r ämifajcn beiben in leibenfdjaftlia^en Stimmungen 
fidj bewegte. Sd)iHer mar nid)t3 als ein gefälliger, bienfc 
fertiger &ausfreunb; als Gtjarlotte Butter rourbe (September 
1784), trotte er ben 2Xr5t fjerbei unb fefete ftd) ftunbenlang 
an ifjr 2Bod>enbett, über bieä unb ba3 plaubernb, „uub 
fanfteö £id)t roarb bem ®emüt fiditbar". 2Ran<$mal fam 
§einria} u. flalb aus ber ©arnifon; e$ mürben bann frötj>= 
lidje ©elage in feinem £aufe üeranftaltet, bei melden Stiller 
ni$t fehlen burfte. Gfjarlotte fdjilbert biefe Stnnpofien in 
tfyrer eigentümlichen ©pradje. 

„3Hit greunben," rief SBifliam, ein töamerab be£ 2öir= 
teS, „wirb mir baä SBrot ju 3)?anna, jum Weftar im fjotjen 
Olafe ber 2öein, fo ift'0 ein SteBeSmaftt! - Bouillon 
restaurant — unb ftef)e 93eeffteaf! — ÖJebenfft bu nod), 
&einrtd) u. f. m." — „9tyein unb SBourgogne !" fiel 6d)iller 
ein. „30* 2Rä($te preiSroürbigen ©eifteS! ©efd)icbene3 
wirb burd) itjr milbeS geuer uerföfint." 2)ann roieber 
William: „Sdjlürft eilenb perlenben ©djaum! e3 eTblül)e 
traulidjeS Jtofen jur geier beä £age§ . . ." Söeim 3Bein 
erjagten fid) bie greunbe 2iebe3gefd)id)ten ; „benn," meinte 
William, „ber roa^re Wait ift ja ber 9)?ut ber Siebe." — 
Stile: „So flammt ber Söunfd) in unfre fersen." gür 2£il= 
liam nahmen aber bie gefte ein traurige^ Gnbe; feine ©e= 
liebte ftarb. „®en §ersfdjlag \ü\)V id) fdjroinben," fagte er, 
„ba3 eigenfte 2)}ein ift nun bafjin." 

SHidjarb SBagner fönnte ba§ gefd)rieben l;aben. 



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Üfjarlotte u. #aI6. I. 



259 



9)ionatelang bewegte ftd) 8d)iller3 Ilmgang mit 6(jar= 
lotten auf ber Sdjeibe jroifdjen greunbfdjaft unb Siebe; 
feine beftänbig unruhigen Sinne waren unterbeffen anberS* 
roo befajäfttgt unb brannten in einer flamme für nidjt 
roeniger betm oier, roenn nid)t fed)3 Sdjönljeiten. Sötte o. 
ÜBoljogen, ein guteä ©efd)öpf mit einem unbebeutenben, 
aber freudigen ©efid)tdjen, Ijatte itym bie erften &eirat3= 
gebanfen eingeflößt; jebel 3al)r wollte er Ujr juüebe ein 
Stüd fdjreiben mit bem Diebentitel : „Srauerfpiel für Sötte". 
2)er „frönen Sdjroanin", ber Xofyitx be3 bekannten 33er= 
legerS, näherte er fi$ mit äf)nlid)en ®efüf)len. s ^ebent)er 
liefen nad) bem eignen 3 eu Ö n ffl^ btx grau o. $alb eine 
Siebelei mit einer $rofeffor$tod)ter unb ein jiemlid) ernffc 
IjafteS Sterben um bie Sdjaufpielerin ßatfjarina Naumann, 
bie audj oon 3fflanb jur ßl)e begehrt mürbe. 2lud) glimmte 
rooljl no<3£) bie ©tut für Saura, ob biefe nun SSHtyelmine 
Slnbreä fn'ej3, ober bie £auptmännin 33tfd)erin mar, unb 
bann l)atte er in Söauerbad) bie Sdjroefter eineä §errn oon 
Sßurmb fennen gelernt, oon ber er Ijoffte, baß fie il;n ju 
einem 35id)ter erften 9iange§ ober „roenigftenä" ju einem 
Marren machen werbe. 3)iit einem SBorte, ber junge 2)id)ter 
fitste ein 3Beib, eine (Beliebte, einen 9?uf)eoimft gegen ben 
(Sturm feiner Sinne; auä jebem Üfiäbajenauge glaubte er 
einen Strahl ber Hoffnung erf)afd)en $u tonnen, unb roo er 
ein roeiblidjeS !©efen fat), ba begannen bie geuerpulfe feiner 
S3egierbe ju fajlagen. &ier fdjöne s J)iäbd)enbilber ftanben oor 
feiner Seele, in 2Bat)rt>eit aber oiel meljr ; in äBatjr^eit f)ättc 
er am liebften baä ganje weibtidje öefd)led)t an feinen SOHnne* 
f>of gelaben. Unter folgen Umftänben roar e3 unoermeibltd), 



260 



Jyreuubmnen. 



bafj mit ber $t\t aud) (Sljarlotte o. Äalb in feinem foerjen 
^pia^ fanb, unb e3 fam ber £ag, wo feiner greunbfdjaft bie 
glügel wud)fen nnb bie ruhigeren <55efüt)(c non ber Stimme 
ber £eibenfd)aft übertönt würben. 

£er SRuf ber unbefannten Sieipstger greunbe mar an 
U;n ergangen, nnb ©exilier, be3 2Rannf)eimer &lUrrfal3 mübe, 
trug fid) mit bem ^piane feiner Slbreife. (SineS 9iadj mittags 
— e3 mar wof)l im Anfang beS 3^^re§ 1785 — begab er 
fid) 51t GOarlotten, nm iln* feinen @ntfcf)luf} mitzuteilen. 2)ie 
greunbin geriet in bie ^eftigfte Aufregung, tabeltc feinen 
unftäten £rang in bie gerne nnb feine eitle 9iut)me3gier, 
malte ba§ Saefjfenlanb mit abfdjredenben garben nnb fagte 
überhaupt alles, wa$ nur ein oerliebteä 3öeib fagen fann, 
nm ben ©egenftanb feiner füllen 2öünfd)c feftjutjalten. 3n 
(Sf)arlotten§ ©orten lag eine förmliche StebeSerflärung. 
Sdjiller entjünbete fidj an bem plöfclid) anflobernben gener, 
if>r ©eftänbnte löfle feine 3""8 e / imo m § wenigen 2lugen= 
bliden f)aud)te er ba§ erfte $u auf ifjre Sippen. (£t)artottc 
will bie fufjne Regung feiner Seibenfdjaft alfo beantwortet 
l;aben : „3)u fagen Sie — £11 fage id) — bie 2ßaljrl)aftig= 
feit fennt fein Sie. 2)ie SlUfeligen finb ein $u, baS £>u 
ijt einer ewigen Üßerbinbung Siegel !" 2)ie Sinnlid)feit Ijatte 
fiel) in baä 23erl)ältni3 ber beiben jungen £eute etngemifdjt, 
bod), wie wir annehmen wollen, oljne e3 5n beljerrfdjen. 2)ie 
Seelenqnalen, bie Sdjiller gerabe um biefe fttit in feinem 
„$>on ßarloä" befang, fie peinigten nun fein eignes §erj; 
Gfjarlotte war if>m (Hifabetl), er erfdjraf oor ber füfjen 
Sünbe unb wu&te boef), bafe e3 für ilnt feinen ferneren 
£of)n gab: 



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Charlotte o. italb. I. 



261 



2(1$ ba$ SBerbreajen, ba3 i<§ ewig fliegen roolite. 

GntfefcliajeS ©efa)icf! 
Ser einige 2of>n, ber meine Sugenb frönen follte, 

3ft meiner Sugenb lefeter Slugen&licf. 

Sag unb DJacfyt fämpfte er ben „Ütiefenfampf ber $flidjt", 
unb roaä er litt, vertraute er jenem ttmnbcrfamen G>ebid)te, 
ba3 er in ber £f)alia jüd)tig um einige 3af)re jurüdbatiertc 
unb „greigeifterei ber Setbenfdjaft" betitelte. 3n ber jugenb= 
liä) bafjinftürmenben <Spraa> glaubt man ben Sauaftrom 
brauten §u f)ören, ber in ben liefen eine£ ilraterS f od)t : 

Sefct fd&tug fie laut, bie tjeifeerfletyte ©ajäferftunbe, 

^efct bämmerte mein ©litcf — 
©rfjönmg gitterte auf beinern brennenben OTunbe, 

(Srf>örung fajroamm in beinern feuajten iölitf. 

2Rir fdjauerte cor bem fo nafjen ©lüde, 

Unb iä) errang eä nidjt. 
SBor beiner Wottljeit taumelte mein 9Kut jurüefe, 

3a) Stafenber! unb iaj errang e$ nidjt! 

Ser Klageruf lägt an £cutlid)feit nid&tS 511 münden 
übrig. ©Ritter l;at Gljarlotten nid)t „errungen", roenigftenS 
in 9Hannf)eim nid)t; fie fyatte alle feine &>ünfd)e entfeffclt, 
um fie im 2lugenblide be3 ©türmet mit einer ctsfalten 
Lebensart von s $f(id;t unb Slnftanb abjume^ren. £er traiu 
rige £iebf)aber jappelte in einem ^efc von Hoffnungen unb 
enttäufd;ungen. @3 mar faum 511m Slu^alten. 2lm 22. ge= 
bruar menbet er fid) an feine Sieben in Seidig: „3n einer 
unnennbaren 23ebrängni3 meines §er§cn§ fd;reibc id; 3^ nen / 
meine SBeften. 3$ fann nid)t meljr fjier bleiben . . . 9Wen= 
fäjen, 93ert)ä(tntffe r (Srbreid) unb Gimmel finb mir juraiber. 
3$ l)abe feine Seele l;ier, feine einzige, meiere bie Seere 



262 



greunbinnen. 



meines $er$en8 füllte, feine greunbin, feinen greunb; unb 
was mir üielleidjt nod) teuer fein fönnte, baoon Reiben 
midj ßonoenienj nnb Situationen." 3m 2lpril rtfe er fid) 
lo§ unb flof) nad) Seipjig. ©eift nnb Körper brausten 
f<3f)led)terbing§ eine beffere Suft. Gfjarlotte fd;itbcrt bie 2lb= 
fd)ieb£f$ene in einem 3wiegefpräd)e jwifdjen 9)ia«a unb bem 
fd)eibenben gimante. GS ift ber l)olbe Unoerftanb, ber in 
biefen 9Sorten fid) felbft befingt, fid) fetbft anfcufjt. 3 um 
©lüd (;at ber 3 u f fl ö ^ a f" r flcforgt, bafc ber aufrid)tige 
Sdmterg, ben Charlotte über bie Trennung empfunben Imben 
mod)te, ein jwar übcrfdjwengltdjeS, fd)wulftigeS, „orafelfjaftee" 
aber bod) IjalbwegS lesbares 3™gntS f an ^ unD S^ar <™S 
GfjarlottenS eignem 3)innbe. Sie fdjrieb bem greunbe einen 
3ftonat nadj feiner 2lbreife: 

3)?ann (>e im 11. 3)iau. 
9tad) einen rauften lermenben Sag, &u %fonen mein 
Söefter! ju Sfmen — ben bei) 3^nen mar meine Seele -in 
bifem lerm — wenn mann fo allein ift, unter einer grofen 
menge — ban flüchtet fid) unfere Seele — $u ber ßrin= 
nerung — baS tt)at meine barbenbe Seele, unb meine 6r= 
innerung war in meinen &erjen! 3ft'S foweit mit mir 
gefommen, baß id) aufer biefer feine greube mef)r fenne? 
id) wufte nid)t wie »erlaben, wie ©infam id) werben würbe, 
als Sie giengen! bog l)abe td) ntd)t auf einmal)! wifjen f ollen 
— ©ütiger ©ort was finb fid) unfere §erjen gewefen! was 
ftnb fie fid) nod)! SBenn id) meine greunbe benfe — §ein= 
rid)*), baS gute eble ©emütf), Sie — mein befter! meinen 

*) SBafjrfdjetnlid) ftetnrid) SJetf, ber edjaufpieler; bod) tonn aud) 
$einrid) v. Sialb, if»r ©enteil)!, gemeint fein. 



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Gfjarlotte o. Äal6. I. 



263 



Weift fo Diel! — meinen £erjen immer mel;t — wenn fidt> 
bie Hoffnungen erfüllen bie id) von 3(jnen (jabe. - Sßenn 
id) meine greunbe mir benfe, fo ift'ö mir als l)ätte id) ben 
f)öd)ften ©rab beS ®lüt$ ben freunbfd)aftlid)e 33erbinbungen 
gewähren fann fd)on genoßen — 2He ©mpfinbungen 
fönnen rnicbcrfjolt — nid)t erl>öl;t werben! — £ie Grinne* 
rung giebt fie mir in £rauergeraanbe. SüUc id; ängftliä) baS 
Söilb eines ©ntfdjlafenen l)eroorrufe, fo rufe id) 2)etn SBilb 
(jeroor! 

ben 13ten 9)?at). 

©eftern erhielt id) 3^ren lieben 3^ren oortrefüd)en 
Sörief. 34) weis md)t foü id) mid) mefyr über fie — ober 
ifjre SÖcftänbigfeit freun! SBenbeS ift ja eins. Unfere £iebe 
— gehört $u ben @tgenfd)aften unferer ©eele — fie fann nur 
mit biefer jcrftört raerben — bie ©raigfeit ift if)r $id ! 2>er 
©laube an Unfterblid&feit unfere §offnung! 

$a§ raufte id) aus eigener ßrfatjrung , ba[$ ifmen bie 
35>elt ba§ nid)t fein raürbe, raaS Sie befd)eiben genug oon 
il)r forberben — aud) id) teufdjte midj) einft! oou biefen 
SBafjn bin id) jurüf gefommen. 23iS jejt bin id) if)r eigene 
lid) nid^tö — ia) lebe — für roenige, ben anbern förainbet 
unbemerft mein ©afein oorüber — Slber ity weis nun raie 
fdjnett unb iti) mödjte betmafje fagen beSpotifd) ein fjofjer 
©rab oon ©etft — unbemerft einen grofen Raufen lenfen 
unb regieren fann — ©elb unb 9iang erleid)tert'£ freilief)! 
SSenn'ä ber mütye lohnte — raürb id) auf ber 93üf)ne er= 
fdjeinen — aber e3 ift raie bort, aud) fjier, e£ lot)nt ftd) ber 
inüfje nid)t. 

Hefter guter fyreunb ! raie unenblid) oft bin id) bei) biefen 



I 



264 ftreunbinnen. 

fleinen ^lättdjen SBcr^inbert roorbcn. Sie Slnroefenljeit be 
Gubrfürftin von Samern, aller lernt, Seben, unb generlidjfeiteu 
fo ba$ r«erurfaa)te — ber 2tufentf)alt ber grau u. Sutten*), 
bie Slnfunft meiner Sdjroefter**) — ber Sob meines Sd;nia- 
gerä Setfenborf ! • ) aüeä bis t)at miaj fo oft fo mannä> 
faltig jerftreut — bie Währung meiner (Seele war $u heftig 
— sur freunbltdjften Unterhaltung l)ät id) getaudjtf), uidjt 
aber um ibecn für einen anbern faltig einigermaafen ben 
Rapier 511 oerbrauen. ©uter Sdnüer! 2Bie feljr freu id; 
mid; 3l)rcr jejigen Grjftenj — 3tjr Safein ftiefet unter ber 
Sorge 3t)rer greunbe bat)in. ©ie erleidjtern 3t)nen bie 
Ccconomie 3()rer 93ebürfniffc ! SBetfdjroenben Sie . . /' 

Ser 3»föQ t;at leiber feine Sad;e nur Ijalb gemad)t 
unb mit ber U;m eignen Sude ben Sdjlufe be3 SBriefeä 
unfrer Neugier oorentlmlten. 2öir müffen bieS um fo mefjr 
bebauern, als biefer S3rief ber erfte tft, ben Gtjarlotte iljrem 
greunbe f$ricb, unb ber einjige, ber au§ ber leibenfd)aft= 
lidt)en ^eriobe itjreS $erfet)r3 mit Stiller auf uns fatu: 
folglid; ein Unifum in ber erotifajen fiitteratur. (*$ mar im 
gebruar 1790, bafj Stmrlotte il;re SBriefe oon ©djtller jurüds 
forberte; biefer beeilte fidj, ber 33ittc ju raiUfaljren, fdjeint 
aber einen 33rtef, ben erfreu, al§ Senfmal feiner Siebe junid; 
behalten 51t t)aben. Stefem oerjeifjlidjen Unterfdjletf uerbanfte 
berfelbe feine Rettung auö geuerSgcfafyr. Sie ^fjuftognomie 

*) ©ine ÜBerroanbte ßljarlottens. 
**) Cljne 3 roc if e ^ ^ßtärtbentin u. Äalb aus Weimar. 
***) Sigmunb 0. <2ecfenborf, roeimarii^er ©efanbter. Gf). er3fil)lt 
feinen £ob in i^ren DWemoiren, ofjne ein Saturn anjugeben. 
t) ©etaußt. 



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(^arlottc v. flalfc. 1. 



265 



be§ SBriefeS ift ungemein au*brudSooÜ. Gfjarfotte f)at, mie 
alle grauenjimmer iljres ^aljrlumbert?, eine fräftige, auf-- 
red)te §anb. Slber bod) fpiid>t eine geroifie Unruhe unb 3luf= 
regung aus ifjren Sdjriftjügen ; fic korrigiert Ijäufig, fcfct 
oft mit neuer geber an, unb ftcOciitueife fdjeint jeber 33ua> 
ftabe iljr gieber 511 oerraten. 2luf ben beiden sierlidjen 
Cftaoblättdjcn ftefyt gar uiele3, maä nid;t in Söorten rebet, 
fonbern nur aus ben ftummcn C>>ebanfenftrid)en, au* ber 
neroöi'en &aft ber geber 511 enträtfeln ift. 9)ian mertt molji, 
bafe ber Sa)reiberin biefeä Briefe* bie Seibenfcfyaft in ben 
gingeripifcen yridelte. 3lud; rjier motten mir ein Spoftjfnps 
tum, ba$ in einer Grfe be* Briefes fid) oerftedt, aufmerfjam 
beadjten. GS lautet: 

„Vietleiajt bemerken Sie'*, bafj $etf* SBrief*) erbrodjen 
mar, — er ift'* burd; mid). £te* Cofer**) tonnt' idj meiner 
^eugierbe nid)t bringen. — Reiben Sie'*, mein Hefter, 
unb Infien 8ie fid) ja nid)t* bei £*cd merfeu. Ser'* 
ein v i>erbred;en V 

9ilfo Gljarlotte erbridjt bie Briefe frember Seilte; alfo 
aud) 33ed* Verliebtheit, oon ber mir einige groben mitju-- 
te.ilen im ftaubc maren, will fie au* erfter §anb genießen. 
SBir bitten ben Sefer, fid) biefen 3ug §u merfeu; mir branden 
il;n für }päterl)in. 

Um e* oljne Umfdjroeife 511 fagen, beut Unbefangenen 



*) 8)cd fjatte offenbar bura) Gfjarfotte einen SJrief an 6d)iller be 
ftellen laffen. 

**) 9tänUia) ben 93rief ntd)t $u er&redien. 



266 



greunbinnen. 



genmljrt ber erfte Ginblid in ba3 geben bcr merfroürbtgen 
grau feine oolfe >Befriebigung. SBon Anfang an fjatte fie auf 
bem 2ltltag3roege einer ßonücnien^igeirat ifjr SoS oerbüftert, 
unb if)rc 5traft reidjte niajt auä, ba3 Sdjidfal 51t ertragen 
unb 51t jroingen. 9?adj alter SKomanfttte flüdjtete fie ftd) in 
bie Siebe außerhalb ber er)clict)cii Sdjranfen, unb inbem fie 
biefelbe bent 93ereidje ber 9)iaterie entrücfte, glaubte fie, i^re 
Wefüfjle mit it)ren $flid)ten ftimmen §11 fönnen. "So frfjuf 
fie ba§ ungefunbe 3?ert)ältniö mit Sd)iller, ba§, au3 bem 
Sinnlidjen geboren, nur r>om Qbealen leben follte. $)ie£ 
fd)Öngeiftige Spiel mit einem ber ftärfftcn triebe be§ 9)ien* 
fdjen fann nie 511m ©uten führen. CS» mar an (Sfjarlotte, 
ben leid)t entsünbbaren Sdjiller mit tfjreu (Smpfinbungen oon 
oomfjerein ju x>erfd)onen; fie lebte in feften 33erl)ältmffen, 
fanb in ifjren $flid)ten al^ ©attin unb 3)lutter eine Stüfce, 
an ber fie ftd) Imlten fonnte, unb mar bem fjtlftofen jungen 
tarnte an Grfaljrung unb Sebenäroeiäfjeit oielfadj überlegen. 
Mein Gfjarlotte brandete nun einmal eine £id)tcrliebe, 
brauste oieHei^t eine unglüdlid)e Siebe befferer 2lu§roaf)l — 
fo wollte e3 ber gug ber Seit, bic 9JJobe. £aS „2öertl;eri= 
fieren" fpuftc ja immer nod) in ben Söeiberföofen, unb oor 
allem mar es bamalsS guter £on, für berühmte 2>id)ter 511 
füllen, in gebunbener 9iebe fidj lieben gu lafjen. 95HII man 
alfo billig fein, fo muß man aud) (Sl)arlotten§ $erjen§roirren 
mit ber 9tid)tung ifjrer 3^it erflären unb cntfdjulbigen, ma3 
freilid; nidjt l;tnbern fann, baß man ben weiten Sauf ifjreä 
Sebent nur mit einer jioiefpältigen, snrifdjen 2flttleib unb 
2lerger geteilten Gmpfinbung ocrfolgt. 

$on roeld)er Seite man ifjren Umgang mit Sd)ifler 



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(Sfjartotte u. £al6. I. 



207 



betrauten mag, immer erhält man ben Ginbrud be3 Salben, 
3roitterf)aften, ja Unmögtidjen. 

$)er junge $>id)ter mar bem peinltd>en $erl)ältmf[e ent= 
flogen; er Ijatte e$ fyerjtid) fatt befommen, jroifdjen eroigem 
23egel)ren unb eroigem SBerfagen tjangen unb bangen ju 
muffen, unb roir bürfen fogar annehmen, bajj Charlotte fein 
§erj gar niajt ausfüllte unb nur obenl)tn geftreift fyatte. 
3Bie roäre e3 fonft beufbar, baf$ er gletd) nadj feiner 2In= 
fünft in fieipjig (2lpril 1785) an ©djroan fäjrieb, um tljn 
um bie &anb feiner £od;ter ju bitten. @3 roar ber jroeite 
ipeiratSantrag feinet ßebenS, gleich bem erften erfolgtos. 
Ginige SBodjen fpäter erhielt er ben von un3 mitgeteilten 
SBrief G&arlottenS, unb e3 entftanb nun jroifdieu beibeu ein 
regelmäßiger ^orrefponbenjoerfebr, bem eä an lebhafter 23e= 
roegung nid)t gefehlt 51t Ijaben fcfyetnt. föuber unb 5lörner 
fpielten babei bie Sollen ber Vertrauten. Unter ben greun* 
ben l)iefj bie Ü)?annf)eimer $)ame furjroeg (Sfjarlotte. 2Bie 
roir üon §einnd) 93ed erfuhren, »erlieg fte bie Spfatj um 
Cftern 1786; fie begab ftd> üon 2flannbeim naa; 5talb£rietf), 
einem in ber &ufff)äufer ©egenb gelegenen ©ute it)re« 
<Sd)roager3, be§ ^räftbenten in SBeimar. ©d)iHer follte fte 
bort befudjen. £ie <2ad)e jog ftdj aber ton 9)lonat $u 
üDionat in bie &änge, unb ©djiller felbft fdjeint feine un= 
roiberftefjlidje ©efjnfudjt nadj ber greunbin empfunben 511 
^aben, benn im ^ejember 1780 (abreibt er an Börner jiem= 
lia) füf)l: „Sa; fjoffe, baß meine SBttnföe — in ßalbSrietf) 
— eine Seit länger unentfd)ieben bleiben werben . . . td) 
erroarte fie*) alle £age, roeld)e3 bann aud) entfdjetben rotrb, 

*) ftämUtfi eine 9iacf)rid)t von Charlotte. 



268 



grcunbtiinen. 



ob unb wann id) fie befudje." SDaS Hingt nidjt über* 
mä&ig verliebt. 2lud) in ben ©riefen an (Sfjarlotte mag 
nia)t immer bie roafjre Seibenfdjaft bie geber geführt fjaben. 
3ebenfafl3 l)atte bie Siebe unfre» S)id)ter3 itjrc au£fefcenbcn 
^3ulfe : aitä 2lnbeutungen £uber£*) wiffen mir, bafc feine 
(Siufamfeit bisweilen in eine „3meil)eU" ftd) üerroanbelte, 
unb Anfang 1787, alfo um bie &tit, roo er für feine 
„2Bünfa> in ßalberietlj" eine längere grift erhoffte, begann 
bie befannte &iebfd)aft mit ber 2lrnim. ßrft als aud) biefer 
Md) an il)tn oorübergegangen mar, roedEte ber Ueberbrufe 
an ben $)resbener Girren ba3 SQßcl) ber alten Siebe. 

Gfjarlotte mar im 2Xpril nad) ©otlja, r»on ba nad; Söeb 
mar gebogen. ©djiller ließ nid)t lange auf ftd) märten. 
2lm 21. 3uli betrat er jum erftenmal bie Metropole ber 
beutfd)en Sitteratur unb fein erfter ©ang galt ber greunbin. 
$a3 äi>ieberfef)en nad) mefjr als sroeijctfjriger Trennung 
f)arte etroaä „©epreßteä, 23etäubenbe3"**). ©filier bemerfte 
an Glmrlotte (Spuren von ftränfüdjfeit, bie jeboa) burd) ben 
*paro>;i)3mu§ ber Erwartung für ben 2lugenblidf üerlöfd)t 
mürben, ©leid; in ber erftcn ©tunbe it)reö 33eifammenfein3 
rourbe jeber scrriffene gaben bei 9)?annl)eimer SöunbeS roieber 
angeknüpft. &err u. ßalb mar beim 3^cibrüder $ofe be= 
fd)äftigt unb feine 2lntunft r»or Slblauf einiger Monate nid)t 
ju erwarten. 9iid)t§ ftörte SdjiHerS S3efud)e im ©aufe ber 
greunbin; er r<erbrad)te ganje £agc in it)rcr 9tö&e, be= 
gleitete fie auf ifjren einfamen ©pa5iergängen, las it)r ben 
„£on CarloS" r»or, fuljr mit ifjr &ur ^erjogin Amalie na* 

*) ©. Seite 9G. 
••) ©Ritter an Börner. 



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(Sljavlotte o. Äalö. 1 



269 



$ieffurt, ualjm aud) btöroeilen eine Unterriajteftunbe in 
feinet SebenSavt bei ttyr unb benüfete fic faft auf Stritt 
unb £rüt al£ freunbliaje güljrerin burd; ba3 SBeimarer 
®e)eHi3>aftäleben. 3*» $erfel)re mit ben grauen muß bort 
oiel grei^eit gef)errfd)t tmben. ©oetfjeS gleichzeitige greunb= 
fdjaft mit grau v. (Stein — aud) eine berühmte (Stjartottc 
— unb Corona Schröter fjatte bie 25>elt barau geroöfmt, 
bie teerjensbebürfniffe großer fttdjter nidjt mit bcm 9)iaßftabe 
einer fjauöbarfenen Woxai 51t meffen, unb mag bie Stein 
unb bie Schröter genoffen, fctyeinen aud) bie minber be= 
rühmten grauen SBcimarS nid)t oerfd)mä()t 51t fjaben. SdnU 
(er, ber in biefem fünfte eine jiemlid) lofe 3 lin 9c ()at, fagt 
über biefelben: „Sie finb erftaunltd) envpftnbfam, ba ift 
feine, bie nidjt eine ©efd)id)te f)ätte, unb erobern möchten 
fie gern äße/' Söeit entfernt batjer, au£ feinem ^crtyältmffe 
ju grau 0. Mb ein ©eljeimnte madjen 511 müffen, burfte 
er eä oietmefjr als eine mefentlidje Erleichterung feines bor= 
tigen 2lufentf)alteS , als eine Slrt greibrief für alle ©efeCU 
f<$aft$f reife betradjten. 2lud) bie vortrefflichen SBeimarer 
gaben fid) ■ättüfie, ben jungen Seilten ba3 $afein 51t r»er= 
fd)önern; man refpeftierte it)re (Sinfamfeit, unb felbft bie 
£er$ogin Slmalie I;atte bie „(Manterie", bie beiben „ju= 
fammen 51t bitten". (St)arlotte rourbe babei „munter bis 
jum 9)hitnriÜcn", aud) SajiUer füfjlte fid) t>on ifjrer Reiter* 
feit angeftedt: „fie fei bodj," fd)rieb er an Börner, „eine große, 
fonberbare meiblidje Seele, ein roirflicfyeS Stnbium für ifjn." 
Xrofc aöebem blieb aber iljr $8ert)ä(tniö eine Siebe mit 
laljmcn glügeln, eine Siebe oljne finnlidje 2Bett)e, mag benn 
bod) bie ©efüfjle unfrei £td)ter3 um ein 93ebeutenbe3 f)erab= 



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270 



ftreunbinnen. 



geftimmt ju f)aben fdjeint. ©djon am 8. Sluguft geftef)t er: 
„Unfer ^öer^ältniS ift, roie bie geoffenbarte Sieligion, auf ben 
GHauben geftüfct . . . unb roir muffen jefet unfrc Religion burdj 
bcn SBerftanb unterfingen unb befcftigen. §kx rote bort jcigcn 
fi$ alfo notroenbig alle (Sporen be3 ganati3mu3, beS ©fep= 
tigidmuS, beS 2lberglauben3 unb Unglauben^, unb bann 
roafjrfdjeinlid) am Gnbe ein reiner unb billiger 33ernunft3; 
glaube, bcr ber aHeinfeligmaa^enbe ift.'' S)aS l>eißt roteber 
oerroünfdjt flug gefprodjen für einen fd)mad)tenben £ieb= 
t)aber. 

&err o. 5lalb t)attc für ben 9)ionat September feinen 
33efud) angefagt, ließ aber auf fid) roarten. ©dritter modjte 
inbe£ immer (jeftiger auf (Störung bringen, roäfyrenb Gf)ar= 
rotte roieber anfing, hinter $fltd)t unb (Sitte fidj 511 oer= 
fa^anjen. SBiSroetlen gefdjal) e3 fogar, baß fie ben Sefud) be§ 
greunbeS nid)t annahm, beim „baä 2Beib," fagt fie in i^ren 
Memoiren, „foll bie Untertreibung ber bürgerliaien 23er= 
Ijältniffe roaf)rnef)men. 6d)iller ließ fein ÜJiittel, feine 
$rieg3ltft unoerfudjt. ©o forberte er fd)riftlid) oft, id) 
mödjte bod) ju if)tn fommen, er fönne nidjt auägefjen. CU 
rooljl geneigt, fonnte ia) bod) roiffen, baß fola)e§ unmöglich 
unb nur UngeftümeS bereiten müffe. Slud) biefeS $erfagen 
tabelte er/' (£3 roar ber alte $ampf, ber iljm fd)on ben 
3)iannf)eimer 2lufentf)alt oerleibet Ijatte. 9Utf)e unb ©eelen= 
friebe fonnten unter folgen ©türmen nid)t gebeifjen. 2lm 
6. Oftober fdjreibt er bem £re3bener greunbe ganj t>er= 
jagt: „C5t)arIottcnö 23erfaffung ift biefelbe, roie ttt) r)iert)er 
fam — roarum roär' id) alfo f)ier geroefen? 3a) bin ber 
9ieflerionen barüber fo mübe geworben, baß id) biefer Wla* 



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ISljarlotte v. Malb. I. 271 

teric auS beut 2i>ege gehe." Slehnlid) lautet in allen £iebe*= 
gefliehten bet Anfang be§ ©übe*. Schiller roar nun einmal 
für ein rein geiftigeS, bem gleite entfrembeteS Verhältnis 
gang unb gar nicht angelegt; fein irbifdjer SKenfdj oerlangte 
einen breiten ^>lafc bei jebem Siebesmahl, unb niemanb gc^ 
ftanb bieS offener, als er felbft. 2luS jenen £agen ber 
ßiebelei mit grau o. ßalb ftammt ein SelbftbefenntniS, baS 
bie roechfelnben Stimmungen feines ©emüteS, ja fein ganzes 
SSefen mit greifbarer Seutltchfeit fennjeidmet. 2tm 19. 9io= 
oember fchreibt er an Börner bie merfroürbigen SBorte: „(£S 
ift fonberbar, ich oereljre, xd) liebe bie tjerjlicfye, emofinbenbe 
9iatur, unb eine flofette, jebe Äofette fann mich feffeln. 
3ebe i)at eine unfehlbare 9)tod)t auf mich, burd) meine ©iteU 
feit unb Sinnlich feit ; entjünben fann mid) feine, aber be- 
unruhigen genug." Sd)lic6lid) bittet er noch ben greunb, 
ihm 51t Jagen, ob bie Erfahrungen, bie er über itjn gemacht, 
ftd) mit ber $bee reimen, bajj er eine grau fjabe, unb ein 
iljm „fo entgegengefefcteS SSefen, eine unfdjulbige grau". 
2BaS ^inbert uns, biefe 2Borte Schillers unter feine ba- 
maligen (*rlebniffe ju fe&en unb barauS bie 5Uage über ein 
Verhältnis ju oernehmen, baS ihm beftänbige Unruhe unb 
feinerlci Vefrtebigung rerurfachte. 2lud) in feinen periobifd) 
fid) roieberljolenben igeiratSgebanfen hört man ben SBunfdj 
ber (Srlöfung aus ben unfruchtbaren 53anben mitflingen, 
finbet bie tiefgefühlte Set)nfud)t nach 9^«^e ihren 2luSbrurf. 

So leidjteu Kaufes jollte er jeboch nicht frei roerben. 
3m ^ooember fam &err o. ßalb auf Urlaub nach £<*lbS; 
rieth, wohin fich Charlotte oon SBeimar aus begab. Schiller 
roar nun 3nterimSroilroer, roie er fid; 511 nennen beliebte, je= 



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272 <yreunbinnen. 

■» 

bocf) nur auf wenige £agc. Gine (rinlabung ber grau o. 3BoU 
jogen rief i^n nad) Dauerbad) unb Sfteiningeu, 100 er bie 
alte greunbm iuieberfe(;cn foUte; jugleid) befugte er bort 
feine »erheiratete Sdjtuefter Cl)ri[topI)ine unb fal) aud) bie 
unoermeiblid)e CS^artotte, bteSmal an ber (Seite ifjreä ©e= 
maf)U. SdjUIer unb &err v. &alb toaren in s Uiann(jeim al3 
bie befteu Jreunbe au£einanbergegangen, unb e£ fdjeint, bajj 
fie e$ aud) fernerhin geblieben finb. ©leid;tool)l tnufe bie 
M\)e beS ©atten bie Slugen unfrei 2>id)ter3 ctroaS weiter 
geöffnet unb ifjm ba* Ungefunbe feiner 93esief)ungen 51t (SI;ar- 
lotte red)t anfdjaulid) gemadjt fjaben, benn als er balb bar= 
auf mit ben beiben in Söeimar roieber jufammentrifjt, fdjreibt 
er an Börner: ,,3d) raeijs nidjt, ob bie (Gegenwart be§ 
SRanneS mid) laffen roirb, roie id) bin. 3a) füljle in mir 
fa)on einige SBeränberung, bie roetter gef)en fann . . . £afj 
biefe Stelle unfre Söeiber nid>t lefen." £te $eränberung, 
über bie er jefet erft flar ju werben meint, Ijatte fid) eben 
längft in tfjm oolfjogen; 311m ooHen Sörudje fehlte nur ein 
©d)ritt. 

3n ben oft citierten Briefen an Börner, ben einjigen 
greunb, bem ftd) Sdjiller rndf)altloS enthüllt unb fosufagen 
ganj narft jeigt, lägt fid) ba3 lefete &in= unb ^erfladem 
feiner Siebe genau ocrfolgen. Slnfang 1788 oerbringt er 
roieber faft jeben 2(benb im Saufe (Sf)arlotten§. £)od) be= 
fudjen ifjn ab unb §u bie alten Seiratägebanfen, bie immer 
nod) feinen beftimmten ©egenftanb fennen: „aber biefeS 
fd)läjt tief in meiner Seele, unb (Sljarlotte felbft, bie mid) 
fein burd)fief)t unb beroad)t, fjat nod) gar nid)t3 baoon ge= 
af)nt." 3m 9)iär& gef)t fie nad) 2Balteref)aufen unb ©otrja, 



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i^arlotte v. Äal6. I. 



273 



unb er fiit»lt fid; nun als „ßtnfiebler". %m Stprit mad)t 
er mit föuber, bcr i^n auf feiner SRetfe nadj üDiainj befudjt 
§atte, einen SluSflug nadj ©otf)a, um ß^arlotte ju über* 
raffen, befommt fic aber nidjt ju fpreajen: „(SS mar gut 
fo," meinen if)re Memoiren, „benn unfre ©eifteSflänge 
waren wofjl fel)r oerftimmt gemefen." 2öir eilen nun immer 
rafa^er ber $lataftropl)e entgegen. 3" einem SBriefe oom 
27. 3uli — er ift aus SBolfeftäbt bei SRubolftabt batet — 
Reifet e3 jum erjtenmal ganj falt: „grau o. ßalb ift in 
BMningen." (S f) a r l o 1 1 e lebte nid)t me^r für ©ajiller. Unb 
wteber in einem ©riefe auä 3iubolftabt oom 20. Dftober: 
„2tn grau r>. ßalb l)abe id) biefen «Sommer wenig geftt)rie= 
ben; e§ ift eine SSerfttmmung unter uns, worüber id) £ir 
einmal münblid) mefyr fagen will. 3$ wiberrufe nid&t, wa£ 
tdj oon \\)t geurteilt fjabe : fie ift ein geiftooßeS, ebleS ©efd)öpf 
— il>r ©influfs auf mid) ift aber nidjt mof)ltt)ättg gewefen." 

®ie „Detter" (SfjarlottenS geben fid) alle erbenfli^e 
M&e, biefe ©teile als ba3 unbefonnene Sluf fahren einer 
«orübergeljenben Saune ju „entfdjulbigen". $>ie 2Baf)rf)eit 
brauet aber feine @ntfdmlbigung. (Snblid) war e§ unferm 
S5i$ter fonnenflar geworben, enblid) wagte er, fid) fetbft es 
einjugeftefjen, bafj fein jwedlofeä Siebein mit einer äugleid) 
fpröben unb begef)rlid)en grau auf fein inneres £eben jer= 
ftörenb wirfen mufjte. ©anj allein fjatte'er baS ßid)t nidfjt 
entbeeft; ein neues <Stt)i<ffal, ba£ iljn feit einiger Seit an 
ber §anb führte, fjalf ilmt, fid) felbft wieberfinben: §f)ar= 
lotte oon ßengefelb, bieSmal bie rtdjttge Charlotte, war in 
feine SebenSbafjn getreten unb fprengte mit ir)ren jarten 
gingern bie in 9J?annf)eim gewobenen S3lumenfeffetn. ßf>ars 

»Uber aus her S^illtriett. 18 



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274 



greunbinnen. 



loite t>. &alb l)atte r»on nun an feine $>Jadf)t meljr über ben 
©id&ter. 3 U einem feierlichen unb geräufäjoollen' SBrudje 
war inbeä fein ©runb r>orf)anben; bie alberne ^affion oer= 
fümmerte tnelmetjr nadj) unb naä) in ber füllen Sflieberung 
einer anftänbigen greunbfdfmft. Gfjarlotte roeifi fogar oon 
einem oiertägigen 33efudf)e S^iHerS 51t erjagen, ber etroa 
im (Sommer 1789 ftattgefunben f)aben muß. „SWeljr aU 
je mar in g(riebrid)) eine finnenbe 33ead)tung. — 2lnnäl;e= 
rungen, als wenn man &u vertrauen, ju befennen fjätte, 
Mitteilungen, bie anbern r<erfdf)rotegen werben fottten. — 
9iodj einmal rourbe mein Safetn roie burdj) einen Sebent 
ftrafjl erleud&tet, i<$ mar um fo erregter, als icf) bebad£)tfam 
fein rooöte . . . C 2)iorgentraum mit eroiger 2Bei£f)eit fpie= 
lenb, bift bu immer £rug? — 0 Seben! no<f) mir fo f)ell, 
reid)' mir ben lefeten Sabetrunf. — $)a§ Seib roar aHju 
tief, bafjer oerftummt ba3 Söort!" £a£ empftnbfame 9iot= 
luetfdt) ber oerlaffenen $>ibo fann uns über it)re roafjre <Stim= 
mung nid&t tauften, ©ie füllte roof)l , bafe eä. mit ir)rer 
<Qerrli<$fett oorbei roar, unb fjatte nur ben einen 2£unf$ 
nodjj, für ifjre ßebensfjiftorie ein I)übfdf)e3 ©djtu&fapitel ju 
erftnnen, in roeldjjem ber Ungetreue als „oertrauenber" unb 
„befennenber", als reuiger Sieb^aber auftreten fottte. ©Ritter 
oerfpürte aber nidf)t bie minbefte £uft ju biefer 9tolle. Gr 
ftanb bamalä am SSorabenbe feiner Verlobung, unb fein 
§erj roar 00U t-on Ölücf unb Hoffnung. 2Ba3 er oon ber 
jümenben (Sljarlotte badete, fagen un3 am beften bie jroi= 
fd&en if)tn unb feiner SBraut geroed&felten Briefe, bie un£ 
fortan als f)auptfädf)lidfjer Seitfaben burdf) ba§ Seben unfrer 
§elbin bienen müffeu. 



(Sfjarfotte t>. ÄaI6. I. 



275 



3m 9iooember 1787, auf ber Diüdreife oon Sfteiningen, 
mar Stiller einen £ag in SRubolftabt geblieben unb mit 
ber gamtlie Sengefelb, bie er fdjon in 2Jfannl)eim flüchtig 
aefeljen, jum erftenmat näfjer befannt geworben. Sein 2lfas 
bemiegenoffe 9ßilt)elm o. SBoljogen, ein 33erroanbter ber 
gamilte, Ijatte i(»n bort eingeführt. (£3 ift rounberbar — 
man geftatte uns f)ier bie beiläufige Semerhmg — wie bie 
®efd)ide unfrei ^idEjtcr^ fajon in feinen ßef>rjal)ren oor= 
bereitenb ftdj geftatten. 2luf ber ßarlsfäjule befreunbet er 
fid) mit SBil^elm o. 2öoljogen, beffen Butter ifjm fpäter 
ein Slföl in SBauerbaä) gemäßen, in beffen Sdnoefter er 
fidj oerlieben toirb; bie SBol^ogen führen if)n bann mit 
' i^rer S3afe (Sljarlotte o. $alb 5ufammen, unb auf bemfetben 
Söege gerät er fd)lie&lid) in ba§ §au§ Sengefelb, 100 ber 
enge Kreislauf feines SDafeinS fic^ ooHenbet. So fpinnen 
fid) f$on in fetner 3ugenb alle SebenSfäben ftd)tbar inein= 
anber unb ba$ Sd)itffat brauet eines £age8 nur bie &anb 
ju rühren, um fie jutn feften 9ie|3e sufammenjujie^en. (Sin 
tüd^tiger 3 U 9 9efd)af) an jenem trüben 9?ooembertage, mo 
Sd)iUer als flotter grembling f)o$ $u 9io& nad; SRubolftabt 
f)ineingaloppierte unb au3 einer SBolfe oon Staub unb 
Diebel ben anmutigen Sd)tueftern entgegenfam. Seine f)erj= 
lid)e greube an beiber Sdjroärmerei, jumal an £otten$ S3e= 
fd)eibent)eit unb immer gleicher Sebtyaftigfeit, mar ber Slnfang 
ber jungen Siebe , bie aflnmfyücf) nur unb mit (eifern dritte 
aus ber „ruhigen 2lnljängltcf)feit" an bie gamilie f)eroor= 
ging unb nad) ben Stürmen mit grau o. ßalb feinem ab* 
gehegten ©emüte eine rooljltyätige ©rtyolung fäjenfte. Spider 
*erbrad)te grül)ling, Sommer unb ©erbft beS folgenben 



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27(3 



ftreunbinnen. 



3<rf)re8 teils in SRubolftabt, teil« in bem nahen SBolfSftäbt 
2)er briefliche SSerfe^r mit grau t>. Äalb war noch im ©anae 
unb er fuchte fogar gnrifchen ber neuen unb ber alten greunb- 
fdjaft einen 33unb $u ftiften, roaS aber bei Charlotte auf 
Schnrierigfeiten ftiefj. 2)ie 9Uoaltn in 9tubolftabt fd)ien ihrer 
Soweit ein ju junget 2)ing. S)och fam eS mit ber Qeit ju 
einer oberflächlichen greunbfdjaft. 3n ihren SKemoiren meint 
grau t>. ßalb : „Sottchen SengefelbS jugenbltche 9totur war 
holben 2lnbticfS", unb e3 ^aben fidt) auch einige Briefe er= 
galten, bie fie um jene S^t an bie fünftige grau <5d)iÜer 
gerietet §at 2lm 24. ganuar 1789 fd)rieb fie: „$>afe. 
©dritter Sßrofeffor in 3ena wirb, werben Sie roohl fdjon 
roiffen ... <£r ift fein* fleißig ; ich felje ihn faum alle acht 
Sage." Unb Sötte barauf an Stiller am 4. gebruar : „2)ie 
Äalb hat mir triel greube mit ihrem SBriefe gemalt; i<h 
fürchtete, fie hätte mich oergeffen, unb ich liebe fie bo<f> fa 
feljr." (SS mar alfo ein leibliches Sßcr^ältniS angebahnt. 
©Ritter, über §alS unb $opf in bie 2lrbeit vertieft (benn 
er foßte in ber ©efchnrinbigfeit einen gelehrten <J5rofeffor aus 
ftdj machen), tjerfehrte roieber im £aufe ber grau o. ßalb, 
unb auf Stugenblide fdjeint felbft bie frühere SBertraulichfeit 
§rcif(hen beiben roieber ermaßt ju fein. 9hir mit ber Siebe 
mar es ein- für allemal vorbei, „ß^arlotte befuäy idj noch 
am meiften," melbet er ben 2)reSbener greunben (9. 9Jtärj) A 
„. . . mir fte^en recht gut gufammen; aber ich f> a & e > feitbem 
id) roieber tytx bin, einige $rinjipien oon greifet unb 
Unabhängigkeit im §anbeln unb Söanbeln in mir auf= 
fommen laffen, benen ftch mein Verhältnis ju ihr blinb= 
lingS unterwerfen muß. 2We romantifdjen Suftfdjlöjfer 



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277 



fallen ein, unb nur ioa3 roahr unb natürlia; ift, bleibt 
flehen." 

3m 3Jiat lag ^ßrofefjor ©djiHer fein erficö Kolleg in 
3ena. £>ie ©eljnfucht nad) ehelid)em ©lud, bie feit ber 
SWannheimer Sturmperiobe ihn beunruhigte, würbe in ben 
neuen 93erf)ältmffen immer oorlauter unb heftiger. 9todj 
toar er ber 9fubolftäbter Sötte gegenüber ohne BerpfUd)tung, 
nod) ftanb ihm, roie er irgenbtoo fagt, baS ganje 2Beiber= 
{jefchledjt offen, unb ab unb ju fd)roärmte er fogar oon einer 
golbenen Bernunftheirat, meinte aber bodj: „ßnttoeber fehr 
Diel (Mb ober lieber gar feinet, unb beflo mehr Vergnügen 
im Umgang." (Sinige SKonate noa), unb fein §erj entbedfte 
ilim, ba& er fri)on längft ben 2Seg ju feinem ©lücf roanbelte: 
im 3luguft oerlobte fid) ©Ritter mit ßotte o. Sengefelb. 2ln 
bemfelben £age jog bie erfte ßunbe oon ber (Srftürmung ber 
SafriUe burd) bie beutfd)en £änber, allerroärtä greube unb 
Qubel ^eroorrufenb. 2(ud) bei bem jungen Brautpaare oer* 
roob fidt) bie Begeiferung für bie gro&e Sache ber 3ttenfd> 
heit mit bem ftitten ©enufc be$ eignen ©lücfeS. 

Sdnllerä Verlobung blieb oorberhanb ein ©eheimnte 
für bie SBelt, felbft für bie Butter ber Braut. 2)er feine 
Spürtrieb ber Nebenbuhlerin fd^eint aber ettoaS gewittert $u 
haben — grau o. #alb beginnt fich um biefe Qtit roieber 
ju regen, ©dfjiüer roiH ntd)t hcrou$ mit ber Sprache, unb 
Börner, ber fidt) bisweilen über bie Beziehungen ju ber alten 
(Sharlotte erfunbigt, roirb mit oerlegenen SBorten auf münb= 
liehe 2luf!lärung oertröftet. 3m September foll er gar ein 
9iätfel raten: „©ine fonberbare Sache, fo id)2)ir ein anber= 
mal f abreiben null unb überhaupt ungern f d) reibe, h^t mir 



278 



greunbinnen. 



nodf) aufeerbem eine ftarfe Siuerfion gegeben .... (Sie be= 
trifft Gf). Ä(atb) unb mein neues 5>erf)ältnt3 mit S. £(enge* 
felb) ; t)ieücict)t roirft Tu $ir bie §auptfad)e jufammenfefcen." 
2öir finb aßerbingS außer ftanbe, bie fonberbare (Sad>e gan& 
flarjuftellen ; bebenfen mir aber, bafc ßfjartotte um biete 
3eit bie lange r)er projezierte & Reibung iljrer ©fje mit be= 
fonberem (Sifer betrieb, fo erfä>int e£ nid)t unbenfbar, bafj 
jte ftd) fd)led)tf)in mit bem ©ebanfen trug, i&ren $)id)ter 
bem 9iubolftäbter gräuletn oor ber 9iafe roegju^eiraten. 
SebenfaHS gab eS fein red)te§ ©ebenen für bie greunbfdjaft 
jroifd^en ben beiben Sotten, unb in SSeimar, roo Sengefelbä 
ben SBinter be3 3af)reS oerbradjten, fam e3 ju unangenef)* 
men Auftritten. 25er SBriefmedjfel jTOtfd;cn (Sdjitler unb Sötte 
bringt hierüber eine SHeitje braftifdjer ©teilen, meld)e ba£ 
immer nod) etroaS bunfle SBtlb unfrer öelbin unter ein 
fdjarfeä Sid;t rüden unb mannen 3 l, 9 oerbeuttidjen. £ie 
©teilen finb im Affeft getrieben unb für bie ritterlichen 
Anmalte (Sf)arlotten$ roieberum nur ber unmafjgeblid)e AuSs 
brucf einer Saune. Allein roer weife e3 -md)t aus eigner 
ßrfa^rung, bafj in ^erjenSfadjen gerabe ber Affeft bie 3Saf)r= 
f)eit fpridjt, gerabe bie leibenfdmftlid)e Erregung bem Urteil 
feine ooüe gretyeit gibt unb alles an bie Suft brängt, roa3 
fonft, oon fonoentionellen SHüdficfiten n)of)lberoad)t, in ber 
Xiefe ber (Seele fd)lummert. 9iad) unfrer Meinung lebt ba£ 
rootylgetroffene 33Übni$ ber grau ü. $alb in ben Briefen 
be3 jungen ^Bräutpaares. Sötte fd)reibt am 12. 3anuar 1790: 
„©eftern fjaben mir ben Abenb bei ber £alb jugebradjt . . . 
fte mar fer)r freunbli^, fprad) oiel . . . if>re legten heftigen 
Aeujjerungen mögen iln* felbft aufgefallen fein." Unb am 



Charlotte o. Äal6. I. 



279 



22. 3anuar: „ÜHein, geroifi Steber; fie ift nidEjt gemalt, $ir 
ju gehören, fie tyat üiel §ärten in tf)rem Söefen, bie 3)id) 
nidjt glütftidf) gemad&t Ratten. Unfre Sßerbinbung wäre bei 
einem näheren 33erf)ältniffe mit 2>ir gan& jerftört roorben . . . 
benn fie §ätte unä nid^t in ©einem &er$en nuffen mögen/' 
llnb tmeber am 4. gebruar, nadjbem fid) ©d)ifler wie Sötte 
über bie häufige Berfoätung ifjrer Briefe beflagt: „©anj 
ol)ne SJiutmafsungen bin idf) nid)t." Sötte Fjatte nämlid) bie 
Ralb in 93erbad)t, bafj fie bie Briefe irgenbroie auffange nnb 
erbrea)e: „6ie ift fo neugierig; unb jumal wenn Seiben= 
fa>ft fid& inä Spiel mif$t, traue tef) nid)t, roeil fie ganj von 
fid) ift, benfe itt) mir. 3()re ©iferfuä^t auf mia) fjaben viele 
bemerft; jumal ba, als £)u nadj SR. gingft, unb man fagte 
f)ier, £u liebteft mid), fo f)at fie gefagt, fo ganj t>erä<f>tlid), 
£u mürbeft midj nia^t lange lieben." ©duller nun am 
8. gebruar: ,,3d) Ijabe eben einen Brief an bie ßalb geenbigt, 
unb sroar eine Antwort auf einen, ben ia) §eute t-on tf>r 
erhalten f)abe. ©ie beträgt fi<$ mie gemö^nlia) fef)r ungra= 
jiö3 . . . id) fjabe if)r oon unfrer ©lücffetigfeit gefajrieben; 
biefeä war meine 9tod)e, unb fie f)at fte reia^lid) oerbient." 
Vorauf Sötte: „ftafc $u ber 5talb red£)t riet üon unfrem 
fünftigen geben gefagt f)aft, ift red)t gut; fie fielet nun x>iek 
Ieia)t ein, ba& SDu mia; nrirflid) liebft. ®3 fd^eint i^r baran 
ju liegen, btefen (Glauben ben 9Jtenfd)en ju nehmen, unb fie 
§at unter bie Seute gebraut, £u liebteft mtdf) nidjt um mti- 
netroillen, fonbern Sinen *) wegen, unb roa§ fie mefyr fagt . . . 



*) Caroline o. 93eufa)ifc, bic ©c^roefter SottenS, fpäter mit 2BUl)elm 
o. SBolaogen »erheiratet. 



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280 



ftreunbinnen. 



e8 fcf)eint ifjrem (Stolj ganj unbenfbar, bafj £u fie um meU 
netroillen fjätteft oergeffen fönnen." 

£ie Verlobung roar injroifdjen offiziell geworben, ber 
£ag ber Trauung bereit« anberaumt, unb bie arme G^ar= 
lotte fd>int angefidjtS einer unabroenbbaren JRieberlage bie 
bitterften ©eelenfc&merjen erbulbet ju t)aben. £otte traf fte 
eine« £age3 bei ber Stein. „$)u tjaft feinen begriff," 
{abreibt fic barüber (11. gebruar), „roie fte ausfielt unb 
tfmt ... fie faf) auS roie ein rafenber 9Nenf$, bei bem ber 
^arorjämuS oorüber tft, fo erfdjöpft, fo jerftört ... fie fafe 
unter und roie eine (Srfdjeütung au« einem anbern Planeten . . . 
id) fürd^te roirflid) für if)ren SBerftanb . . . tyätte fie mdf)t roie* 
ber bie unuer$etf)lid)en gärten unb ba£ Ungrajiöfe in ifjrem 
SBefen, fie tonnte mein SWitleib erregen." hierauf ©d)ifler am 
12.*): ,,2Bat)rfdjeinltdf) roar e3 eine Söirfung meines legten 
SBriefeS, roa£ ber 5ta(b bei (Surer legten 3ufammenfunft mit 
if)r ein fo fonberbareä betragen gegeben I)at. 3$ begreife 
nidjt, mit roeld)er ©tirne Tie mir fdjreiben fonnte, bafj idj 
,bie giftige 3mtg,* nidf)t bie 2Baljrf)eit foße gerebet fjaben 
(äffen'. 2)a($ fie fi<$ in unfer betragen gegeneinanber ein= 
ßemifd)t f)at, ift bodf) jiemtid) entfd)ieben, fie fyat atfo roirk 
(id) gegen ftcij felbft gefprodjen. ©ie empfahl mir bei meiner 
Slntroort öenauigfeit in ber Slufförift be3 Briefes, weit fie 
fürchtete, bafj er in if)rer Sdiroefter $änbe fommen fönnte. 
SDiefeS gab mir ©elegenf)eit, tyx ju fagen, ba& bie SBorftcf)t 
nicf)t überflüffig fei, benn mir roäre eS roirflidj) begegnet, bajj 
oon ben Briefen, bie td& naa) SBeimar fdjrieb, einige burd) 



*) 9iad>la& ber Caroline d. SMjogen T 364. 



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ßfjarlotte o. tfal&. I. 281 

frcmbc &änbe gegangen ... Sie war nie xo a f) r gegen midj, 
als etwa in einer leibenf d^af tlid^en Stunbe, mit ßlugfjeit nnb 
Sift tooHte fie mid) umftriden . . . fo antwortete fic mir nun: 
3$ irre mi<$ fef)r,, wenn id) if)r jefeigeS Setragen mit jener 
Soweit, mit jenem ungefd)i<f ten Traume, ber lange 
f$on nid)t mefjr in ifjrer Grinnerung fei, in 3ufammen(jang 
bräajte, unb Dergleichen meljr." 

9lun, mir benfen, oon (Stiller unb Sötte gejeidjnet, 
jlefjt fie in SebenSgrbfce oor ben 2lugen beS SeferS, biefe 
fjotfmtütige, eigenfinnige unb eigenmächtige grau, bei ber bie 
©itelfeit immer lauter fpradj, als bie Siebe, unb ber nun in 
tf)rem oerlefcten Sßeiberftolje nidjtS meljr heilig galt, felbft 
nid)t baS eigne ©efül)l, felbft nid)t baS fülle @ef)eimniS ber 
anbern. SefctereS — baS ©rbredjen frember Briefe — ift 
ein gan§ fd)nöber, f^eimtüdifdjer 3 l *g au bem Silbe ; freiließ 
nur ein Serbadf)t, aber ein SBerbadjjt, ber an bem ^präjeOenj; 
faß, ben mir nadfj if)rem eignen ©eftänbniffe*) mitgeteilt 
haben, eine merfnmrbig fefte §anb^abe erhält. 2ÜS Sd)iHer, 
ootl beifjenben «Spottes, $orftdf)t im Slbfcnben feiner Sriefe 
t>erfprad), erinnerte er fid) roofyt, bafj if)m (Sfjarlotte eines 
£ageS einen SBrief SecfS, ben fie jur Sefteöung erhalten 
hatte, erbrochen jufdH'dte, unb er badete fid) mit ooUem 
SHed)te, bafe, wer überhaupt fo grober Unfitte fällig ift, mit 
einem $>crfud)e ftdj feiten begnügt. 2)aS Serlefcen beS 33rief-- 
getjeimniffeS geht aber faft immer §anb in &anb mit bem 
Serlenmben unb (Stnfdjüchtern burd) anonnme ©riefe. 5*ur§ 
juoor ^atte Sötte eine namenlofe 3)Jal)nung erhalten, bie 



*) 6. ecite 265. 



282 



greunbinnen. 



unter cmberm befagte *) : „(Bim ^erfon, roeldje immer 2Bof)U 
motten gegen Sie gefjegt tjat, gibt 3^ nen Dcn guten SRat, 
ftdj nidjt fo um ben feerrn 9vat ©Ritter**) 511 bemühen, 
weil Sie fid) baburd) läajerlidj matten . . . Uebertyaupt finbet 
man burd) ben Umgang mit ®id)tern fein ©lürf . . . 3^9^ 
(Sie nid)t fo nad) ^oeten, fonbern bttben Sie fid) lieber 51t 
einer guten £au3frau, benn e3 gibt wenig 3)Mnner, bie ber= 
gleiten Sßeiber ernähren fönnen." £afj biefeä liebend 
roürbige ©ift aus einer roetblidjen geber fto&, ift fonnenftar, 
unb roeffen §anb biefe geber führte, barüber fann mof)t aud) 
fein 3wcifel fein. @3 gab nur eine 2lntroort auf bergleid&en 
Saide: bie @f)e. 2tm 22. gebruar 1790 rourbe Sd)itter mit 
Sötte 0. Sengefelb in ber flehten ftorffapelle oon 2Benigen= 
jena füll unb geräufd)to3 getraut. (Stti^e £age juoor l)attc 
er ber grau 0. $alb if)re SBriefe perfönlid) jurüdgegeben, 
unb al§ biefe einzigen 3 cu 9 cn ^ oielbemegten greunb= 
fdmftäbunbeS im geuer oergingen, ba fjatte vooty audj if)r 
inneres auSgeftürmt, fügte fid) au<$ i^r &erj in ba§ er= 
füllte S(i)idffal. 

2Bir befi^en nodj einige ©riefe (SljarlottenS aus ben 
folgenben Sohren unb werben biefelben im nädrften 2lbf<3t)nitt 
mitteilen. 3 ut) örberft mar eä uns nur barum ju tf)un, groifd^en 
beiben £eben3epod>en eine Sßerbinbung tjer^uftcllen. ©erne 
f)ätten mir bie Duellen nod) reid)lia>r fließen unb namentlid) 
bie Briefe SottdjenS noa) öfter reben laffen, um ben ©egen* 
fafc jwiföen if)rer einfad) meibli^en Spraye unb bem blöben 



*) „Gtyarlotte v. Stiller unb i^re ftreunbe" I. Süanb ©. 207. 
*) edjiller roar feit Aerober 1784 fachen ^roetmariföer 9tat. 



Gfjarrotte ». Äalö. 1. 



283 



SBortfd&wall i^rer Stomensfdmiefter, überhaupt ben ©egenfafc 
jroifc^en jroci intereffanten Vertreterinnen ber grauenroelt bed 
oorigen 3a(irl|imbertö red)t augenfdjeinttdj ju oergegenmär* 
tigen. Allein nur Ratten am Gnbe (£d;iffer oergeffen über 
ben grauen, bie er liebte. £iefe bürfen uns t)ier nur in* 
fofern befdjäftigen, als fic bie treueften Spiegel feines inner= 
ften SBefenS ftnb. £a& bie« SCBefen jeberseit ben irbifä>n 
©erud) bewahrte, bafj feine Siebe 511m SBeibe ein (ebenbigeS 
(Srbgeroädjs war, bieS lehren uns am beften bie fontmlftois 
f$en Kampfe, meldte fein Verhältnis ju ber $alb bewegten, 
gür ben ibealen Gimmel, ben if)tn biefe £ame gewährte, 
wo fein menfdjtid) Verlangen nur mit fdjjönen SBorten unb 
erhabenen Sentimenten gefüttert würbe, für biefen Gimmel 
war Sdjitler nid)t gefd&affen. 9cadj ber ßlaufur ber Statin 
fd)ule liebte er baS SSeib um fo heftiger, baS SBetb junäd;ft 
wegen beS SBetbeS ; ber Vulfan feiner Sinne wollte fid) aus* 
toben. 9tur fo fann man baS unftäte glattem oon einer 
Siebe jur anbern ftd) er Haren. 2tuS folgern ©toffe aber 
entfte^en oft bie beften (Seemänner, unb wäf)renb uns ©oett)e 
gottä^nlid) über allen menfdjlid)en Verfjältniffen fdjwebenb 
erfd^eint unb baS ©ebäd)tniS immer eine Heine 3lnftrengung 
madjen muß, um fid) biefen ©ott als »erheiratet oorjuftellen, 
lebt Stiller in aller 2lnbenfen als baS SWufter eines ©arten 
unb gamilienoaterS. Sein oielfad^eS Sieben mar nur ein 
fingen nad) @inf)eit unb 93eftänbigfeit; bie mm^ifd&e Saura, 
bie fd^öne Sd)wanin, bie £rauerfpiel=Sotte, Katharina S5au= 
mann, Henriette v. 2lrnim unb enblid) ßl)arlotte 0. ßalb, fie 
äße waren nur §altpunrte auf ber ©ntbedungSreife nad) ber 
redeten ; feine ftürmifd)e Unruhe war nur bie Spradie feiner 



284 



$reunbinnen. 



tiefen ©ef)nfua)t nadf) SRulje. £iefe 9iul)e fanb Spider in 
ben 2lrmen feiner Sötte. 

II. 

■3Tiit ber ©eliebten fjatte ©d)iUer bie 9?edf)nung für immer 
abgefd&loffen, ber 9)futter fonnte er wieber greunb werben. 
(££ mar bie ©orge um i^r äinb, welche (Sljarlotte baS brei 
3af)re lang grollenbe ©tillfajweigen bred&en f)iejj unb fie mit 
©arider in neue 39erüf)rung braute. 3^ Heiner grifc be* 
burfte eines föofmeifterS ; ber bisher feine @rjief)ung leitete, 
genügte nid()t ifjren 2lnfprüd)en, unb ^rofeffor ©filier foßte 
beSf)alb in 3ena ober fonfiwo um einen belferen fidt) um- 
fef>en. £rug bodf) ber ßnabe if)m ju ©f)ren ben tarnen 
griebri<$. W\t ber ortigften 3uoorfommenf)eit unterzog ftd) 
©filier ber geringen 9Jiüt)e , freute fid) in feiner Antwort 
(8. 9J?ai 1793) ber angenehmen Ueberrafdfjung, bie ifjm bura) 
ben Sörief ber greunbin (oom 23. Slpril) ju teil geworben, 
unb banfte für ba£ Seiten i()re3 Vertrauens: „2lber glauben 
©ie mir, bafj e£ feiner Erinnerung beburfte, baS SBilb meiner 
greunbin in metner ©eele lebenbig ju erhalten." 2)rei solle 
3af)re waren feit ber Trennung baf)in, ©türm unb fieiben* 
fdmft oorüber unb beiberfeitS ruhigere ©timmung; ©filier, 
ber früheren ©efüf)le nimmer fäfjtg, oerftanb e£ wenigftenS 
— f)öfliä) ju fein. 9tfel)r als &öflidf)feit mar oorberfwnb 
nid&t oon ü)m §u Ijofjen. „$)ie &alb l)at roieber angefangen, 
fidj ju regen/' fdjrieb er am 17. Quli an Börner, „fie £>at 
mia) gebeten, if)rem ©ofjne einen §ofmetfter auSftnbig ju 
machen, unb idf) übernahm biefen Auftrag mit um fo größerer 



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Gfjarfotte o. Äalb. II. 



285 



SBereitroilligfeit, je widriger e3 mir ift, ihr &u jeigen, bafj 
fie in jeber f<hitflid)en unb geregten (Sadje auf mid) 
rennen fann. ßaurn erflärte id) ihr ineine SBereitwilligfeit 
baju, fo bin id) aud) fogleid) mit 33rief über 33rief belagert 
unb erhalte eine fd)öne SBerftd&erung nad) ber anbern . . . 
3hr 5topf fdjeint mir nod) nid)t ganj geseilt . . aber bie 
Cberflädje ift ruhiger." 

2Bir beftfcen einige ber Briefe, von wetdjen (Sdjüfer, wie 
e§ f<$eint, nur wenig erbaut würbe, unb wenn wir biefelben 
mitauteiten un§ entf stiegen, fo gefd)ief)t e3 mehr ihrer gorm 
als ihres 3nl)alt3 wegen. Sefeterer ift jwar immerhin be* 
jeidmenb genug für bie oielberebete 2)ame, oon ber nur 
wenige Briefe ftdj erhalten fyaben; allein er wiegt leicht im 
Vergleiche ju bem 3ntereffe, baS bie fleinen SBlätter weefen, 
fobalb man fie als *ßrobeleiftungen von ber grauenbilbung 
jener Seit betrauten will. 3n biefer &inftd)t ftanb (S^arlotte 
burd) ©eburt, @rjief)ung unb Umgang auf ber bamalS l)öä)ften 
©rufe, allein wie wenig Orthographie unb ©rammatif auf 
biefer §öf)e ju finben waren, lehrt uns überjeugenb bie 
^ßrofa unfrer §elbin. 3Wan fann aud) ohne Orthographie 
unb ©rammatif leben, unb in granfreidj fonnte man fogar, 
roie 9ttarfd)all Richelieu fid) rühmen burfte, ben Unfterblidjs 
feitS=£empel ber Slfabemie erreichen ; inbeS gehören nun ein= 
mal bie beiben SMnge §u ben SteinlichfeitSgefefcen beS 6pra<$* 
uerfehrS, unb eS ift immer traurig, roemi biefelben burd> 
nichts anbreS erfefet werben, als burch angelernte poetifdje 
Lebensarten unb ein gemtffeS SBetterleuchten mit frönen 
©ebanfen. 

£em erften, unbatierten Briefe an ©Ritter ^atte 6har= 



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286 



Jreunbhmen. 



(otte einen Staffafe über bie ^flidfjten eines ^Säbagogen bei= 
gelegt, ber lefenäwert ift. £ie beiben Sdjriftftücfe lauten: 

„2)Jetn SWann war in SBetmar, ^at aber niememb biefen 
3(uffafe lefen laffen — aud) meinen Sdjwager*) nidj)t weil 
er fürchtete er fönnte if)n miSoetftefjn, unb beleibigt werben; 
id) wolte eigentlich baburety nid)t$ anbereS bewürfen als baä 
er mir balb baS unnü^e — unb baburd) fd^äblid^e Sujet oon 
£alfe fdfwfte. mein 9)?ann f>at fo Tootjt m(einem) Sä)w(ager) 
al£ 33ertuch gefagt wie fel)r unjufrieben er mit 9)t. **) märe, 
unb beibe (jaben oerjprocf)en fie motten fid) bemühen it)n balb 
anberwärtä ju nerforgen. ich merbe ilmt eheften* erflären 
ba3 mir uns balb trennen müjjen, — id) fd)ide ihnen biefe 
SBlätter burd) einen Exp(ress) Dothen biefe Angelegenheit 
ift mir ju widjtig aU baä ich magen möchte — e§ gieng vkU 
leicht auf ber ^poft uerlohren — ober mürbe oerfpätet, möchten 
fie in einer gefunben heitern ftunbe biefen lörief erhalten — 
mein greunb fie werben e3 wifeen — mie unau§fpred)lia) 
widjtig bie 9öot)ttc)at ift bie Sie mir unb meinen Äinbe 
bura) eine gute 2Baf)l gewähren fönnen, - id) — leiber 
muß ich e§ fagen habe ba3 2$efen noch nicht gefehen welches 
ic^ m ^ r ä um Steher wünfdjte — Sie finb Sie fönnen glüd= 
lidrjer fein, unter ben Dielen ftubierenben — roo gewiß bie 
oor5ügl. 3itafllO n Ö e ) ® ie auffudtjen — ober oon 3(men ge= 
fannt wären, wirb bod) einer fein — ber 3l)re 2öünfa)e be= 
friebigen fann. — Wein Verlangen vielleicht ift e$ $u fühn 



*) ^räfibent o. Salb fdjeint feiner ©djroägerin ben bisherigen §ofs 
meifter oerföafft ju fjaben. 

**) 9Rün$, ber biSfjericie £ofmeifter. 



Charlotte o. flalb. II. 



287 



— aber eben ba3 Ottern in ber jejigen Sßafyl, weiter bod) 
aud) für fe^r u ortreff (lid)) imb ausgejeidmet gehalten wirb 

— verleitet mid) §u ber oiel!eid)t überfpanben äuferung meiner 
goberungen. 3dj roeiß e§ gewiß, feine gefälligen abfluten 
ein biefe SSerforgung bebürfenbeS Sujet empfehlen, wirb 
fann (Sie bei biefer roaf)l leiten, — audj fein frembeS £ob ! 

— Sie werben grofe rufjmreidje bemüf)ungen — unb werfe in 
ifjren £eben &äf)len aber geroig feine bie 3tjr &erj feelidjer 
oergnügt — wenn baS Sdjicffal reiß ba3 fie ifjnen gelingt; 

— unb mir — o roeldje SMuft für meine Seele wenn id) 
eroig 3nen ba§ gröfte ©efdjencf weld)e3 mir baS ©lücf geben 
fann ju oerbanfen l>abe. 

Cbjwar oft ber äufere fd)ein trügt — unb eine finftere 
üerftefte ^pijieftonomie bennod) einen feinen reid; benfenben 
roefen gehört — fo wünfd)te id) bennod) baS fein äufereS 
33ortetlf)aft roäre. ©eift unb flarafter bejeigente (bezeigte); 

— auf &inber roirft ein ebler männltd&er anftanb gar fef)r. 

— 2lud) bei; biefen wünfdje ift etwas citelfeit oerborgen, 
einige bie it)m (2)fünd)) wählten — werben in anbern nur 
ba3 äufere bemerfen fönnen, unb nad) biefer werben fie ur* 
tfjeilen. 3$ möchte alfo aud) gerne biefen ben Gontraft 
fid)tbar madjen — münd) l)at ein oerfümmerteS pornirteS 
anfefm nebft aßen ga^onS eines Sdjneibergef eilen, mein 
9J?ann weiß nidjt baß id) biefen SBotfyen fdjicfe — nidjt ba§ 
id) über biefe angelegenfyeit an Sie fdjreibe; — er ift be= 
forgt — wünfd)t fef)nfud)t3ooll eine oeränberung ftird)tet aber 
ben fataliSmuS auf eine anbere roeife. — a<$ fagt er immer 
roenn nur nidjt ein neues llnglücf uns bei biefen 2Bed)fel 
bet)orftel)t - ein Sttenfd) ber eitle falfdje begrtfe (oon fid)) 



288 



ftreunbinnen. 



f)at, baä ®enie gerne fpictt - ubgl. — fic roerben §ein= 
rid) hierin erfennen. _®an$ frei r»on jeben geiler ber 9Ser= 
nunft, beS 93etragen3 ift (ein SERcnf^ — famt nidjt ein 
3üngt: im 23. 24. 3af)re fein; t)at er t>ernunft fo roirb er 
aud) fia) felbft tagt. mefjr erfennen unb büben; biefe Go= 
ouetterie oerraud)t; flug ift e3 immer fic in gemeinen fieben 
ju ocrbergen. ginben (Sie ein SBefen baS Sie lieben fönnen 
befcen ©eift ffönen besagt, fo fudjen ©ie fo oiel roie mög= 
lidj mir üjn burd) 33riefe an mid), (burd)) anbere fdjriftl. 
Stuffeje, rooburd) id) it)n — mef)r beurteilen fann befannt 
511 madjen — roa£ 3nen in biefen ^Blättern roertt) bünft r>on 
if)m bef)erjigt 51t werben geben Sie ifmt audj." 

Unb t)icr nun „ber ©ofmeifter, rote er fein fott", baS 
ift bie nähere Säuberung beS feltenen S3ogete, für beffen 
Gntbecfung unferm SDiajter größere greube oerfprodjen wirb, 
atä für bie SBottenbung beS fdjönfien £rauerfpiel«. fteben 
einem oorteilfwften Beugern (einer §auptfa<f)e!) fott berfelbc 
in geiftiger S9e$ief)ung fotgenbe <2d)äfce beftfeen: 

„£er befdjüjenbe ©eniuä ber 9)ienfd)()eit oerljüte — ba& 
fein junger 9)tann fid; ben 93eruf eine« ©rjiefjerä roitme — 
roeit e$ if)tn bünft, ba3 eine öofmeifterftelle ein äuferft be= 
quemeS £eben; wenn baburd) nur einige ftunben b. £ag§ 
befc&äftiget fmb; onftott bafj als (Eanbibat Suriä u. £&eo= 
fogie er feinen Unterhalt mit anfjalbenter Arbeit ober 10 
ftunben Unterridjt be3 £ag<3 t)ötte erwerben müfjen! — Gr 
prife — er ftubiere ben SWenfd&en — er erforfcfye roem nennen 
bie SBeifen, ©blen gut nüjli^ uerftänbig, wer iftS — wer 
roar§ — unb bliebe — nad) ber ftrengften Beurteilung — 



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(S^arfotie o. Raib. II 



289 



in ©efahr, u. Verfügung burd> ba$ fjcilige ftd) immer er= 
neuernbe geriet bcr — über bie ßatafterifttfdje ge= 
fchid)te ber Vergangenheit?! — ^abe id) einen Segrif btefer 
Seltenen fü^te id) einen brennenben ©ifer ihnen ähnlich 
ju werben. — ßann ich ein 2ftufter fein — ein Stlbner ber 
blühenben 9JJenfä)heit werben? — £at er biefe<S SBewufjtfein 
ben Sßerftanb be§ ©ewiffenS. £>u weifjtS wa3 ju einen 
ebten 9flenf<hen gehört, bu roillft beinen Sögling nie igno= 
riren — fein ©ebäd)tni3 üben. Sßorfteff. nnb Seurt^eife 
fraft in i^n fd&ärfen, liebe ju 2Bi&enfd)aften in ihn erwefen 
unb nähren. £a£ ßinb fennen lernen, wifcen was er an 
moraltfchen unb ©eifkS fähigfeiten beftjt — was ihm mangelt 
— maä cultbirt wa§ erft enbwifelt werben mufc, unb was 
bie 9iatur ben 3ögli"9 erteilte, befonberS &u nüfcen unb 
auäjubilben fudjen — ba3 beftimmte originel (Sarafteriftifche 
in jeben 2Jienf<hen — ju befjen Pflege unb auäbilbung bie 
©infame ^äu^lid^e (Sr^iehung oft fo vorteilhaft ift — was 
aber burd) bie Grjiehung oft ganj erftidt — ober meift bie 
eigentl. Statur oerfd)lechtert wirb. — aber burd; eine föft= 
lid)e (Srjiehung auch eine 2)emantne feftigfeit unb glanj er= 
hält. 3eben fie^rer er fei nun 93orfteher einer grofen 2ln= 
f^alt, ober prioat Seigrer barf feine nüjlidje angenehme ©igen- 
fdjaft be3 geifteä unb &er$en3 fehlen — er mttmet fid) ben 
feeloottften gefd)äft, was* mit Seibenfehaft unternomen, mit 
liebe au« geführt werben mu&: — Slber bie ©ebult — ift 
bie ©ebult nicht auch eine Sugenb, nicht auch eine ßraft — 
bie bei) feinen nüjlidjen anhaltenten Berufe entbehrt werben 
faun. $er ©dfoulman fo eine grofe menge birigirt fomt mir 
oor wie ein Söaumeiftcr. £er orbnet — anwenbet — ein 

Söilber aui ber S^iatrjcit. 19 



i>90 



grofereä unternehmen — roeldjeS mannigfaltigere 33emüf>ungen 
unb auSfütyrungen erforbert. 2)er gkioat ßeljrer fann mit 
befto mel>r einigfeit gleidjfam wie ber ftünftfer ber nur eine 
SMlbfäule mit ßeibenfdjaft für feine Äunjt bearbeitet — un= 
ermübet nie ben SDtcifct aus ber §anb legt ftd) bemühen je* 
ben entbeften gef)l fd^nett ju beffem — jebe mögt. SBoff= 
fommenf)ett ju geben ! ©inb meine gorberungen übertriebne 
— ein alju fülmeS Verlangen meine« SBerftanbeä meiner 
@inbilbung3fraft! fo oerjeif)e e3 bie Wcnfd^^ett roenn id; in 
biefen augenbl(i(fl)idj bie ©djroädje ifyrer -Katur oergaS — 
o icf) glaube nod) an Sjßerfectibilität, an möglidjfter SBofffom= 
menfjeitü — ©inb meine 2Bünfdje unerreidjbar — 3beali8s 
mu0. 2ldj fo traure man mit einer Butter ber ni$t3 f)eU 
liger ift — nidjtä il)re @f>re — i^ren Serben u. ©eroiffen 
näfjer angebt als bie SMlbung i^rer Äinber. — £>te fo gerne 
ber ©efeel(fd)aft) 3Hitglieber geben mödjte, bie baS Seben mit 
Sßei^eit ju geniefen oerftefm, bie SBürbe ber SBernunft fenen, 
unb bie £ugenb üben aud) wo biefe Aufopferung, 3)iut unb 
Stärfe fobert!" 

£)em Crjrprefjboten, ben grau o. R. von SBalter^fjaufen 
nadj 3«na geflutt $atte, fd£>eint ©dritter einen SBrtef mit« 
gegeben ju ^aben. SDerfelbe ift nirgenbs &u finben. SDod) 
läßt fid) fein 3nf)alt aus folgenbem ©^reiben GfjarlottenS 
erraten, ba3 fogar eine ©teile barauS roörtlid) anführt: 

„®er 23ot$e fann ni$t genud) $I)re greunblid)feit rühmen 
bie gute (Suppe unb ben oortrefft. Sßein mit melden ©ie 
if)tn geftörft l)aben. Sludj trägt e3 §u meiner 3ufrieben(f>eit) 
bei ba3 2Balter$f)(aufen) gute (Sinroolnter f)at. £er l)ieftge 



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©fjarlotte ü. Äalb. II. 291 

<Stnwof)ner ift weber einfältig nodj trojig, — unb eS lögt 
fid) immer gut mit jemanb über ben ©egenftanb reben ben 
er üerftefjt — burd) biefen 2lnteit an ben ©emerb anberer 
bin idj nid^t fo ©infam auf ben Sanbe als mandje ©tabt 
£5ame fid^ finben würbe. (53 liegt tyier in meiner Dtadjbars 
fd)aft ein fleineS ©ütdjen mit einen fe§r frönen Saug (Sidjen* 
puffen — wenn id; oorbei fa^re fält mir immer baS reijenbe 

uerblüf)te ^roject oon ©ie unb Börners wieber ein *) 

<5r befudjt fie alfo — ba geniefen fie mit gefunbtyeit bie 
freuben einer Reiter freien mtttljeilung, rufen fie mid) audj 
feiner Erinnerung jurüdf. — @3 ge§e tym ftetS wofyl u. 
allen mag er liebt id; füf)le baS idj f)er§l. Slnt^eil an feinen 
©djidfal nef)ine. ©ott motte ben ©enufj ber $aterlänbtfd>n 
£uft**} für ©ie fegnen. könnten Sie ben garten Söinter 
in einen milbern Glima jubringen wie wol)l märe 3#nen 
Dielleidjt ba — ©ie merben oerfud)en, unb id) bin oerlangenb 
uon ben glü<flid;en .©rfolg ju §ören? — tdj oerlange bie 
Meine ©ä)rift***) ju lefen bie Sie mir anfünbigen; — id) 
lefe in ©ommer wenig — aber innig — 3m SBinter wirb 
e3 bebürfnifs in m. (Sinfamfeit. fiaben (Sie 9ttirabeau3 
93f. (©riefe) gelefen nad) feinen £ob oon Manuel IjerauS; 
gegeben? — 4 33enbe. wenn es nid^t — fo t^un ©te es — 
mann fmt fo wenig unb gar nidjts gutes über biefe gefaxt 
— wenigen ift'S gegeben bie grofe feltenfjeit eines 2ttf. 



*) ©Ritter unb Äörner wollten an bemfelben Drte betfammen wofjnen, 
wie einfl in 2>re§ben. $er fylan tarn nitfjt }ur Slu$fü§rung. 
**) ©filier trug ftd> mit feiner 9ieife natf) ©(fyroaben. 
***) D$ne 3roeifel „Ueber Stnmut unb SBürbe", in biefem 3a$re oon 
<$öfd&en herausgegeben. 



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292 



greunbinncn. 



(äRenfdjen) in feinen prifat leben, ©mr-fmbungen, GJrunb* 
fefcen ju erfennen unb ju geniefen. — Sttann beurteilt be- 
freutf) fidj nur des Oeuvers Exploits est (et) Experiment. 
2)arum ifl auä) ber gefel (Uge) Umgang fo arm an genügen ! 
£a£ mann jefeo feine f anD biefe SBf (SBriefe) gu lefen 
ift in ber Söerroirrung — unb benen ©rtoartungen be3 @r* 
folgS — in ben mistigen ©reigniffen unferer 3«* w>ot)( ju 
erwarten, roo es — beffer ift ju ip t)ilofopl>iren als su 
f abreiben — idj f)abe if)r ©ajroeigen über bie ^Solit (5rg. 
(©reigniffe) unferer tage fefyr geehrt; — aber oft feinte iä> 

midj ©ie barüber ju f)ören id) benfe lefe unb träume 

nur baoon — aber bat>on ju fdjreiben ftef)t mir nidjt an. 

SJJein greunb in bem <3ie meine tjicßeid^t algu turnen 
foberungen binben unb nieberf ablagen wollen — Sßerfpreajen 
©ie mir fo gleidj — baS feltenfte oorjüglidtfte mag ein 
9)tenfd£) in ben anbem fua;en u. finben fann: ßarafter 
ber roenn audj bie traft gur mbglidjfeit einen $u beftfcen ba= 
märe — bod) nur erft mit ben Safjren befeftiget, unb eigenft 
wirb, guter SInjwnb — ben audj nur allein — menn e& 
nidjt £anj meifterS manieren finb — ein ebler 9Jtenfd) nur 
allein beftfcen fann. — 6ie motten meine foberungen mäfigen 
unb oerfpreä>n mir bod; foldje ©igenfajaften unb gäfngfeiten 
aufjufuajen, bie nur allein ber 2lu§bruf bie oolenbefte aus* 
bilbung meiner foberungen fein fönnen! ©ie fagen 
ferner „e3 ift fogar feiten eben nid>t -DZ f. (SRenfdjen) oon 
biefer Slrt §u finben, aber feiten ftnb gerabe biefe ju 
einer folgen Seftimmung ju ^aben, weil <Sie fia; anbere 
2lu3fid)ten ju maa>n roifjen. 2Ber feine $füd)t fennt wirb 
nidjt gerne &ofmeifter fein motten, — u roer oon jener ge* 



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ß&arfotte t>. H0I6. II. 



293 



ringe benft ift nid)t baju $u gebrauten." - 9ßein id) weife 
«S m. befter fte geben mir feinen ßrj (ie^er) für grifc als 
einen ber feine ^flidjt-fennt u. fenen lernen fann. — baS 
wirb if)r £er$. it)re mir wieber fo heilig geworbene freunb= 
fdjaft tfjun unb geben!! — aMelwißeren ertaS icf) Umgang, 
ben was ein f inb erlernen fann ijt wenig — aber otel SBer* 
ftanb beS ©ewifjenS, unb ber beurtljeilung wollen wir tfm 
nid^t erla&en. 2Bof)lf)abenbe Sünglinge werben ftd) wol)l 
nie, boa) feiten ben ©tanb eines ©rjietyerS witmen — anbere 
mü&en fo gleid) ,mit 3)?ü^e unb fleife an i$r @f)renoolIeS 
tiorteilliafteS auSfomen arbeiten. (Sollen Kopfarbeiten fogleid) 
ein forgenfreieS bequemes Seben oerfa)affen — fo wtfjen fte 
felbft was baju geprt — 2)er befte Äopf t^ut wo^l ju 
reifen — e^e er ber weit beweifen will, ba{j audj er benfen 
fann — 2tuf oerforgung für SBaterlanb unb 3lmt mufj ber 
3Wann oft warten — unb ftets ber Süngling — 2Bo fann 
er es bequemer? jwar aua) mit gebult unb boppelter ©ebult, 
aber o^ne (Sorgen, als beo einer öofmeifter fieHe. Sßeldje 
ßarrtere flehen jungen (Stubierenben frei fo eine fiof ©teile 
erwählen, unb erwählen müfeen — als ben einen ber ^re* 
biger (Stanb. liefen fann er uorbereibetet (oorbereitet) er= 
warten — unb t>ielleid)t in granfen oorteityaft finben; — 
ein <S$u^llef)rer — biefen befonberS mufj baS fad) (gad)) 
ber (Sr^e (©rjie^ung) nidjt fremb über alles widjtig (inb; 
u. je fähiger er ift befto mefyr wirb er fid) befdjäftigen u. 
SBilbung bei ben unterridjt; — unb ber gute Kopf fann ftetS 
mef>r binge auf einmal tf>un — aber Neigung gehört baju 
— wenn ni<f)t ©r&ie^. u. Unterridjt fdjwerer unb wiberid&er 
werben foU als frofje Arbeit! — 3uriften werben feiten nie 



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294 



grcunbinnen. 



wenn fie mit fäf)tgfett für biefeS fad^ 2lrbeiten formen ftd> 
bicfcn 6tanb mittuen — ob gletd) grnf. (granfett) ein töftl. 
£anb für tljr ^opfgetoerb ift. 

35a er ein benfenber ebler 9)if. burd) ba§ SSebragen ber 
©Item lectitr — Unterhaltung unb leben« toeife genrif3 nid&t 
ungl(ücflid)e) fonbern oieUeid)t fc^r jufriebene £age »erleben 
wirb fann i<§ toofjl fidler oerfpredjen, — bod) mtöt (mifjt) 
fid) ftetS nur baS glü(f be£ lebend na<§ ber mögltd)feit u. 
fät)igfeit jur SRuIje beS ©emttty* u. fitere £f)ätigfett — 
unb nao) ben tnaafi oon 2la)tung unb Vertrauen fo wir in 
unfern ©tanb unb SBeruf geniefen. 2ttüttd) ift tner)r als 
fonft um frfe (grifc) aber mir barum nidjt lieber — Seben 
Sie TOor)t. Ob wir uns roieberfer)en werben? 

Gt)ß! 35*. b. 18. 3uni." 

(Sfjavlolte fprid)t bereit« toieber in jiemlid) roarmem £one; 
bie greunbfd;aft beS S)id;terS ift tf)r toieber „fo f)eilig" ge= 
toorben, unb baS gragejeidjen am ©djluffe be£ SBriefeS fagt 
beutlid; ifjre <Ser)nfud)t nadj einer perfönltdjen ^Begegnung. 
2Ba3 bie Sd)ilberung be£ ooltfotnmenen föofmeifterS betrifft, 
fo fdjeint berfelbe oon <Sd)iKer um einige ibeale Kopflängen 
fürjer gemalt unb auf ein menfd)lic§e§ Körpermaß gurücfc 
geführt toorben &u fein. 2lu3 fpäteren ^Briefen erfährt man, 
wen er für bie (Stelle empfohlen fjatte, nämlid) einen jungen 
liülänbifdjen (Sbelmamt, namens 2lblerSfron, gegen ben 
übrigen« £err o. Kalb einiges ein&uroenben tjatte. „3$ gebe 
mit SlblerSfron," fdjreibt ©d)iHer (Sfjarlotten am 29. $id\, 
„no<§ nid)t alle Hoffnung auf, benn bie ^aupteintoenbung 
StjreS 9)?anneS gegen if)tt, bog tf)tt fein ©tanb 3t)nen gleia> 



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egarlotte v. ÄaI6. III. 



295 



fefcen unb alfo nid)t frei genug für if)n mirfen fein möd;te, 
wirb fid) fjeben laffen. (Sr nurb SHat unb güfjrung annefj* 
men." Unb mit berfelben Sßoft melbet er bem jur &\t in 
Hornburg befinblid)en greunbe, er möge auf 2öalter$I)aufen 
ftd) üorftetten. 

(Sine niäjt unintereffante (£yifobe brängt fidj f)ier in 
unfre Grääf)lung. 3 ro ^f^ cu ^ cn ©eftalten ©dutlerS unb ber 
grau t>. Äalb fet)cn mir ben ©Ratten eines Unbefannten 
hingleiten, ben mir auf einen 2lugenMicf feftfmlten möd)ten. 



III. 

Ouftaü S3ef)agel v. SlblerSfron geprte su bem Greife 
ber treuen &au£freunbe, roetäje, meift 2lmt3genoffen unb 
§örer ©Ritters, bem gamilienteben be£ jungen ^rofefforS 
in 3ena eine anmutige Bewegung gaben, ©in abenteuere 
Iidjer 3ug gef)t burd) feine ©äjitfjale*). ©eborner Sblänber 
unb urfprünglid) ruffifäjer Militär, t^atte er e§ in ber ©arbe 
bis jum SRange eines Kapitäns gebraut, auf einer SRetfe 
aber, bie er 1788 einer Grbfcfjaft falber naä) SDeutf^lanb 
unternahm, bie greube am ©olbatenrod oerloren unb ben 
SBaffenbienft mit bem SMenft ber 2Biffenfd;aft nertaufd)t. SBei 
©Ritter in 3ena t)örtc er Untoerfalgefdjiäjte unb faßte balb 
eine grenjenlofe 33erel)rung für ben jungen £et)rer, bem er, 
obmof)l faum oicl lünger, mit ben ©efüt)len eines ©oljneS 
f)ulbigte. 2Bie fef)r ©djitlera (Srfdjeinung bie Sugenb be= 

*) »gl. bie Mitteilungen Sßrofcffor Urlic^S in „(S^arlotte o. editier 
unb i^re greunbe", SBb. III. 



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296 



greunbinnen. 



gaubern fonnte, baoon ift 2lbler$fron ein lebenbtger 33eroei3. 
2tud) mit ben grauen be8 §aufe§, mit Gfjarlotte ©dritter 
unb it)rer ©d&roefter, grau o.. Seulroife (fpäter u. Söoljogen), 
ftaub er im freunbfdjaftlid)ften, faft getd&mifterlidjen 39unbe, 
bem eS nad) ber ©Ute ber Seit an einem §aud)e ©dnoeto 
merei ni$t fehlte. ©dritter im SBinter 1791 lebend 
gefäfjrlid) ertranfte, mar iljm 2lbler3fron ein treuer SBärter, 
unb ba3 SBerfjältniS ber beiben greunbe mürbe von ba an 
immer oertraulidjer, natürltdj unter SBafjrung be3 gehörigen 
SlbftanbeS jroifd^en bem großen SDidjter unb feinem Heineren 
Anbeter. 2luf Oftern 1791 ging Slblerlfron nad) Stuttgart, 
um auf ber ßarläfdmle fi$ weiter auSjubilben. ©r unter* 
f)ielt einen giemlid) regen SBrtefroed&fel mit ©d)ifler unb feiner 
grau, bie i^n if)ren Skuber nennt, befugte be3 2)td)ter$ 
alte ©Item auf ber ©olitube unb befugte roofyl audj, fo oft 
e3 anging, Caroline o. 33euln>ife, bie bamals in ber 9Jdf)e 
©tuttgartS lebte unb näd)ft ber ßarlsfd&ule für 2lbler3fron 
ber ftärffte 9)tognet im SBürttemberger £änbd)en geroefen ju 
fein fdjeint. ßeiber erhielt ber junge ßiolänber non £aufe 
teine Unterftüfeung, fo bafj fid) feine materiellen SSer^ältniffe 
immer ungünftiger geftalteten. 3n roirflid) rüfyrenber SSeife 
bemüht fidj nun ©dritter mit feiner ganjen gamilie, 23er= 
roanbtfd&aft unb greunbfdjaft, bem armen Trabanten, roie 
ifm Caroline nennt, trgenb ein 2lmt ju oerf<$affen, roomög* 
li$ eine £ofmeifler3fteHe. 3m 3uli 1792 fdjeint bie ©dm>ä= 
gerin etroaS auSgefunbfdjaftet ju l>aben, roenigftenS f abreibt 
Slblcräfron an ©djiHer: 

„^ere^rungäroürbiger greunb ! . . . $)ie grau o. 93eulroi^ 
fyatte bie ©üte, mir $u melben, bafj ein ©nglänber einen 



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Gljarlotte ». Äalb. III. 297 

@rjief)er für feine Einher fud)te, unb baf? ber §err floabjutor 
burd) feine gürbitte uielleid^t mir biefe ©teile »erraffen 
fönnte. Slber ba td) bie ©d)wad$ett meiner SBitte fü^Ic, 
bie bei bem §errn Äoabjntor nidjts ausrichten fönnte, wenn 
©ie, oereljrunggwürbiger greunb, tf)r md)t ba§ »olle ©ewidjt 
geben mürben, unb idj aud) weife, raie oiel «Sie bei grofeen 
benfenben 3ttännern oermögen, fo bitte tdj (Sie inftänbigft, 
feien ©te mein gürbitter, beförbern ©ie bie Erfüllung biefer 
oortreffltd;en 2lu3fid)t, bie mtd) in bie Sage ber £l)ätigfeit 
für bie 3ttenfd)f)eit oerfefcen fann . . . 

&ter füge id) 3^nen ben Srief an ben £errn ßoabjutor 
offen bei, worin ©ie furj einen £etl meiner SebenSgcfdjidjte 
finben werben. D, weld) eine Hoffnung befeelt fdjon mein 
ganjeS 3d) bei bem ©ebanfen, bafe mein Seben burd) ©ie 
je|t eine glüd lidje äßenbung befommen fann ! Qfjrer greunb« 
f^aft überlaffe idys alfo, ob mein 2Bunfdj su erfüllen fei. — 

empfehlen ©ie mid) aufs befte 3&rer grau ©emafjlin. 
bleiben ©ie ber greunb, ber 93ater, ber ©ie mir fdjon oft 
waren, unb oergeffen ©ie ni<f>t, wie innig id) ©ie fdjäfce, 
wie ity burdj meine Siebe nie werbe aufhören fönnen ju 
bleiben banfbarer unb treuer greunb 

©tuttgart, ben 29. 3uti 1792. 

93. SIblerSfron." 

35ie Hoffnung be3 annen Teufels follte ftd) ntdt)t er* 
füllen. 2lud) bie SJreSbener greunbe gaben ftdj in ber ©ad)e 
oergebltdfje 3Wü§e. „&ier finb bie £ofmeifter nidjt oiel meljr 
als oornefjme Sebiente," fdjreibt im Oftober 2)ora ©to<f an 
Sötte ©dn'ller, unb nod) im fcejember weife Börner oon einer 



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298 



ftreunbinnen. 



oafanten Stelle bei einer furlänbifdjen Saronin ju beridjten, 
bie gleichfalls bem Schübling Schillers entgegen foflte. 3*trt 
erinnerte ftdj berfelbe roieber feines <5olbatenrocfeS, reifte nad) 
ben 9?ieberlanben, roo ber flrieg tobte, unb bemühte ftd) um 
einen tyollänbifdjen Cffisierspofien, bodt) mit bemfelben 3Jli§= 
erfolge. Gr fafe ju Hornburg in £rübfal oerfunfen, als er 
enblidj, roie e* fdjeint, bur<3t) einen 93rief ber grau ©Hilter 
ben Antrag' einer öofmeifterSfteHe bei grau o. flalb erhielt. 
3lm 18. 3uni 1793 banft er ber greunbiu in feinem etwas 
mangelhaften £eutfdj unb meint : „deinen tarnen als §of* 
tneifter mürbe id) behalten, aber baS unnüfce SSorroort oon 
roegftreid)en." grau o. flalb null nun, bafj er it)ren 5)iann 
bei •üftainj im preufjifdjen Sager auffuc^e; als er aber in 
SJiarienborn, bem Hauptquartier beS ßönigS oon ^reufjen, 
ben SJiajor o. $alb*) erfragte, mar berfelbe in Mannheim. 
2lblerSfron, ol)ne Littel, il)m nad^ureifen, feljrte unoerria> 
teter £inge nad) Homburg surücf. 

3n einem uns oorliegenben 93riefe oom 14. Quli er= 
jäf)lt er ©d)iller fein 9Nif3gefd)icf ; mir geben baoon nur ben 
Anfang als ^Jrobe ber fdjroärmerifdjen SBeretyrung, mit ber 
er 5U bem greunbe fpradj. SlüerbingS erroieS fid& lefctere 
einigermaßen rüdfidjtSloS gegen bie ©rammatif, roaS aber 
einem fran^öfifdt) auferjogenen Halbruffen ju oerjeiljen mar. 
SebenfaUS fonnten feine grammatifalifa) bebenflid&en ©riefe 
auf grau o. $alb nid;t abfdjrecfenb roirfen, roie bieS be= 
(jauptet rourbe**), benn grau v. ßalb felbft fjatte für 

*) 2)er Wann ber ^rau o. Äa!6 mar ein entfäjiebener Parteigänger 
ber 83our6onen unb in $ari$ fogar für bie ftfuajt Subnrig XVI. tyäiig 
geroefen. 

**) „G&artotte t>. 6d)iIIer unb t$re greunbe" III. 



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(S$«fotte ». Äolb. III. 



29<> 



©rammatif roeber Sinn nodf) SBerftänbniS. 2tbIer*fron 
fd^reibt : 

„teurer greunb ! ©erü^rt, im 3nnerftcn meiner Seele 
gerührt, bin icf) burdj) 3$ren freunbfdfjaftlid&en 23rief ge= 
tDorben; mit biefen ©mupnbungen fd&reibe idf) 3f)nen. — 
3^re Siebe unb greunbföaft — mic bringt fic burd) meine 
ganje Seele! gänbe i$ bo$ 2£orte, 3^nen ^erjlid^ meinen 
3)anf abjuftatten ! — leiber, meine (Smpftnbungen taffen fidf) 
blo& fügten — ntd&t f<$tlbern; nur im ftißen fann iä) 3f)nen 
banfen für bie teure greunbfäjaft, bie Sie mir 51t erfennen 
geben. 

9JKfjlingen mir nod; immer alle meine 33erfudfce, wirb 
mir baS <Sd^i<ffal audj) reä)t tyart, fo bin id& nidfjt unglüdlidf), 
fonbern glüdlid), benn auf biefem SBege fanb id& greunbe. 
2öibern>ärtigfeiten verfd^affteti mir 3^re genauere 33efannt= 
fcf)aft, ließen mir bie einzelnen 3«ge 3h rer vortrefflichen Seele 
beffer fennen; unb, bebenfen Sie, burd) Sie lernte iä) bie 
ganje ©röfje be§ 9ftenfd&en, burdj) Sie, mag bie Seele aHe£ 
in (id) umfaffen fann. Sie, teurer greunb, finb mir Diel, 
fdjon 3^re SBefanntfd&af* allein, ein Seit meiner ©lüdfetig-- 
!eit. 9tfe werbe idf) üergeffen 3h r SBotyliDoflen, 3()*e greunbs 
fd)aft, nie aufhören 3f) nen immer ju banfen." 

SBir ^aben fd&on gefefjen, bafe SäjiHer am 29. 3uli 
eine neue 2Iufforberung an Slbleröfron ergeben ließ, er möge 
ftdjj auf 2Balter£f)öufen t>orfletten, njof)in 3ftajor 0. Äalb in= 
jroifcfjen jurüdgereifl mar. £odf) fdfjon am 1. Sluguft f dfjrieb 
grau v. flalb, i^r ©emaf)l motte um feinen $rei$ einen 
aHann von 2lbel jum öofmeifter feinet So^ne§; jugfeief) bat 



rrut^ ' tviut. 

- 



man 36:2er, er mr-ij in '3 zbipabrn nad) einem paffen= 
ben 'Subjett unr 6mciL Ter ~T \ ±:rr bane einige* 3Red)t, 
craerkti) *ein, un!> *£xir:; mr Tillen 4. 

3Ei»4 neben jirci beTürmxe ?:irjier mü bem £0Tineiirer£= 
banbel im 3uicmmfrbcr.: : $r;cl unb §rlbcrlin. Seibe, 
abfrlrierte xübir.ger 3rinlrr, n»2icn rür t>en Soften r»orge= 
idilaaen. §eael entere freiir:-:g, uns £Kr>erlin, »an &$iOer 
empfoblen, füg na± £>aIier*&ii: ; eiL £>er cra>o» melrfdpeue, 
aber beuo irrealer träumend junge xiiter mar mieber ein 
2Rann na± bem fcer}en CbnrLonene. £ie*mal geftattete if)r 
ber llmericbieb ber Jabre ben jenen munerlid&en £on, ber 
in if>rem ä»Iunbe rrrtre^Iidb Hang unö au$ ba£ £er$ be£ 
jungen Sdbiraben bezauberte, „(rine grau p. $ta\b," fc^rieb 
er, „mini Zu in deinem Sern fdbn>erli<$ finben; eS müßte 
$ir febr woty ifyun, an biekm Srrabl £id) ju fonnen." 
Eer ©rief ift an §egel unb bat in ben 3Remoiren ber ge* 
priefenen £ame eine 3 teile gefunben. 

95>as aber ben guten Xblerefron betrittt, fo fd&ienen ifjm 
in £*utfdjlanb roirflid) feine Jtrüdjte $u reifen. (rr erfranfte 
in Hornburg unb fd&rieb oon ba am 22. Sluguft feinem 
greunbe (3d)iÜer einen örief noü fövarjer Skrjmeiflung: 
fein Sdjitffal beuge i&n banieber, feine Äraft fei baS 3 u & n 
beS SBurmeS im Staube, er felbft ein fd)u>adje£, elenbeS, 
armfeligeä SBerfjeug. 

„3efct fjabe id), uerjHmmt burd) Seiben, auf alt jene 
Hoffnungen SSerjid&t getrau, non benen id) mir ehemals fo 
Diel nerfpraä), unb roiü jefct nad) &aufe reifen unb in ber 
einfamfeit mein fieben jubringen. (Sobalb id) gefunb werbe, 



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G^artotte ». Äal6. III. 



301 



reife id) t>on I)icr ab, fomme bann ju 3f)nen, um auf immer 
t)on 3f>nen 2lbfa;ieb ju nehmen unb 3f)nen noa) münblid) 
für 3^re greunbfdjaft ju banfen. 

Gine ftarfe Unroaf)rf)eit l)at man 3§nen gefagt, bag idj 
r)ier ron 9ieligton3fad)en gefprodjen Ijätte. 9iein, in Ijieftger 
©efellfdjaft unb befonberS bei §ofe, fpriajt man nid)t tum 
folgen ernft^aften ©adjen, aud) bie SNenfdjen mürben bie 
©pradje nid)t oerftetyen, fonbern ßinbereien, unb mie ber 
gürft r»on Dtubolftobt f)ier mar, fo treibt man Äinbereien 
unb af>mt faum nodj mittelmäßige Hofnarren nadj. 3 e m *fy* 
meine (5rfaf)rung juna^m, je me^r ia; bie SBelt unb 3Ken= 
fd)en fennen lernte, befto mef)r lernte itt) mid) verleugnen, 
hängte mir felbft einen 3<wm um unb möbelte mi<$ nad) 
bem allgemeinem %on, obgleid) baS £er$ im Seibe rcegen 
ber angetanen ©emalt jerfpringen mödjte. £oä; bie Siebe 
flur 2Baf>rf)eit fudje i$ immer jur gelegenen 3*it ju äußern, 
©djurfen muß man oft bemütigen unb ©drangen ben ßopf 
vertreten. 

3d) banfe 3f)»en, teurer greunb, für bie fd)öne SBar* 
nung gegen SBeiber; $fyxt fieljre ift mafjr unb ganj riajtig. 
©lauben ©ie mir aber, fein SSeib feffelt midj metyr, unb 
§erjen3gefüf)le im engften ©inne be3 2Borte3 entbetfe iä) 
feinem, fogar meinem beften greunbe nidjt. ©old;e ®efüf)le 
finb mo§ltl)ätige ©ef)eimni(fe, ad) bie behält man für fu§, 
benn fte mürben fdum tum ilirer Äraft r-erlieren, roenn man 
fie mitteilen mürbe. Sludj ift e3 nia)t meine ©aa>, mit 
meinen greunben unb greunbinnen ju prallen, unb von 
meinen tnnigften greunben fpredje idj mit niemanb ein SBort, 
focjar in ®egenroart r-on Sflenfajen nenne iti) ben tarnen 



302 



^reunbmnen. 



meines greunbeS nidjt, aus gurdjt, er mö<f)te entheiligt 
werben. 

Seben ©ie too^I ; münblidj werbe id) $$ntn öieleS ju 
erjagen Iwben. ©djretben ©ie mir nid)t mehr, t>ieHei$t 
fann id) in ad)t Sagen von hier abreifen, (Smpfehlen ©ie 
mid) 3$rer lieben grau nnb üergejfen ©ie nicht S^ren auf-- 
ricf)tigen greunb 
Hornburg, ben 24. Sluguft 1793. 

SÄblerSfron." 

©filier befanb ft<h feit einigen SBodjen in ©chwaben 
unb mufj ben SBrief in ßubwigSburg erhalten haben, wo 
auti) Caroline weilte. SlblerSfron fc^ctnt bort mit ben greum 
ben jum lefctenmal jufammengetroffen ju fein unb ging bann 
auf furje 3*ü na$ 3ena, roo er (EharlottenS persönliche SSe* 
fanntfdjaft machte. 3m Oftober förieb biefelbe an ©filier: 
,,©ie haben mich fehr geehrt, als ©ie 31. für grife unb mich 
wählten." „Unb mid)" ift bejeidmenb. SlblerSfron felbft 
glaubte jwifchen grau v. ßalb unb Caroline v. Seulwife 
einige t>erwanbte 3^9* bewerfen, was wohl möglidh, für 
bie lefctere aber nid)t unbebingt fdjmeichelhaft war. 3n 
einem Briefe an Caroline (4. SKooember) entwirft er folgern 
beS nicht übel gefehene SitbniS: „©ans h«&e «h ffe (grau 
v. Jtalb) nicht prüfen fönnen, baju war unfre SBefanntfdjaft 
ju furj . . . ©oweit id) fic fennen gelernt habe, ift fie eine 
grau von meiern SBerftanb unb 33elefenheit, bie eine fdjarfe 
SeurteilungSfraft beftfct unb babei fet)r flug ift, nur ju m'ele 
£ift unb feine SBerfteßungSfraft ^at , oft auch gewöhnliche 
2Beiberfd}wa(hheit. Sleu&erft viel ©üte beS fierjenS fdjeint 
fie ju fyabtn unb befonbere 3^9* ^eS (SharafterS, bie ihr 



(S&arlotte r>. &al&. III. 



303 



nur allein eigen unb beinahe mit männlichem ©tolj t)er- 
mebt finb. 2ln gorfchungSgeift, an 2öelt, an Erfahrung 
fef>lt e£ if)r ni<$t, nur ju oft überlädt fie ftch bem S^toung 
ihrer (Sinbtlbungäfraft, oerfäüt bann in ©mpfinbelei unb 
überlädt ft<^ ihren £ieblingS:3been, roobei innere ©efü^le 
fie bi3 ju %i)xämn unb in tiefe 3Mandjolie bringen." 

3n bemfelben ©riefe melbet 2lbler3fron feinen nunmehr 
feften @ntfd)luj3 , nad) SRufelanb jurüdfjufe^ren. ©eine ro= 
mantifd&c Siebe, bie er für Caroline füllte unb bie, nad) 
bamaliger grauenfitte, von biefer ohne S^eifel roohl gelitten 
würbe, äußert fidj bei biefer Gelegenheit in äiemlid) patf)e= 
tifdjen Xönen. £)a§ SBerhältniS mufj einige 3lehnli<hfeit ge= 
Jjabt fyahm mit ber einfügen greunbfdjaft <5<$iller3 unb ber 
grau o. Äalb unb f<hroanft, nrie biefer, jnrif<hen bem Ion« 
oentionellen ©ie unb bem innigen Xu: „ftarf id), geliebte 
(Seele, 2)idj bitten, mir S)ein Porträt ju fdjüfen, adj wie 
glüdlidj toürbeft ®u mtd) madjen, wenn idj e3 gegen 9leu= 
jähr befäme. Söoßen <5ie bie ©üte fjaben, mxä) ber lieben 
Sötte unb ©djißer auf3 befte ju empfehlen." Unb an anbrer 
Stelle : „empfange hier ben legten Stöfdjiebsfujj auf beutfdjem 
©runb unb ©oben . . . meine Siebe mar innig, aufrtdjtig 
unb treu . . . SJJöge 3h* ©emuS mein ©djufcengel unterwegs 
fein." SCber ein böfer ©tern waltete aud) Über feinen legten 
©tunben in ©eutfdjlanb. ©in (Snglänber, ber ihn nad) 
Petersburg mitzunehmen oerfprodjen ^atte , bradj ihm im 
legten Slugenblicfe baS Sßort, unb fo griff benn ber arme 
2tfenfch sunt SBanberftob, fdmallte ein fletneS SBünbel auf 
ben SRücfen unb machte fid) mitten im SBinter ju gufc auf 
ben Söeg nad) Sftufjlanb. <5r ift wohl elenbigltdj angefommen, 



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304 



ftreunbinnen. 



beim Sajitfer erhielt feine weitere ßunbe oon ihm. Ober 
erreichte er etwa fein SReifejiel unb warb er fo ber erften 
einer, bie ben 9htf)m be« beutfajen dichter« nach bem fernen 
Dften trugen? SBurben oieHeicht bie 33riefe Schitier«, bie 
er in feinem 23ünbel mit fidfj fortnahm, eine« £age« in 
einer ruffifdjen flaferne aufgefunben unb vom nächftbeften 
ßofafen jerriffen? @« gewährt ein wehmütige« SBergnügen, 
bergleidfjen fragen ju erfinnen. 2luf Antwort ifl faum ju 
hoffen, unb bodf) Jjätte e« einen eignen SReij, gerabe fold) 
oerwifd)te ©puren ju erfpähen unb na^uforfd^en , wie 
wunberbar bisweilen bie gönnen £eben«fäben eine« großen 
9Wanne« ba« bunlte 6cf)icffal eine« Unbefannten burd> 
flimmern. 

2)ie &ofmeifter« = ©pifobe wäre hiermit glüdlidfj über= 
ftanben. grau o. Äalb ermähnt berfelben noch in einem 
©riefe oom ©ommer 1794, wo Tie fidf) für öölberlin*) be= 
banft; im (September fdt>tcft fie einige ©efdjenfe nach 3ena, 
unb ba« $erhältni« jwifchen beiben gamtlien fcheint fich 
nunmehr in ruhigen, faft angenehmen gormen ju bewegen. 
Ob ©dn'IIer tnbe« aud) jefet noch nur ööflidfjfeit übte, möge 
er felbft un« fagen. Sil« grau ». ßalb im SBtnter 1795 
nad) $re«ben gehen wollte, fd&rteb er an Börner, er fei leib= 
lieb mit it)r aufrieben, obgleich ba« angefpannte Sßefen fie 
nie oerlaffe : „2)u wirft $>icb hoffentlich hüten, ihr ®ein £ogi« 
anzubieten. 3uweilen gefehen, wirb fie auch nicht unange; 
nehm fein, aber eine engere Siaifon ift nicht anzuraten." 
SDa« finb fo ©teilen, welche oon beu Gittern Gharlotten«, 



*) ©r fc^teb au« feiner ©teUung gegen ©nbe be$ 3af|re3. 



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CSfjarlotte v. Äalb. III. 



305 



bie aus (Stiller einen reumütigen greunb unb jerfnirf(f)ten 
33efenner fetner Sdjulb geftalten motten, in ber fd>arfftnnig= 
ften Söeife überfein roerben. 

* 

33etraa)ten roir nod) einmal bcn oon un$ mitgeteilten 
SBrief (5l>arlotten3 r«om 18. 3uni 1793 unb oergleidjen roir 
ifin mit irjren übrigen Briefen, bie oor uns liegen, fo !ann 
bei aller 2lefmlid)fett ber äußeren <$rfd)einung ein leifer 
Unterfd)ieb bem 93lide nid)t entgegen, £>ie £anb gitterte, 
roeläje biefe 3^ilcn fdjrieb; in etroaS unseren Qlitt 
fie über$ Rapier, unb ba3 Sluge, fo fdjeint e3, oennoajte 
nid)t re$t, ben ©ang ber Settern ju orbnen unb 51t über= 
road)en. 3n ber Efjat litt ßf)arlotte oon 3ugenb auf an 
einem fdnoadjen (55efid;te; e§ fjeißt, fie l)abc bie Sterne nie 
gefef)en, unb je älter fie rourbe, befto unfjetmlidjer brotyte 
bie ©efafyr ooUftänbiger 33linbf)eit. £)ie£ mar ba<S große, 
unoerf d)ulbete , unheilbare 2öet) it)reS £eben§ unb ein oiel 
bejammernswerteres ©djitffal, all it)rc lieblofe (S^e mit 
fierrn 0. 5talb. 93ei ifyrem eigenwilligen Siefen roäre fie 
aud) in einer anbern (Sfje nid)t glüdlidjer geworben. (Sie 
roünfdjte fid) ja einen großen, bebeutenben 9)?ann, ben fie aber 
nad) iljrem ßopfe leiten wollte, alfo einen Stüter jroifdjen 
£elb unb §ämling, einen §erhileS für ityren ibealen (5pinn= 
roden, ben fie befpotifd; bel)errfd)t ober, roie fie rooljl fagen 
modjte, geiftig angeregt, begeiftert f)ätte. <5ie wollte baS 
Unmbglid)e, unb il)r meljrf ad) erneuertes fingen um be= 
beutenbe greunbe, bie, faum gefeffelt, fid) wteber oon it)r 
loSriffen, beroeift bieS 5itr ©enüge. Tie lefcte Ärife biefer 

Silber au« ber Sc^iUcrjeit. 20 



306 



^reunbinnen. 



2lrt erlebte fie im 3a()re 1796. $er ©egenftanb if)rer 
<5d)roärmerei war bieSmal %ta\\ ^aul, ben fie mit bem i^r 
geläufigen ©irenenton nad) Seimar locfte. „£od) ift- e£ 
faft ba3 3^i^en unfrei ©rufjeä: 3ft SRidjter nodj nid)t 
tyier? . . . 6ie finb ein ^änomen in btefer Seit, bie 3*n;er 
bebarf." @o fdjrieb fie ifnn, unb aU ber ©ute baraufljin 
nad) 2£eimar eilte, galt fein crfter ©ang ber entl)uftaftifd)en 
SBeretirerin , unb fie biente ilnn auf (Stritt unb £ritt als 
freunblidje güljretin burd) ba3 SBeimarer @efeUfd)aft$leben. 
gaft ©jene für ©jene nrieberfjolte fie mit gean ^aul ba§ 
f)olbe greunbfdjaftäfpiel, ba§ fte ein fleineS 3a{)rjel)nt 5uoor 
mit (SdfUler getrieben; ja, bie^mal wäre fie roof)l geneigt 
gemefen, ben ibealen £raum mit etwas irbifdjem ©enuffe 
ju rerfefcen, allein ber naioere greunb r»erftanb nid)t bie 
glütjenbe Werbung. 2ludj er fdjroärmte $roar für fte unb 
nannte fte ein mä<$tige§ §erj unb gelfen=3<f) ; feltfam ge= 
nug lautet aber, maä er in bemfelben Sltem üou it)r fagt: 
„Sie ift ftarf , uofl, aud) ba3 ©efid)t . . . dreiviertel $tit 
brachte fie in Saasen f)in unb ein Vierteil mit (£rnft . . . 
,Sie finb ein fonberbarer SJienfty, ba§ fagte fie mir breifiig* 
mal/' 2>a3 in befter Meinung {fixierte ^orträt pafet audj 
auf eine &albt)errüdte. 

■Wein, baS Unglüd, baä (Sfyarlotte t>. ßalb mit i^ren 
greunben tjatte, uerbient feine £f)ränen; rießeic^t läfet fidt> 
ein tragifd)er gug fjineinbeuten , aber rütyrenb ift e§ genri& 
nidjt. 3^re äußeren SebenSfd)i<ffale bagegen, bie fid) nad) 
bem legten ©efüfylsfturme be§ 3of)re§ 1796 immer ungün^ 
ftiger geftalten, erjroingen un«S eine Xeilnafymc, roouor ba§ 
ftrenge Urteil fd)led)terbing3 uerftummen mu&. 5laum mar 



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Cfjarlotte t>. ÄaI6. III. 



307 



«3 in ifjrem 3nnercn griebe geworben, fo begann ba£ 2Hiß= 
gefd)icf oon außen fje^uftürmen. Stiller, mit bem mittler^ 
weite it)re greunbfdjaft wieber enger unb 5utraulidf>er ge* 
worben war, beffen ^weiten Sofjn Gruft fic aus ber Saufe 
gehoben r)atte, (SdnHer f abrieb am 5. Januar 1798 an Öoetf)e: 
„£)ie Charlotte Slalb , fyöY id;, foö wirfttd) in ©efal)r fein, 
blinb ju werben; fie wäre bod) fef)r 5U betragen." Unb 
einige SWonate fpäter (6. 2lpril) erjälte er iljm oon einer 
Begegnung mit ber „unglüdfcligen" greunbin: „Sie ift wo= 
mögltdj nod) materieller geworben unb it)r gefpannteä, freub* 
IofeS, unerquuflidjeä SDafein f)at mir feine gute Stimmung 
gegeben/' worauf bann ©oetlje über bie sunefjmenbe 9)?ate= 
riatität fefn* erbauüdfj fagt: „GS fdjeint, baß bie meiften 
Naturen bie Keine Portion ber ibealifdjen Sngrebien^ien 
burd) ein falföeS (Streben gar balb aufgeben unb bann 
burd) it)rc eigne Sdjwere wieber jur ©rbe jurüdfefiren." 
3a, bie greunbe fjatten bteSmal gut reben. $)urd) oerfefjrte 
<Sebarung ifyre* ©arten unb ir)re§ SdjwagerS waren bie 
IBermögenSjuftänbe ber gamilie Slalb immer tiefer gefunfen 
unb ber voüftänbige Diuin fianb oor ber £f)üre. £a fjieß 
e§ benn rooty ober übel bem Sbealifdjen entfagen, für bie 
SBirtfdjaft forgen, materiell werben. ©d)on im Sommer 
1704 fudjte fie mit Steinen etwas (Mb ju oerbienen unb 
fjatte fur§ unD 9 ut ©oet^c — man behfe bo<$, ben 3)idjter 
ber „3pf)tgenie!" — sum flommiffionSbetrteb gepreßt, ©oettye 
fdjeint inbeS ein fd)led)ter Söeinreifenber gewefen 51t fein; 
man fanb feinen Stoff gut, aber 51t teuer, unb jiemlid) oer= 
bujjt fdjretbt er nad) SMterSfyaufen : 㤊tte idj bod) nidjt 
geglaubt, baß meine greunbin fta) oom ©eifte ber Spefu= 



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I 



308 5 reun ^ nnen - 

lation würbe anfyaudjen la(fen." 3m 3^^tc 1800 null fie 
ein ©rjiefyungSinftitut grünben, unb nun ift e§ an Stiller, 
ber Sterin SRat geben fottte, über baS SBefen be3 regten 
@rjief)er§ feine ©ebanfen ju fagen: „Sie finb t)iel ju inbi- 
oibuell gebilbet," fdjrieb er if)r, „unb biefe 33efd)äftigung 
verlangt gerabe baS ©egenteil, eine gan$ allgemeine gene- 
rifdje gorm." $a£ SBerljöItniS beiber, oor ben Stürmen 
ber £eibenfd)aft nunmehr ganj geftdjert, war nad&gerabe fajt 
ein Ijerjlidjeä geworben. l)atte immer ß^arlotte ben 

erften ©abritt ju roeiterer 2lnnäf)erung getfjan, Sd)iller aber 
mar if)r, faum gerufen, entgegengeeilt. 9?adj ber erften 2lufc 
füf)rung ber „^iccolomini" fa)eint fie i^m einen Brief voll 
fiob unb Slnerfennung gefdjrieben ju fuiben ; ©dritter banfte 
unoerjüglid) (31. 3anuar 1799) für ben „frönen 9tad)flang 
ber gefrrigen SDarfteHung". Stuf einen äfmlid&en Brief ant* 
toortete er (22. 2lprtl 1799) fogar mit einer SBärme, bie 
an frühere £age gemannt: „(SfjarlottenS ©eift unb föerj 
tonnen fidt) nie oerleugnen, ©in rein gefülltes Stftfctroerf 
fteHt jebeS fdjöne 23erf)ättni3 toieber t)cr, toenn aud) bie §u= 
fälligen ©inflüffe einer befd)ränften 28irflid)feit e§ juroeüen 
entftellen fonnten . . . $\)T 2lnbenfen bringt mir bie erften 
fd)önen gtittn imfrer 23efanntfd)aft jurüd. damals trugen 
Sie baä Sdjidfal meinet ©eifteä an 3^tem freunbfd>aftlid)en 
§erjen unb ehrten in mir ein unentroitfelteS, noa) mit bem 
Stoffe unfia>r fämpfenbes Talent . . . 3ft e8 mir gelungen, 
3*)re bamaligen Soffnungen oon mir toirflidj ju madjen, fo 
werbe id) nie oergeffen, nrie oiel idj baoon jenem frönen 
unb reinen S3crt)ältni^ fdntlbig bin." Soldje SBorte flangen 
ganj unb gar nrie ein @a> ber erften greunbfdjaft, ber 



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(Sfjarlotte ». Mb. III. 



:k>9 



erften SBertraulid&fett ; ba£ fteifc „grau v. Slalb" oerftummte 
-auf feinen Sippen, „(Sfyarlotte" lebte nrieber für ben $id)ter, 
unb roer foHte fid) niajt freuen, bag biefer oielberoegte unb 
burd) miberroärtige ^enfd)Iid)feiten oielgeflörte ©eelenbunb 
jutn guten (Snbe in bie roinbftille Legion gegenfeitiger 2ld> 
tung unb SSerefyrung ftdj emporhob? 

S)er 93rief oom 22. 2lprtl 1799 ift geroiffermafjen baä 
Sttjlujjroort. §u ber berühmten greunbföaft <5d£>iUer3 unb 
tor grau t). tfalb, 3f)re SebenSpfabe liefen fortan in ruhiger 
golge nebeneinanber, olme fid), außer in feltenen gällen, 511 
Jberütyren. 3m 3a^re 1802 will ß^arlotte nrieber nadj 2Bets 
mar überfiebeln, 100 fid) <5d)iller feit buei S^ten feftgefe&t 
J&at, unb er fdjreibt if)r über bie $eränberung unb SSerteuc^ 
rung be3 bortigen Slufentf) altes. 2lu3 einem oon uns mit= 
-geteilten Briefe ©einriß 33ecfS*) erfahren mir, ba& man in 
tfjrer gamilie um biefelbe $c\t für ifjren SBerftanb fürdjtete. 
$>od) fdjreibt fic am 28. September 1802 an <Sä)iHer3 grau: 
z/3« gnebe unb greunblidjfett ! £>ag erfte bin idj mit jeber* 
mann; beibeS aber mit ßalb unb meinen ßinbern." 2öir 
motten e3 baljingeftettt fein laffen, ob bieg aus bem fielen 
fam ober ob fie fid) angeftd)t3 be£ fremben ®lürfe§ über baS 
«igne Unglücf tauften wollte, ©eroifj ifk , baß baS Sd)tcfc 
fal mit immer rauherer §anb an ifjrer ^iftenj rüttelte. 
3m 3al>re 1804 oerlor fic ifjr ganjeS Vermögen, 1806 er* 
fo>§ fid; tyr 9Jiann, unb baneben madjte il)r Slugenleiben 
von %a1)T ju 3a^r furchtbare gortf<|ritte, bis fie 1820, faft 
eine fed)3igjäf)rige Patrone, gänjlid) erblinbete. Wlit Sötte 



•) @ie$e ©eitc 174. 



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310 



^reimbinnen. 



Schiller, ber fic einft mit e<f)t weiblichem §affe auffäffig ge* 
roefen, trat fie von 3cit 51t 3eit in brieflichen ©erfehr ; man 
befifet oon ihr einen Sroftbrief über ben £ob Schillert unb 
einige anbre ©riefe meift traurigen, ja peinlichen Spalts. 
Sie mar, als fie SBitroe geworben, nach ©erlin gesogen unb 
lebte bort, nrie eS fcheint, in oerfchämter ©ürftigfeit r>on 
einem fleinen $anbel mit Spifeen, ruffifc^em unb 
anbent SujruSbtngen. XaS Unglücf oerfteht eS eben, bie 
Materialität &u fteigern. 9laa) ihrer ©rblinbung befam fie 
burd) ho^e ©erroenbung eine SBohnung im foniglid)en Schlöffe, 
wo fie noch eine breiunbjroan^ig %c§xt roährenbe 9?aä)t oer- 
lebte, £ort toeilte fie bis ju ihrem £obe, bort biftierte fie 
ihre 3J?emoiren, beren unbeutfd)er SBortfc^roall in einem er= 
fchütternben Sone auSflingt: „Ser ©erfolg meines SebenS 
(ift) nur £raurigfeit; bal;in gehört alles, was iä) erfahren 
habe: $ieS l)at mir bie geber in bie §anb gegeben unb ift 
eigentlich meine ©egeifterung. Trauer unb 2)emut ift mein 
Sieb." Charlotte 0. tfalb ftarb am 12. 9)iai 1843, jroeü 
unbachtjig 3ah*e alt. 

freilich, bie blinbe ©reifin, bie im ©erliner Schlöffe 
oon aHerhöchflen 2llmofen lebt, ift nicht mehr bie Charlotte 
Schiffers, nicht metjr bie felbftbenmfjte grau, um bie ftdt> 
2SeimarS dichter fcharen, unb nicht mit biefem mitleib 
erregenben ©ilbe bürfen mir unfre ©rjählung befdjliefjen. 
2>aS 3JUtleib !ann bie jrauhen gärten nicht abfä)leifen, bie 
toir an ber jüngeren (Et)arlotte bemerfen mufeten. Sener | 
©rief Schillert t>om Slpril 1799 roirb tuelfacf) als ein feiere 
lidjeS ©efenntnis feines 3*rtumS gebeutet, als ein reuiger 
SBiberruf aller harten ©orte, ju welchem fich ber dichter in 



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■ 



Gljarlotte o. £al&. III. 311 

leibenfajaftlidjer (Srregtfjeit gegen bie greunbin §abe ^in= 
teilen laffen. 2Bir fönnen biefer 2lnfidjt unmöglid) bei= 
flimmen. Gljarlotte fjatte fid) reränbert, beruhigt, gebeffert — 
maS SBunber, bafc fie aud) oon Stiller anberS, ruhiger unb 
beffer beurteilt mürbe! 3" *>er füllen greube feines gamilien: 
glüdeS, beffen fanfteS Sidjt unb fjarmonifäje ©leid)f)eit fein 
SnnereS jum grteben ftimmtc, fonnte er f)eUen 2lugeS auf 
ein SBerfjältniS aurüdfäjauen, baS, als er eS lebte, mit feiner 
leibenfdwftlidjen Spannung unb unerquitfliajen Aufregung 
feinem güf>len unb 2)enfen alles ©leiajgemidjt raubte. (£r 
fonnte baS SBerfjältniS fogar prcifen, fonnte jene erjroungene 
„SReinfyeit" jogar fdjön finben, bie bod) einft ber £ob feiner 
Seelenruhe mar. Slber barum brauste er nid)t fid^ felbft 
anklagen megen angeblid) voreiliger, §u harter SBorte. 
SdjiUer urteilte immer aus bem SSoUen ber ©rfafjrung, unb 
bie £eibenfd)aft beS 2lugenblidS gab ifjm nur bie gormel 
beS längft Ueberlegten. 2)af} ß^arlotte eines £ageS SJUtleib 
bebürfen werbe, fonnte er nid)t roiffen. 2Bir aber, bie mir 
baS traurige Sajidfal biefer grau fennen, follten mir mek 
leidet baS (Snbe gegen ben Slnfang roiegen unb bie Strenge 
im 2Kitleib ertränfen ober etraa in ftarrer 33erfd)loffenf)ett 
gar fein milbereS ©efüf)t für fie reben laffen? SBeber bteS 
nod) jenes. ®ered)te finb mir ni<$t, unfehlbar genrij} nidjt, 
unb über einen (Styarafter mit fo unrufng roallenber SebenS* 
linie baS einzig SHidjtige gefagt ju Imben, biefer 2Balm liegt 
unS fern, gür unfer Seil Imben mir nur oerfua)t, bie 
©d^idfale SajillerS in feinem Umgange mit ber merhoüp 
bigen grau gleidjfam felbft mitzufühlen, baS Seben beiber 
felbft mitjuleben — baS billige Urteil ift ja immer eine 3lrt 



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312 



ftreunbinnen. 



■DJitleben — unb wir ließen ba£ einzelne auf un3 roirfen, 
aU Nörten wir nod) feinen ^ßutdf^Iag. So waren wir fanft, 
waren frnrt, je naä) ber Stimmung, bie von außen fam. 
2ßir folgten, um e3 offen &u fagen, faft immer ber Meinung 
unfreS ^id&tcrö. 2Bie biefer in feinem Sßertyältniffe ju G^ars 
lotte fid) barftellt, ift flar unb beutlidf): als ein ftnnlidtj ge= 
funber -Iflenfd), gegen franffjafte demente fjeftig reagierenb 
unb im Moment ber roiebergeroonnenen 9tuf)e ein milber 
greunb unb 9ftä)ter. VC. 



Träft Brarfjmamt. 

L 

3m 3uü 1797 erhielt Sattler oon unbefannter grauem 
fmnb ein Schreiben, ba3 oon einer Sammlung ©ebidjte be? 
gleitet mar unb biefelben als bie (SrftltngSoerfudje eines 
jungen unb, wie man bamals fagte, ben 3Jhtfen ergebenen 
9ttäbd)en3 feinem 2Bol)lwolIen empfahl. Sem Herausgeber 
ber §oren unb be3 9)htfen=5llmanad)3 waren foldje Briefe 
feine frembe @rfd)einung. tiefer £)amenbrief aber f)atte 
etroaS ®ef)eimnißt)olIe3, alfo 2lnjie^enbe§. -Dtan mußte m<$t, 
wo^er er fam; ba3 Saturn fagte nur: „S. ben 12. 3ultu3." 
9Kan mußte ni<$t, wer if)n gefdjrieben l)attc; bie Unterfd&rift 
f)ieß nur: „S^erefe o. unb im galle einer 2tntroort follte 
biefelbe burd) eine britte &anb gelten, burd) bie fec)r refpef* 
table iganb ber grau „SanbeSälteftien" in 39aufcen. Sie un* 



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Suife 33ra$mann. I. 



313 



befannte Brief ftellerin führte fefjr mann bie Sadje einer 
greunbin unb, roie fie auäbrüdlid) bemerkte, ofyne ba§ bie= 
felbe von bem £d)ritte eine 2(f)nung f)atte. Sie fagte unter 
anberm : 

„. . . ©d>n längft roünfdjte i$ fefmlid) ben ©ebidjten 
meiner Suife einen *piafc in Qfjrcn beräumten goren, fdjon 
längft mar eä eine meiner füjjeften Hoffnungen, ifjr burd; 
bie 2lufnal)me in biefelben einen geroift bleibenben Sorbeer 
oerlte^en ju fef)en, mein §erj brang mid) unnriberftef)lid), 
tnidt) mit biefer Bitte an ©ie gu menben, nod) immer aber 
tyielt mid) bie gerechte BeforgniS, baß bie ®ebid)te, bie in 
meinem oon ber greunbfdjaft oerblenbeten unb in ber ßritif 
noef) nid)t geübten Sluge fo marinen Beifall fanben, oielleidf)t 
uor einem ftrengeren 9iidjtcrftuf)le jur 2>ergeffenf)eit oerbammt 
werben mürben, oon meinem Borljaben jurüd, unb blofj bie 
<Seroi&f)eit, in bem £iebling ber 2ttufen aud) ben Befdjüfccr 
i^rer angeljenben Qünger ju finben, gab mir ben üftut, Stynen 
biefe roenigen poetifdjen 3Serfiidt)c ju überfenben. 

Ueberjeugt, baj$ 3fa £abel nie anberS als geredjt fein 
famt, bitte i<$ ©ie, gang nadj SBittfür bamit ju ©erfahren, 
barin auSjuftreidjen unb 51t oerurteilen, roaS Sie für gut 
galten; bod) mu& id) fjinjufügen, bafj rcotyl niemanb mztyx 
2lnfprüdje auf 31jre 91ad)fid)t fyat, als bie Iprobufte eines 
17jäf)rigeu 2)iäb$enS, bereu Severin allein bie Sftatur unb 
ein für alles (2d)öne unb teJro&e fa^roärmerifdj füf)lenbeS 
$erj mar, unb bie eS einzig if)rem glürflid&en (SeniuS ju 
banfen fjat, roenn fie if)r einigerma&en gelungen finb . . ." 

2ßer mar biefe Suife? 2£er mar baS ficbjeljnjäljrige 



314 



^reunbinnen. 



9)?äbd)en, bas über bie ferner jugänglidje (Schwelle ber Soren 
munter r)inübcrfd^Iüpfcn wollte unb für feine junge Sßerfon 
bie ©efeüfdjjaft eines ©octt)c, Stiller, §erber, Stiegel, fium* 
bolbt gerabe gut genug fanb? 2Ber war enblid) bie geheim- 
nisoolle %f)m)e, bie, felbft unbefannt, ber Unbefannten ben 
29eg $u bahnen oerfudue? . . . 3luf bie lefcte grage hören 
wir ote [leicht Antwort im Verlaufe unfrer 9)tttteilungen, unb 
wa* bie erftere betrifft, fo treffen mir ohne 3 ro ^f e * Da§ 
9tid)tige, wenn mir ber frühreifen fiuife ben gamitiennamen 
Sradjmann geben. Suife 33radmtann war atterbingS im 
3af)re 1777 geboren (9. gebruar), jur $t\t jenes 33riefe3 
folglich feine ftebjefjn, fonbern bereite jroanjig Saljre alt; 
allein fie bietete fdjon feit ber früt)cftcn Qugenb, fie $at\t 
fid) fojufagen fchon alt gebietet, alt genug wenigftenS, um 
ftd) einen wohlgemeinten 2lb5iig t>on brei3at)ren gönnen 511 
bürfen. 3 m übrigen aber gehörte fie ju ben talentooHften, 
merfwürbigften, abenteuerlid}ften grauenerfcheimmgen unfrer 
großen Sitteratur^eriobe. Vergleicht man ba3 laute unb 
bauerhaft präparierte Renommee ber geiftreichen berliner 
3übinnen mit bem ftillen tarnen unfrer Surfe, fo ftaunt man 
billig über ba§ ungleiche 9)iaj3 beä SRuhmeS. 2Son einer 
Diahel, einer £erj fpridjt noch alle 2Mt — wer nennt aber 
bie fd)lid)te, fleinftäbtifdje fiuife S3rad)mann, bie 5U feiner 
3eit if)re§ Sebent in fdjöngeiftigen ^t)ee=^ongreffen eine Sfalle 
gefpielt hat? £ie war bie Tochter eines fäajftfchen SBeamten, 
ber feit 1787 in bem thüringifchen etäbtchen 2Betfjenfel*' 
lebte, naajbem er als Öfterreidjifdjer ßrieg3= unb 2J?arfd)fom- 
miffariuS ben fiebenjährigen Ärieg mitgemacht r)attc. £ort 
in ber lieblidjen 9tatur, an bem tjeitcr belebten Saaleflufj, 



£uife SJradjmonn. I. 



315 



in einer ©egenb, bie man jener $cit fdjon mit bem 
©c^mudfroorte romantifd) beehrte, entroitfelte fid& if)re 3nbi= 
mbualität mef)r nad) innen als nad) außen unb fprad; frülj= 
jeitig aus einem frantyaft ibealifierenben Sone, ber jum £eit= 
ton iE)Tcö ganjen 3)afeinS würbe, ©in fdjroärmerifa^ieS, etwas 
überfpannteS £ing roar bie fleinc £uife t>on Qugenb auf. 
tfaum ber SBiege entwarfen, übte fie ifjre ^antafie an 
bunten puppen, benen fie SBerfe in ben 9)iunb legte, ü)tär= 
d)en erjagte, ©ajäferfpiele bebijierte, unb fie trug nodj baS 
furje SRötfdien, als fie fdjon mit ben XroubabourS ber ^>ro* 
oence auf bem beften guße ftanb, für fpanifa^e §ibalgoS 
glühte unb bie SRomantif beS ^Mittelalters als täglidjeS S3rot 
foftete. 

3n SßeißenfelS rooljnte bie freif)errlid)e öerrnluiter=ga^ 
milie ber fiarbenberg; Suife uerfefjrte mit ben füllen, roelt= 
freuen Seuten wie ein ßinb beS&aufeS; Skroneffe @ibonie, 
ein partes 9J?äbdjen, roar ifjre SBufenfreunbin, ber junge £ar= 
benberg (localis) ifjr Sefjrer unb SBorbilb. 3n foldjer Um= 
gebung, unter folgen Ginflüffen mußte baS ®emütSleben 
eines jungen ■Dfäbd&enS, aud) ofjne natürlichen £ang ju 
fd)roärmertfd)er SluSfa^reitung, baS ©letdjgeroidjt üerlieren 
unb bebenflid) nad) ber Seite beS ^fjantaftifajen, Unuers 
nünftigen überneigen. £)od) fdjeint SRor-aliS' Anleitung in 
einer &infid)t r>on rairflid) praftifa;em 9iufcen geroefen $u 
fein: er jcigte Suifen ben 2Beg §u einer tüdjtigen SBilbung, 
unb man barf roofjl annehmen, baß fie äße grauen von 
SdjillerS SBefanntfdjaft, bie einzige ÜWereau uielletdjt auSge= 
nommen, an pofitioem Söiffen übertraf. 3ebe grau ift eine 
gebome $rieffdjreiberin, aber eS bleibt audj baS unantaft* 



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316 



greunbinnen. 



bare SHedjt einer jeben grauenfeber, an Orthographie unb 
(Srammatif mit <55rajie xjorbeisufchroeben. Um fo auffallen* 
ber erscheint eS baher, roenn man, bie ©riefe ber ©radjmann 
burd;b(ättcrnb / faft gar feinen ©erftoß gegen bie 2et)re ber 
Sahnte entbedt unb bie Heine, jierlidje Stamenfchrift leidet 
unb eUig bar^infticfeen fieht, ohne ßorreftur, ohne ftt)liftif<3t)cn 
gehltritt, o^ne irgenb eine jener „fraucnjimmlichen Unrichtig* 
feiten", roeldje ©filier fogar an feiner litterarifdjen <5ü)tofc 
gerin Caroline ju rügen hatte. („Schiller unb Gotta", S. 
341.) £ie ©riefe fyabm alle ein ungemein reinliches, jarteS 
2luSfet)en, nur ber erfte ©rief, ein ©rudtftüd, jeigt eine größere 
(Schrift unb ein gröberes ©eficht. 

. . . (obgleich mich) offenherzig, bie tyxe, eine Stelle 
in ben §oren $u finben, entlüden mürbe, fo tf)äten Sie mir 
boch unrecht, roenn Sie glaubten, baß bieS ber ©eroeggrunb 
meines ©riefeS fei; fchon ber ©ebanfe, meine ©ebid)te in 
3h«n Rauben ju roiffen, l)at einen unenblidjen 9teij für 
mich, wenn Sie mich auch nicht eines Urteils barüber ober 
eines 9?ateS für bie 3 u f un ft roürbigen foüten; ich wage eS 
nid)t, auf biefeS ©lüd fo r»erbienftlofe 2lnfprüd)e 51t machen, 
aber möchte %fyntn roenigftenS mein ©rief bie grenjenlofe 
©erehrung auSbrüden, mit ber ich bie Gtjre t)<xbt ju fein 
3h« gan$ ergebene Wienerin 

Surfe ©radjmann. 

2BeißenfelS, ben 19. Januar 1798. 

£ie ©cfanntroerbung meines gamiliennamenS unb meU 
neS gegenwärtigen Aufenthaltes mürbe mir in meinen ©er* 
hältniffen äufjerft unangenehm fein, ich Da *f alfo oon 3h ret 
©roßmut bie ftrenge ©erfchroeigung berfelben hoffen. 



£ui)e Skadjmamt. I. 



317 



Cffenbar Ijatte Stiller auf jenes geheimn iSrolIe @m= 
pfehlungSfchreiben feine Stntroort gegeben, fo bafc es ßuife 
für gut fanb, fleh perfönlid) an ben Sinter 51t roenben. 2lud) 
fdjeint ber junge Hartenberg für fie gefprodjen ju ^aben. 
Ueberflüffigerroetfe. £>enn als er im 9Kai beS 3ahreS nach 
Sena tarn, war bereits t)om 9ii<hter*$oflegium ber £oren 
ein günftigeS Urteil gefällt unb eine SluSroahl ber ©ebiajte 
jum 2)rucfe nad) Bübingen gegangen. Sie ftcfjen im atter= 
lefeten Stüde ber §oren, roelche fomit unter beut ©efange 
ber SBeißenfelfer Dichterin baS 3 C ^^4 C fegneten. 2(m 5. Suli 
fdmeb it)r ber trauernbe Herausgeber: „Unter bem Heere 
von (Sebichten, welche bem Herausgeber eines 3Ilmana$S t»on 
allen (Snben unfreS oerfereichen r»rofaifd)en £eutfd)lanbs jus 
fliegen, ift bie ©rfa^einung einer frönen unb magren poeti= 
fdien (Smpftnbung, fo roie fie in mehreren 3l)rer ©ebichte 
lebt, eine befto angenehmere Ueberrafclmng." £er fdjmeichel* 
^aften 2lner!ennung gefeilte ftd) bie SBitte um ^Beiträge für 
ben 9J?ufens2llmanadf) , ber bereits 511 Anfang beS 3af)reS 
einige SUeinigfeiten r-on £uife gebraut hatte, unb ber SBunfö 
einer perfönlidjen 33efanntfd)aft mit ber £id>terin — ein 
SBunfch, ber baS leidjt entjünbbare 9Wäbd)en über alles £ob 
gefreut fyabtn mag. 3h re Slntroort, in Schillers ^atenber 
unter bem 30. 3uli Bezeichnet, ift leiber verloren gegangen. 

@S rooHte fdjon etwas heißen für ein ätuanjigjährtgeS 
SJtäbd&en, in ben goren, ber erften litterarifchen 3eitfcf)rift 
S)eutfd)lanbS, eine Stelle 51t geroinnen. Unb roelche Stelle! 
9ttd)t weniger als fünf lange ©ebichte fanben an bemfelben 
£age gafttidje Slufnahme, barunter jroei ausführliche Sbntten 
in Hexametern („£te Capelle" unb „Stfagelone unb ber bitter 



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318 



^reunbinnen. 



oon 3Jlaffitta") unb eine Ülrt £ef)rgebid)t („$ie ©oben ber 
(Sötter")/ gong in <5d)iüer3 ©eift, baä audj feinen befom 
beren Seifatt fanb. 2lu3 jeber <5tropf)e fprad) ein unleug= 
bare£, faft ju früh gereiftes latent, unb e3 mufj $ur (SI)re 
unfreS 3ttd)ter3 gefagt werben, bajj er immerbar für ba§ 
Talent ein offenem §erj t)atte. Suife brannte fernerhin feine 
Empfehlung mehr. SnbeS fie fürchtete aufbrtnglid) ju fein, 
unb fo lieg fie auch bie jroeite Slnfnüpfung mit 3ena burd) 
SKooalis vermitteln, tiefer „hohe 3üngUng", erzählte fie in 
fpäteren Qafyren, t)abe ihr bie fünftlerifaje £aufbahn eröffnet, 
habe fie bei (SdnUer eingeführt; „feine greunbfd&aft ertoarb 
mir bie Slufmerffamfeit biefeä £eroen unfrer fttchterroelt, 
unb ftfion in meinem breijehnten 3af)re erfdnenen einige 
6tücfe oon mir in ben lefeteren 3«itf Triften, bie ©dritter 
herausgab." SSon jenen fiebje^n 3 a h ren mären mir alfo 
unoerfef)enS auf breijetjn (jeruntergegangen — man barf 
bergleid)en ©ebäd)tni^fcr)ler einer £ame triebt übelnehmen. 
&ier folgt ber 93rief, ben DiooaliS in ihrem Sntereffe f^rieb. 
SBir geben ü)n unoerfürst, fd&on toegen be3 bidjterifdjen 
9?ufe3 feines 2lutor3, unb bann, roeil er mit einem fdnidjs 
temen £id)tftraf)l ben großen ©oethe ftreift. 3Me ©eftalt beS 
DlmnpierS erfdjeint, jiemlich füt)t unb mürrifd), im hinter; 
grunbe einer jener „Sutterbrot^efellf^aften", mie fie tyxo= 
feffor Stiller um ftdj ju oerfammeln liebte. 

SepUfc, ben 23. 3uli 1789. 

(Sin Auftrag ber jungen, 3§ nen f$ on befannten $)ich* 
terin, Suife 33racf)mann au§ 2Beifjenfel3, t)crfcr)afft mir 
bie angenehme Gelegenheit, (Sie, befter £err ©ofrat, oon 



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Suife 23radt>mann. I 



319 



meiner alten, unoerlöfdjenben 2ldjtung unb ^nljängltdjfeit 
üerfta>rn ju fönnen. teilte ©djtuefler l>at mir bie ©ebiajte, 
bie if)re greunbin, bura) S^ren gütigen S3rief aufgemuntert, 
jur 2lu3roal)l für ben bieSjäfyrigen Sllmanad) 3t)nen jufenben 
miß, nebft einem baju gehörigen SBriefe jur Seförberung 
überfa^idt. (Sinige freunbfdjaftliaje Bemerfungen , bie td) 
über if)r Talent unb feine 2lu§bilbung r)atte fallen laffen, 
waren ber Stnlafj ifyreä gutrauenS 511 meinem oorläuftgen 
Urteil, ob bie ©ebiajte oerbienten, an Sie gefd)idt ju wer= 
ben. (5§ wäre möglid), baß Sie ben SUmanad; als 2lu§= 
fteHung unb Sd)ule betrachteten, unb infofern glaubte \6) 
3l)mn bie ©ebid)te fd)iden ju bürfen. 3l)re 9lufnal)me fann 
mef>r (Sifer jur SBoßenbung fcfjaffcn, als ^unbert prioate 33e= 
merfungen. SSenn meine ©ejunb^eit, bie mia) hierher ge= 
nötigt Imt, nidjt wieber fjergefteflt werben foßte — fo l)offe 
id) Sie oieUeid^t balb in 3ena ju fef)en. 3a) benfe in bie= 
fem galle Starfe*) ju fonfultieren unb freue mid) im oorauS 
auf bie angenehmen Stunbeu, bie Sie mir oielletdjt erlauben 
in 3§**r ©efcHfdjiaft jujubringen. Sie werben jefet fdjon 
ben treffliajen SdjeUing in 3cna haben. 2ßie fetyr wünfdjjt' 
id) in il)m 3h ren $reunb 5U finben. 3$ wollte gern nod) 
einige franf bleiben, wenn e3 mir fo wol)l mürbe, fie 
in Sena ^bringen $u fönnen. 3ttein ©lüd mürbe oollfom= 
men fein, wenn eS bei biefer ©elegenfjeit bem SWanne, bem 
idj fo oiel oerbanfe, ben ia) fo unauäfpreäjlid) oere^re, Syrern 
greunbe (Boctr)e**) gefiele, einmal offen unb mitteilenb ju 

*) §eraoglid>et Scibafjt, ber aud) <3. be^anbelte. 
**) (Stoetze war vom 20. 3JJai bis 311m 21. Suni 1789 foft o§ne 
Untetbredjung in ^ena. 



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Suife Sradjmann. I. 



321 



if)rem ©ebidjte „2In bic fcoren" ööhtfen=2llmanad) 1799) 
aufruft: 

ftityrt mi<$ in ber Seiradjtung ftiUen Sempel, 
SKtlbert ber ^ugenb rafd&e ©tut mit ernften 
93Ubern, bajj id) nic^t untergefj* im 3)iecre 
^eifect Gefügte. * 

3tt bem SBerfc^r groifd^en 3ena unb SBcißenfcIö entftef)t 
nun bie £ü<fe eines grofjen Saferes. SBaS £uife wetyrenb 
biefer 3eü erlebt unb getrieben, feiner ber wenigen S3iogra= 
pfjen, bie fte nad) tf)rem £obe fanb, roeig eS ju erjäf)len. 
@S war roorjl bie 3*it ber erften SeräenSftürme, beren fo Diele 
unb fo oerberbltd)e im £5unfel ber3ufunft auf fie lauerten. 
3>er ßang $u romantifdjer Sßeltfluajt unb Reffen ber <Sm= 
pfinbung mu&te fid) in ber füllen ßleinftabt, im Umgang mit 
ben f^märmerifäjen §arbenberg£ immer bebender, immer 
franftyafter entnricfeln. (Sin freier tljat not, eine nüd)terne 
Öeirat fyätte geholfen. 2lber Suife ©erlangte ein 3beal, einen 
bitter in poetifd) glänjenber SRüjtung, unb fo(d)e bitter gab 
es roeber in 2Bei&enfel3 nod) anberSroo. Slua) fehlte bem 
armen 9}uibd)en eine Gigenfäjaft, or)ne bie man fidt) eine 
SHdjtertn gar nid)t benfen mag: bie ©<$ön$eit SuifenS 
f Meinung fjatte burdjauS niä)tS SReijenbeS; fte war von fleiner, 
unanfef)ntidjer ©eftalt, if)r Äopf unnerpltniSmä&ig lang, ü)r 
©eftdjt faft männlicher Bilbung; auf rool)lgef allige fialtung 
unb äußeren 6d)mucf r)ielt fte md)t niel; tf)r Slnjug mar 
immer ganj pufeloS, Ja oema^läfftgt, unb ttyre ©rfdjeinung 
oerriet in feinem 3 u Qe bie freunbli$ orbnenbe fianb beS 
SBeibeS. SRur baS fd)öne liäjtbraune fiaar unb ein $aar 
tounberbar fanfte blaue 2lugen erinnerten baran, bafe tljr bie 

»ilbtr ou* ber S^iacrjfit. 21 



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322 



^reunbittnen. 



®unft bcr ©rajien nidjt ganj oerfagt geblieben. Unb bann 
war if>r ja aud) ber Qanbtx ©efangeä uerliefjen, unb 
biefen übte fie mit raftlo[em gleite. Sie Qaty iljrer ©ebidjte 
wud)8 von 2Bod)e ju 2£odje; fie f)atte offenbar i^re £uft am 
(gingen. ®er 9)iufen=2llmanad) für 1800 braute jwar feine 
Beiträge aus 2Beif}enfel£, aber am 1. 2luguft biefeS 3afjre§ 
oerjexd)nete ©djiller einen S3rief von Sföabemoifefle 8rad> 
mann, ber eine neue Senbung ©ebidjte enthalten mupte. 
35Mr f fliegen e3 aus bem nad)folgenben Sdjreiben: 

SBeifeenfele, ben 1. 2luguft 1800. 

„2)ie ©ilfertigfeit, in ber id) %f)ntn oorgeftern f abrieb, 
nötigt mid), meine 3 u ffa$t nod) einmal ju öftrer ©üte ju 
nehmen unb Sie um SBerbefferung einiger geiler ju bitten, 
bie idj im (Bdjreiben gemalt fjabe; id) fjabe nämlidj in ber 
(£ile meinen ganzen tarnen unter bie überfenbeten ©ebidjte 
gef djrieben, unb gleidjwof)l mad)en mir bod) oerfdjiebene 
33erf)ältniffe bie SBerfdjweigung meines Familiennamens xoün- 
fd)enSwert; oorgüglic^ in Syrern 9Kufen=2tlmanad) , ber fo 
allgemein unb aud) an meinem SBoIjnorte gelefen wirb, wo 
meine ©Item gar nidjt wünfdjen, bafe id) als $)idjterin be* 
fannt werben fott; in einem 5talenber für Tanten ift jroar 
mein ganzer tarnen ebenfalls burd) ein S8erfef)en eingerüdt 
worben, inbeffen madjt mir bieS weniger 33ebenflid)feiten, 
ba iä) weife , bafc biefer Äalenber im allgemeinen nidjt fo 
berannt werben unb bafj man wenigftenS in 2Bei(3enfelS 
feine ßrjfiteng ignorieren wirb, wo icf> hingegen burcr) 3t)ren 
9JJufen=2llmanad) fet)r balb unter bem gebildeten Sßublifum 
erfannt werben würbe. 3d) bitte Sie bat)er, ben tarnen 



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Suife örad&mann. I. 



323 



33radmwnn ausstreichen unb meine ©ebtdjte, wenn Sie fie 
<tnberS ber Aufnahme würbig ftnben, für biefed 3al)t noch 
unter meinem gewöhnlichen tarnen ßuife einrütfen ju laffen; 
biefer SRame, unter bem Sie mich juerft ber SBelt cor* 
fteHten, wirb mir immer oor&üglich teuer fein, unb ich werbe 
meine Unterfdjrift fdjroerlid) jemals oeränbern, toenn mich 
nidj t Umftänbe nötigen, gänjltch Ijeroorjutreten ; eine gewiffe 
Verborgenheit ift taufenbmal oorjüglidjer, als baS gänjlidje 
Vetanntfein, unb ich mürbe roer weife mag barum geben, 
wenn ich auch aus jenem 2)amen=Menber meinen gamilien* 
«amen wegtilgen fönnte." 

2£ir überfpringen bie Sluftä'hlung oerfdjiebener ßorrek 
turen, meldte bie Dichterin an ben überfd)icften CiJebi^ten 
angebracht wiffen möchte, unb eilen jum Schluffe beS 
Briefes: 

„. . . Sßenn ich nicht ein fo inniges, grenaenlofeS 3 Us 
trauen ju 3h nen ^ätte, fo mürbe ich es nimmermehr wagen, 
Sie um foldjer Äleinigfeiten mitten mit einem jroeiten Vriefe 
$u beläftigen: aber tdj weif* nicht, es ift mir, als menn ich 
bei 3h ncn f ur tätä Verjeihung hoffen bürfte, unb alfo auch 
bieSmal für meine 3ubringltchfeit, bie ich balb noch burdj 
einen re<$t langen Vrief üergröfjerte. SBottte ber Gimmel, 
ich könnte Sie einmal perfönlidj fehen, ich fytöt fyunbexttxUi 
auf bem fierjen, was ich 3h nen f a 9 cu unD worüber ich ©te 
um Shren bitten wollte; bann wollte ich Shnen «vid) 
fagen, mit welcher grenjenlofen Verehrung ich ewig bin 3h™ 

Suife SBradjmann. 

2lud) wegen meines fd)led)ten Schreibens bitte ich ©te 
iaufenbmal um Verleihung, ich oin fo in ber @tle." 



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324 



ftreunbinnen. 



Stiller erhielt ben 33rief am 4. Sluguft. Sein SHufen* 
2llmanad) war mit bem alten Satyrfmnbert ben £oren in£ 
&tab gefolgt. Suifen fd&rieb er am 28. »uguft: „(*S würbe 
grofeen 3^cij für mid) gehabt Ijaben, baS 3nflitut fortjufe|en A 
wenn e$ mir immer foldje Herbinbungen oerfd)affte, als bie 
3^rige mar. 2lber leiber ift berjenige, weld)er jefct einen 
poetifdjen SBereinigungSpimft errietet unb bie beutfd/en 3Kufen 
jufammenruft, in ®efaf)r, ber 3ubringlid)feit be£ OTttel= 
mäßigen unb Sd)led)ten ju erliegen." 6d)iUer fdjlie&t wteber 
mit bem f)erjlid)en 2Bunfd)e, reajt balb bitra) bie perfönlidje 
SBetanntfdjaft ber 2)idjterin erfreut ju werben, £iefe aber 
lag, als ber SBrief nad) SSei&enfelS fam, im 33ette, franf an 
flörper unb ©emüt, fjalb roa^nftnnig. 

©3 waren fdjlimme Singe oorgegangen mit ber armen 
£utfe. gunberterlei trug fie auf bem §erjen, wogegen fic 
bie liebeooUc 3 ureoe *ine$ oerftänbigen Cannes gebraust 
fyätte, unb baS iger^ bradj baoon. 2lber ber ©runb ifjrer 
(SemütSrranfljeit läßt ftd) nid)t mit ©idjerljett beftimmen, 
fonbern nur erraten. £uife bewahrte barüber ein lmrt= 
nätfigeö 6tiHfd)weigen aua) gegen i^re oertrauteften greunbe. 
■ftadj einem if)rer 33iograp^en l)atte fie fid) auf einer Steife 
nad) Bresben, wo if)r 93ruber angepeilt mar, burd) eine 
jugenbüdje Unbefonnenfjeit „eine ßränfung ifjreS fo leidet 
zerlegbaren @f)rgefüf)l£" jugesogen unb mar infolgebeffen, 
ifjren ®ram fjeimlid) näf)renb, mit einemmal in bie tiefte 
Schwermut verfallen. 2Ber fann fagen, worin bie jugente 
lid)e Unbefonnen^ett beftanben? 2öa^rfd;einlid) ^anbelt es 
fid) um eine Xf>orf)eit ifjreS liebefd;wärmerifdjen ^erjenS; 
oieUetd&t l)atte fie in Bresben ben glän&enben SRitter erblidt, 



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Suife SJrac^mann. I. 



t>en i§re ^antafie fo lange fd)on geträumt; meHeiajt I;atte 
fie ü)tn if>re ©eful)le attju beutltd) ju ernennen gegeben; 
vkMfyt ^atte fie feine Störung gefunben. ©enug, bie 
2lrme fam franf unb traurig aus $)re$ben nad) SBeifjenfelS 
jurücf, rourbe gleid) nad) it)rer 3lnfunft bettlägerig, fdm>ebte 
roodjenlang jimfd&en Seben unb £ob unb erljob fidj erft am 
7. September, faum l)alb genefen, mit einem perjroeifelten 
ßntfdjlufc. Unter bem SBorroanbe, 311m erftenmal tmeber 
nad) langer ßrantyeit ber frifd)en £uft fid) freuen ju wollen, 
t>erläfjt fie bas 3i mmer ; ty* S8ater begleitet fie, unb bie 
beiben roanbeln auf unb ab in einem bem §ofe beS ©aufeä 
jugelegenen Äorribor. pöfelia) ftürjt fid) Suife, vor ben 
Slugen tyreS $ater$, oon bem jroet ©toef fjofjen Giang auf 
baS ^flafter Ijinab. $)er alte Sttann ftel)t r»or ©ntfefeen 
ftarr unb unberoegliä). Sluf feinen 5lngftruf fommt bie 
■äftutter tyerbei, f)ört baä Sdjre<flid)e unb eilt in ben £of 
hinunter, wo bie £odjter in if)rem 93lute liegt. Sie lebt 
nodj. (Sin t-orfpringenbeS $ad), auf bem bie Unglü<flid)c 
juerfl auffdjlug, f>at bie ©eroalt beS ©turjeS gebrochen . . . 
^Bieber fämpfen i?eben unb £ob um ben SBefifc ber jungen 
5£id)terin. SBodjen* unb monatelang liegt fie hoffnungslos 
banieber. ©nblid) fiegt bie Sugenb, unb ber heftige Sebent 
trieb, ber trofc aller ßränflidjfeit beS OJemütS in bem Keinen 
Körper roofmt, rüf)rt fidj mit neuer ßraft. SBie burd) ein 
SBuuber erljolt fid) £uife. 2lud) ber alte (Sram fa^eint er= 
lofdjen, unb baS igerj f)at fid) für neue Seiben gerüfiet. 

gür neue Reiben! 3ener Selbftmorboerfudj war nur 
ber erfte Stritt auf bem langen ^afftonStoeg, ber in ßuifenS 
Sufunft führte. £ie SBeifeenfelfer $id)terin mufete ja un= 



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326 



glüdltdj werben. 8ie gehörte ja &u ben eraltierten Staturen, 
wie fte in ben lefcten ^ejennien be3 vorigen 3<*&*f)"nbert£ 
in ben SBorbergrunb $u treten begannen, ben patl) ologif <$en 
Naturen, roeldje von ben ©efefcen ber jinnlid^en 2$af)rt)eit, 
Don ben ©renken ber nrirfliäjen 2öelt feinen 33egriff Ratten, 
burä) beren £eben*bilb bie Ueberfpanntfieit ber ©mpfinbung 
ate tragifdjer gaben fia) ^inburajjog. 95ei fiuife 33ra<$mann 
aber flofe ba3 Ueberfpannte ber ©mpftnbung, um in <Sä)\U 
lerS Sorten ju reben, au3 ber 2£ärme be£ $erjen3 unb 
einer roaf)rf>aft bidjterifdjen Anlage, unb barum tyaben wir 
jie nidjt ju oerbammen, fonbem IjÖdjftenS ju bebauern, unb 
fönnen fte auf ifjren ferneren £eben£megen mit 2Sef)mut 
jwar, aber audj mit 3»tereffe unb ^erjlia^er £eilnaf)me be- 
gleiten. 

II. 

(£3 ift unerhört, mit toeldjcm Ungeftüm ba3 <5du\ffal 
bie f)ilflofe junge 2)id)terin verfolgte. £er £ob rife, ©d)lag 
auf ©ä)lag, bie fä;mer$licf)fien Süden in ifjrer nädjften Um* 
gebung. 2lm 25. •äftärj 1801 ftarb -ftooaliS, ber greunb 
ifjrer Äinbfjeit, fein (ebenlang if)r treuer ©dmfc unb 9tot. 
3^m folgte balb barauf iljre eigne S^roefter Amalie, unb 
in bem nämlidjen Qa^re ftorb aud) -KoBalte' ©djroefier, 
©ibonie o. Sarbenberg, SmfenS oertrautefte greunbin unb, 
wie e§ fä^eint unb wir fogleid) lefen werben, jene gefjeimni^ 
DoEe Styerefe o. SR., bie einft für bie 2$eifeenfelfer £)idjterin 
baS erpe SBort bei filier eingelegt $atte. 

£er ©djmerj mar ju grofe für ba§ fäjroadje 3ttäbd)en; 
er warf fie abermals auf baS Äranfenlager, unb il)r 3uftanb 



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Suife «ra^mann. II. 



327 



fd&etnt ft<$ bielmal berart oerfchlimmert &u haben, baß fogar 
baS ©erücht ihres EobeS (i<h verbreitete unb bis nach SBeimor 
brang. Unb bod) mar ihre 33aterftabt oon bem nunmehrigen • 
SBohnorte ©Ritters faum mehr als fünf teilen entfernt. 
2BaS müffen baS für SBerfehrSoerhältniffe geroefen fein in 
jener faxt, baß felbfi bei fo geringer SHftanj bie Sßahrheit 
monatelang verborgen bleiben fonnte! Unb toie eingebogen 
mußte bie gamilie Brokmann gelebt haben, wie gleichgültig 
mußte baS Stabilen SöeißenfelS gegen bie (Sängerin in 
feinen 9J?auem getoefen fein, baß man au<h bort oon ber 
SBahrhett nid)t unterrichtet mar ! 2111 <& dritter tm September 
1801, oon einer S>reSbener SReife ^eimfe^renb, in SBeißen* 
fels übernadjtete, mar im ©afthofe feine erfte ©rfunbigung 
nad) Suife 93ra<hmann, unb ju feiner großen Betrübnis be* 
ftätigte man ihm ihren £ob. 2Bte ßunbe aus einer anbem 
Sßelt muß eS ihn baf)er angemutet haben, als er etroa fed)S 
9J?onate foäter einen S3rief oon i^r erhielt, einen langen, 
traurigen 93rtef, ben bie Schwermut felbft biftiert ju haben 
fd}ien. 

2ßeißenfelS, ben 9. Slpril 1802. 
£arf id) eS benn tt>or)t wagen, mich nad) fo langer 
3eit einmal wieber in 3h* ©ebächtniS jurüdjurufen? ®arf 
ich c§ toagen, eine SSerbinbung wieber anjufnüpfen, bie mir 
fd)on einige ber glücflichften ©tunben meines SebenS gemährt 
hat? $ie ©ehnfucht, mein burd; fnntereinanber gefolgte 
fernere Seiben beklommenes fierj burch bie Unterhaltung 
eines 9ftanneS ju erleichtern, ben ich f° innig oerehre unb 
ber mich cinft feiner Teilnahme geroürbigt h^t, veranlaßt 
mich 3« biefent Briefe. 



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328 



greunbinncn. 



2ßa^rfd)einlitt) Ijaben Sie meiner längft nid;t mef)r ge* 
badjt, ober wenn Sie aud) fo gütig getoefen ftnb, mir nod) 
• $uroeilen eine flüchtige Erinnerung ju fdjenfen, fo tyaben Sie 
mid) oielletdjt bei ben £oten geglaubt, roie mehrere meiner 
auswärtigen greunbe, benen ettoaS oon meiner langen unb 
töblidjen 5lranfr)eit $u Of)ren gefommen mar. 3n ber %fyat 
Ijabe idj aud) feit ber &t\t, roo id) jum lefetenmal bie ®f)re 
fjatte, S^nen §u fdjreiben, mef)r ben untertrbifd&en 3)läd)ten 
als ben fiebenbigen angehört; fer)r fdjtoere Seiben oon meljr 
als einer 2Irt haben mid) in biefer 3 C ^ betroffen, unb i$ 
fann too^l fagen, ba& id) an Sauren jung, aber an ©r= 
fafjrungen ber Seibenben alt bin. 2)eS ^eroufetfcinS be= 
raubt, toar i$ beinahe ein falbes 3a^r ben fürd)terUd)ften 
Sdjmerjen beS Körpers unb ber Seele preisgegeben unb 
fefjrte nur barum ins Seben jurüd, um fur& Ijintereinanber 
ben £ob meiner liebften greunbe $u beweinen. 

$)er £ob beS guten fiarbenberg, ben aud) Sie 3^ tcg 
&>of)ltoolIenS toürbigten, madjte ben Anfang; id; oerlor in 
iljm einen treuen Sugenbfreunb, einen £ef)rer mödjte id) i^n 
tn mattier 5Hücffid)t nennen, unb einen geiftoollen Ratgeber 
in meinen ooetifdjen Angelegenheiten. $)od) tourbe fein 
Sßerluft balb burd) einen nofy weit fdjmerjlidjeren übenoogen, 
burd) ben £ob meiner einsigen, in 2öat)rr)cit unoergleidjlidjen 
Sdjtoefter, bie in if)rem 19. $al)re ftarb. 3d) fann i^r an 
SiebenStoürbigfeit unb SBortrefflid)fett nur eine einzige oer= 
gleichen, bie if)r in wenigen 5ftonaten im Xobe folgte; bieS 
war Sibonie o. fearbenberg, fie, ber id) nebft fo oielem 
■ ©uten unb Sdjönen audj 3f)re 33eranntfd>aft oerbanfe. Sie 
mar eS, bie Sfjnen juerft fdjrieb unb $f)r 2Bot)lwollen für 



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Suife 93rad;ntonn. II. 



329 



midj erbat! ©ewifj werben aud) (Sie bie 9tad)rid)t ilireS 
frühen £obeS nidjt of)ne einiges Vebauern oernommen fjaben. 
@S würbe mir Xroft imb Grquicfung fein, wenn idj 3f)nen 
etwas metyr von biefen beiben ßiebenSwürbigen mitteilen, 
wenn id) Sföntn etwas uon ben poettfdjen (£rgie&ungen meines 
Sdjmer&enS nieberfd&reiben bürfte ; allein id) fürdjte inbisfret 
ju fein unb 3f)nen meljr von Sljrer föftltdjen 3eit ju rauben, 
als id) verantworten fönnte; id) begnüge mid) blofj, 
ju fagen, bafj id) mit if)nen bie liebfte, idj möd)te fagen, bie 
einzige greube meines Sebent verlor, benn meine unb Stbo= 
nienS ©Item lieben bie raufdjenben Vergnügungen unfrer 
Reiten ntdjt; wir matten jufammen eine ftiHe ©emeinbe 
aus, bie ftd) wedjfelfeitig für bie @ntbef)rung jener greuben 
fd>abloS Ijtelt; id; fannte von $inbf)eit auf fein anbreS 5ßer= 
gnügen, als ben Umgang meiner Sibonte unb meiner guten, 
IiebeooHen ©djwefter; wir waren alle brei sufammen auf= 
gewadjfen unb an Sauren wenig t>erfd)ieben. Ununterbrochen 
I;atte id) meine ©djraefter unb faft täglid) meine 23ufen= 
freunbin um mid) gefetyen. Sie fönnen ftd) alfo bie fd)merj= 
Haje Seere, Sie fönnen ftd) ben galten troftlofen 3 u ftonb 
benfen, in bem id) nad) bem legten biefer Verlufte, nad) <BU 
bonienS £ob war! 3u biefer 3^it war eS, wo mir ber S3rief 
wieber in bie ©änbe fam, ben Sic $ulefct fo gütig waren, 
mir su fdjreiben. 3a) tyatte i&n gerabe in ber fdjwerften 
fferiobe meiner uuglütfltdjen ®emütSfranff)eit erhalten, unb 
biefen SBrief, ber mid) fonft in bie gröfete greube oerfefct 
Ijaben würbe, wollte idj bamals nidjt einmal anfef)en, als 
mir iljn meine guten Altern vor baS SBett brauten, um mir 
trieHeidjt auf meiner empfängli duften Seite eine 5Trt t»on 



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330 



ftreunbinnen. 



greube 51t benrirfen. s J)tein $ater bewahrte ihn auf, imb 
jefct, in meiner traurigflen, oerlaffenften £age, gab er mir 
Um; ia) las, imb bieS mar roieber mein erfter heitrer 2lugens 
blicf nadj fo langer 3*it ; i<h erinnerte mid) jugleidj an ba$, 
roa8 mir &arbenberg nodj oor feinem £obe gefagt f)atte, 
ba§ au<h 3h re oortrefflidje grau ©emal;lin, bie idj f$on 
längft nadj fcarbenbergS (Srgählungen fo innig liebte, einen 
gütigen Anteil an mir genommen hätte, bafe fie ihn nad> 
mir gefragt, mit ©üte oon meinen ©ebid^ten geforodjen unb 
fogar — ma§ mi<h am meiften freute — lleberetnftimmung 
mit meinen poetifdjen Sleufjerungen bejeugt I;abe. 2ltte$ biefe£ 
jitfammcngenommen, ber ©ebanfe, ba& noch SHenfdjen an 
mir teilnehmen, bie idj fo innig liebe unb verehre, glänze 
wie ein freunblid^er £id)tftrahl in meine ©eele, unb id) nahm 
mir oor, ja biefeö föftlid&e ©efdjenf be3 Rimmels, 3h re 
greunbfdjaft, feftju^alten unb 3h ncn ju fdjreiben, fobalb id> 
mid) ein wenig erholt haben mürbe. SBunbern ©ie fi<h nicht 
über bie 2lengftlid)fett, mit ber id) auo) 3h r SBo^ltooflen 
ju oerlieren fürchte; wenn man fo 2Siele3, was man liebte, 
burch ben £ob oerloren, roie ich, fo ftrebt man mit einer 
2lrt oon 2lengftli<$feit baS ju erhalten, wa3 noch übrig blieb. 
3<h ^abe jefct niemanb met)r, ber mir auf bem SBege ber 
^ßoepc bie fianb bieten fönnte, niemanb wenigftenS, ju bem 
ich fo oiel Vertrauen hätte, als &u 3hnen; ©ie waren 
es, ber mir juerft 9Jcut einflößte, ber mich juerft in ben 
öffentlichen ftretS ber dichter einführte; ift e£ bann ein 
SShmber, wenn id) ju 3h nen G r °6te Vertrauen fyc&t? 
Unb follten (Sie mir roohl bie gortbauer 3hre3 Sohlmottend 



i 



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Suifc SBra^mamt. II. 



331 



rerfagen? Sollten Sie ber Unglürflidjen baS entfielen, 
mag Sie ber ©Iü<flt<$en einft fünften? . . . 

(Sin £auptbeioeggrunb ju biefem 33riefe mar aud) ber 
2Bunfä), 3^ ncn ffi* Den frönen ©enufc ju banfen, ben Sie 
mir bur<$ 3§re neueren £rauerf»iele oerfdjafft §aben, oor= 
jügltd) burdj „®ie Sungfrau oon Orleans". 9fletn ganjeS 
©efd)led)t follte 3!)nen für biefeS §errlid)e Stücf bonfen; 
Sie |aben uns bie f)of)e fielbin nur barum fo groß unb 
Ijerrltd) bargeftellt, bamit wir ettoaä fyaben fottten, woran 
fid; unfer fdjmädjerer 9Jtut aufrid)ten unb ergeben tonnte. 
Sollten Sie e3 roo^l glauben, bafj id) in ben Sagen meinet 
tieften Sdjmerjeä, wo ft<$ anbre oietteid&t oor Srauerfotelen 
gefürchtet §aben würben, aus 3|rer „Sungfrau" (bie, wenn 
fie gleid) fein eigentliches Xrauerfoiel ift, bodj eine tiefe, 
an§ £ragifd>e grenjenbe Bewegung Ijero orbringt) unb aus 
bem „SBallenftein" 2Kut unb Sröfhmg fd;öpfte? Ginen fo 
großen SBerluft, toie ber meinige ift, fann man nidt)t oer= 
geffen, aber man fann tfm ertragen, Um übertoinben 
lernen, unb baju fonnte bie ^or)e fielbenftärfe biefer beiben 
Stüde meine finfenben Äräfte ergeben. SBenn midj aber 
auf ber einen Seite biefe, über £ob unb S^idfal trium= 
pf)ierenbe Stärfe ber Sungfrau unb Ujre fejle Ergebung in 
ben SBillen einer f)öl)eren 3Jtodjt erfjob, fo fdjmotj auf ber 
anbern Seite bie rütyrenbe ©pifobe im „SBallenftein" oon 
9Ra£ unb Xfjefla meinen Sd)tner$ in eine fanfte SBe^mut 
um; wie oft toiebertyor td) mir im ©ebanfen ben frönen 
Monolog ber unglüdlidjen £f)efla: „Stein, aud; für mid) 
warb biefer ßorbeerfranj 2c." 2ld) ©Ott, audj td) möchte 
fagen nrie £f)ef(a: „$)aS ift baS £oS beS SdjÖnen auf ber 



332 



gr<runt>innen. 



©rbc!" 3d> würbe gar fein (Snbe finben, wenn idj 3^nen 
alles ba§ fagen wollte, was id) Sfyntn nod) über biefe beiben 
göttlichen Stüde („Waria (Stuart" fjabe idj noa; ntd)t be- 
fommen tonnen, fo grofj mein Verlangen banad) ift) ju 
fagen fjätte; unb mit Sdjreden werbe id) gewähr, ba& idj 
3t)nen fdjon einen entfefclid) langen S3rief gefajrieben tyabe; 
aa), Sie werben unwillig auf mid) werben; unb bod) — id) 
fann es nid)t bereuen! Seit langer ia) ja feine 

fo fd)öneStunbe gehabt! 21a), wie glüdlia) wäre id), wenn 
id) in SBeimar leben tonnte, wenn idj mir juweilen aus 
Sutern eignen 2)hmbe 9tot unb SBeletjrung erbitten fönnte! 
2öie ntele 3a$re f)abe ia) nun fdjon uergebenS gewünfd)t, 
Sie einmal perfönlid) &u feljen? 2Berben Sie mir wenigftenS 
erlauben, 3f>nen juweilen ju fajreiben unb (Sie nur juweilen, 
nur feiten um %\)Ttn 9kt ju bitten? 33) will niemals 
wieber fo lange 23riefe fdjreiben wie biefen; benn id) füfjle 
wofjl bie Äoftbarfeit 3^rer Qt\t 

SDarf td) eS wagen, aud) 3*)re ueref)rungSwürbige-grau 
©emafjlin um bie gortbauer ityreS 2ßof)lwoflenS ju bitten? 
3a) roäfjle fie &u meiner SBorbttterin bei ber bewußten Sadje; 
fönnt' id) wof)l einen fräftigeren SBorfprud) wählen? 3Jiöd;te 
midj bod; aud) bieSmal baS fyersltdje Vertrauen nidjt täufdjen, 
baS mid) von jeljer gegen Sie erfüllt f)at! 3^e (Sntfajliefjung 
gegen mid) fei inbeffen welche fie wolle, immer werbe idj 
mit ber innigften SBereljrung fein 3*)*« 

l'uife 33 r ad) mann. 

GS war nie SdjillerS Slrt gewefen, taub &u bleiben, wo 
man feinen Xroft unb feine §ilfe brauste. SlHein eine 
glut bramatifdjer unb bramatnrgifd)er Öefdjäfte, bie 2Baf)l 



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Suife SBratfjmann. 1J. 



333 



einer neuen 35>of)nung, ber Eob feiner -Kutter unb eignet 
Unwof)lfein f)inberten it)n an ber raffen SSeantwortung be3 
wel>mut3oollen 33riefe3. fterfelbe enthielt audj eine 33itte, 
auf bie er nid)t eingeben fonnte. %üx £uife fdn'en bie 
gefommen ju fein, wo fte ben ©djleier ber Anonnmität 
lüften rooHte. (Sine Sammlung romantifdjer Störungen ge= 
bad&te fte unter i^rem rotten tarnen herauszugeben, unb 
©filier fottte biefelbc einem Verleger empfehlen, fottte au<$ 
felbft eine flehte SBorrebe baju fdjreiben. (Soweit fd^eint aber 
fein SHefpeft oor bem Xatent ber jungen 3)id)terin nidjt ge= 
reicht ju haben, bafj er fte feinem greunbe (Sotta aufgenötigt 
hätte, beffen ©runbfafe mar, „nur ganj gute SBüdjer ju oer= 
legen". ßur§, ßuife mufete nadj einigen Monaten ir)rc 23itte 
roieberholen. ©in neuer ©d)lag hatte fie mittlerweile ge* 
troffen. 3m 2Jiai war ihre SJhttter geworben, unb immer 
fdjwerer laftete bie Trauer auf ihrem (Semüte. 

„3m Vertrauen auf 3h*e mir ehemals bewiefene ©üte 
wagte id) e3 im 2J?onat April, 3h nen ju fd>reiben unb ©ie 
in einer mir mistigen Angelegenheit um 3^ren 9tat ju 
bitten ; id) bin fer)r traurig, bafj td) in biefer $tit aud) nid)t 
eine 3eile Antwort oon Shnen erhalten h«be, um fo trau= 
riger, je oertrauungfooller id& uorfjer auf 3h r * ©üte red;nete. 
©ollten ©ie oietteid^t meinen SBrief gar nid)t erhalten haben? 
Auf jeben gall bitte id) ©ie, mid) balb nur b.urd) 
einige wenige geilen dou ben 3 ro ^ifeln 511 be= 
freien, bie mich beunruhigen! SSenn man fo uiel burdj 
ben £ob uerloren f)at, aU id), fo fudjt man baäjenige, was 
uns noch im ßeben übrig blieb, mit boppeltem (Sifer fefc 
jufjalten. 



336 



ftreunbinnen. 



tum im SBrcmbe oerlor unb ber unter bem Sdmtte plöfclidj 
unb unoermutet nodj) ein föftlia>3 ßleinob entbecft! 

SBorberljanb fann id) an feine fd&riftfteUerifd&e Unterließ 
mung benfen; idjj bin noa; 511 jerftreut unb ju mutlos baju; 
oießetdf)t maäje id) aber in einiger geit ton Syrern geigen 
Anerbieten föebraudf) unb bitte (Sic um einige gtiltn J ur 
Empfehlung an einen ber größeren SBud^änbler, benn ia) 
werbe babei nid)t foroof)l bie 2lnfefmUa;feit be8 Honorars 
berüdfiajtigen , ba \6) bteä als bie einzige £o<$ter meinet 
Katers nidjjt fo nötig f)abe, als oielmeljr auf einen e^ren« 
ooßen Eintritt in$ ^ublifum fetyen; belegen roünfdf)te ia> 
mit ©öfdfjen ober (£otta ober wen Sie für gut (jielten, 
in Unterfianblung &u treten. 

3n ber Entfernung, in ber iti) von bem geliebten Sßeimar 
unb oon 3f)*e* ©egenroart leben mu6, tft e3 noa) mein ein* 
jiger ©enufc, wenn tdj etroaö $oetifdf)e3 oon 3f)nen lefen fann; 
fo fiel mir biefer Sage SBederä Safd&enbudf) in bie &änbe 
(ba3 bieSjäljrige), unb 3^r fdf)öne3 ©ebid&t: „Se^nfudjt" 
fpradf) alle Saiten meine« Seyens an. (53 ifl in fjunbert 
23e&ief)ungen roie für midf) gebietet, aber icf) roäljlte bielmal 
nur bie naajfte barauS, ia) bejog eS auf meine Sef)nfud)t 
nadf) Söeimar. Slber Ijaben Sie propf)ettfd) gefprod&en? 

9iur ein SBunber fann bic§ trpgen 
3n ba$ fööne SBunbcrlanb ! 

3dj fd&lie&e biefen 23rief, um 3fjnen nidfjt uodfj länger 
meinen 2>anf für 3^rc ©üte fdmlbig 51t bleiben; oießeia^t 
bin id£) balb fo glüdlidf), 3t)nen münblidf) bie grenjenlofe 
^ereljrung ju oerftdjern, mit er idjj eioig bin 3f)re 

£uife Srad&mann. 



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Sutfe öro^mann. II. 337 

£ie 6ef)nfud)t nad) ber perfönlidjen 23efanntfdjaft mit 
Stiller, nadj ber lebenbigen ©egenwart beS £id)ter£ flingt 
bur(§ alle 23riefe ber SBra<$mann. (Srft im folgenben 3<*f)te 
foHtc if)r biefer SerjenSwunfdj in Erfüllung gef)en. 2lm 
20. Sluguft 1803 treibt fie: 

„©nblid; fe^e id) bem glüdlidjen 3^itpunfte entgegen, 
wo mir ber fo lang, fo Ijeifj genährte SBunfd), ©ie per= 
fönlidj fennen ju lernen, erfüllt werben fott ; mein Sßater 
fjat mir nerfprod)en, nodj vor (Snbe biefeS 9Jtonat3 SBeimar 
mit mir ju befugen, weil td) waf)rfä)einlid) fünftigeä grüf)- 
jafjr biefe ©egenben wrlaffen werbe unb fie boa) unmöglid) 
perlaffen fann, o^ne benjenigen nod) einmal üon 2lngefia>t 
ju 2lngefxd)t gefefjen ju tjaben, ben id) fo lange in ber gerne 
t>eref)rt unb bewunbert ^abe. — Slud) mein guter SBater 
teilt biefen innigen SBunfd) mit mir, unb eS l)ängt nun 
blofj üon ber 3ßad)rid)t ab, ob ©ie 00m 29. 2luguft an 
in SBeimar gegenwärtig fein werben, ob wir unfre 
9ieife ba^in antreten follen. 3$ ^arf 3^nen ntdjt erft 
fagen, mit welker ©efynfud>t, mit welker freubigen Unruhe 
td) biefer 9lad)rid)t entgegenfefje. 3JJö^te fie bod) günftig 
für midf) fein! . . ." 

3n bemfelben S3riefe empfiehlt fie mit befonberer SBärme 
einen ©djaufpieler, Samens Dd)fenljetmer, ben fie furj jus 
üor in fietpjig als einen begeifterten Söereljrer ©d)iHer3 fennen 
gelernt f)atte. $>ur$ einen Sufaß geriet ber SBrief nad) 
(Siäleben, fo bafj ©filier erft am 12. September antworten 
fonnte. „Erfreuen ©ie mid) unb meine grau," fagte er, 
„redjt balb mit ffixtv Slnfunft. Unfre ^erjlidje Slufnaljme 

»Uber au8 ber S^iUerjeit. 22 



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338 



Jreunbinnen. 



roirb tyntn jctgen , wie fc^r ©ic uns beiben roert finb. 
Sutern §errn $ater banfe iö) im t>orau$ für ba£ Vergnügen, 
baS er mir burd> 3*)** per|önlid)e 93efanntfdjaft bereitet, 
unb werbe il)n fa>n belegen als einen greunb milk 
fommen ^eifeen." 3Kan fonnte nid^t freunblidjer einlaben. 
3m 33raä)tnannf<f)en £aufe begann man benn audj alfobalb 
jur gafyrt ju rüften — es mar ja eine große Steife, ber 
(Eeä)S=9)teilenfprung oon SBeifeenfelS nadj SBeimar — unb 
am 30. b. üfl. Reifet eS enbtid) in edjiHerS ßalenber : „Söar 
Suife SBradjmann l)ier." 

2öie mag ber (Hnbrud geroefen fein, ben baS Heine 
unfdjöne 9ttäbd)en auf ben £id)ter f)ert)orbrad)te ? Cb if>n 
nid)t i^r überfpannteS Siefen jurüdfd)redte, if)r romantifdjeS 
£eben anroiberte? @S fehlte iljm fonft niä)t an garten SBorten 
gegen bie leeren ©efajöpfe aus ber „klaffe ber ganj gemeinen 
empfinbfamen Leiber," wetyrenb er allerbingS nad) eignem 
©ejiänbmS eine genriffe fä>ärmerifd;e SKnft<^t ber 2£elt unb 
beS Sebent bei ben grauen liebte. 2Bir glauben eS bereits 
gefagt ju f)aben, (Stiller mar gar fein geinb ber S<$n)ärmerei, 
fofern fie niäjt bie naefte Unnatur, fonbern nur ein über* 
t)ifcte$£ers bebeutete; aud) bie überfpannte (Smpfinbung liefe 
er gelten, fofern fie aus reiner CLueße flog, roaf)r unb e$t, 
überhaupt ©mppnbung blieb. 9iur bie falte, fünftliaje 
(%altation mar if)m ein ©räuel. 9)?it biefer aber l)atte 
SuifenS Seelenleben nidtfS gemein; fie mar if)r Sebtag auf* 
richtig in iljren ©efüfjlen, nur &u aufridjtig, unb bei aller 
Steigung ju pfndjjif^en 2luSfdjreitungen blieb fie äujgerlidj 
ruljtg unb fd^eint roenigftenS if)re Umgangsformen nidjt ben 
Sanieren einer grau v. Jfalb nad^gebilbet 511 liaben. „(Selbft 



£uife S3ra<$mann. II. 



339 



im Greife ber greunbe," fagt ein Stograpl), „roar fie ge* 
roöl)nlidj ftiÜ, finnenb, unb in Sdjmerj wie greube, in 
Bfyxtd unb Ueberrafäjung fetten ft<§ lebhaft äu&ernb." 2öie 
follte eine fol<$e ©rfäjeimmg auf Stiller unb feine grau 
einen anbem, benn einen o ortreff lia>n ßtnbrutf gemalt 
fyaben? Suife unb ber alte 93rad>mann fä>inen auä) feine 
(Säfte in 2Beimar geroefen ju fein ; (ebenfalls rourbe er niäjt 
mübe, bie junge 2)id)terin mit ben Sternen be3 2Jhifenl)ofe8 
in 33erüf)rung ju bringen, unb wenn un£ feine 5talenber= 
SRotijen fagen, ba& er vom 2. jum 7. Cftober in 3ena 
geroefen, fo erfahren roir aus t>em folgenben 33rief, ba& er 
bie SBradjmannS borten begleitet unb rool)l nur i^retroegen 
bie Heine SHeife gemalt l)at. SBelä; ein ©lütf für ba$ 
bef^eibene 2ftäbdjen, an ber £anb be3 aEfoerefirten &idjter£ 
baS flafftfaje spffafter 3enaS auf unb ab ju roanbeln, in jebeS 
£au3 einzutreten, roo geber unb SBort für einen ibealen 
3roetf geführt rourben! Unb mar eS ein 3öunber, als bann 
bie Stunbe be3 2tbfcf)iebe3 fdjlug, als ©filier mit einigen 
greunben bie Söeifeenfelfer ©äfte big nadj SSenigenjena be= 
gleitete, baSfelbe ®örfd)en jenfeitä ber ©aale, roo er einft 
mit feiner Sötte getraut rourbe; als Surfe mit einemmal ben 
©lanj ber Weimarer SReife wie einen Xraum erlösen unb 
ba§ freublofe Einerlei beS SBaterfjaufeS wieber fommen faf), 
roar e§ ein 28unber, bafc fie in biefem Slugenblicfe bie ge= 
roofjnte ©djnidjternfyeit Dergafe unb, ir)rer innerften -ftatur 
freien Sauf gebenb, ju einer rool)l fer)r patfjetifäjen unb 
roof)l etroaä lää)erliä)en 2lbfd)ieb%ne fid; Ijinrei&en liefe? 
©Ott roeifj, roaö fie bamalS an6a)ifler t)ingerebet f>aben mag. 
<3ut gemeint roar e£ ofyne S^iftl/ ober aud) fo überfdjroeng= 



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340 



^reunbinnett. 



lia), bafe <5a)ittet, oätetlid) roatnenb, ben ginget ergeben 
mufjte. l'uife fd)etnt ben SSinf nid)t gleid) oetftanben ju 
tyabcn. £od) als ©filier fort unb jic felbft in if)t füllet 
Stäbta)en juriidgefc^rt war, ba routbe tyx fonnenflat, rote 
ted)t ber $id)tet fjatte, bic 2ld)tung oot ben gefeflfa)aftlid&en 
©Uten unb gotmen als baS ßotteftio eraltiettet (Smpftnbung, 
ju empfehlen. ©leid) nad) ber §eimfef)t gab if)t bie $)anfs 
batfeit bie gebet in bie ipanb. ®ie fd)tieb am 8. Cf tobet: 

„SBenn midj meine Sd)roätmetei aud) auf Slugenblide 
gegen bie (Stimme bet 2öaf)t§eit taub mad)en fann, auf 
immet fann fte e3 bod) nid^t. ©ie Ratten in 2Benigen=3ena 
faum ben Saal oetlaffen, als e3 roie ein -Webel von meinen 
Slugen fiel; bet ©inn 3^et Sßotte lag fo flat unb einfad) 
cor mit, baß ia) nia)t begteifen tonnte, roie et mit fo lang 
fmtte unoetftänblia) fein fönnen! nid)t aufgeben foll id) 
mein fjödjfteS, f)eilige§ Seben (bieS fönnf idf) nie), 
nut e3 oetroatyten foll id), nut e8 nia)t fo unbefonnen in 

©egenroatt meldetet 3* u ö en Eingeben ! -Keine ©efityle 

roaten fteilid) an jenem £age be§ 2lbfd)iebe3, roo id) <5ie 
unb alle bie liebften meinet noa) lebenben gteunbe jum 
letztenmal faf|, lebfjaftet unb ben ©eift betäubenbet als 
jjemald; abet roie tonnt' id) mid) bod) fo ganj oon i^nen 
tyintetfjen laffen! 3ßtc fonnt' id) meine ©ebanfen fo ganj. 
oon if)nen jetftteuen unb bemeiftetn laffen, ba& id) bie 
Regeln bet alletgeroölmlid)ften £eben3flugf)eit batübet oet* 
na^läfftgte! — 3d) finbe ben ©tunb bagu unb meine <SnU 
fd)ulbigung nut in bet f)öd)ft naioen, finblid)en (Stjietyung, 
bie id) etfjalten §abe, roo ia) in einem 3^1 autet, gleiü> 



Suife .Brokmann. II. 



341 



•geftimmter 9Henf djen niemals flirrten burfte, mifjoerftanben 
$u roerben, roo wir gewohnt waren, otyne allen 3 roan 9 wnfrc 
■Gmpfmbungen einanber mitzuteilen , roaljr unb feurig, wie 
fie aus unfren fierjen jfrömten. — 9to nad) biefer Slnftdjt 
bürfen «Sie mid) beurteilen; xö) bin bem ©erjen unb bem 
©eifte nad) nodj uöllig $inb, unb wie mit einem ßinbe 
muffen ©ie ©ebulb mit mir f)aben ! . . ." 

2)er SReft beS Briefes betraf roieber bie SerauSgabe 
<iner (Sammlung ©ebid)te, roeldje ber einflufereidje greunb 
befürworten foltte, foroie ben bereits erwähnten ©djaufpieler 
£)d)fenf)ehner, für melden Suife ein ©aftfpiel in SBeimar 
$u erjromgen oerfuajte unb ber if)r überhaupt ein beinahe 
auffälliges Sntereffe einflößte. Stiller gab feine 2lntroort. 
<Sr fajroieg au$ auf ben folgenben 33rief, ber f)ier nod) eine 
Stelle finben möge als ein 33eroetS ber grenjenlofen 23er= 
«f)rung, meldte fein ©eniuS ^ert)orjurufen t>ermod)te. 

SEBeifjenfels, ben 20. Oftober 1803. 
ßnblid) f)abe xd) eine Stunbe gefunben, bie ftill unb 
ungeftört genug mar, bafj fie mir roürbig fdtfen, „SDte 
SBraut oon 3Heffina"*) barin ju lefen. 3n SBeimar unb 
3ena unb aud) bei meiner Slnfunft in SöeigenfelS mar idj 
von fo taufenberlei fleinen 23efdjäftigungen unb SBeränbes 
rungen jerjheut, bafj idj eS unmöglidj über midj geroinnen 
tonnte, einen SBtidf hinein ju tfmn; fo fef)r mid) baS $er* 
. langen banadj ^injog, fo feljr füllte xü), bag id) baS Sfleifters 
roerf meines großen greunbeS entweihen roürbe, roenn id) 

*) ©ic war »or wenigen HKonaten erföienen. Suife $atte ein 
Grempfar »om 2>i$ter 6efommen. 



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342 



ftreunbinnen. 



e£ in abgebrochenen profanen Momenten läfe. 9)2it jebem 
borgen roar e£ mein erfteS, baS liebe, teure ©cfd^enf au& 
feiner &üHe ju nehmen unb mich einige 2lugenblicfe blofe an 
feinem dufteren 3tnfd£>auen ju nergnügen; ich betrachtete unb 
las es nachher in einer ruhigen ©tunbe mit eben ber 
fd^tüärmerifchen 9lnbacfjt, mit ber ich a ^ ßwb fd)on 3h re 
3&erfe ju Iefen pflegte, unb mit jebem Slugenblicfe fühlte icfy 
baS ©lücf lebhafter, 3h nen au( h burd^ perfönliche SBerbinbumj 
anjugehören. 3$ bin nicht im ftanbe, 3h ncn ein detail 
meiner (Smpfinbungen babei ju geben, auch wage ia) nicht, 
über eine fo feltene (Srfcheinung ber tragifchen Äunft gu 
urteilen; nur fo Diel fage ich S&nen, baß ich //^t e Sraut 
uon 9Jieffina" mit Siebe unb 2lnbad)t gelefen h aoc / uno 
eS eine heilige «Stunbe roar, bie ich ih* t>erbanfe. 3<h tonnte 
mir bie ©enugtfmung nicht »erfagen, 3hnen gleia; im erften 
geuer beS Anteils meinen innigen Sanf für bieS fd)öne 
teure $>enfmal 3h*e3 SBohlrooHenS au£$ubrücfen. $max hätte 
e£ feines finnlichen 3ei<henS beburft, mich 3h rer intmer gu 
erinnern ; aber ein folcheS Seiten gleicht einem 3<*uberftabe, 
r-on bem berührt, bie fdnmmernbe SBergangenheit inS bunfle 
geben tritt $anf 3h nen fü* polten Talisman, ber 
mich in jene fd)öne Slbenbftunbe führt, roo ich ^ie juerjt 
fah unb roo ich bie liebfte meiner Hoffnungen, ben haften 
meiner träume fo fd)ön r>erroirflicht faub! 

£en 2. SKooember. 

(Sine Unpäftlichfeit mich abgehalten, biefen 93rief 
fogleich abjufdn'cfen. 34 h a &e „£ie S3raut r»on SHeffina" 
nochmals gelefen, unb mit ben nämlichen ©mpfinbungen. 



Suife Brokmann, m. 



343 



2luä) mehrere meiner oorjüglidiften Mitbürger f)aben mir 
aufgetragen, S^nen if)re 33enmnberung unb @f)rfura)t 
oerftdt)ern. £te nämlidje $erficf)erung bittet mein guter 
SBater, oon if>m anjune^men. Unb icf) §abe toof)l ni<$t erft 
"ötig, Stynen ju fagen, baß ia) mit ber roärmften, innigften 
2>eref)rung bin 3^e 

Suife 23raa)tnann. 

tiefer ©rufe aus SßeißenfelS fdjeint baS lefcte Sebents 
jeid)en getoefen gu fein, baS £uife ifyrem großen greunbe in 
2Beimar fenbete. 2Bir treffen oon ba an auf feinerlei ©puren 
eines perfönltcf)en ober brieflichen Werfet) tS puffen if)r unb 
bem ®i$ter. <2d)ißer hatte förbernb unb ratenb in tfjren 
1'ebenSgang eingegriffen, er t)attc if)r ju ben litterar ifajen 
Sirfeln in SBeimar unb 3ena ben 2Beg geebnet, unb nun, 
ba fie be$ 2)id)ter8 nidjt mef)r bebarf unb für bie 3utunft 
ir)rc eignen Gräfte genügen, müßten mir eigentlich über baS 
93ilb ber beutfdjen (Sängerin ben Sßor^ang fallen laffen. 
©leidnooljt möge es uns geftattet fein, it)r merfroürbigeS 
<&ä)\d\ai flüchtig weiter ju oerfolgen. 

III. 

SDer 9Jtai 1804 mar oerljängniSoott für fiuife. 3&r 
SBater ftarb in biefem 9)lonat, unb jefet ftanb baS fiebenunb* 
jroanaigiä^rige 9Jiäbd)en ganj allein in ber Söelt, ofjne mann* 
liefen S3eiftanb, oon niemanb jum SBeibe begehrt, mit ganj 
geringer §abe, jur griftung beS £eben§ auf bie geber am 
geroiefen. $ie ^äfelid^c Sorge umS tägliche Brot na^te ber 
£ia}terin, bie oon 3ugenb auf im blauen £unft ber 3beale 



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344 



greunbinnen. 



gelebt Imtte, unb eS begann für fie eine Seit emfiger, unauS* 
gefegter Arbeit, ber Slrbeit für ©elb, meift für geringes ©etb. 
(Sine Springflut von ßalenbern, Sllmanad&en, £afd)enbüdf)ern 
unb fonfligen Unterl>altungSblättern mit i^ren fdjöngeiftigen 
Xiteln §atte fia) in jenen Xagen über £>eutf<$lanb ergoffen; 
man greife jum nädrftbeften biefer jierlid^en 33änbd)en, aus 
melden unfre ©rofcmütter if)re Stlbung Rotten, unb man 
wirb barin bem tarnen Suife 23rad)inanu begegnen. S3ei 
fo reidjlidjer Sßrobuftion mufcte natürlid) bie Selbftfritif 
immer nadtfidjtiger werben. Xrofcbem ftaunt man billig über 
bie Setdjttgfeit, mit ber fid) Suife auf ben oerfd)iebenen ©es 
bieten ber ^oefte bewegte, unb ebenfo über iljre greube an 
ber bid)terifa)en Slrbeit, of>ne roeldje bie rafdfje unb ausgiebige 
SBermefyrung if>rer Söerfe faum benfbar märe. 

Qntereffanter freilid), als alle litterarifdfje ^ätigfeit, ift 
bie ©efd)iä)te i^rer §erjenSfa;id|ale. ©ie ftanb nun in bem 
2llter, roo bie Stfmung, als S^ngfrau oerborren &u müffen, 
jebem 2ttäbd)en falt anS^erj rüljrt, unb bie arme, offenbar 
wenig umworbene £uife f)atte barob ganj geroig manage 
Stunbe tiefinnerften ©djmerjeS ju erbulben. Qljr £eben 
gleicht oon nun an einer rufjelofen 3 a 9 D nad; &er ooHforn^ 
menen Siebe, nadj einem männlid;en 3beal. Ob i^re ©efüljle 
nur in ben ©paaren ber 3bee fdjroebten ober juweilen aud£) 
bie ßrbe berührten, lägt fidj roeber behaupten nodj oerneinen. 
Styre ©ebid;te l>aben gar feinen (tnnlidjen 3 U 9- Sntmer^in 
benfe man jid) baljer baS S3efte bei ber 2lufjäf)lung if>rer 
jaf)lreid)en ©efül)lS5@oolutionen. £>ie bebenflidtfte berfelbcn 
fällt ins 3at)r 1806, in baS Sa^r ber ©djlaajt oon Sena. 
©in groger £eil beS fiegeStrunfenen granjofenfjeereS gog ba* 



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fiuife 5Brad>mann. III. 



345 



mala burcf) SBeifjenfelS. Später fam au<$ Napoleon f clbft ~ 
auf ber Mdhty von Silfü, unb Suite, bie burf ben 2ln= 
blief beä ©lanjeS unb ber 3Jtod)t leidet über ©ebü^r erregt 
würbe, Hefe ttym eine von if>r in franjöfifdjer ©pradje ge* 
bietete Dbe überreifen. 3)ie 33egeifterung, bie fte einft, uon 
fcem» bamaligen 3ug ber Sugenb fortgertffen, für bie repu* 
blifanifdjen £eere granfreiä)8 empjunben, übertrug fie auf 
bie Armeen beä (Sorten, unb in ben ritterlichen ©tegern, in 
ben „fernen" granjofen fanb fte naä) einem i^rer 3 e ^9 ßs 
noffen „baä 3beal erreicht, baS if)re poetifd)e (SinbilbungSs 
traft fid) oon bem romantifajen ßelbentum ber SRitterjeit cnt= 
worfen". 

$rieg3lieber unb 5lriegSf)t)mnen waren bamals bie ©pradje 
it)rcr 9)Zufc, bie tyauptfääjlid&ften Sßrobufte ifjrer geber; fie 
befang barin ben 3)?ann ir)rcr SÖafjl, ben £errltd)en, ben fie 
unter ben gremben mit ifirer Siebe auszeichnete. (53 war 
«in fonberbarer SHittcr, biefer 2lu3erroäf)lte; ein gewöhnlicher 
Söunbarjt, roaS man in granfreid) officier de sante nennt, 
«in gelbfdjer im franjö fif d)en 2Jtflitärfpttal ju Sßei&enfelS, 
unb biefe fäjeinbar wenig romantifche Siebe befam nodj burd) 
ben Umftanb, bafe ber Angebetete oerheiratet mar unb ein 
SBeib in ber §cimat fifcen h<*tte, einen roiberroärtigen 33ei= 
gefdjmacf. $er SBife ber ^^nfiologen, bie Siebe fei eigentlich 
«ine Ärantyeit, eine 2trt SReurofe ber Organe beS ®ebäa> 
ttijfeS unb ber ßinbilbunggfraft, erhielt feiten fo grofje 
53Bahrfd)einlichfeit, wie burd) bie regellofe ®efühl3phantaftif 
unfrer Suife. SSar fie oerliebt, fo mar fie oerrüeft. 3n 
folgern Suftanbe J)örte fte auf feine roarnenbe ©timme, blieb 
fie taub jebem freunbfä)aftlid)en 9iat, fannte fie roeber 0e^ 



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346 



greunbinnen. 



fefce bcr ÖefeUfdjaft noch Sd)ranfen ber s 3Jtöglichfeit. &uu 
weg über olle ©retten ber realen Sßelt erhob ftd) ihre Siebe 
in ben weiten Sletfjer unb ffog ber Sonne iu, immer näher 
unb näher, bis fie mit oerbrannten glügeln elenbigtich jur 
Grbe ftürjte. 2£a3 fonnte aus ber unglücklichen Neigung ju 
bem oerheirateten gelbfcher SBeffereS entfielen, benn tyxätwx 
unb Seufzer? . . . 

3al>re waren oergangen feit ber Slbreifc be§ jungen 
granjofen. SuifenS §er& hatte einen notbürftigen grieben 
gefchloffen, unb bie oerboppelte Arbeit ihrer geber erprobte 
fid) als eine gute Slrjnci gegen weitere Unfälle. $)a begann 
ber politifdje Sturm aufs neue &u toben, lieber brach ber 
(Sorfe im deiche ein, wieber jogen friegerifche (Sparen bura) 
baS £anb — wieber fonb bie Dichterin ein SBohlgefallen 
an ber glängenben Grfchcinung eines fremben Offiziers. Gin 
Spanier mar eS bieSmal, ein Sohn jenes SBolfeS, womit 
fctyon bie 33egeifterungSträume ihrer Sugenb fo lebhaft fi<h 
befchäftigt hatten. Slber auch öer neuen Siebe blühte nur ein 
furjeS ©lüct. £er Cffijier fiel in ber Schladt bei ßeipjig; 
bie Srauerpoft warf £uife in fdjroere flranfheit, unb als (ie 
genefen unb wieber jur 33eftnnung gefommen war, oerfud)te 
fie einen Selbftmorb, ben zweiten ihres Sebent, ©ie wollte 
ftd) oerhungern laffen. ßrft ber 3 ureDC cineg väterlichen 
greunbeS gelang eS, bie Unglücfliche oon ihrem Vorhaben 
abzubringen unb bem £eben §urücfjugeben. Suife war um 
biefe gilt fedjSunbbreifeig Sahre alt. 

&arin glich fw vielen üMbchen unfrer Nation, baß fie 
beim Slnblicte einer Uniform ihre ©efühle nicht bemeiftern 
fonnte. $cr Sflann, ber oor ben anbern ben bunten föocf 



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Suife 33rad)m<mn. III. 



347 



roraug tyatte, fd&ien if)r bcö^alb fäjon, weil er, obgleich nur 
in ber ga^on, oon feiner Umgebung ftä) unterfdjieb, bem 
Sbeal um einen Stritt nä&er ju fielen, ©in Jtrieger l>at 
immer etmaS 33lenbenbe3; §oü) ju dioi fommt er in bie 
©tabt hereingeritten, unb aus ben 2lrmen ber Siebe f}inroeg 
eilt er in ben Stampf, fefjrt l)eim mit bem (Stdjfranj ge= 
fdjmüdt ober ftirbt in ber gelbf<$la$t ben £ob ber ^re. 
Suife war frül) .ber ©egenmart entflogen, frür) aus bem 
lüirflidien Seben gegangen, unb man möchte glauben, nur 
bie Begeisterung für ben Solbatenrocf märe für fte bie Pforte 
geroefen, balu'n jurücfjufe^ren. ®a3 militärifdje Getümmel 
mit feinem garbenfdnller unb raffen SBilbermedrfel fdjten 
ba3 einzige Stüd SBelt ju fein, an bem fie ©efaffen fanb. 
2Sa3 im ©runbe nur ein fdjarfer Äontraft ju if)rem eignen 
füllen SBefen mar, feinen tr)r ein f)öf)ere8 Seben ju bebeuten, 
unb wenn fie bisweilen in ben folgenben S^ren, nadjbem 
fie jene grofee (Seelengefaln* beftanben, in ben alten Siebet 
roafyn jurüdfiel, fo lägt fid) ja erraten, in melden Streifen 
fie ifjre gelben wählte. ®a$ große 2l<3£) unb 2£ef) biefer 
^ßafftonen war, ba& alle faft gar niäjt ober nur läffig ober 
menigpenä nityt im ©inne ber ®td)terin erroibert mürben. 
SDaS iiärtnrertum ber Siebe mar il)r So3, fie mar gleia) 
einer Sammersßarifatur ber ©öttin Slpljrobite, unb bem* 
gemäfj fagte audj tyx greunb unb SanbSmann ÜJiüflner: 
„!Ri<$t eine unglütflid&e Siebe, fonbern bie unglücflid)e Siebe 
überhaupt, i$ meine ba§ 9Ki6oerl)ältni3 sroif^en ben 2ln= 
fprüd)en einer £)id)terpf)antafie an bie Siebe unb ben fargen 
©aben ber roirfliäjen 2Mt, mar ba3 Uebel, an bem fie fork 
bauernb litt." 



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I 



348 greunbinnen. 

Gnblid) aber mujjte e* bod) gefd&eljen, bafj if>r baä ©lütf 
einen freunblidjen 33li<f juroarf. ein älterer, bemittelter 
SJtann warb um itjre §anb, unb ba£ 33ilb einer ruhigen, 
forgenfreien 3urunft erfdjien oor ityrem SÄuge. (53 mar bieä 
im 3°*) r e 1820, in SuifenS breiunboierjigftem £eben3jaf)re. 
Mein um biefetbc Seit begegnete if)r ein junger fünfunb= 
jroanjigjdljrigcr 2Hann, roieber ein Dffijier, bieämal ein 
preu&ifäjer, ber im lefcten gelbjuge oerrounbet morben mar, 
roegen £>ienftuntüd)tigfeit feinen 9lbfä)ieb nehmen unb jur 
SBü^ne übergeben rooflte. £>em jungen Krieger mar e3 ein 
£eiä)te3, ben älteren 9Hann au3 bem gelbe &u jd)lagen. 
fiuife fdjenfte if)tn \\)t £ers, unb er fd)eint in ber £f)at it)re 
Siebe erroibert ju fmben, benn plöfelidj überrafdjte fic if)re 
greunbe mit ber Slnjeige ir)rer Verlobung. 3)er S3unb jtois 
fd)en einem ganj jungen 3)ienfd)en unb einer Sungfrau, fdurn 
jiemlid) reid) an Sauren — welä) ein geft für bie £äfter- 
jungen ber f leinen Saaleftabt! SBirfliä) liefe ji$ aud) md)t 
üiel ©ute« roetefagen, benn bie Verlobten waren beibe gleich 
arm an (Mb unb ©ut, ber junge 2Jtenfd) of)ne jeglid&e 
Stellung, Suife färglidj oon ber geber lebenb. ©a$ 2)ebüt 
in Sßeimar, ba8 fie für ben ©eliebten vermittelte, fiel feines* 
roegS ju feinen gunften auS; aber ftatt burdj biefe ©rfa^ 
rung oon Netteren frud)tlofen ©yperimenten abgefdjrecft ju 
roerben, fafete Suife ben abenteuerlichen @ntfd)lu§, gleid) ben 
©tyfel be3 -äflöglidjen erflimmen $u wollen, für ityren 33er* 
lobten einen $tafc an bem berühmten SBiener SBurgttjeater 
ju erobern, ßuife übernahm bie Soften ber föeife, unb fo 
fuhren bie Reiben im 2fiai 1821 nad& SBien, wo bie £idj= 
terin oon griebrid) Stiegel, ©rillparjer, ©aftefli unbßaros 



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äuife Stahmann. III. 



349 



line ^pic^ter aufs freunbltajfte aufgenommen würbe. 9iur mit 
bem Burgtheater wollte fid) bie Satf>e nidjt geben, fo baft 
baS wunberlidje Sßaar nach längerem Aufenthalte unoerrid> 
teter SHnge oon bannen jie^en mußte, er nach Berlin, fie 
jurücf nach SßeifjenfelS. 

3u fiaufe qngefommen, Ijatte fie einen ganj albernen 
Einfall. 3n einer (Stunbe, ba fie fidj romanhaft aufgelegt 
füllte, gebaute fie bie Siebe tt)rcS Bräutigams einer $robe 
ju unterwerfen unb fchrieb ihm einen flagenben Brief über 
baS Bebenfliche i^rcö BerhältniffeS, bie immer fortbauembe 
Berjogerung ihrer ehelichen Berbinbung unb oieleS anbre, 
was im ©runbe nicht unrichtig mar. ©ehr oernünftig ante 
wortete ber junge ÜHann, eine §eirat fei unmöglich, folange 
er feine fefte Stellung habe, er müffe fte folglidt) um weitere 
©ebulb bitten; übrigens fönne fie baS Verhältnis löfen, 
wenn anberS bieS bie Meinung il)reS Briefes fei. SWerbingS 
fei bieS bie Meinung ihres Briefes, fchrieb Suife jurücf, um 
bie $robe &u oerfchärfen, worauf ber ^eimgefd^idtte Bräuti- 
gam in einem legten Briefe ben Berji<f)t auf it)rc Siebe be= 
bauemb auSforach unb mit ber üblichen Bitte um ihre 
greunbfdjaft begleitete. £>ieS Ijatte fie nicht erwartet. 2luS 
bem romanhaften <5piel war bitterer ©rnft geworben, unb 
Suife, ju itolj, um burd) baS ©eftänbnis ihrer ofnchologifchen 
@£perimente ben ©eliebten wieber an (ich ju jiefjen, oergrub 
fich aufs neue in bie Siefen ihres StebeSgramS. $)ort war 
ja ihre geiftige igeimat; ber 6d)merj war ja ihr eigentlich* 
fteS SebenSelement, ihre greube, ihr Beruf, unb fo will es 
wohl oerftanben fein, was 9HüHner in etwas parabojrer Sßeife 
fagt: „9lur bie Venoben ber Sttufton in ber Siebe oerbun* 



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352 



ftreunbinnen. 



fommen. äBoju bie einfeitige (Sntroidfelung beS ©efül)l3leben£ 
fü^rt, baoon ift fte ein trauriges SScifpicI. SMe ©$roärmerei r 
roie fic, aus Sturm imb Stang geboren, in ber SRomantit 
fortroud&erte, roar ityr Sajidfal, war baS tragifaje ©eroid£>t„ 
baS fie in bie £iefe jog. (Sin einziger fefter £alt $ätte fte 
retten fönnen; oiel!eta)t ber 9lat eines greunbeS oon fo 
mächtigem Sauber, roie ifyn ©filier auszuüben oermodfjte; 
oieüeidfjt ein ©atte, ein 5linb / bie rut)ige SlUtagSorbnung 
eines f)äuSlia)en SebenS. 2tber 6d)tUer roar längfl geftorben, 
ber greier fam gar fpät am 21benb, unb Sutfe ftanb tro£ 
ber3o^ i^rcr rootylgeftnnten 33efannten allein unb oerlaffen 
in ber SBelt. „$er ©infame" Reifet baS te^te Statt in ber 
(Sammlung itprer ©ebid&te, ein nad()gelaffeneS Sieb, ein Sieb 
ber 3errif[enf)eit unb Verzweiflung, fä)led)t gemilbert bura> 
einen religiöfen Slnflang, burd) einen frommen, fjoffnungS; 
5agenben 33lid gen Gimmel. SBa^rli^, bie 2lrme Jjatte ein 
9iea;t jur ßlage. 3)aS 33ebürfniS ber Siebe roar i^r oom 
©efcfn'd aufgezwungen unb ber ©ürtel ber ©df)önfjeitSgöttin 
oerroeigert roorben. 60 fäjleppte fte jtd& burdjj baS bange 
Seben, fetynfuajtsfranf unb oon feinem erfeljnt, Siebe f)eU 
fd&enb unb oon ber Siebe ftets gemieben. Unb, roie gefagt, 
roir wollen roeiterS gar ntd&t unterfud&en, ob biefe Siebe audfj 
am ßörperlid&en haftete ober, roaS uns beinahe roaf)rfdf)etns 
ttajer bünft, nur in pfodjn'fd£)en Reffen, in einem gieber 
beS ©emüteS beftanb. (Sine Stufjeidfmung ber 2>id)terin, eine 
2lrt SBefenntniS, baS nad) iljremXobe gefunben rourbe, läßt 
ftdfj boppelt roenben. (SS Ijenjt barin: „gurd&tbar gefäf)rltd& 
ift bie fleinfte 2lbroetd)ung oon bem 2Sege ber einmal ange= 
nommenen eljrroürbigen ©efefclid&feit für unfer ©ef<$ledfjt, 



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Suife Stahmann. III. 



353 



melajeS beftimmt ift, oljne füfmen Umtyerblicf in feinen fd)ir= 
mcnben Sdjranfen jn roanbeln. . . . 2ldj, bem Seben ge^oY 
id) niä;t mein: an unb mufe boc§ t)on <Sd)u Ib belaftet cor 
bem £obe jnrüdbeben. . . ." 2>a3 beute, wer fann. $)oä) 
gleidmiel, ob if)r unfeligeS Seinen nur im ©emüte murjelte 
ober audj) bie Materie ftreifte, gleiajoiel, wie i^r Unglücf 
geboren rourbe — eS mar, ba3 Unglücf, e3 jefyrte an ifjrem 
£eben£marf unb oerlöfd)te langfam ben 6rf)altung3trieb , fo 
bafj if)r eines £age3 nur noä) bie $raft blieb, ben Ieufabi= 
fdjen gelfen 511 erflimmen. ,,6appl)ifd) geftorben!" f)aüte 
e$ bamals als geflügeltes Sßort burä) Seutfdjlanb; ange* 
fe^cne 6d)riftfteller fdjrieben ber toten £iä)terin begeifterte 
Sftefrologe, man fammelte für ein ©enfmal, man oeranftaltete 
eine bänbereidje SluSgabe if>rer ausgewählten ©Triften, unb 
faft fonnte man glauben, baS SBort märe jur 2Bal>rf)eit ge= 
worben, baS einft bie junge £uife in einem oon (5d)ißer 
befonberS ausgezeichneten ©ebidjte*) afjnungSooß gefungen: 

©IücM<$ warft bu, 0 ©appfjo; obgletct) unglücf li$e Siebe 
Xid) in ben 2Bogen begrub, lebte bein SRame na$ bir. 

Slttein ber beutfäjen <Sappf)o, wie fie oon i^ren 3*ü s 
genoffen etroaS pomphaft genannt mürbe, beroafyrte bie 9taä> 
weit fein ItebeooüeS ©ebäd&tniS. <5a>n für ben 9kum 
eiliger 3al)rjel)nte mar ifjre ©timme ju fdjroadj unb jart, 
unb balb wirb baS 9Jiäbd)en oon SßeifjenfelS ganj oergeffen 
fein. £>ie „Allgemeine beutf^e 33iograpf)ie", baS neuere, 
jiemlidj breit angelegte biograpf)if$e Sftadjfd&lageroerf, mibmet 



*) „3>ie ©aben ber ©ötter", 12. StücJ ber „§oren", 1797. 

Silber aud ber €$iDer$eit. 23 



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354 



greunbinnen. 



tf>r .nid)t eine einzige &ik, üerf^roeigt fie bte auf ben -Kamen 
unb bie Xfjatfaaje ityrer ©eburt. Xa$ ift benn bod) ju t)iet 
ber afli&adjtung. 2Ber bei Stiller etroaS galt, uerbient xoo% 
baß man feiner von 3*it ju 3 e ^ gebenfe. W. 



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Giller - Gilleers — Gille. 

^ebermann rennt bie Slnefbote oon bcm sieur Gille, 
fcem ein frangöftf^eS Söürgerbiplom jahrelang nachlief, of)ne 
if>n ju treffen; baS fonberbare (Erlebnis be3 üaterlänbifdjen 
5£)id)ter3 ift al3 rjiftorifdje £f)atfadje jebem ©djulfnaben ge= 
läufig. -iftodj aber fyatte feiner ber jafjlretdjen <5djilIer=33io5 
grapsen ben ©infall, bie berühmten „Duellen" au<f) einmal 
um bie (Sinjelljeiten biefer £f)atfad)e ju befragen unb naä> 
äublättern, w etwa über bic bcnfroürbige Sifeung ber 9ia= 
tionateBerfammlung, au§ melier ©dritter mit anbern notablen 
gremblingen als SBürger ber Sfleoolution f)err»orging , ba3 
9Ml>ere ju lefen märe. ©letdjroorjl Ijanbelt eS ftdf) f)ier um 
ein bibgrapl)ifdje3 fturiofum, ba3 moljl etroaS mef)r ßiä)t 
uerbient, unb mir l;aben eS un§ beSljalb bie geringe 9)tüf)e 
foften laffen, roenigftenS eine Duelle barüber ju SRate ju 
gießen, bie juoerläffigfle unb nädtftliegenbe, nämltdj ba§ offt= 
Sietle Organ granfreidjS auä bem 3af)re 1792, roeldjeS ba= 
mala ben Soppeltitel führte: Gazette Nationale ou Le 
Moniteur Universel. 2)ort in ber Kummer 239 beä 
SölatteS — Dimanche, 26 Aoüt 1792, Tan quatrieme de 



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358 



XaZ franjöfifäe »ürgerbiplom. 



la Liberte et le premier de l'Egalite — bort ftef)t bcr 
S3eridjt über bie fragliche (Sifeung, unb wer ilm je ju lefen 
©elegentyeit ftnbet, möge nid)t oerfäumen, biefer lebenbigen 
©timme aus ber ftegeSfrofjen ©ommerSaeit ber franäöftfdjen 
iReooluiion ein aufmerffameS Cf)r $u leiten. 

5Die 9iational=5Berfammlung befanb fidj in ^crmancnj 
feit bem 10. Sluguft, bem Sage beS ©türme» auf bie £ui= 
lerien, bem eigentlichen SobeStage ber franjö{if$en Sflonardjie. 
fiubroig XVI. faß im Remple gefangen, bie Commune fjerrfdjte 
im ©tabtfjauS, ganj $aris lebte noä; im SRaufd) ber erfien 
greube über ben STriumpf) ber guten ©adje. £)ie ©puren 
beS alten Regimentes mürben eine um bie anbre oertilgt. 
Sag für Sag braute ber Boniteur reoolutionäre (Srlaffe 
gegen bie legten Refte beS Königtum», unb gerabe bie oor 
un» liegenbe Kummer enthält einige intereffante SebenSjeid^en 
aus biefem $8erniä)tungSfampfe roiber bie Vergangenheit. 
2)ie Commune befretiert barin, ba& eine 3Webaiffe mit bem 
Stopfe beS „Verräters" fiafaijette oon £enferSljanb in ©tütfe 
ju brechen fei; bafe bie füberne ©locfe beS SuftijpalafteS 
(Palais) unb bie ©locfe oon ©t. ©ermain S'SlujerroiS, welche 
baS ©ignal jur S8artJ)oIomäuS=^ad)t gegeben Ratten, augen= 
blidlia) jerftört werben f ollen; ba& bie ^orteS ©t. $eni$ 
unb ©t. Martin famt allen £riumpl)bogen, als ©innbilber 
ber geubalf)errf$aft unb beS ^efpottSmuS, nieberaurei&en 
feien ; bafc an bie ©teile ber 9teiterftatue SubroigS XIV. eine 
©tatue ber gretyeit gefefct werben müffe; baf$ alle äu|er= 
liefen &t\ü)tn ber ßnedjtfajaft, £ilien, Söappen, ©iegel, ©a)il= 
ber oon Hoflieferanten u. f. tu., ol)ne Verjug ju entfernen 
feien, „bamit benjenigen alle Hoffnung benommen werbe, bic 



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Giller - Gilleers - Gille. 



359 



nod) auf eine Contre:$eoolution unb ben Söieberaufbau ber 
S3aftitlen rennen". 

3>a§ 33ol£ fjatte lüieber einmal tief unb oernetymliä) auf= 
geatmet; e£ fdjroelgte im £o<$genuij feiner Wiafyt unb Soweit; 
e3 tyätte am liebften ben ©onnenfdjein feiner greube 
über bie ganje (Srbe teuften Iaffen. 3ft e3 jum Söemmnbew, 
baj? in foldjer 3^tt einige fdjroärmerifd&e 2Jienfd)en auf ben 
©ebanfen famen, roenn nidjt baä Unioerfum, fo bodj bie 
t>ornef)tnften Genfer aller Nationen an ben Xifcfy ber greis 
fjeit unb ©letd$eit ju ©aft ju bitten? 3Me3 gefäjaf) greitag 
ben 24. Sluguft. 2)ie ^ational^erfammlung l)atte um 6 \tyx 
abenbs ir)re ^ermanenjftfcung roieber aufgenommen. (Sin 
junger Sparifer Slboofat, £erault be ©edjelleS, fafj im $rä= 
fibenteuftulile. Bunte SBolfäfeenen, roie fie bamalä im ©aale 
be£ alten geuillantiuerflofterä an ber £ageSorbnung maren, 
brängten fid) oor ben Sdjranfen be3 «Parlamentes, ben 2ln= 
fang ber ©ifeung bejeidmenb. dauern famen unb oerlangs 
ten Unter ftüfcung, um if)re Derroatyrloften gelber beftetlen ju 
fönnen; greifäjärler, bie jur 2lrmee abgeben wollten, folgten 
itjnen unb baten um eine anberä gefärbte Uniform, ba bie 
rocijje, oon ber fiegtelatur oerorbnetc, unäroetfmä&ig fei; 
Bürger tum «pontoife traten mit bem SBunfcfce auf, man 
möge für bal (Selb, roomit man ben 5Urä)en if)r Silbergerät 
erfefcen motte, lieber 2Baffeu faufen; unb fdjliefelid) fam audj 
bie 9teif)e an eine 6d)ar ^parifer (EttouenS, bereu Sprecher 
bie oerfammelten ©efefcgeber, aufforberte, jebem fremben 
6d)riftfteller, ber feine geber für bie <2ad)e ber greiljeit unb 
ber franjöfifdien ^Resolution geführt Ijabe, ben tarnen eine« 
fran^öfif^en Bürgers }u t>erleif)en. 



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360 



£aä franjöfiföe »ürgerbiplom. 



25er erfte Slnlaf? 511 bcm fo£mopolittfd)en $>efret fam 
alfo md)t aus bcm Parlament, fonbcrn unmittelbar aus bcm 
93olfe. $er ^ßräfibent antwortete bem Stebner: „(Sinft fjabe 
bcr (jodmuitige 2Bor)ttr)ätigfeitöfinn £ubwig8 XIV. an frcm= 
ben §öfen gelehrte Sd)meid)ler geworben unb ifjren S3eifatt 
mit bcm 33lute unb (Sdjwei&e be3 SBolfeS be^lt; granfreid) 
aber gebe fein @olb, ba eS um fein £ob bettle; iljm genüge, 
feinen SRu&m ju teilen mit ben grojjen Männern ferrer 
Sauber, weldje inmitten ifjrer gefned)teten Mitbürger bie 
(Spraye ber greifyeit unb ©leid)f)eit 51t reben wagten, granf- 
reid) erflärt ilmen feine &odjad)tung, unb bie SRationateBers 
fammlung n>irb ifjnen ofme greifet fagen : 3f)r feib fran= 
pfiffe Bürger." 

Ser SBorfdjlag ging inbeS nid)t of)ne £i$fuffion burd), 
trofe ber 2lnfprad)e beS ^räfibenten. erljob fid) junädift 
§err Sahire — man f)ie& nod) üRonfieur in jenen £agen 
— unb beantragte, bie grage einer au&erorbentlidjen ßom= 
miffion ju überantworten. 9?ad) ttnn fprad; ein Ungenannter: 
„$ie ^f)ilofop^en biefer &auptftabt erwarten oon eud; einen 
58efdf)lufj, ber gleidjfam als erfter Entwurf ber allgemeinen 
SBölferbefreiung gelten fann unb bie große Slataftropfje er= 
öffnet, welaje uns baä Sdjaufpiel einer freien SSelt unb 
eines ttyronlofen (SrbfretfeS bieten foU. (33eifaU.) (5ine pf)ilo= 
foplu'fdje 93lut3oerwanbtfd)aft beftefye jroifdjen ben franjöfif^en 
2)enfern unb ben freien ©eiftern anbrer -Nationen. 9Nänner 
wie $amte, ^rieftlet), ^ßaw, Gloofc feien wirflidje Jran&ofen. 
(Sie würben ftolj barauf fein, franjöfifd^e Bürger $u Reißen, 
unb allen bisher erworbenen (Streit würben fie ben «Rufym 
Dorfen, als befdjeibenc Bewerber um einen ©ifc im Station 



Giller - Gilleers - Gille. 



361 



naL-Äonoent aufzutreten. 9ttan möge alfo eine Jtommiffton 
ernennen." 

33ei biefem Söorte f prang ber rebefunbige $ er gm au £ 
empor, Iängft ein Hauptmann ber ©ironbiften : „ßein ©efefe," 
fagte er, „fei geeigneter, als baS gegenwärtige, ben 9htf)m 
biefer SSerfammlung in ganj Guropa ju oerbreiten, unb ba 
fofle eS noä) lange einer aufterorbeutlidjen Äommiffton 511= 
geiotefen werben! 9öie fönne man bod) zaubern, Männern, 
meldte bie greiljeit ber SBelt anfirebeu, ben franjöfifdjen 
Vürgertitel ju oerleifjen ! (29eifaH.) SSae oor furjern auf bem 
<piafee SBenbOme ge(d)ef)en, baoon müife man ben 9uitffd)lag 
aüenoärtö fpüren, mo es Sefpoten gebe. £)a£ vorgetragene 
©efefc fei bafjer augenblidlid) unb einftimmig anzunehmen." 

£afource, eljebem ein proteftantifd)cr Pfarrer, glaubte 
folgen ©ifer zügeln ju müffen. „3e ruljmooflcr ba3 franjöfifd^e 
^Bürgerrecht fei, befto fparfamer möge man bamit haushalten. 
SBenn man e3 Männern oerle^e, bie e3 gar nid)t oerlangt, 
fo risfiere man bie SBefdjämung, baß fie cS auefdjlagen. Unter 
bie Sftifjbräudje, meldte zum Untergange be£ römifdjen 9leid)e3 
beigetragen, fei aud) bie greigebigfeit 51t redjnen, momit ba3 
römifd)e Bürgerrecht an alle Üftadjbaroölfer oerfd;roenbet roor= 
ben. 9)?an möge baljer bie Verleihung be§ franzöfifdjen 
SBürgertitelä an frembc (Edjriftfteller von bereit auSbrücftid)em 
Verlangen abhängig mad;en." 33ajire unterftüfcte ben vor= 
fidjtigen 3Kann: „man bürfe md)t leichtftnnig fein. 2Ber bie 
SBüdjer eines berühmten Sdjriftftellerä fenne, fenne nod) 
lange ni<$t ba« §erj be3 Bürgers. Stil unb ©efinnung 
feien groei fefjr oerfduebene £inge, unb e$ märe ja benfbar, 
baf$ einer biefer ißuftren 2tu§länber in ben Konvent gemäht 



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3G2 



£aä franjöfiföe »ürgerbiplom. 



unb barin gegen baS öffentliche S5?oJ)( auftreten würbe. 2llfo 
23orficf)t, 33ebad)tfamfeit, fluge 91>at)I ! . . ." 

Unweit 93aäire3 fa§ in ber 9iational=2Serfammlung einer 
feiner 23ufenfreunbe, namens (Sfjabot, feinet 3eidjen3 ein 
ßapujmer. I/extravagant Chabot, fagt 3Rabaine SRolanb. 
liefen igeijifporn, ber fpäter eine öfterreiä;ifd)e 3übin f)ei= 
ratete, ärgerten bie weifen hieben feiner greunbe; er war 
felbft ein 9)Jann ber foSmopolitifchen Schwärmerei unb meinte 
fogar eines £ageS, ber erfte Sansculotte ber 5ß>clt fei ber 
Gitonen 3efuS GhriftuS gemefen. (*in @efefe oon ber 2trt 
beS oorgefd)lagenen mar $lut oon feinem SBlute. „$>aS!" 
rief er aus, „ber SBürgertitel fofl erft »erlangt werben! Um 
ihn ben SanSculotteS 31t oerleihen, ^aben wir etwa gewartet, 
bis fie it)n oerlangten! 9iein, benn feit oier Sdjten fprachen 
bie politifchen ftrunbfäfce 51t ihren gunften. Unb wie mit 
ben Cfjnetyofen, fo fei eS mit ben fremben $l|ilofopl)en, bie 
ja feit langem fä)on il)r Dtedjt auf jenen Xitel unb ifjr SBer- 
langen banad) in il)ren Schriften begrünbet hätten." £)er 
heftige ilapujiner wollte bie grofjen SJJänner beS 2luSlanbeS 
als bie natürlichen, bei ben fremben dächten beglaubigten 
©efdjäftSträger betrachtet wiffen, baju berufen, allerorten bie 
Freiheit 51t prebigen unb ben „Tyrannen 511 lehren, bafj bie 
Snfurreftion bie Jjciltöfte aller pflichten ift". (Sine 33laS= 
pfjemie fei, was Safource oon 9iom behauptet r)abe. £>ie 
römifche SRepublif fei burd; bie Sucht nad; ©olb unb burch 
bie in ber &auptftabt fon&entrierte Slriftofratie gu ©runbe 
gegangen. (Söeifaß.) Unb immer tiefer ins geuer geratenb, 
rief er auS: „3h r Ijabt unlängft bie greiljeit ber Sßelt 
befd)woren. 9hm, wenn it)r ben ganjen GrrbfreiS be= 



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Giller - Gilleers — Gille. 



363 



freien wollt, fo ftimmt für beu 93oricf)lag beS §crrn 
SBergmauj!" 

yiaä) biefer ftarfen Safobinerftimme f)örte man nod) ben 
©ironbiften © ua bet, welcher jugleid) gegen Safource unb 
Sahire r>om £eber 50g. „&ie fragliche Petition gehöre ju ben 
wenigen, bie man gar nidjt beraten brande, ba fte benen, 
non melden Tie ausgebe, nnb ber politifcfjen 5lörperfdjaft, 
weldje fie 311 bewilligen berufen fei, gleite ©fjrc bringe. 9Jur 
auf auebrüdlidjeS Verlangen foß ber 33ürgertitel nerliefyen 
werben? 2Ba§ befürchtet benn £err £afource? ©laubt er, 
bag 2Jiänner, weldje biefen Eitel gepriefen l;aben, benfelben 
plöfelid) für enteljrenb galten fönnten? 3m 9)?imbe ber $8er- 
ädjter ber fran§öfifd)en ^eoolution märe foldje Spradje be= 
greif lief», aber bafe ein greunb ber Jreifjeit . . . M. Lasourcc 
nie permettra de ne pas linir . . . @r will, bafc man ben 
Eitel erft oerlange! 9lber all 2ltf)en bem £erfule3 ben 33ürger= 
titel gab, ba f)atte ir)n biefer &cro§ nidjt verlangt! 2113 ^olen 
ben 23erfaffer be3 .©mile* ins Sanb rief, ba tyatte 3ean= 
SacqueS biefe (Sfyre nict)t verlangt! . . . §err Safource will, 
bajj man ben Eitel erft oerlange ! ÜUjo biefeS Heiligtum ber 
greifet foll eine Slfabemie werben, wo man eine ©unft — 
wa3 fage idj! — wo man fein $ed)t erft oerlangen mu&! . . . 
UebrigenS täufdje id; mid>; bie fremben Genfer Ijaben ja 
biefen SBunfd) (ba3 franjöfifdje 93ürgerred)t ju befifeen) längft 
geäufjert, ia) finbe ilm in jeber Seile ü;rer <Sd)riften, weldje 
ein anbreS Coangelium ber ©leid^eit wären, wenn bie 
eurigen je oerloren gefjen fönnten/' Unb 51t 33a§ire fid) 
wenbenb, ber jwifa^en Ealent unb (Sf)arafter fo fpifcpnbig 
unterfd)ieb: „Eer §err SBorrebner wiffe wof)l gar niefit, wa$ 



364 



£ctä fran3Öfii$e »ürgerbiplom. 



ein SSilberforce, ein ^rteftlei), ein Xljomas ^aune gefd)rie* 
ben unb geleiftet fjaben. Solche tarnen, unb feine £ugenb! 
$>a0 fei ganj unbenfbar, unb man bürfe fi$ ©lücf roünfdjen, 
wenn cinft ber äomoent, beffen 2Bal)len beoorftanben, lauter 
Wänner von fo oielfad) erprobtem Sßerte in feinem ©d/ofee 
berge." 

9tod> regte fid) ber 3afobiner ^Ijuriot, um eine mifc 
(idje Seite be3 $orfd)lage3 in furzen Sorten $u berühren: 
„2Benn allenfalls granfretäj mit Gnglanb, ^ßreufjen ober 
^eutfdjlanb Strieg befäme, fo fönnten $f)ilofopf)en biefer 
Nationen , bie juglcid) 9)?itglieber be3 5tonoent3 mären, feinb- 
felige 2)faferegeln unmöglich unterftüfcen. 3mmerl)in gehöre 
ifjnen ba$ ^Bürgerrecht, aber unter ber SBebingung, ba& ftc 
nidjt mähbar feien." hierüber beantragte 9iebou( bie 58or= 
frage, mürbe aber abgeroiefen, roorauf man jur 2(bftim= 
mung fcfyritt. £>er Söorfdjlag mürbe im ^rinjip einftimmig 
angenommen. 3m Boniteur Reifet e3 mörtlidj : L'asseniblee 
decrete unaiiimemciit que les philosophes des nations 
etrangeres, qni auront servi la cause de la liberte, auront 
le titre de citoyen franc,ais. darauf ging man &u anbern 
fingen über. 

$ie 3^tungen roaren bamate oon geringem Umfang. 
SDer 3)ionkeur begnügte fidf) mit einem fjatben Sn-golio^ogen, 
ber faum fo grofc mie ein ©jremplar eines f leinen $ßrootn§ia[= 
blattet, aber allerbingS eng unb Hein gebrueft mar. 2lu3= 
natymSroeife fdnoott er $u einem ganzen S3ogen an. (5£ ift 
anjunetymen, bafe bei fo befdnränftem Pflaume bie Parlamentes 
reben nur im SluSsug mitgeteilt mürben unb ber «Stenograph 
ober, mit ber 3eü W xtbtn, ber £ogograpf) fürjte, mo es 



Giller - Gilleers - Gille, 



365 



anging, ©injel^eiten beS ©efdjäftSgangeS finb meiftenS gar 
nid)t angebeutet. 3nbeS, wenn eS audj nidjt auSbrürflidj 
gefdjrieben ftef)t, fo ift es bod? felbftoerftänblid), bafe bie 
SBerfammlung nad) ooll$ogener SlbfKmmung eine Äommiffton 
ernannte, weldje eine Sifte ber jufünftigen ßl>renbürger ent= 
werfen foßte. Db bie ^rotofofle biefer ftommiffion nod> 
uor^anben finb, wiffen wir nid)t. ßs wäre interefjant, barin 
ju blättern unb barauS 511 fjören, wie im <Sd)c§e einer Keinen 
reoolutionären ©emeinbe über ben 9?uf)m auswärtiger ©rö&en 
r»erf)anbelt unb iljr SBert genießen würbe. Den tarnen unfrei 
©d^iffer fdjeint man babei gar nid)t auSgefprodjen ju haben. 
2Bir finben if)n jum erftenmal im Sitzungsberichte oom 
©onntag ben 26. Sluguft. ßacroij, einer ber ftattttdr)ften 
Männer beS Parlaments, präfibierte. @ine gar ftürmifdje 
Debatte, bie Deportation ber unbeeibigten ^riefter betreff enb, 
war foeben geräufd^ooll ausgehallt, bie SBerfammlung hatte 
nodj ein 9?ubel Kanoniere angehört, welche ftd) t>or bie 23arre 
gebrängt Ratten, ber ©leichheü ewige Xreue 311 fdjwören: 
als ©uabet fid) erhob, um namens ber aufjerorbentlichen 
ßommiffion baS SBürgerbefret, r-oUfhänbig ausgearbeitet unb 
mit 9tamenSlifte oerfefjen, jur 3lbftimmung oorjulegen. Die 
2lnnal)me erfolgt wieberum einftimmig. Der Sßortlaut beS 
DefreteS ift in «Schwabs Sd)iller;33iographie unb 21. 0. SMerS 
9fad)lefe jur Schiller :£itteratur nad) bem (Sremplar ber 
SBeimarer 33ibliotf)ef mitgeteilt. 58iS auf wenige 2lbweid)imgen, 
bie aua) SBerfehen beS ftopiften fein fönnen, ftimmt lefetereS 
mit bem offiziellen Xejrte beS Boniteurs. SBefentlicher ift ber 
Unterfd^ieb jwifdjen ben beiben 9tamenSliften. Die beS 9J?oni: 
teurS jeidntet ftd) burd) ihre Orthographie aus unb lautet: 



366 2>o* frünjöfif^e 93ürgert>iplom. 

L'assemblee Nationale, cousiderant etc. . . . 

Declare deferer le titre de citoyen franc.ais ä Priest- 
ley, Payne, Bentham, Wilberforce, Clarkson, Makinstosh, 
David Villiams, Gorani, Anacharsis Cloots, Campe, Cor- 
neille Paw, Pestalorri, Washington, Hamilton, Maddison, 
Klopstoc, Kocinsko, Gilleers. 

tiefer mutfyifdje Gilleers, ber ba ganj unvermutet 
fyinterbrein gehumpelt fommt, ift fein attbrer, als ber beutle 
£)id)ter Stiller. 2ßie e3 fdjeint, würbe fein 9iame in ber 
Öefajwinbigfeit ber £ifte angeflitft. ftieS erhellt nämlid) au3 
ber offiziellen »bfötift beä ©efefeeS, welche für ©d&iffer au£= 
gefertigt würbe unb bie Unterfdjriften SDanton unb 
Klaviere trägt, wäfjrenb ba$ Segleitfdjreiben von 
föolanb gewidmet ift. £a§ neben ben Unterfdjriften ah- 
geftempelte ©taatSftegel fjat, beiläufig gefagt, nodj ein ganj 
monardjtfdjeä $efid)t unb füt)rt bie Umf^rift: Louis XVI 
p. 1. g. d. Dieu et p. 1. Loi Constitutione^ Roy d. 
Francois — ein 93eweiS, bafj ber (Srehttivrctt fel6ft feine 
große (Eile f)atte, bem 3 ertrummerun 9^ s ^ e ^ et ju 
fa>nfen, weldjeä bie Commune gegen alle äußeren Slbjei^en 
bes Königtum« erlaffen r)atte. 3n biefem Sofumente nun 
fd&ließt bie Sürgerlifte mit bem tarnen Kocinsko, worauf 
eS f)eifjt: 

Du meme jour. 
Un membre demande que le sieur Gille, publiciste 
Allemand, soit compris dans la liste de ceux etc. 

5llfo in offener Sifeung, unmittelbar vor ber 2lbftim= 
mung, würbe be3 beutfdjen ftiajterä 9iame 3um erftenmal 
gehört, offenbar in ecf)t franjöftfajer 2hi3fpradje, nid)t als 



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Giller - Gilleers — Gille. 



367 



Gille, ben bic Sguoranj eines aWiniftcriafsÄonjipienten ge* 
boren tjabcn mag, fonbcrn aU (Edjilfär (Giller), worauf bcr 
fiogogranl) , bie ©injelljciten be§ 3 ,m fdjenfallc£ übergefyeub 
unb nur ben ÜRamen be3 nad)trägtic^ Ernannten bcr Sifte 
beifügenb, feinen Gilleers verfertigte *). 2£er ber 9)tonn 
gewefen, auf beffen Antrag ber beutfdje £id)ter ben übrigen 
gremblingen jugefettt würbe, ob ber 33ertd)terftatter ©uabet 
ober ein anbrer, bleibt nod) ju ermitteln. SBiffenStuerter 
als fein ÜRame wäre ber ©runb, ber if>n $u bem Slntrag 
bewog. SBerftanb er £>eutfdj? £>atte er (5d)iUer im Original 
gelefen? Ober, wa$ waf)rfd;einlid)er ift, fannte er if)n nur 
aus ben wenigen Ueberfefeungen, bie bamals in granfreid) 
ju finben waren?**) Ober gar nur oom §örenfagen, au§ 
3ournalberid)ten? 

©ine Vermutung gibt metteid)t Antwort auf biefe 
fragen. 3n <ßari3 lebte um biefe Seit ein fonberbarer 
<Sa)wärmer, Söaron v. (Hoofe, oon ©eburt ein SDeutfdjer, 
„ber perfönlidje geinb (Sfnrifti", „ber 3Sortfür)rer beS 3Wen= 
f$engefd)leä)t3", ein über fdj wen gltäjer „Weltbürger'' — lauter 
@igenfä)aften, bie er in ben tarnen SlnardjarfiS (Sloofc 



*) Gin franjöftfdjer Biograph ©ajitlerö, Stagnier, fogt: Le yroces- 
verbal de la seance metamorphosa Schiller en Giller; le Moni- 
teur allongca Gill er en Gilleers-, le Bulletin des Lois imprima 
tout bonnement Gille. gum erstenmal büvfte ber Siame bc8 2)i$ter$ 
am 12. gebruar 1792 im ^arifer SHontteur geftanben §a6en. Sin biefem 
Xage enthielt ba$ Statt einen begeifterten Seri^t auö fJranTfurt a. 9W. 
über eine 2luffü!)rung be8 gieSfo. $ er Boniteur fdf>reibt Tiesco unb 
maa)t au8 unferm <Srf>iHer einen Seheller. 2)ie$ wäre alfo bie erfte fran» 
8Öfifd)e Häutung feinet Ramend. 

**) „Sie Stäuber" roaren feit 1775 überfefct. 



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368 



%a$ fronjofif^c Öürgerbtplom. 



' äufammenfafete. Sd)on am 19. Juni 1792 war er an bcr 
Spifce einer Slnjaljl grember, meiere in if)ren bunten SBer^ 
fleibungen l'ambassade du genre humain DOrfteUen füllten, 
in ber 9iational=$erfammlung erfreuen, um für alle &u 
Sßariä lebenben 2lu£länber baä fran^öfifdjc 33ürgerTea)t ju 
f orbern. £er ftebanfe liegt nafye, bafj er aufy bie &olf$- 
beputation com 24. 2luguft anregte unb allerbingö entfjus 
ftaftifdjeS Entgegen fommen faub; bafj er bei feiner 33ef an nt= 
fdwft mit ben SJUtgliebern ber £egi3latur bie (frttfdjliefeungen 
ber au&erorbentlidjen Äommiffion beeinflußte; baß er beut 
Ungenannten foufflierte, ber in ber ©ifeung vom 26. bie 
Ernennung (BdjillerS beantragte. SebenfallS fpielte er eine 
SRolIe in bem §anbel. 2lm 27., naä)bem £ag§ juoor ba£ 
©efefe angenommen unb aua) er, wie natürlich, jum fran= 
jöfifajen Bürger ernannt roorben mar, füllte er ftd) gebrungen, 
ben neugewonnenen Gompatrioten feinen £anf ju fagen. 
3n fpäter Stbenbftunbe erfajicn er roieber oor ben <Scf)ranfen 
ber 9totionafoerfammlung, fpraä) ben SSolfeoertrctem von 
ber 2Bei^r)eit it)rcr ©efefce unb oon ber Zapferfeit ifirer 
fieere, pries fid; glüeflid), fortan einem $olfe §u gehören, 
ba3 ber (5a;reden ber ^rannen fei. „£ie fo3mopolitifd)en 
^pi)Uofopr)cn teilten eure Arbeiten unb ©efaljren, fie teilen 
nun euren 9Juf)m . . . ©efefcgeber, it)r fennt ben Sßrci^ pfjilo* 
fopr)ifcr)cr £öpfe, jefct brauet if)r nur nod) auf Xnrannen= 
föpfe einen ^rei3 £u fefeen . . . gür meinen Zeil bin id) 
von 2)anf burd&brungen für euer p^ilofop^ifd^eö Zerret ; ia) 
füt)tc, roie fer)r e3 rntcf) unb eua) el;rt. 3$ fötoöre, ber 
SBeltnation (Nation universelle), ber gretyeit, ber ®leid)s 
fjeit , ber Souoeränetät be3 2)?enf$engefd^le$te§ immerbar 



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Giller - Gilleers - Gille. 



369 



treu ju bleiben. $on jeher roar idj ein greunb granfreiä)3; 
mein &er$ ift franjöftfdj, meine Seele Dfynetyofen (Gallo- 
phile de tout temps, mon coeur est fran^ais, mon äme 
est sans culotte. On applaudit)." 

SDie feltfame SRebe befd)to& in ber fransöfifdjen Segi8= 
latioe bie SBerhanblungen über einen Antrag, ber, unmittel= 
bar vom SSolfe geftellt, in ber SRationafoerfammlung warme 
Aufnahme fanb unb bie berühmteften Tribunen ju eifriger 
!Rcbc unb ©egenrebe befeuerte, ©ie entlehnten ber 3«* 
tt)rc Sturmfprad&e, beren 9iau)<f)en uns t)eute befremblid) 
anmutet unb roof)l gar ju einem überlegenen Säbeln t>er= 
leitet 2)0$ laffe man lieber ben roohlfeilen Spott unb 
freue fidj welmehr, ba& banf ber überfd&roenglidjen (Sloquenj, 
aud) ©Ritters -Käme mit einem roeltgefdjidjtltäjen ©reigmffe 
oerfnüpft rourbe, ba3 nur blinbe ober li^tf^eue 3Renf$en 
au« bem 93u<$e beS Sebent f)inroegit)ünf$en fönnen. Stiller 
felbft ^offte bamats no<§ ©uteS oon ber franjöfifö&en SReoos 
lution. Seine Ernennung 5um fran&öftfdjen Bürger erfuhr 
er mögli<$erroeife aus bem Boniteur, obgleidj jener unortho* 
graplu'föe Gilleers barin gut oerftetft unb nur einem fudjen= 
ben Singe bemerfbar ift. 2ludj roar e8 erft jroet SRonate 
nadj Eröffnung be8 ßonuentS, bafj er an Äörner fd&rteb 
(26. iRooember) : „Seitbem id) ben Boniteur lefe, fyabt i<f> 
mehr ©rroartungen oon ben granjofen." gu berfelben $t\t 
trug er ftd) mit bem $lane einer Sparifer Steife ; er rooHte 
ft<$ „bei ben granjofen beffere Hoffnungen oerfdjaffen" ; ihm 
träumte oielleid&t gar oon einem Si|e im 9lational=Äonoent. 
Le citoyen Gilleers , conventionnel ! 2)a3 ®efefc com 
26. Sluguft fagte auSbrüd li<h , ba& bie neuen SBürger für 

Silber ou5 ber G<$iUer)fit. 24 



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370 



£a8 franjöfiföe ©ürgerbiplom. 



ben Jtonoent wählbar feien, ba§ Tie baä 9ted)t Ratten, bei 
biefem gro&artigen SJernunftafte mitsufjelfen, de concourir 
ä ce grand acte de raison. SBarum foflte nid^t ber £id)ter 
in einem Slugenblicfe ftfcroärmerifdjer Saune baran gebaut 
(jaben, t>on biefem SRedjte ©ebraud) ju machen? SBenn er 
fpäter, freilid) in anbrer Stimmung, bem 2luguftenburger 
fdjrieb, jeber felbftbenfenbe 9Henfa) müffe ber 9leoolution 
gegenüber Partei nehmen unb fidj als einen „93etfifcer jenes 
grofjen 2>ernunftgeriä)teS" anfefjen, fo mar bieS SBort vitU 
teia)t nur ber 9toä)t)aII eine« 2Bunfä)eS, ben er einft greifbar 
t>emrirUtä)en roottte, aber nunmehr in bie ftittere ©ptjäre 
pf)üofopf)tfdjer SBetradjtung fjinaufgerütft §atte. 2öof)l ü)tn 
unb unö, ba& bem fo roarb! 23ebenft man, bafj afl' bie 
jungen Männer, toelaje in ber grage beS 93ürgerre<f)tS baS 
Sßort führten, baß Sahire, ^ergniauy, Safource, ®uabet, 
(Sljabot, Glatuere, Danton, SRolanb unb Slnad&arfiS GlootJ 
nad) 3at)rcSfcift ifir £aupt aufs Schafott trugen, fo fann 
man fiä) eines <5d)auerS niäjt erroefyren unb eilt, ber über* 
flüffigen £vpotf)efe baS £ia;t auSjublafen. 



2lm 1. gRärj 1798, ganj aus bem 9teid)e ber Eoten — 
eS finb beS SiajterS eigne SBorte — erhielt Stiller baS 
franjöfifd^e SBürgerbiplom , baS beinahe fea)S 3af>re lang 
feinen §errn gefugt ^atte. Danton unb klariere, bie Unter- 
geid)ner beS (SrnennungSbefreteS ; SRolanb, beffen -Marne unter 
bem SBegleitfäjreiben ftanb; ©eneral (Suftine, roelajer baS 



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3. (Satnpe. 371 

Diplom, jugleid) mit ben Diplomen GampeS unb Älopftodtg, 
<xuf feinem beutfd>n gelb&uge beforgen, baS reoolutionäre 
^renjei^en gleidjfam auf ber ©pifce feinet $>egenS bar* 
bringen fottte: fie alle waren ntd)t mehr, waren feit Qafjren 
fd)on über baS ©djafott hinweg inS Senfeit^ gegangen. $)ie 
befreie lagen üerfd^ollen in ©trafjburg unb mären wohl im 
©taube einer 3Kititärfanjlei oermobert, ^ätte fid) nicht ein 
gewiffer SlnbreaS -äftener, einftenS (SuftineS Slbjutant unb 
fpäter SBejirfSrichter im ©tfafc, ber fd&webenben Angelegenheit 
erinnert unb baS tyerrenlofe Sßafet ju weiterer Grlebigung 
an Gampe nad> Skaunfdjweig gefdjitft. SSarum gerabe an 
Gampe unb nicht an ©dritter ober ftlopftocf, Männer be= 
rüt)tnteren Samens? SSieflcid^t, meit ber 9tame beS 33raun= 
fdjweiger ^ßäbagogen in §ranf reich aflgemeiner befannt mar, 
als felbft bie tarnen unfrer gröfeten £)i<f)ter. 3m 9tet)0= 
lutionSjahre 1789 hatte Gampe mit feinem ehemaligen 3ög s 
ling SBühelm o. §umbolbt eine 9?etfe nad) SßariS gemalt, 
unb ber ruhige, bereits breiunboierjigjäfjrige 2Kann, bamats 
fcfyon „baS Goangelium ber Äinber", mar tum bem frifd) 
entfeffelten JreiheitSfturme fo begeiftert worben, bafc er feinen 
Aufenthalt an ber ©eine in ^rjmnuögletdhen „Briefen aus 
Sparte" fdjilberte. 3n fteutfdjlanb taS man bie SBriefe mit 
Gntfefcen, in granfreid) mit Gntjücfen. $iefelben werben 
heute nod) von ben fran&öftf<hen ©efd)id;tsfd)reibern als 
Duelle ätiert, von SouiS 33Ianc jum SBetfpiet, unb f feinen 
jur 3 e ^ *h re 3 GrfcheinenS (1790) bem friebfamen Grjähler 
beS „SRoMnfon" ben 9hif eines SReDolutionS^etben eingetragen 
ju h^ben. liefen Briefen oerbanfte er auch baS franjöftfche 
^Bürgerrecht. 



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372 



£a8 franjöftföe SJürgerbiplom. 



Sei ©elegenljeU ber 2>iplomfenbung entfpann ft<$ siüiföett 
33raunfd)n>eig unb 3ena ein flcincr 33riefroed)fel, ber roegen 
ber nod) brennenb feigen Gnttrüftung, tueld&e bie Xenien be& 
£)io3furenpaare$ in ber beutfdjen ©djriftfteßeriöelt unb audj 
in SBraunfdnoeig hervorgerufen Ratten, nidjt ot)nc pifanten 
Seigefajmad geroefen fein mag. $)te beften ©tüäe biefer 
ftorrefponbenj ftnb Ieiber verloren gegangen ober nod; nidjt 
aufgefunben roorben, fogar ber erfte SBrief (Eampe3, womit 
er ba§ Diplom überfenbete, unb Sa)iHerS Antwort barauf, 
bie er unter bem 2. 9J?ä'rj 1798 in feinem ßalenber oer= 
jeidjnete. 2ln bemfelben Xage melbete er ©oettye ben Gnu 
pfang beS SDefreteS: „3a; roeife nid&t, wie e§ jefet nod) in 
^Bewegung fam, aber Iura, e3 würbe mir gefdjtcft, unb jroar 
burdj — (Eampe in S3raunf djweig , ber mir bei biefer ©e= 
Iegen^eit bie fünften 6ad)en fagte." SSorauf ©oettye, oor* 
nef)m fpottenb (3. 3ftärj): „3u Dem S3ürgerbetrete . . . fann 
i$ nur infoferne ©lücf wünfd)en, als e3 <Sie nodj unter 
ben Sebenbigen angetroffen ^at ; warten ©ie ja nod) eine 
Söeile, et)e ©ie oeretoigten grofjen Mitbürger befugen. 
<Qerr (Sampe fd^eint an ber gefä'tyrlidrften aller £oHf)eiten, 
fo wie nod) monomer gute SJeutfdje, fran! ju liegen . . . ." 
S3alb barauf gelangte nadj S^na ein neues ©abreiben au« 
S3raunfa)weig : 

SBerefyrter fierr £ofrat! ®rft nadjbem mein oorigeS 
©abreiben abgegangen mar, bebaute tdj, bafc td) S^nen aud) 
eine 2lbfd)rift eine8 an un£ beibe genuteten 33riefe3 f|ätte 
f<$i(fen foflen, ber bie für ©ie unb mid) beftimmten Ratete 
begleitete, fiier ift fie. SDer ©Treiber jene« Briefes, ba* 
mal3 Guftineä SIbjutant, ift je|t Juge du Tribunal du 



3. §. Gampe. 



373 



Departement du Bas-Rhin in (Strasburg. 3n biefer <Stabt 
$aben bic ^afete unb ber 93rief big jefet gelegen. 

3dj erwarte ben erbetenen ©d)ein unb üer^arre l)oä> 
adjtungSüoll 3^r 2>eref)rer 

3« 6- ßampe. 

33raunf<f)weig, ben 3. 3Wärj 1798. 

2lud) ber ©tra&burger SBrief, Original wie Slbfdjrift, 
ift oerfcfjollen, wäfnrenb un§ glüdlidjerweife baS folgenbe, 
lefenSwerte Sd)reiben beS 33raunfä)weiger <Sdjulrate3 er^ 
galten blieb: 

£>ie 33riefe jwifdjen 3*na unb 33raunfdjweig gebrauten 
nte^r Qtit, aU fte t)on 9?ed)t3 wegen foHten. 3$ empfing ben 
S^rigen vom 2. erft geftern ben 8. unb !ann alfo audj) erft 
§eute ben 9. if>n beantworten, ©ie werben unterbeS mein 
jroeitcä ©djreiben (nom 4. wenn idj ni$t irre) fdjon er= 
l) alten ^aben, unb eS bleibt mir batjer nur nodj übrig, 
f olgenbeS fiinjusufügen : 

3$ erhielt baS $afet oon SRaftatt burä) ben ©e= 
fanbtfd&aftsfefretär ©ambmann, weiter mir melbete, ba& ber 
Bürger SlnbreaS 3flener, jefct Juge du Tribunal du De- 
partement du Bas-Rhin, e$ il)m mit bem Auftrage (oon 
©tra&burg) jugefd^idt fjabe, e£ an midj ju beförbern. 

3d) f)abe für fdu'tflidj gehalten, fowoljl auoörberft bem 
€itouen Sttener für feine $Bemüf)ungen, als aud) bem 9tote 
ber 500 unb in bemfelben ber grojjen Nation, für bie 
mir erwiefene 6fn*e $u banfen. 2)em Sttinifter SRolanb, ber 
uns bie Urfunben sufertigte, unb bem (Seneral (Suftine, ber 
fte uns burd) feinen Slbjutanten jufdjtcfen laffen wollte, aber 



374 



£a« franjöftfdje Sbürgerbiplom. 



bcr bamaligen Unruhen wegen nid&t fonnte, werben mir wotyt 
erft in jenem £eben banten fönnen. 

(5ef)en Sie, lieber ÜHitbürger, bieS ift alles, wa3 iä> 
bauon ju fagen wei§, unb was idj 3tynen fcfion in meinem 
erfien SBriefe gefaßt haben mürbe, roenn id) fdjon bamals ge- 
mußt Ijätte, ob «Sie mehr baoon ju reiften münzten. (S& 
wirb bie Stit fommen, roenn jie niajt fdjon ba ift, ba ber 
(S^renname, f ränfif d&cr Bürger, un§ mein* als alle unfre 
anbern Xitel jur (£f)re gereidjen roirb. 

3$ freue mich übrigens, baß fortbin mein 9?ame jwifchen 
bem 3h r *9 en unb bem oon SUopftocf wenigftenS in biefer 
$Rüdfid)t juweilen genannt werben roirb, unb fchlte&e mit ber 
wieberholten 23erfid)erung meiner aufrichtigen Verehrung, in 
melier felbft bie Xenien mich nicht roanfenb machen fonnten. 

23r(aunfdm)eig), ben 9. SDtärs 1798. 

3. (Sampe, Sdmlrat. 

®er <5d)luf$ beS SBriefeS erinnerte unfern 2)id)ter in ber 
liebenSwürbigften SBeife an ben jenialif^en gelbjug, ben er 
baS 3al)r juoor im herein mit ©oethe unternommen ^atte 
unb roorin auch gegen (Sampe roegen feiner befannten fpra<h= 
reinigenben @£perimente mehr als ein &ieb geführt rourbe. 
2)er 23raunf<hweiger roar übrigens ber 3)knn, fidt> $u wehren, 
©filier nannte Um bie „furchtbare 2Bafd)frau", 

2Bel$e bie ©praäje be8 Xcut fäubert mit Sauge unb ©anb, 

worauf Gampe mit bem freunblid&en 9tat antwortete, feine 
2Bafdmnftalt ju meiben, benn eS warte 

bic Sauge, 

©artet ber reibenbe 0anb, wartet ber ftriegclnbe Äamm. 



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% Gampe. 



375 



3n einem anbern 2)ifH(f)on wagte er eä gar, ©filier 
einen ©impel ju nennen, atlerbingS bie 2lnmertung beifügenb : 
„©impel ober Dompfaff, ber funftreiajfte ©änger unter ben 
^Sögeln", unb als ©oetfje ben „fünften" f)bl)nifä) fragte: 

©innreidj bift bu, bte ©prarfje oon fremben SSörtem ju fäubern, 
Sßun, fo fage boc§, ^r eun ^/ 10 i e m(m ^ßebont un$ oerbeutfajt? 

ba antwortete ber rafd) befonnene 6prad)bürfter : 

&if>, auf meine ßJefaljr, if)m beinen eignen Konten, 
trifft er niajt jegli$e 2trt, (Sine trifft er geroifj. 

Snbeä war Gampe fo oernünftig, aufjer ber 23eantwor= 
tung aller gegen if)n gerichteten $ifticf)en feine weiteren 2fa* 
griffe &u oerfudjen, unb ben Slnfknb, ben er auf ber littera= 
rifä>n 3)Jenfur bewahrte, mußten fclbft bie Dlumpier in 
SBeimar unb Sena anerfennen. „Gr f)at fitf) ^öflid) benom= 
men," fd)rieb ©filier an ©oetfje, „aber ben Sßebanten 
unb bie 2Bafd)frau aufs neue beftätigt." ®afe ber oer= 
bienftiooUe 9)tonn feinen ©roll bem ©egner nidt)t lange naä> 
trug, beroeijt ber oon uns mitgeteilte 33rief. 6ä)iHer mar 
ü>m burdjauS jmnpatf)if$, wäf)renb er gegen bie ilrni frembs 
artige Sftatur ©oetf)e3 immerbar einen geheimen 2öiber= 
mitten füllte. 2ll§ er in fpäten Söhren einmal in ßarlsbab 
mit bem gefeierten SHdjter jufammentraf, fagte er ifym mit 
erzwungener fiöfltdjfeit feine grobe Meinung: ©r §abe jwar 
allen SRefpeft oor ben erftaunliäjen gä^igfeiten' feines ©eifteS, 
„aber, fef)en ©ie ! $>a$ finb alles £)inge, bie midj ntdjtS 
angeben unb auf bie id) gar nia)t ben Söert legen fatm, 
ben anbre Seute barauf legen." (GcfermannS ©efprädjc mit 
©oetfje.) 



376 



£aö franaöfiföe öürgctbiplom. 



$er Sraunfajroeiger roar offenbar oon jiemlid) hartem 
Stoffe. Scffmg nennt if)n einen feften unb unfa)roärmerifd)en 
SRann. 3lber in folgen, anfdjeinenb füllen SBerftanbe£men= 
fajen roofmt bisweilen baS fjödnle Talent für eble 93egeifte= 
rung, unb wir fjaben fd>on gehört, baß (Sampe bem großen 
3uge ber neuen %t\t m ^ ß°Pf un0 S^tj fid) Eingegeben 
hatte. 2>ie politifaje Seibenfdjaft, eine nodj junge Grf$ei= 
nung für £eutjd>lanb, brannte in feinem SBufen; eS roar 
fein franfyafteS <2a)roärmen, fonbern ein jroedberoufeter ©ntf)u= 
ftaSmuS für gretyeit unb 9)Jenfd)enred)t, ein ebler ©taube 
an bie 9koolution, unb wenn er ftap burä) bie unabroenb= 
baren SluSfd&reitungen berfelben nid)t beirren liefe, fo gefaja^ 
e£ in ber Haren <£rfenntm$, bafj bie über ben 9tf)ein fjer= 
übergef ommenen 3been bem beutfd&en SBolfe noä) reiferen unb 
bauert)afteren Segen bringen roürben, als bem franjöftfdjen. 
£>er germanifd)e Sßurift roufjte, roaS 2)eutfd)lanb ben gran= 
jofen ober, roie eS bamalä In'efj, ben SReufranfen fdjulbete; 
in patrtottfajer Meinung freute er fta) an bem <Sf)rennamen 
eines fränfifdjen SBürgerS. 2lua) ftanb er feineSroegS allem 
mit feinem politifdjen SRabifalismuS. 2)aS t)atbe $eutfä)lanb 
beroegte fxd) mit feinem Jüf)len unb 2)enfen in berfelben 
©p^äre. 2)ie beutfdje $pf)ilofopf)ie fiolte aus ber iReoolution 
©toff %u fpefulattoen ©jerjitien. SReoolutionäre ober roenig^ 
ftenS reoolutionäre Dilettanten gab e£ allerroärtS, im «palajt 
roie in ber §ütte. „Unterhaltungen über 9Jienf$enre$te, 
über greiljeit unb ©leid^^eit, über bie fieiligfeit ber Verträge, 
ber (Sibfdjroüre, über bie ©rünbe unb bie ©renjen ber SRedjte 
eines ßönigS löften juroeilen in glänjenben unb glanjlofen 
Sirfeln bie ©efprädje oon neuen Sfloben unb alten 2lben= 



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3. Gampe, 



377 



teuern ab"*). £n ©djillerS eignet £auS, bi* in bic 
„Öoren", bereit ©rünber unb erfter Seiter er roar, hallte 
ber 33eifall, ber ben granjofen aus beutfä)em SKunbe ge* 
fpenbet rourbe. -Sflan fchroärmte in ben ©palten biefer 9Ko= 
natsfchrift oon einer gleichzeitigen SBteber gebirrt ©allien» nnb 
©ermanienS; man fonnte bort ben monumentalen S5kf)n 
einer beutfä>fransöfifchen SRealunion gebrucft lefen : „3mmer= 
hin möchte aisbann eine neue fränfifche Unioerfal=3)ionard)ie 
aus beiben (Staaten errietet werben!"**) ©filier felbft, 
ber ©anger ber 3>bee, mar im ©runbe feines &erjenS nichts 
anbreS als ein Dtooolutionär, obgleich nichts weniger als ein 
greunb feiner Mitbürger r»om 9iationalfonr>ent. 33efannt 
\% roie ^art er biefelben beurteilte. £)te Nachricht oom £obe 
SubroigS XVI. traf ihn, als er eben feinen öoäjflug nach 
bem SBegriff beS ©cf)önen begonnen t)atte ; ju grell roar ber 
vrbifcfje ftlang, ber ihm in bie Legion ber reinen gorm nach* 
fcholl, als bafe er nicht feine ©ntrüftung geroecft ^ätte. 9hm 
weichtet er mit 2lbfdjeu auf bie liebgeroorbene Seftüre ber 
Ißarifer 3eitungen ; bie franjöfifc^en „©chinberSfnedjte" efeln 
ilm an; über ber ©djrift, bie er „roirtttä) für ben Äönig an* 
gefangen", fann if)m nicht roof)l werben; alle £ageSpolitif 
roirb i^m ein ©reuel; er entfliegt ber ©egenroart, unb oon 
ber öfters ausgekrochenen 2lbfiä;t, ju ber grofjen grage beS 
£ageS fchriftftellerifch ©tellung ju nehmen, ijt fortan in ben 
»riefen an Äörner feine 5lebe mehr. 

*) 3- ©• 5^tc über bic franaöfifd&e SReoolution, „jur Beurteilung 
i$rer 9lec$tmäfcigfeit" (1793). 

**) Beitrag ju einer ©eftt)id)te beS franjöfiföen National :(Sl)ararier$ 
(SBoItmann), „froren", 1795. 



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378 £<*ö fran}öfi)"c$e ©ürgerbiplom. 

&öd)ft eigentümlidj ift e§ unb, wenn eä überhaupt ge= 
fagt tourbe, nid)t genug betont, baß ber ältere, fixiere greunb 
in Bresben bei allem SBiberroillen gegen bie blutigen !Wc= 
• oolutionäfpiele t)iel freifinniger unb geladener barüber fld^ 
äußert, als unfer £id)ter. £er roacfere CberappelIation£= 
geri<$terat meiftert in biefem fünfte ben jungen ^rofe(for 
ber ®efdjid)te. <Ed)tHer Ijatte ifjm oorgefdjlagen, eine ®e= 
fd)idjte ber (Sromwellfdjen Reoolution 511 fdjreiben. „(53 ift 
fct)r mteref[ant, gerabe in ber jefetgen %tit ein gefunbea 
©laubenSbefenntntö über 9ieoolutionen abzulegen; unb ba 
eä fd)led)terbing3 jum Vorteile ber Dieoolutionafeinbe aul= 
fallen muß, fo tonnen bie 2öar)rt)ettcn r bie ben Regierungen 
notroenbig barin gefagt werben muffen, feinen geljäfftgen 
Ginbrud madjen." Römer aber will an bem (Stoff fein ©e= 
fallen finben: „3&n als ein roarnenbeS Seifpiel ju be= 
fyanbeln, ift ein geiftlofe* ©efdjäft. Unb wirb er mit S3e- 
geifterung für bie ©rö&e, bie er enthält, bearbeitet, fo ift er 
für bie jefetgen Seiten bebenflidj. ftaä geuer, roeldjeS jefet 
brennt, e^re id) als ba3 SBerf einer f)öf)eren fianb unb er= 
warte rulu'g ben Erfolg. 3a; mag roeber Del nodj Söaffer 
fjineingtefjen. 2$a3 id) über biefe Gegebenheiten benfe, barf 
id) nid;t fdjreiben, unb mag idj fdjreiben barf, mag id) nid)t 
benfen." 2lua) ju <Sd)iller* ^lan, für bie <Saä> Subnrig* XVI. 
bie geber ju führen, fd)üttelt er ben Äopf: man müffe 
bie ftzittn ftd) erfüllen laffen; im 2Woment ber ßrtfe, 100 
alles ätoifdfjen ^toei ©Bremen ber Seibenfdjaft, groifd^en gurdjt 
unb Uebermut fdjroanfe, fei feine ruhige Unterfucfjung mög^ 
lid). (Spuren äf)nlia)er ©ebanfen laffen ftd) in ben S3rie= 
fen an ben Huguftenburgcr nadjroeifen. <£$ fmb wofyl 



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3. $. (Sampe. 



379 



SteminiSjenjen aus bem 33riefmed)fel mit bem £)reäbener 
greunbe. 

Niemals tonnte eS einem ©djifler in ben Sinn fommen, 
bie 9*ed)tmä&igfeit ber Solution mit uoller Ueberjeugung 
ju leugnen ; er beftritt bie Sßerfonen, bie SHethobe, bie SHittel 
ber Ausführung, nie bie Sadje. §ätte er anberS fein fran= 
jöfifdjeä SBürgerbiplom, eine ©abe ber SReoolution, ein ©e- 
fchenf oon SdnnberSfnedjten, behalten unb gar hochhob 
fönnen? ^atteSfe meint in einem Kapitel feines <5<f)ifler= 
budjeS, worin übrigens bem gretheitSfinne unfreS SDiajterS 
nolle Slnerfennung wirb, er h<*be nad) bem 21. Sanuor 1793 
ba£ neue Bürgerrecht „fdjaubernb von fi<h geroiefen". 2öol>l 
hätte er bie beften ©rünbe baju gehabt, benn alle jene SRe- 
ooluttonShelben, meldje in ber ^arlamentsftfcung oom 26. 
Stuguft 1792 für bie S9ürgerred)t§Derteit)ung an bie f)ert)or= 
ragenben greiheitSmänner be£ SluSlanbeS baS SBort führten 
unb bereu 93erebfamfeit audj bem beutfdjen S)ia)ter ju ber 
feltfamen ßtyre t)crt)alf, ftc alle Ratten für ben %ob be£ flönigS 
gefrimmt. ©leidmiohl ftnbet fid) nirgenbS eine Qantyabt, 
woran fidj bie Behauptung be£ Sd)ilIerbiographen galten 
fönnte. ©etoife bleibt nur, bafj (Stiller baS franjöfif^e 
Diplom, als es aus langjähriger Berfd) ollen hei t in feine 
§änbe fam, bura>u8 nidjt fd&aubernb in ben ^apierforb 
roarf. ßörner gegenüber nennt er e§ auSbrüdltd) eine @hren= 
bejeugung, unb fpri^t er au<$ ju ©oetfje, ber bie gan&e 
Angelegenheit leife befpöttelte, erroaS gleichgültiger oon bem 
kehret, fo meint er bod) in einem Briefe an ihn : „6$ wirb 
nid)t ganj übel fein, roenn ia) eS bem fierjog notifiziere, 
unb um biefe ©efäßigfeit erfudje td) Sie, wenn eS Sie tüd)t 



38Ü 



2>a8 franjöfiföe S3ürgerbipIom. 



befdnoert. 3$ kö c beSfjalb bic Stfta bei." Unb einige Sage 
fpäter (9. SHärj 1798): „®er öerjog, tote mir mein ©djmager 
fagt, münfdjt, bog ia; mein 33ürgerbiplom ber SMbliotyef 
fdjenten möäjte, rooju idj fe^r gern bereit bin. 3$ ^itt eS 
blofj abtreiben unb mir im tarnen ber SBibliot^e! atteftieren 
laffen, bafc baS Original bei if)r niebergelegt i|t, wenn ein* 
mal eines meiner Jtinber fi$ in granfreidj niebertaffen unb 
biefeS Sürgerreajt reflamieren wollte." £aS Hingt bo<$ toa^r* 
liaj ni$t naa) ©Räubern unb 2lbf$eu. 

©oetlje antwortete (10. 9Kärj): „Sßon 3§rem ^Bürger* 
biplom wollen mir 3& nen ^i^e oibimierte 2lbfdjrift mit bem 
SBefenntniffe, baff fola;e$ auf ber fürftlidjen SBibliotljef Der? 
wal)rt fei, ausfertigen laffen. <5S ifl re$t artig, bafe ©ie 
beS Serags ©elüft naä) biefem £ofumente beliebigen. <5S 
ift fd)on ein äfjnlia)eS reponiert, bie 9Za$riä)t in melen 
©prägen, an alle Sßölfer ber SBelt von ber Ijerrlidjen fran? 
fcöftfdjen Nation/' 2lm 18. 9Jtörj würben bie Rapiere von 
©oetj)e unb SBoigt bem SRate unb S3ibliotI)efariuS ©pilfer 
eingeljänbigt, „um foldje, wenn fie voxtyx gehörig eingetragen 
worben, an einem fd^icfli^cn Orte gu reponieren unb ju 
üerwaljren". 

®ort in bem franjöftfdjen ©d)lö§d)en ju Söeimar, wo 
jeher Xritt fleine Erinnerungen an gro&e 3ttenfa>n im ©Plum- 
mer flört, bort liegen bie Rapiere nodj heutigen £ageS, jwar 
nur eine SttufeumSrarität, aber bod) oon ibealem SBerte als 

baS Slnbenfen ftürmifa)er 3 c ^ en ^ a ^ em WA** 3^^ cn / Da 6 
ber nationale £>ia}ter atterorten, wo greif)eit unb 2öafjrl)eit 
etwas galten, in (Styren ftanb. W. 



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Unbekannte. 



4i?ir Reiben immer nodj bic leibige ©eroohnheit, ben 
tarnen ©Ritters mit weinerlicher (Stimme aussprechen. 
£ie Senmnberung feinet ©eniuä unb ber Sammer über bic 
fiärte feines SchictfalS begegnen fid) im Sßunbe beS £)eutfchen. 
£>aS SBilb be$ SHchterS ^ängt fchroarj umrahmt t)or unfern 
2lugen, feine r)or)e ©eftalt t)crfcr)rt)tnbet im £)unfel ber 9lot 
unb Entbehrung, fein Seben gleicht einem 9Za<htftücf. # 5ßon 
ben ©onnenblicfen feines irbifc^en SDafeinS 51t reben, erfäjeint 
beinahe als ein nationales Verbrechen, jebenfaüs als ein 2Ift 
ber §erjlofigfeit. 

Unb boct) l)atte beS ftidjterS Lebenslauf oiel freunblidje 
Sichtfeiten, märe es recht unb billig, auch D iefß biSroeiten l)er= 
üorjufehren unb baS 33ilb beS Richters mit einigen ©lü<fs= 
ftrahlen ju beleuchten! Um nur eines ausbeuten: h^tte er 
nicht ©IM, roirflicheS ©lücf in ber greunbfehaft ? 2Bar ihm 
nicht in ber Siebe ber grofje SBurf gelungen? Unb r)Örte 
er nicht ben lauten Beifall ber SDiirroelt auf ber befchroerlichen 
Steife jur Unfterblidjfeit? 3a, greunbfd)aft, Siebe, Seroum 



384 



Unbefannte. 



berung waren bie treuen Hüterinnen fetneä ©dncffals unb 
Ralfen ifmt reblid) ba* fernere Xeil Ungemad) tragen, ba£ 
i^m Ijienieben befdn'eben mar. 5Dtc öimmlifdjen führten nidjt 
immer gräflidje unb fürftliaje, noa) irgenbroie befannte tarnen, 
fie liebten e3 oielmetyr, manchmal in unbefannter ©efialt ju 
erfäjeinen, mitten au3 ber Spenge Ijerau^ufpred^en. Briefe 
ber Hnerfennung, ber Verehrung oon frember ober §alboer= 
geffener fianb befam ber £id)ter in erfreulicher 2In&aljl A 
unb er mu& biefe SeifaUMu&erungen aU ed&te Sruftlaute 
ber SBoltefHmme lieb gehabt haben, benn er fwt bie 39lätter 
forgfam aufbewahrt unb ifmen neben ben Briefen berühmter 
2)tänner einen SRaum gegönnt. 2Ber Toeifc, ob er ntdjt 
angefiajtS ber unbefannten 3^"9 e « feines %i\)mt% Slugeiu 
blirfe be$ innigften ©lüdeä genofe? 3n einem folgen Slugen* 
blicfe fang er roo^l: 

greue bid), bafj bie ©abe be8 Siebs oom Gimmel f)era&fommt, 
2)afj ber ©änger bir fingt, roai ifjti bie SOiufe gelehrt! 

SBeü ber ©Ott if>n befeett, fo wirb er beut §örer jum ©orte ; 
Söeil er ber ©lütflidrfte ift, fnnnft bu ber (Selige fein. 

einige unbefannte Verehrer be£ $id)ter3 alfo motten 
mir fajlie(3Üa) jum SBort fommen laffen. £eiber enthält unfre 
(Sammlung au3 ber bunten Mannheimer unb S)re3bener 
3eit, über bie man immer noch genaueres erfahren möchte, 
nur wenige ^Briefe, unb biefe fxnb oon jroeifcl^aftem 3n= 
teteffe für ba§ größere ^ublifum. $a fdjreibt beifpieläioeife 
ein geroiffer ©rub, ber fich einen Commissaire de 1# revision 
des postes Imperiales nennt unb mit feinem 93ruber bem 
Sdjißerfcfien greimbeäfretfe in ÜJknnheim angehört ju höben 
fcheint: 



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Un6efannte. 



„SR Ottenburg ob ber Sauber, bcn 1. 9loo. 1784. 

aWein iicbfter greunb! 9ttd)t wahr, meine jüngfthin 
fo fc^neH erfolgte 3lbreife uon 9)iannheim mufc 3h n * n einer= 
feitS feinen oorteilhaften begriff oon ber §eiligfeit meiner 
SBerficherungen gemalt höben, anberfeitö aber fönnen ©ic 
barauS auf bie jQerrfdjaft fdjliefeen, bie id> über mich felbft 
habe. IDctS werben 6ie mir wohl glauben, bafe ia), ohne 
Schmeichelet (ich fenne biefe ©praa;e unter Jreunben nicht), 
eine 3lbenbftunbe in 3h rer angenehmen ©efellf^aft weit 
lieber, weit froher burdjlebt fyättt, aU fykx unter ben 
leeren ßirchturmSföpfen ber fetten, wofjlgemäfteten ©tabt 
Rothenburg ein gan$e3 3ahr. Mein mein Vergnügen 
mu&te iü) bieSmal ber Pflicht aufopfern, bie mich abrief. 
£ie bringenbften ©efdjäfte, bei melden periculum in mora 
war, warteten meiner. ÜRein Sruber wirb 3ftnen, mein 
SBefter, bie weiteren ©rünbe meiner (Sntfdmlbigung ange- 
führt unb ben 9ttifjmut erjählt fyabm, ber burd) meine 
fd^ncöe Slbrufung oon Mannheim bei mir t>erurfad)t würbe." 

©d)iller war bamals im ^Begriff, bie „SRheinifdje 
£f)alia" hwow§jugeben. Unfer ©rub erbietet ftch baher, in 
ber fränfifd)en ©egenb, fowie in Dfegensburg, 9Kün$en, 
2tug$burg, wo er „mit ben beften, aufgeflärteften Äöpfen 
in genauer SSerbinbung flehe", Siebhaber $u werben; auch 
möge fid) ©a)iHer nur an ihn wenben, wenn er etwas mit 
ben Dfeid^poften abjumachen h^be; unb fdjliefclid) will er 
ben tarnen be3 jungen $iä)ter$ fogar in Stallen verbreiten, 
benn er fenne einen oortrefflidjen 3)Jann, ben S3aron 33affuS, 
ber eine 23ud)brutferei an ber füblichen ©renje errietet habe 

Jöilber au* ber S^iücrjeit. 25 



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386 



Unbefannte. 



unb bie befien S5>erfc ber beittjd^en Mufe in guten lieber; 
fefcungen unter ben italientfd)en Gimmel 511 uerpflanjcn ge* 
benfe. $urj, ber gute ^eidS)^poften-$ReDifion^omminariu0 
wäre glücflid), roenn er bem Mannheimer £l)eater^poeten 
einen ©ienft erroeifen fönnte. 

£er eine möchte feinen Sd)iller nad) Stalten oerpflansen, 
ber anbre fpridjt baoon, iljn in $ariS ^eimif<$ ju machen. 
£a fifct tief unten im füblid)en granfreid), in ber llmoer= 
fität^ftabt Montpellier, ein junger Mann be£ Samens 
Öegel, ein in« 2lu*lanb vertragener flarlsfdjüler. ©er 
Soljn eines mürttembergifdjen §ofratS, mar er ber ßom* 
milttone Sd)iller3 auf ber Militär-Slfabemie geroefeu, war 
nad) feinem SluStritte ^ofmeifter beim $icomte be <polignac 
in Montpellier geworben, unb als er benn eines ©ageS, 
fem 00m s }>aterlanbe, ben Erfolg ber SRäuber unb ben 9?uf)m 
it)rcö SBerfafferS erjätjlen Ijört, ba fann er ftd) nid)t ent= 
galten, bem ehemaligen ©tubiengenoffen einen ©rufe aus 
ber grembe 511 fenben. Sein SBrief ift 00m 12. 3luguft 1787: 

„Serteftcr greunb, t>erbienftuolIer Mann! ©ie $er* 
binbung, in rocldjer mir efjemalS mtteinanber ftauben, bie 
2td)tung, bie mir fdjon t)or längft ©eine grojjen ©igenfajaften 
einflößten, geben mir oielleidjt nod) einiges 9ied)t an £)eine 
greunbfdjaft. 3n biefer Hoffnung bebiene id) mid) au$ 
jefct nod; beS »ertraulid)en (Stils, ber ehemals unter uns 
^errfd)te. Man gab mir öfters 9?ad;rid)t von ©einem auf; 
feimenben 9Juf)me ; felbft oor einigen äßodjen fprad) id) nod; 
mit einem jungen Sdnoeijer uon ©einer ©ragöbie, ,,©ie 
Räuber" betitelt. Gr fprad) mit bem größten £ob baoon, 



Un&efcmnte. 



allein ungtü<fCid;erroeife mufcte id) mit feiner (5rsäf)lung ju= 
frieben fein, beim ba§ Sdjaufpiel fetbft fonnte id) nod) nidjt 
fjaben. 28a§ ntidf) nod; weit begieriger auf bie <Sad)e maä)te, 
war eine SInefbote, bie id) in einem fran&öfifdjen SBudje 
barüber laä, nämlid) bie 33erfd)tt)örung junger Gbelleute oon 
greiburg, bie eine SRäuberbanbe aufrid)ten wollten. Die 
<5ad)e fdjien mir fo fonberbar, ba& idj ba3 23udj getauft 
fjabe. 3d; fel)c mit großem Seib, bafc SDir biefeS ©djaufpiel 
üiele geinbe unb Verfolger juge^ogen. (Die SBorte finb 
au3 einem SprofpeftuS, ben Du herausgegeben, gejogen.) 
2Jttd) fdjmerjte befonberS biefe ^rafe: „Les voleurs me 
coütent ma famille , ma patrie" — unb biefe: „a present 
toutes mes relations sont rompues." *) SEHefo, liebfter 
$reunb! ©ie fonnte beim ein ©djaufpiel Dir ein Katers 
fjerj entjietyen? Du fdjriebft roof)l nidjt gegen ben dürften 
ober bie ed)te ©ioral? Ratten Deine greunbe rooljl bie 
9Meberträd)tigfeit, Did) gu oerlaffen, roeil Du einigen tjofyen 
ißerfonen mißfallen? ©in red)tfd)afrener 9ttann bleibt tiumer 
mein greunb, tuäre er aud) in geffeln unfdjulbigerroeife ge= 
legt. Sobalb idj Dein Unglücf erfahren, na&m id) mir oor, 
Dir 511 fdjreiben, Dir meine Dienfte anzubieten. 2Benn id) 
Dir je ju etroa§ in ^ ran ^ re ^ bieneu fann, fo fd)reibe mir 
e3; id) tyabe jiemlid) g-rcunbe Ijierjulanbe, felbft» gu ^arie. 
— Dein 6d)icffal intereffiert mid) außerorbentlid) ; id; fennc 
Deine DenfungSart, Dein £er$ — Deine ©inbilbungsfraft ift 

*) 9tu§ ber Slnfünbigung bec „Slljemifcfyen Sfjalia", £>e3ember 1784 
im $eutfd)en 3Wufeum erfd)ienen: „$ie Räuber fofteten mir ftamüte 
tmb 5Baterianb . . . nunmehr fmb alle meine SBer&tnbungett aufgelöfet. 
3)a3 ^uMifum ift mit je&t 3lHe« u. f. to.". 



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388 



Unbefannte. 



brennenb unb feurig, aber Sein £erj ift ebel. — ©d&reibe 
mir bodj um3 §immel$tmtten ctroaö uon deinem Sajidfat. 
3$ie gcrjt'ö mit 2)ir, bift $u noä) nid)t mit deiner gamilie 
au§geföf)nt? §at ber öerjog benn Sir feine ©nabe auf 
immer entzogen? 2Ber fonnte roof)t fid) einbilben, bajs jeneä 
©d&aufpiel (uon bem mir efjemate öfter miteinanber auf 
beut 5!ranfenjimmer gefpro<$en *) &ir fotriel $>erbrufj bringen 
würbe. 3)ton §at e3 ins granjöfifdje überfefet; id) Jiabe eä 
nodj nidjt getefen. 2ludj fagt ein Sournalift, bafc Seine 
„Kabale unb Siebe" J)öd)ft feltene 6d)önljeiten enthalte. 
©or»ieI id) aus bem 2Bod)enblatte erfefyen, bift £5u fiofrat 
ju SKannfjeim unb mithin unter frembem €dmfe; fo fann 
ber öerjog Sir md)t§> fdjaben. Schreibe mir balb unter 
ber 2lbreffe: ,A Mr. Mr. Gegel, gouverneur du fils de Mr. 
le Vicomte de Polignac ä Montpellier.'" 

Ser 83rief f)at eine franjöjtfd&e 9tadjfd)rift, roomit ber 
Slutor feine roelfdje 6pra<§fertigfeit glänjen laffen mödjte. 
2Bir lefen barin bie artige gkop^eiung : 

. . . Votre sort ressemble ä celui des grands honimes 
qui ont commence \mr etre persecutes et qu'on a ete 
oblige d'aduiirer ä la fin. On peut mepriser un homme 
d'esprit sans vertu , mais im homme qui reunit des qua- 
lites estimables du coeur ä Celles de Pesprit triomphe 
tot ou tard sur les ennemis . . . 

•ftodj märe bie 2lbre(fe i^rer Unrid)ttgfeit falber ju be* 
aa)ten : „A Monsieur, monsieur Schiller, conseiller aulique 
de PElecteur du Palatinat — Baviere — Mannheim^ 



*) »eftätigung einer melfacb, erjagten ©$tHer=2lneft>ote. 



> 

Unbcfanntc. 389 

•©filier war niemals baurifdjer ober furpfälftifttjer fiofrat 
$eroefen. Um jene Seit begnügte er fidj nod) mit bem ein= 
filbigen Xitel eines meünarfdjen 9tatS, fyielt ftdj aud) md)t 
mef)r in Mannheim auf, fonbern ^atte fdjon £eipjig unb 
Bresben hinter ftd) unb genoß bie Jlitterrooajen feines erften 
Weimarer Aufenthaltes. 2Wein es bleibt am @nbe ganj 
$leidjgültig, ob man in Montpellier über bie ©injelfieiten 
feines fiebenS gut ober fd)led)t unterriä^tet mar. Stoß man 
fia) überhaupt um biefelben in fremben Sanben fümmerte, 
ba§ fc^on 1787 jcnfeitS ber Sßogefen ber 91ame (BdjiHerS 
mit Stauung genannt rourbe unb fein <Sd)täfal Xeilnaljme 
erregte, baS ift bie beachtenswerte £f)atfad)e, meldte oon 
unferm 33riefa)en naajbrüdüd) betätigt wirb. £>ie erfle 
franjöfifdje Ueberfefeung ber „Räuber" reicht ins 3af)r 1785 
jurüd; fie erfdn'en unter bem Xitel: „Les voleurs" in bem 
.»Nouveau Theätre allemand' 4 . 93efannter mürbe fretlid) 
nad) einigen Sauren (1792) bie geroaltfame ^Bearbeitung 
fiamarteliereS, ber feinen Räubern ge(mnungStüc$tige 3 a ^° 5 
binermüfcen aufs £aupt ftülpte unb feinen „Robert, chefde 
brigands" als großen SfleoolutionSfjelben ibealifierte. ©eorge 
<5anb in i^rer „Histoire de raa vie' 4 erjäf)lt eine erbaultdje 
äuffüljrung biefeS ©türfeS, bei melier if>r SSater bie Eitel* 
rolle fpielte. 

$ie erfte SBorftellung in ^JariS fanb nadj bem Boniteur 
am 10. 9JJärj im Theätre du Marais, rue Couture-Sainte- 
Catherine, ftatt. 2>er £f>eater$ettel nannte baS 6tüd einen 
„fait historique en 5 actes". SBaptifte ber ältere fpielte 
bie Hauptrolle. SDer ©rfolg fc^eint bebeutenb geroefen ju 
fein, obgleidj bie ßritif bagegen auftrat. @S fei eine Xfjor-- 



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3ÜU 



Uubefannte. 



heit, fagt ber Äritifer be$ Boniteur (27. «Diärj 1792) A 
Dramen aus ^eutfdjlanb 51t fjolen, roofelbft ba§ ^^cater 
crft beginne. „La piece des Voleurs, composSe en alle- 
mand par M. Schiller — ber 9?ame ift bieämal ridjtig ge^ 
brudt — est im ouvrage monstrueux, sans unite, sans 
vraiseniblance, sans interet. Le g6nie et le talent y 
brillent par intervalles, la raison et le goüt en sont 
presqu'entierement excius." 3 lim t»abe ber fran= 

Söftfdje Slutor be$ (Stüdes uiete ©ebreäjen be§ Originale 
beseitigt. (StroaS milber, obgleich unter aüerljanb SBorbefjalt,. 
brüdte ftd) baS Journal de Paris au3. 9McolaS 58rajier A 
ber Gf)rontft ber petits theätres de Paris, fagt über bie 
SBorfteüung im 3)krai^f)eater , an bejfen ©djidfal 23eau= 
mardjate gan& befonberen Anteil nafmt: „Un drame alle- 
mand, Robert, cbef de brigands, imite des Voleurs. 
de Schiller, fit grand bruit sur cette scene. Ce dramc, 
a l'epoque de son apparition, devait etre un excitant. 
Les tete Staient exaltSes, on en voulait aux nobles, aux 
riches, et la devise de Robert etait formulee par ces mots 
terribles: Guerre aux chäteaux, paix aux chau- 
midres ! . . 

^ebenfalls bürfcn mir annehmen, bog audj in granf= 
reid) eine f leine ©emeinbe ejriftierte, für bie unfer £idt)fer 
nid)t blofj ein getmffer Gille, fonbern ein edjter unb nötiger 
©ä)iller roar. ©benfo f^eint man fid) bort oon ben 9iad>- 
me^en ber Räuber nityt minber fabelhafte £inge erjagt ju 
^aben, als in £)eutf($lanb. 2)ie 33crfö&n)ärurtg ber greU 
burger ©belleute, mooon obiger SBrief foriäjt, erinnert leb* 
tyaft an ba3 nieblt^e Komplott jener ©diulfnaben, bie fid> 



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Unbefannte. 



391 



in einer fdjroäbifdjcn Stabt als SHciuberbanbc organifieren 
wollten unb baran nur burd) bie 2Bei<f)f)ersigfeit eines Cutters 
föffndjenS oerf)inbert mürben, ba3 oor ber %ai)tt nadj ben 
bö(umfd)en SBälbern fetner Mama ein umftänbH<$e3 £ebe; 
mof)( fagte. £Uefleid)t Rubelt e§ fidf) jebod) nur um eine 
anbre Seiart ber nämlidjen ©efd^idt)tc. 

SQSie bem aud) fei, ber SBrief ©egels bleibt immerhin 
ein fleiner Seitrag ju bem 2lnefbotenfd)afce, ber fid) um bie 
Räuber reifer als um irgenb ein anbreS beutfdjeS £(jeater= 
ftücf angehäuft Jjat, unb faxten und bcö^alb fjier eine (Stelle 
ju oerbienen. Ttx <2<§reiber be§ SBriefeS gehört jufäHigers 
roeife ju ben Mitfdjülern, über bereu 23enef)men unb (S()a= 
rafter SdjiHer, bem fauberen SBraudje ber Mitttär=2lfabenüe 
Sitfolge, an ben öerjog ju berieten fjatte. (5r rühmte feine 
fürtrefflidjen ©aben unb feinen ^ßrioatfleifj, feine £>ienft= 
fertigfeit unb breite unb anbre* ©ute, fonnte aber SBer* 
änberlidjfeit , gürnrifc unb Unfjöflicfyfeit als minber ange= 
neunte ©igenfdjaften nidt)t unerroäfmt laffen. Cb er ftd) 
roof)l, al« tym ber S3rief au3 Montpellier ju §änben fam, 
an baS if)in aufgebrängte 9Ud)teramt erinnern mottete?*) 

3talien, granfreitt) — ^>ari£, Montpellier, 9iom vitU 
leidet — man ftef)t, bie SBerounberung für ben beutfdjen 
£ia;ter fängt an, jiemlid) weite Greife ju jteljen, unb ba 
mir nun einmal bie beutfd&e Syraa^grenje überfa^ritten 

*) 3n ber ,,2lrcf)ii>aliföen 9la$lefe jur Sc$iU«*£itteratur" oon 2)r. 
». e$[of$berger ftcf)t auef} ein SBeri^t ©egelS über exilier: „tiefer ift 
mit feinett SWitbrübern fer)r oerträgli^. 2lm Äörper unb im 3immer 
fud>t er alle 3eit bie Drbnung 3U beobachten. @r beftfct au«nef)menb 
gute gäljigfeiten. tjr ift fowo^I ju §au$ aI8 in ben öffentlichen ©tunben 
fef>r fleifjig. 3«* Sic^tfunft $at er einen fefjr grojjen §ang." 



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392 



Unbefatmte. 



t)aben, fo rooHen wir mü)t oerfäumen, audj ben 33rief eines 
jungen Ungar« mitzuteilen, ber in ber Vergötterung unfreS 
$itf)ter3 baS benfbar §ödjfte reiftet unb feiner mannen, 
letbenfd&aftlidjen ©praaje wegen it»or)I oerbient, gelefen ju 
werben. 

SÖotylgeborncr §err ©ofrat! 

(§& ift eben fo ungeroöf)nlidf) nidjt, r>on einem fremben, 
unbefannten greunbe einen 33rief ju erhalten; aber eben in 
meinem Vaterlanbe ftdj einen Verehrer oerfdiafft ju l)aben, 
ber, oon ber roärmften, fyerjlidrften Siebe gebrungen, in einer 
fü(Hd;roärmerifd[)en ©tunbe bie geber ergreift, um an ben 
geliebten — Unbefannten ju fdjreiben — baS fönnte mer)r 
ungeroöfjnlia) fein. 3n meinem ^aterlanbe, fage iaj, benn 
id) bin ein Ungar, auS einem i'anbe, roo nod) t)or fünfzig 
Sauren bie ganje Kenntnis frember (Mehrten fi<§ faum 
meiter als auf eine f)öd)ft magere, oon unfern auf beutfdje 
llntoerfitäten gefdn'cften Geologen fjin unb roieber jufammens 
geraffte tarnen alter goliantiffo^fjeologen, erftrecfte. $odj 
biefe Seiten finb nid)t mef)r; 2>eutfd)lanbS große ÜRänner 
ftnb uns Jefct ebenforoenig fremb, als unfre oaterlänbifd&en 
©djriftfteller. Unb eben roeil id) fte fannte, roeil tdj ein 
Ungar bin, frei roie bie Nation, warm rote mein $lima, 
unterftanb id> und), an (Sie gu fd>reiben. ©adelten ©ie mid) 
ni^t unpflidj, ba& id) meinem fierjen gefolgt bin, 3f)nen 
51t banfen, ©ie ju oerfia)ern, bafj id; ©ie liebe als meinen 
SBruber, bafc idj ©ie oerefjre als meinen ©eniuS. 

3dj werbe ©ie oielleidjt nie fef)en, toerbe ©ie nie fennen, 
©ie mia) nie fennen, unb bod) ift biefer mein SBunfdj f)eifj 
roie mein ©ebet; id) mödjte ©ie fo gern nur ein fleineS, 



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Un&dtamite. 



393 



flcincä (Stünbdjen fr»red)en, f äffen inä 9luge bcn großen 
SBereroiger gieefoä, umarmen ben 2Rann, ber mit uner= 
fünftelter, roarmer ßmpfmbung malte ben ftaunenSroürbigen 
Räuber, füffen ben eblen 9Hann, ber mein menf<$lt$ed 3bea( 
bleiben fott, fo lange id) lebe. 2lber id» trauere mit Slloo* 
ftocf : fierjcn finben fidt) nid)t, bie füreinanber bod) unb jur 
Siebe gefdjaffen finb; fic trennt bie $latyt fernerer Gimmel. 
(5$ ift nid)t §odjmut, ber mid) fagen lägt: unfre fierjen 
finb füreinanber gefd&affen; nein! e§ ift ber ©ebanfe, an 
bem id) mid) roeibe, ben id) taufenbmal benfe, bei bem id) 
taufenbmal fdjlummernb fd)roärme, um if>n roieber taufenbmal 
lebhaft benfen ju !önnen. Unb märe id> unter bem Gimmel 
geboren, roo Sie aufrauhen, id) mödjte ftreben nad) Sfjrer 
greunbfd)aft, geijen mit %\)xtx Siebe, roenn ia) fie erhielte 
— unb erhalten müßte id) (te, ober bie (Sinftimmung ber 
(SJrunbfäfce , ba£ geheime Seinen, ber allmächtige 3 U 9 Der 
Seele nad) bem lieben öegenftanbe ift ju oImmäa)tig, eine 
greunbfdjaft ju ftiften. 

3$ fjabe 3^e ©Triften gelefen, jtoar nidjt alle, bod; 
©ine nur mar fd)on genug, um mid) 3jmen eroig ju oer- 
binben. 2>od) id) roill fie, bie entl)uftaftifd)en Stunben, bie 
fie über mia) auSgoffen, nidjt roieberljolen ; e£ tonnte bem 
bieberen SBerf affer mandjeä Sdjmeidjelei f feinen, roaä ber 
liebenbe Süngling roarm nieberf abrieb, unb fdjmeid&eln mödjte 
id) einem s JRanne roie 3lmen nia)t. 9Bie oft fticg mir ber 
$&>unfd) bei 3^em gieSfo auf, möd)te bod) ©djiller einen 
9iafoc&t, 9toabofd)ti*), 93anfo**) oereroigen, möd)te er bod), 

*) 9laba3bt) , ber tapfere SBerteibtger DfenS gegen bie dürfen (1529). 
**) SJanfoS, SBänf SBän; berfclbc, ben ©rißparser in „Gin treuer 
Liener feine« §errn" befjanbelt. 



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394 



Un&ctennte. 



ber aüein fäfjig unb — wert ift , biefe 2Jiänner in£ £eben 
rufen, oerfünben weit bie Gblen, beren 9iuf)m, wären fic 
oon Diömerinnen geboren, allumfaffenber würbe, als ber 
9ht$m eines Scipio ober (Säfar. Dann beneibete id) 2leneaS 
feinen Virgil nidjt, nid)t bem 2Id)iH feinen Horner; beim 
Sd)ifler3 ©eift ruf)te über Ungarns gelben, ber ©eift, ber 
£f)äler ju Sergen umfdjafft, ber und mädjtig anfoornt, }u 
tfyun, was wir ewig unterlagen hätten, Denn wer oermoäjte 
mid) 51t überreben, ben <ß(utar$ lateinifd) ju lefen (C)ried)ifä) 
fann id) nid;t), l)ätte md)t 9)toor gefaßt: „9)Jir efelt cor 
biefem tmtenftej;enben Säfttlum, wenn id) meinen Mintard)*) 
lefe oon großen 9Renf<$cn!" 

2Wem 33rief wirb lang, unb bod) möd)te id) trjn nocf) 
oerlängern, ob id) audj bie oorteilfjafte bieget weifj: 9Hady 
beine erften $efud)e furj. (*S ift wirftid) eine eigne Sadje, 
wenn man Bannern f abreibt, wo fid) baS §tvi fo gern er= 
gießen möchte, unb wo man mit jebem ©abritt befürchtet, 
ben 3lnftanb nodj meljr ju beleibigen, ben man ot)ne()tn 
fdjou übertritt. 3)ieine 9?eugierbc möajte eS fo gern, $u 
fragen, weldje waren 

3*>« örofeen SJiufter in ber Dramaturgie ? 
war es bie Siatitr allein ober aud> bie (Sngellänber unb ein 
Seffing? £aben Sie nod) merjr fo breifte unbefannte 
greunbe? — könnten 3ie wol)l audj und) lieben? — 2L*er* 
ben Sie wof)l nad) Sefung biefeS Briefes an mi# — 
benfen? — — 3$ blicfe nad) Syrern Porträt, mein £er$ 
fragt: 3ft er mirflid) fo? Gr war ja franf, wo — wie 
l;at er ftd) geänbert? — Dod) ia) werbe olaoperrjaft wie 
ein 2Bcib. 

*) ©oll Reißen : in meinem ^lutardj. 



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Unbefanute. 



395 



Sebeu Sie wof)l! — 3$ fd)liefie — unb wie id) eben 
gewafjr werbe — einen fetyr unjufammcnl)ängenben Brief. 
SDocf) Sie werben oergeben. 2)a$ ift ja ber natürliche 
gefjler, wenn ba3 §erj bie geber füljrt. Seben Sie woljl, 
geliebter, groger 3flann! Unb Ijabc id) mid) übereilt, fo 
vergeben Sie meinem fierjen. — £>a& id) fein £>eutfd)er 
bin, baä jeigt meine unjierlidje Schreibart; bafj id) nod; 
feljr jung bin, ba§ werben Sie au8 meinem Briefe f fliegen ; 
ba& iö) beim Militär bin, baS werben Sie oiefleidjt nod) 
erfahren; bafj id) Sie über alles fdjäfee, baucm überzeuge 
Sie mein Brief. 2BoHten Sie mid) roo^t einer Slntwort 
wert adjten (ba3 einzige, um was id) Sie — neben %\)xtt 
Siebe, bitte), fo finbet mt<# 3^r Brief nod) innerhalb fed)§ 
Sßodjen in Ccbenburg ; bann fjaben mir Crber, aufeubredjen 
- woln'n? baS weife ©Ott! Bießeid)t wiber bie (Mier, 
wa§ id) als Solbat wünfdjen mu& unb wa3 idj alä %fyx 
Bere^rer fe^nlicr) wünfdje, um bie Hoffnung ^aben gu fönnen, 
bei unferm 3uge nadj 2>eutfd)lanb ben 9Jiann ju finben, ben 
id) fo gern münblid) überzeugen möchte, bafj id) ewig bin 
(hier SBofjlgeboren Bereiter 

Cebenburg, 11. 9Hai 1793. 

(Sbuarb t>. Saffalou. 

„£enn SdjiflerS (Seift ruljte über Ungarns gelben!" 
SDiefe 3umutung, ber magnarifd&e 9ktionalbid)ter ju werben, 
unb womöglid) bie römiföe £eud)te mit ber ungarifd}en 
SRulnuegfonne ju überfkaljlen, mag ber £>id)ter milbe be= 
lächelt ^aben — äfjnltdje 9totfd)läge mufjte er oft genug 
über fid; ergeben laffen — anberfeitS aber bürfen wir wol)l 
glauben, bafj er eine fo begeiftert aufbraufenbe iQulbigung, 



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Unbefannte. 



roie pc bie 3uf<W* beS Ungarjüngling« tym barbradjte, 
md)t ohne i)txii\6)t greube entgegennahm. 

$er SBrief nmrbe ntc^t beantwortet 2Bie hätte aud) 
ber oielbefd)äftigte 9ttann, auf bem bie ooHe S3ürbe beS 
SRuhmeS taftete, bei bem ber 3)id)ter jeben 2lugenblt(f t)om 
Sßrofeffor, ©d&riftfieller ober 3ournaliften rerbrängt rourbe 
— wie hätte Sattler bie Seit finben tonnen, jeben ein* 
jelnen Beifallsruf, ber aus ber europäifd)en Sefemelt ü)m 
entgegenfäjallte, ju enoibern. Unb hätte er e3 geu)an, fo 
märe nur ber SBert biefer meift naioen unb uneigem 
nüfcigen S3erounberung gefd&mälert roorben, oielleidjt ein 
2luStauf$ fataler Komplimente, ein göfcenbienerifdjer SBer= 
fe^r jtmfdjen bem ©otte unb feinen ©laubigen barauä er* 
warfen. 93effer, bafe eS niajt gefdjah- 3)ie unbefannten 
(Stimmen, bie €>djiller aus ber gerne grüßten, fyattm bie 
fä)öne Aufgabe, bem SHdjter 2lugenbli<fe reiner greube ju 
bringen; fie roaren baju beftimmt, in feiner füllen ©tube 
ju oerhaflen. 



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3bolb, 2Hufifer 192. 

2lbler8fron, ©uftao 33el)ager »on 
294—304. 33iograpljifd)e$ 225 ff. 
Scjic^ung ju ©filier in $$ena 
296. Su ftr. ». »eulnrifc 226 
—303. »ufent&alt in Stuttgart 
296. Seraeblid&e SJerfudje, eine 
§ofmetftertteQe ju erlangen 298. 
gerne« SebenSfätcffale Ml ff. 

2(ljlfelbt 23L 

2llbred)i, ©opbie, ©^aufpiel 100. 
2üeranber 1^ Äaifer o. SHufjlcmb 235. 
2(Ugemeine beutfd&e ©tograpljie 353. 
Stilgemeine Leitung 130. 
2lmalie, Sätana, §erjogin»onSBeimar 

268. 
Stnbreä, 2). 36. 

— 2uife (oerl). 3umjleeg) 3.6 40. 

— SBityelmine („Saura") 40 f. 252. 1 
SInbrieuk ^ntenbant 125. 
„HrbingOeHo" 111. 

Slrntm, Henriette (Sttfe t>. 100 — 
HÜ 268 283. @rfie Begegnung m. 
6d)iUer 100-103. Sefuä) in 
2§aranbt 104, (Siferfuc^t 
105. 93ru$ 106, 9ted)tfertigung 
llQ.2ebenaföi(!faIeunb2:ob 110. 1 

2luguften6urg, Gbrtft. SJriebr. §er; 
30g von 17 VM)-2U\ 220 228, 



UnterftüfcungSd)^. Sriefroedjfet 
205 ff. SBranb ber &f)riftian$bura 
206. Stellung ju feinem 33 olf 206 f. 
©riefe ©d)'ö „über bie äftt>ettfd)e 
(grjiefjung beö 2Renfc&en" 208. 
Umarbeitung für bie $oren nid)t 
gebilligt 210. 

ßabo, Sofeplj SWarta ». 162. 
»aggefen, 3en$ 200-216 22a 

(SrfteSBegegnung mit ©filier 200. 

^ntereffiert ben ^erjog9luguften* 

bürg für ©Ritter 2QL flrantyett 

in ßtel 220. 
SanfoS 223. 
»aptifte b. ä. 382. 
Söaffu«, 83aron 385 f. 
Naumann, ftoffaplan 36 38. 

— Äatfjarine, ©djaufpielerin 34. 
252 283, 

93a3ire 860 361. 

23eaumara)aiS, ^. 21. be 26 320. 
SJetf, grl., ©d)aufpielerin 161 165. 

— Äarot. (geb. Ritalex) 163. 

— £einrid) 114. 14t— 175 180 262 
265 261 281 309. Gfjarartertfttf 
142 f. „Äoftnäfi" 150, „$ofa" 
ober „SarloS" 150 f. Urteil 
©d)'8 über». 15_L ©ejie^ung ?u 



398 



Siamenregifter. 



Cfjarl. o. fialb 2M. lieber bie 
Xfjeaterbearbeitung b. „(SarloS" 
läaf. öilfeleiftung bei bem $kanb 
in edjiivanS fcaufe IM f. SDtit 
3fflcmb unb SJeil in Käffertfjal 
lfi2 f. SJerluft feiner ©attin 
Marolinel(W.^ieberverb,etratung 
mit #rl. edjäfer 1G& 2lbfia)t 
■ötannfjetm 3U verlaffen 157 g$on 
3fflanb 3urü(fgel)alten lüU bleibt 
er lß8. ©djidfale tväb,renb ber 
^Belagerung SJlannljetmö 167. 
©aftfpiel in 3öeimar 1791. Sie» 
gegnung mit 6dnü*er gjaef) 
SWündjen berufen liüL Stüctte^r 
naa) SRannijeim 171. SBerforgung 
beä 2lb. ^öljel 113. Urteil über 
61). von Halb 174, ©Triften: 
„Sdjatfimafdjine" 170 „Cuäl* 
geifter" 110. 

Stecferä £afd>enbud) 33fi. 

23eil, 3ob,. £ao, edmufpieler LäD 
1Ü2 11L 

»entkam, 3. afifi. 

»ertud), ftnebr. 3uftin. 124 28fi. 1 
S3eulioi|i, Caroline v. ßü 21ü Bflfi. 
©lanc, £oui$ 3IL 
33öcf, 30b,. SRid)., ©dmufpieler 150 
HL 

93onbini, SOeaterbireftor 151 l&L 

SJraa)mann, Amalie 32fi. 

— fiuife 312—354. SJiograpffifdjeS 
314. ©eifttge Gnrroirfelung Slfi. 
Grfte Sesieljung ju 6duHer burd) 
„£{)erefe 0. 91." vermittelt 312 f. 
2Jerfef>r mit £arbenberg§ 315 
222. 3f)r Srieffttel ML 2Bünfd)t 
anonpme2lufnal)ine ifnrer ©ebidjte 
in bie goren 31«. 5 ©ebidjte 
in ben §oren abgebrudft 317. 
9iovali§ SBermittelung 318 f. 
üDiitarbeiterfdmft am SHufenalma; 
nad>32il Steife nad) 3>re8ben324. : 
ftrantyeit (@a)tvermut) 324. ! 
©elbftmorboerfud) 325. 2öieber= 
genefung 325. ©djicffalSfajläge: 



$ob it)rcr ©djivefter, ibrer Jreun* 
bin ©ibonie unb StooaliS B2>i. 
©erüdjt iljreä SobeS a27_ Urteil 
über bie 3 un 9f rau Orleans 
unb Sßalleuftein 33_L »itte um 
©a)'d (Smpfe&lung bei einem 33er; 
leger 333 f. Serluft ibjer SRutter 
333. SBunfa) nadj SBetmar ju 
reifen 335 ff. 2(u§füb,rung biefes 
$(ane* 338 f. 9JHt ©duller nad) 
3ena. 2lbfd)ieb in Sßenigenjena 
339. (rmpfefjlung v. Ddjfenfjeiiiier 
:ui. lieber M b. öraut v. Wefftna" 
341 f. fernere SebenSfdjicffale 
343 ff. 2ob beö SBaterS 343 
Stotftanb, Arbeiten f. 2llmanad)e 
u. ä. 344. SBerü&rung mitSiapoleon 
345. §er$enäfdncffale: 5 rnn 3 ö ?- 
2Gunbar3t345f. Spanifdjer CffU 
jter 348. 2. ©elbftmorbverfud) 
34(>. Verlobung mit einem preufj. 
Dffi3ier34Ö Steife nadj 3Bien34& 
i'öfung btefed SBer^ältniffed 349_ 
Siebe ju e. Unbefannten. Aludbt 
nad) fcaüc 350. 2lufentfjalt bei 
©djüfe unb Shilling 350 f. 3f>r 
2:ob 351. — 3ur (£|ararteriftiF: 
321 338 f. 342 34Ö 352, «riefe 
an ©djiüer 31fi a22 321 331 
340 341 342. ©ebidjte: 2)te Äa* 
pelle. 3Hagelone 317. 3)ie ©oben 
ber töötter 318. 2>ie Rettung 32<L 
^n bie öoren 32L 
Sranbeö, 30^. Gb,r., „ber Sdjein 

betrügt" ML 
33ra3ier / 5Rif. 39iL 
93re3ner, „ba^ 9täufd)a)en" liiü IM 
„®ntfü§rung auö bem Serflif"164 
165. 

ȟb,Ier, von 30. 
93urmann 02 f. 
33u3en, SKufirer 62. 

«ampe, ^. 3fifi 3IL Steife nad) 
^ariö 311 „Briefe aug ^Jari«" 
SIL „Stobinfon" 37_L 3« 



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9?amenregifter. 



399 



Xenienfampf 322 324 f 

über ©oetbe 375. 
Ganooa, 3t. 5JL 
Garacci, §annibal, „Gl)riftu§fopf" 

245. 

Gaftelli, 3. 348. 
G^abot SE2. 

Gtyifaneber, fie^c ©djifaneber. 
Glarffon SM, 
Glaoü're 36t>. 

Gloofc, & 33 oon 360 366 367. 
Gonborcet, „GSquiffe" 128. 
Gonftant, Benjamin 127. 
Cotta, ^.$.28 58 62 02123130 
133 142 128 182 333 334 336 
Guftine, 21. $1). oon 3Iü 223. 

j 

Helberg, ff. 21). 21. 3Jt. o., ffoabjutor 
114 142, 

— SEBolfg., £>. t)on, SRannfjeimer 
£f>eaterintenbant 12 2fi 101 103 
148. Gbarafteriftif lfil f. lfil 
lfil Hü m. 122. 

2)al »orgo, Olinto 24Ü 24L 

— 2uife(fietye2uife©d;immelmann). 
SDambmann 373. 

Sannetfer, ^ot). fr. 53—70. Sugenb* 
unb Sebenggefdnd)te53ff. SBefud) 
SajillerS (1774) 54. ©dullerä 
Urteil über 2). 55. Kragen über 
bie ©tuttg. ffunftbeftrebungen 62, 
5Rat oon ©ajitter erbeten 6JL 
^Begegnung mit ©oetfye fiä f. 
SRuf nad) Petersburg 6JL Gin* 
bruef oon (SajiHerS 2ob 6jL $bee 
311 einer tfoloffalftatue ©djillerä 
68 f. 2:ob 7JL=9Berfe: ©d)il: 
lerbüfte 53 55 63 f. 242. 2(mor 
u. 3M«dje 5L §eftor u. $arts 
60 (kl 

2)ante, 2Uigl)ieri 216, 

2)anton, ©. 

Eafjborf, 23ibliotf)efar 103 104. 
SDeutfdje ©efcUfdjaft 153. 
2>eutfd)e$ Slufeum 38L 
2)eorient, Gb. 149 150. 



Urteil Siberot, $eni$ 25. 
Döring, £>. 24. 



(EcfermannS „©efprädje mit ©oetfje" 

325. 

4?eioolin, Hauptmann 65, 
$id)te, $ot). ©ottl. 12Ü 37JL 
ftielifc, 9£. 8. 
^ifefcer, 3iat 1SJ, 

^orfter, ©eorg 112-134. 168. «e* 
jiebung ju ©dritter > Ginlabung) 
HiL &ert)ältni$ ju Jpuber 115. 
©ef)t nad) ^ariö HL 93ef$lag= 
naf)tne feineä Gigentumä 124. 
Begegnung mit $uber; tritt if)tn 
feine $rau ab 126 ; fein £ob in 
^ariö 126.— ©durften: „Ueber 
bie Humanität beö ffünftlerS" 
1 u. „2lnftd)ten 0. ÜRieberrfjein" 
114. 

- Sberefe IIa 118 ff. 125 f. (f. 

21). £uber). 
granf 63. 

^riebria), §offammerrat 190. 
griebrta) 1^ ffönig oon SBürttem* 
berg 68. 

^riebrid) IV., Mönig oon 25änemarf 

207. 

v G>izette Nationale" 357. 
©egel 386 39L 
©ern, »affift 1L2. 
©e&ler, ©raf 13JL 
©illeerö (©djiUer) 351 ff. 
©lud, Gl)r. 90. 0. 00. 
©obere, ff. 8 82. 
©öfdjen, ©. 3. 94 25 336. 
©oetl)e, Sot). 2B. 0. 2 12 II 45 4fi 
62 65 f. 136 139 140 141 U3 

221 220 f. 232 230 252 2Ö2 
283 301 314 31S 31S 32ü 322 
324 323 38ö^=©cf)riften: „(Su^ 
genie" 132. „SP^Ö^«", „Xaffo" 
23Ü „Sllesiö u. Sora" 231 
„ftermann u. 2)." ßfi 233, „Sil» 



400 



Stamenregifter. 



Ijetm SDleifter" 222. „Benoenuto 

Cellini 233. 
m$, BudßftnM. 158, 
©orani 366. 

©retrgS „Siajarb Söroen&erj" JütL 
©rilloarjer, grana 348 3S3. 
©rub 384. »tief a. Sa). 385 f. 
©uabet 3ß3 365, 

l^aafb,, ^Srof. 4CL 
Hamilton, 2ß 3fifL 
Jarbenberg, gamilie 315. 

— grtebr. o., f. 9fooali3. 

— Stbonie (2b,erefe o. ».) 315 
EIS 321 32ä 328 f . 

£>artmann, 3Kaler 134. 

£aug, %of). G&r. gr. 22 52, 

fcegel, ©. 3B. g. 300. 

.ftelroiü), §offammerrat 185. 

gerbet, $0$. ©ottfr. 221 252 314 

£etfa), ^fjil. gr., 3)ialer 40. 

£enne, ^Jrof. 115. 

öölberlin, gr. 300, 

ööljel, 2lnt., Baumeifter, feine grau 
2lnna 175—195. Unterftüfcung 
©djillersfeitenäi). 177. greunbl. 
OtuMialjme i5 hrtftop t>inenc-> imb 
Stemroalbö 122. 9*ot infoige be$ 
ärieged III f. Bitte an Sa)iller 
um Unterftüfcung , §ilfe 128. 
fernere Sa)itffale IIS ff. — ftim 
ber: 2lbolf 172 182 188 192. 
©eorg 182 183. Caroline 182 
187. 

fcoffmeifter 122, 

£ofmann, Dr. 188. 

Jofjen^eim, granaiöfa o. 38, 

6 omer 5ö öl. 

§ooen, SBilf). o. 32, 

fcuber, Subro. gerb. 73—132. 41 
50 1K4 2K7 268 213. gami* 
lienoertyältniffe unb 3 u 9 enD 7-5« 
L »rief a. Sa). 24. Beaie^ung 
$u 23ora Stotf 25. Begegnung 
U. -lnumunotUt'lHMi m. Sü). 82 f. 
innere« SDßefen biefer greunb* 



fdwft 85. 2lufent$alt in £re& 

ben 8Ü ff. 3 en f uran d^ e S en ^ en 
Sd).*S georbnet Ü4. Steife naa) 
EreSben ÜjL ©ebrüefte Sage 1QL 
Betrug ber Slmim aufgebest UÜ. 
Slbreife nad) üRainj (SegationS* 
fefretär) 111. ÄörnerS Urteil 
über 112. Bedienungen ju 
gorfter 112 ff. , ju beffen grau 
115 ff. Brua) mit £ora «totf 
117. SdnUerS SRemung b,ier* 
über llü f. Stellung unhaltbar. 
2lbfa)ieb 118. Begegnung mit 
Sa)iUer in $ena US. 3eihmg& 
pläne 1ÜL Brua) mit Jtörner 
122. Stufentb.alt in 9leufa)atel 
122. Begegnung mit gorfter 
12ü Bertyeiratung mit beffen 
gefa)tebener grau L2fL Variier 
iHeife projeftiert (litter. ifconoen* 
tionen) 12Ö. 9iaa) Xübingen 130, 
Kebaftion b. „Weueften ,2Belt* 
funbe",Ueberftebelung nac^ Stutt- 
gart, fpäter naa) Ulm 130. San* 
beebireftionSrat iho. ©ijarafte* 
riftil u. fernere £ebenafa)icffale 

131 f. — 2tterfe u. $Iäne: mu 
arbetterfa)aft a. b. Xtjalia äfi, 
Ueberf. o. Beaumardjatö' „2er 
tolle Sag" 9iL ^lan au „2)aS 
betmluiie o.ieridit" 1Ü2 104. 
„Bilbniffe" 122. „SDlajimilian 
oon Banern" 12^ ^rojeftierte 
Ueberf. oon SRobertfonS „©efa). 
oon (Snglanb" 123. „Juliane" 
124. 

^»uber, 3Wia)ael 25. 

— S&erefe (fteb,e gorfter) 12fi 

132 f. 

^ufelanb, ©ottlieb 124. 
I Jumbolbt, 3B. o. I 314 321, 
I |»utten, gr. o. 234. 

<3acquet, nati)., ©a^aufpielerin IM. 
Safobi, gr. 218. 
3a!obn, Dr. au3 Stuttgart 180. 



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9tamenregifier. 



401 



$e<m $aul 252 306. 
Senaiföe 2T. Sttt.*3tg. 122, 
Sfflanb, 9t. SB. 150 162 163 III 

hü 2öiL 

3nteUigeri36Iatt f. ©elefjrte, S3ud)* 

f)änbler jc. 48. 
,.Joumal de Paris" 320. 
Sünder, Sodann g-riebr. 82 92 IM! f. 

Iii! IM liÜL 
Juliane, Königin o. Sänemart 23L 

Äalb, (^arlotte v. 251-312. öü 
08 9_9 100 JOS 105 llü 149 
15Ü 162 163 120 Hl 338. — 
33iograp§tftt)eS 2M ff. Grfte SBc* 
gegnung mit ©djiUer in Sauer- 
bacf) 254 Verlobung mit £. 
». Äalb 256. ©inbrutf ©djtßerö 
2 5 Li. SSefud) in SRannJeim 256. 
Ueberfiebelung baljin 257. ©rfteö 
aBodjenbett 258, ©efeltiget SBer* 
Ie$r258. ftreunbfdjaft ober Siebe? 
200 f. SBei ©d)ilier8 2lbreife 262. 
33ejief)ungen ju SBed 265. 9Rad) 
fialbgrietij 267; oon ba nad) 
©otfja u. Sßeunär 2m SBefuä) 
©dnHerS 268. 2lufent$att in 
©ottja 212. Söefuc^ ©djiUerS u. 
§uber« 213. SBerftimmung 273, 
Sängere Slnroefenffeit ©djillerö 
224. ^rojeftierte (Sfjefdjeibung 
unb weitere $läne 218. 93e- 
jie^ungen ju <5ty. o. fienaefelb 
226. ©if erfudjt u. Intrigen 279 ff. 
Sörud) 2*2 ff. — Slnnäfjerung an 
©d)iUer. SBitte um einen §ofmei= 
fter 284 ff.; tyr ^beal eine« §of* 
meifterS 288 f. Slbroetfung iMb* 
(eräfrond 299. SÄnnafjme §ök 
berlinS 300. ©inoerne^men mit 
©äjiUer 304. 2>rol)cnbe ©rblin* 
bung 205 f. 23erüf)rung mit Scan 
$aul 306. $atin von @rnft 
©Ritter 301. traurige 98ers 
mögenSoerfjättmffe 302. SBein* 
oerfauf, @oett>e$ Seiftanb 307. 

Silber aus bec S^iUerjeit. 



^rojeftterte ©rfinbung eines 3n« 
ftiruted 308. SBarmeö »erhält* 
niS ju ©d)iuer 308. 2t6ftd)t, 
nad) SBeimar überjuftebeln 30Q 
SBerluft be$ SßermügenS, Job 
if)re$ SDlanneS. (Srblinbung 309. 
9?ad) 93erlin. §anbel. fiöntgl. 
Unterftüfcung, t&r Xob 310. — 
3ur (Sfjarafterifttf: Iii 252 f. 
256 266 2Iü ff. 280 300 302 
30Ö 310 ff. „Gfjarlotte. ftür bie 
$reunbe be8 SBerero igten" 253. 
Äalb, o. , ^räftbent 150 255 2(i7 
286. 

— ftrifc o. 284, 

— ^einrid) o. 256 252 268 270 
286 298. 

— Seonore ». 264. 
ßalfreuty, ©eneral 124. 

5?ant, Immanuel 91 („3um eroigen 

^rieben") 126 215. 
ßarl 2luguft, öerjog von SBeimar 

12 14L 

ßarl ßugen, fcerjog oon SGBfirttem* 

berg 36 54 62. 
Äarl Xfjeobor, ffurfürft o. b. $fafo 

142. 

ÄeUer, 91. o., „Beiträge jur ©Ritters 

Sitteratur" 40 365. 
Ätr^^öfer, 2)elorationömafet 113 

188. 

ÄirnbergerS „Steiner ©a^" 50, 
jllein, $rof. 154. 

Älopftocf, 3f. ©. 366 321 324 393. 
Knöpfe 

Äörner, <lf)t. ©ottfr. IS ff. IM bi8 
144. 21224 22 44 42 50 55 
59 63 151 163 2(>7 271 277 
2M 201 2Ü2 304 322 328 379. 
— ©fjaralteriftif 24. Sejie^ungen 
3U SRinna ©tocf u. ^uber 74, 
L »rief an ©djiUer 24. Grfte 
^Begegnung mit ©d). in Äa^ngs 
borf83. JBerf>eiratunamit3ßinna 
©toct unb Seben in Bresben 83. 
3ufammenfein mit ©d^. 90 ff. 

26 



402 



Kamen tegifter. 



Äantftubien ÖL §äu$lid)e8 u. 
^Jerfönlidje« 93 f. Keifen nad) 
Steipjig 94 98. »rud) mit §uber 
III ff. 9(n ©d). nad) £uberg 
Sobe 123, 93riefroed)fel mit ©d). 
unb Eljarlotte IM ff. ©d)iUer$ 
©djreibtifd) 128. SUcifc nad) 
Äartöbab 14LL 2ob fetneS ©oE)-- 
neö £I)eobor (1813) u. feinet 
Sodjter ©mma (1815) 143, 
^reufc. ©taatörat in »erlin 14Ü, 
£ob LLL 
.Horner, ®mma IM 143. 

— Statt Zf). 135 IM 140 143. 

— SRinna (f. 3tt. ©totf) 90 92 12L 
floSciuSjfo, Z. 266. 

Äü^el, Ä. 9 9L 

Hunfjetm, ©raf oon 110. 

Äunje, 2Bü§., Kaufmann llfi 188 

— Caroline 139- 

Äurpfäl8ifa)=beutfd)e ©efellfajaft UiL 
Cacroir. 365. 

Safanette, 3Rarqui8 be 358. 
fiaffaiim, ©b. o. 392 f. 
Samarteliere 389. 
Safource 3ßl 362. 
„Saura" 40 f. 

äengefelb, (Sfjarlotte o. 22a f. (ftelje 

Gf). ©. ©djitter). 
Sefftng, ©ottf). ©p&r. 148 151 376. 
Seoajfeur, Xf>erefe 23Ü 
„Liaisons dangereuses" 107. 
Subroig XVI. 358 3fiQ 326 318. 
Sutfe, Äönigin »on Sßreufjen 235. 

#tatt§iffon, ftr. t>. 366. 
3flafinftoff) 366. 
2Mfcatjn, SB. ». 8« 
SWannfieüner »ü§ne 165. ff. 

— ©d)ule 168. 
■Dtarie SKntoinette 125. 

2Jtarie ^aulonma, ©rofjfürftin 225, 
'Vi arimilian, ftönig tum Bayern ISO. 
HJiereau, ©opfjie 315. 
Beyer, Slnbrea« all 313. 



9)iet)er, ©arberobiere 180, 

— §ofrat 140. 
9Bid)elfen, 91. 2. 3. 208. 
„3Jiirabeau§ ©tiefe", I)erau§g. wn 

Manuel 291. 
3Roltfe, ©taf 203, 
„Moniteur" 122 364 862 381L 
9Jloreau, Sean »iftor 228. 
„SKotgenblatt" 133, 
3ttojart, 333. 91. 43 51 148. 
SJiüUer, HRar. 8 199 203 21L 
3ttüllner, 91. 2R. ©. 341 349 350. 
3flünd) 286 294, 

HubaSbo 293. 

Napoleon L 228 234 236, 

Tie Kationafoerfammlung 358. 

Kaumann, 3of). ©ottl. 41 48. 

„2)ie Keufte SBettfunbe" 130. 

Nouveau Theätre allemand HH4. 

KooaliS (gr. ». ^arbenberg) Ülü 

3IL »tief an ©djitter 318 ff. 

321 326 328 330. 

©djfenfjeimer, ©djaufpielet 337 341 
„Cdjfenioirt" in Stuttgart 22, 
Oe^Ienfd)Iäget§ „(Sorreggto" 241 

Dftyeim, S. d. (fte$e (5§arlotte 
o. 5talb). 

— fieonore 255 (f. Seonore v. Äalb). 

•pajou 55. 

Ballette, 6m« 128 253 32£ 
$aro, <L 260 366. 
$at)ne, £f>. 260 364 366. 
^eftalojai, Sofj. J>. 366. 
«ßeterfen, 2ßtit). 32. 
$id)egru, (SfjarleS 228. 
$id)ler, Äarol. 349. 
$oli, flapeUmeifter 42. 
^olignac, be 386. 
löffelt, (Srnft fiubroig 130. 
«ßrieftlet), gof. 3üQ 364 3ÜIL 
^utgftott, ©raf 218 219 222 224 
226 221 232* 



3ö by Google 



9iamenregifter. 



403 



ttafocji 393, 

„Staphel" (ÄörnerS $feubom;m)95 



SRapp, flaufm. in (Stuttgart 58 fi3 

Scboul 364. 
9tegnier 367. 
9teia)arbt, %of). gr. 12. 
$Reinefe,£l)eaterbtreftor84 151 liil. 
9leml)olb, Äarl Seonl)., $rof. 2QQ f. 

2ia 220. 
SReinroalb, SB. %v. £. III 256, 
„9tepertorium, roürttemb." 154. 
9teoentlon>, 2>etlef, ©raf 231 240» 

— 2|ofepl)ine (geb. ©üjimmelmann) 
287 240 243, 

— eibntta 223 f. 

9Ud)elieu, 2t. §. §era 285. 
SKobertfonS ,,©e7tt)itt)te»on(5ngtanb'' 
123. 

Stobenberg, 2>uliuS 208, 
Börner, 50iufifer 122. 
ftolanb, 3Jt. Wab. 3fi2. 

— 3. 36ü 313. 
IRouifeau, 2. g. 2M 3Ü3. 
3ftunbfd>au, beutfdje 208, 

Sola lüL 

©anb, ©eorge 382. 

©anbmaoer, Sänjcrin 38» 

©djäfer, ftrl. 163. 

©djarfenftein, ©. % 32. 

©djelling, gr. 2BÜf). & 31iL 

©d)ifaneber, „§an8 SaÜinger" HM. 

©d)tUer, Charlotte ($rau), geb. t>. 
Sengefelb 23 62 112 134 132 
234 ff. 213 215 ff. 320. 

— G&riftoptjine (©ajioefter) 22 122. 
212. 

— ©milie (Sodjter) SL 

— (Srnft (6o$n) 24 28 144 229 

— 3ol)ann ßafpar (SSatet) 38 63 
2%. 

— ßarl (Soljn) 5Ä. 

— Sonette (©djroefter) 221L 



©filier, ftriebrid) ». 

Stuttgart: 

SRegtmentäfetbfdjer lfi, ftugenb; 
freunof ttjaf tcn : ©treidjer 11 ff., 
gumfteeg 32 ff., 2)anne<!er 53 ff. 
Safelrunbe im „Ddjfen" 32. 
Serf)ältniö jur Familie Slnbreä 
40 252. Ser^ältniä ju Suifc 
S3ifa)er 41 252. ©tt)ubart§ Obe 
37 f. ftluajt nad) Mannheim 19 ff. 
«evlialtni* )U CSfjarlotte 0. SBol« 
Sogen 2äü 259. 

9}tannt)eim: 

SBejietjung au Balberg, £l)eater= 
bitt)ter 154 153, SJtitglieb ber 
beutjdjen 0efellfa)aft 153. »er» 
t)ältni3 au Sophie 2Ubred)t unb 
V>-rl. ©d)ioan 259. §eirat8antrag 
267. greunbfdjaft mit £. SBecf 
149 ff. ©dnller u. Gl), o. ßalb 
251 ff. 93erül>rung mit Äatf)arina 
Naumann 34 f. 258 unb grl. 
o. Sßurmb 252. 3ufdjrift von 
Äörner u. §uber 13. Slntroort 
an ßörner Iß. 8eaief)ung a« 
3lnna §ö*ael 125 ff. 93e3tefjung 
au ©rub 384 ff. Wem, narf) 
äeipaig au gef>en 82 260. Sßein= 
lidjed a3ert)ättniö au (Et), o. flalb 
261 f. 

Seipaig: 
«nfunft 82. Slufent^alt in ©o^IiS 
82. Steife nad> EreSben 84. 
©eiftige SBeiterentroitfelung, 2e- 
benSpläne 22 f. 3 u f ammen ^ e ^ cn 
mit Börner ÖQ ff. Äonflift mit 
ber fäd)f. -Jon üir 94. Begegnung 
mit ©ajroanS in SKeijjen 158. 
©rfliUer u. §uber 98 ff. ^Uö> 
hclio Stbreife natf) £f>aranbt 22. 
SBertyältniä a" <5Iife ». 2trnim 
100 ff. @iferfud)t 1Q5, ©rua) 
lüii. ©e^nfuajt nad& SBetmar 
1KL 9(n!unft bafelbft 111. 



404 



9tamenregifter, 



SBeimar: 
Befud) ber grau o. tfalb 269. 
©egenbefua) ©dnllerS in Bauer= 
bttrt) 212. datiere Betonntfchaft 
mit ber ftamilie o. Sengefelb 
275. Aufenthalt in Rubolftabt 
u. SBoIfftäbt 276. Borbereitung 
auf bie ^Jrofeffur 216. 

3ena : 

©rfte« ÄoUeg 2I7_ Berlobung 
277. Berhältni* au £h- o. ffalb 
löft fia) 213. Ernennung ,;um 
fcofrat 282. Verheiratung 282. 
3Jiainjer 2lu3fid)ten (Balberg) 
LU ftreunbfdjaftl. Beaieljungen. 
«JJrof. Reinbolb 20L Ablerä* 
fron 294. SBteberanfnüpfung b. 
Beziehungen ,ut 6b,. d. .Halb. 
Empfehlung oon §egel u. §'6U 
berlin 3 00 Anerbieten b. fcer* 
jogd oon Auguftenburg 201. 33er« 
b,ältni$ ju Baggefen u. ©dum* 
melmann 2QQ ff. Begegnung mit 
letzterem 222. ©a)iller u. $or* 
fter llü ff. Urteil über §uber 
Ufi f. Begegnung mit ihm llfl. 
Heber ihn an Börner IM. Keife 
in bie Heimat 202,. SBcrfefjr mit 
Sannecfer 55. — Stellung aur 
franjöfifthen Reoolutton 369 ff. 
319 ff. Sa« franjbf. Bürger* 
biplom 351 ff. ^lan, nad) "l>ar iö 
,ui geh^n Lüül Aufbewahrung 
be« Siplom« 3I9f. Beziehungen 
)U £. Brachmann 312 ff. Äur* 
jer Aufenthalt in SBetjjenfel« 32L 
Beziehung ju §arbenberg 318 ff. 
Berufung naa) Bübingen ML 
Berührung mit Gampe 310 ff. Be* 
Rehungen 311 A. ^»öljel IIS ff. 
' [©djidfal oon ©filier« förper* 
lidjen Ueberreften 23 ff. ©tel* 
lung ©d)tller« aur TOufif 49 ff. 
§onoraroerhältniffe 142. Aner-- 
fennung im Auelanbe (@egel, 
Saffalon) 38a ff.] — Sßerfe: 



Briefe, phüofoptjifche, aroifchen 
^uliud unb Raphael 95 1 •">!>. 
Briefe über bie äfthetifaje (ir* 
aiehung be« SDtenfcben 208. Braut 
oon SDiefftna IM 3AL Son (Sar* 
lo« 18 24 103 110 155 159 110 
III III 26Ü 268, ftie«fo 26 
34 84 158 HO. ©eifterfet)er 
Llü 233. ©efd)id)te be« breiig* 
jftfc Ärtege« 122. Sie §oren 
64 210 219 221 225 316 311 
353 377, Jungfrau 0. Drlean« 
111 IM 246 33L Äabale u. 
Siebe 26 165 251 388. 3Karia 
©tuart LTD IM 332. SHufen* 
almanaa) 42 213 223 222 230 
311 320 324. «Reffe al« Dnrel 
132. ^arafit 132. Sie Räuber 
18 31 62 150 154 110 3ßß 
383 ff. SBtlhelm £eU 246. %u* 
ranbot III US. Shalia, Rhein. 
16 18 8ü 21 M 91 1Q4LU 
125 142 159 385, lieber Am 
mut unb SCßürbe 29L lieber ba« 
Raioe 22L SBallenftein Hü 308 
331. Genien 230 372 314 f. 
— ©ebidjte: An bie ftreube 48 
49. Sie Bürgfdjaft 176, ©le* 
gie 219. Sie (rnoartung 48. 
Ser@ang nadj bem ßifenhammer 
4ä. Sbeale 129. Ser ÄünfHer 
203. Sie tfranidie be« ^bifu« 
45. Sa« Reiterlieb 4L Ritter 
Poggenburg 48, ©djattenreid) 
218 225. Ser Saucher 45. £ei* 
lung ber @rbe 22L Xotenflage 
LL SBürbe ber grauen 129. — 
Brieftoedjfel amifdjen ©oethe u. 
exilier 28. 

©djitting, ^tof. 351. 

©djimmelmann, (Srnft, ©raf. 

— Sharlotte, ©räfin 199-247. 
Briefe an ©diiller u. iSfiarlotre 
216-247. Stuf enthalt in «h s 
renöburg 218. Job ber ©räfin 
Butter 220. Begegnung be« 



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iRamenregifter. 



405 



©rafen mit ©d)iHer 222. Ur= 
teile ber ©räfin über „SBilfjelm 
9Jteifter" 221 f., über ©oetlje 
23üf., über „ftermann u. 25o; 
rotfjea" 233. dlot in Äopenfjagen 
(Belagerung) 235. Äufentfjalt 
auf Sangelanb u. ©eelanb 232 f. 
Xob ber ©räfin 244 ff. fernere 
©d)icffate unb Job beS ©rafen 
246 f. 

©>djimmelmann, fiutfe (nerf). 2)al 
Borgo) 238 24Q f. 247_ 

— ©räftn (Wutter) 218 220. 
©djlegel, ©ebrüber 136 314 348. 
ödjfoenbarf), 2trnolb 150- 
©djlojjberger, lh\ o. 391. 
©djmibt, ftul. , „©djiUer unb feine 

^eitgenoffen" 29. f. 

— Dr. (©d)'$. fylü$tUng3name)51. 
©djröber, ^riebrid) üubn>., 2ctjau= 

fpieler 110. 
©djröter, Corona 262. 
©d)ubart, (Sfjrift. $-r. 2>an. 32 32, 

— Baron 24L 

— jr. 42. 
©ajubert, $rj. 46. 
©djüfc, (Sbjrift. ©ottfr. 124. 

— ©of)n be$ Dbigen in $atte 350. 
©djnmb, ©uft. 3m 

©djroan, ©f)r. 153 158 IM 261 

— Margarete 158 252 283, 
©d)roarj, 2lrd)ite!t 6L 

©( a)eUeö, ^be 352. 
©edenborf, ©. ». 264. 
©fwfefpeare, 2L*. 86 88. 
©pilger, Btbltotf)efar 380, 
6t«el, «. 2. be 12L 
©tarfe, Ijerjogt. Scibar^t 319 
©teiu, (£b,arlötte o. 262 320. 
©tengel 157. 
Stephanie b. 2. 164. 
©tocf, Lintia 24 (f. 9K. Börner). 

— 2)ora 14 Iii 90 f. Iii llü HZ 
IUI 122 144 222. 

©traufc, 2)au. 12. 

©treidjer, Slnbr. 17 31. 25L Bio* 



grapbjfdjeg 18. ^nmxe ©tel= 
lung ©d)iller 18, ^ilan <m 
©djillerö ftlud)t liL ©emeinfame 
gludjt nad) SJiannfjeim 21 f. 
Briefroedjfel mit Gfjrtftopfjine 
©djiüer über ein mürbigeö ©rab= 
mal ©dnUerS 22. Brieflidjer 
Berfetyr mit Äörner über eine 
©djiüerftiftung 22, — ©d»rift: 
„©djiUerö ^lnä)t von Stuttgart 
unb Slufentfjalt in SJiannfjeim 
o. 1782—1785" 2D 23. 
©tutterb,eim, r>., HHinifter 84. 

®f)erefe o. 91. (fteb,c ©ib. u. $ar* 

benberg) 312, 
2&uriot 364. 

Eiecf, 2ubn>. 13fi („©enooeua") IM. 
Sifajbein, ^of). ftr. 2lug. «L 
. Xurgot, 8L 3t. & be 25. 

Ingers „ßmma" 103, 

Urlid)$ „Briefe an ©cbjller" Ü 35. 

„Gfjarlottc o. ©dnller unb iljre 

greunbe" 295, 

flergniaub, % o. 36L 

BtlliamS, 2>ao. 366, 

Bifdjer, Suife 41 25JL 

Botgt, ©f)ri[tian lihLL 

Vollmer, 2B. „Briefroeajfel aroifajen 

©a). u. Cotta" 8. 
Boltaire, ftr. ÜH. 21. be 26 128. 
9?o&, Berlagöbuaj^änbler 119. 

lüalbftein=$UE/ftraf 105, 
2ßagner, SÄiajarb 258. 
i 95kjf)ington, @. 3ßiL 
9BenbIing, ©orotfyea, ©ängerin 163, 
Senf, iprof. 94, 

Sßielanb, Cf>rift. 9JJart v („Dberon") 
4L 

aßilberforcc 364 366. 
SBilb,elm L , Alönig oon Sßürttent: 
berg 51. 

SBitt^öft, ©ajaufpielerin 162 165, 



406 



9tainenregifter. 



SBofttnann 37_L 

SBoljogen, Charlotte o. 256 252. i 

— Henriette v. 11 7« 254 25fi 272. ! 

— Caroline r>. 50 5« 114. 144 aifL ! 
(„HgneS von i'ilien") 0211 

— aüiljjelm ». öQ 6ü 2Iä ÜliL 
JBurmb, ftrl. ». 259. 
2Burjba$, 6. o. 25A 

3ab,n, Ranglet* ftboofat 44 f. 
3elter, Ä. gr. 44, 
Regler, Äarol., fiefje Äarol. SJecf. 
Zimmermann, ©djaufpieler 1Ü2. 
Sumfteeg, 91. ®. 40. 



mfteeg, ^of). 9tub.32— 52. Sugenb 
unb SebenSfajidfale 42 f. (srfter 
33rief ©djiHerS aud 3Wannt)eim 
fti. »ertjeiratung 3tL Unter« 
ftüfcung oom §erjog 3fL Sitte 
um einen Dperntejrt dl 47 ff. 
^Beiträge jum iWufenalmanadj 42. 
fcerjogl. Sonjertmeifter 42. ©in« 
flujj SWojartS 43. ^Begegnung 
mit Stiller (1794) 44. &QiU 
lerd u. Sörnerö Urteile 4L Xob 
51. — tfompofitionen: „SReiter= 
lieb" 44 f. „£ie ©eiftertnfel" 
AiL Oper „©Ibonbocani" 52. 




I 

V 



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